Ich habe, wenn man so will, autistische Superkräfte.

„Du isst nie, du trinkst nie, du spielst nie mit deinem Handy rum und du merkst dir immer alles. Irgendwas stimmt doch nicht mit dir!“

Das hat mein Chef diese Woche im Scherz zu mir gesagt und er hat damit in gewisser Weise vollkommen recht. Aus seiner Sicht wirke ich wahrscheinlich wie ein Roboter. Natürlich esse und trinke ich und natürlich spiele ich auch mit meinem Handy herum, aber nicht während der Arbeitszeit. Sowas gehört für mich eindeutig in die Mittagspause, nicht an den Schreibtisch. Egal, wie entspannt die anderen Kolleginnen und Kollegen das sehen und handhaben. Arbeitszeit ist für mich Arbeitszeit, Pause ist Pause, ganz klar geregelt und getrennt, ganz einfach. Privatsachen haben bei meiner Arbeit nichts zu suchen und die Arbeit gehört nicht in meine Pause. Das mag steif, streng und für viele Menschen langweilig und engstirnig klingen, und vermutlich ist es das auch, aber für mich ist es wichtig und gut so. Alle anderen können das meinetwegen so machen, wie sie möchten und wie es zu ihnen passt. Aber ich will und brauche diese Abgrenzung. Dadurch bin ich ganz bei der Arbeit, wenn ich bei der Arbeit bin. Das macht mich so konzentriert, so fokussiert und auch so merkfähig und das bin ich sehr, sehr gerne. Ich bin einfach immer voll und ganz bei der Sache, mit echtem Interesse und Begeisterung.

Und das verdanke ich meinem Autismus. Klar, in vielen Dingen ist er absolut nicht hilfreich, vor allem, wenn es um soziale Interaktion geht, aber arbeiten und mich dabei ganz und gar auf etwas einlassen, das kann ich richtig gut, dafür ist mein Hirn wie gemacht, das bereitet mir sehr viel Freude. Gefallen muss mir die Tätigkeit dabei schon, zumindest im Großen und Ganzen, aber das ist bei meiner Ausbildung auch absolut gegeben, also besteht da kein Problem. Jeden Tag merke ich ein bisschen mehr, wie gut dieser Beruf zu mir passt, den ich gerade erlerne. Momentan bin ich zwar in einem Bereich, in dem es verhältnismäßig viel Publikumsverkehr gibt, aber allein gelassen werde ich damit selbstverständlich nicht. Bisher bin ich bei Terminen einfach nur dabei und werde ganz langsam herangeführt, sie selbst zu übernehmen. Was ich schon weitgehend selbstständig übernehmen kann, ist die tatsächliche Bearbeitung der Anliegen der Personen, die zu uns kommen. Das überrascht meinen Chef sehr und mich ehrlich gesagt auch ein bisschen. Zum Glück laufen die Termine an sich immer sehr schematisch ab. Da werde ich mich schon für die Zeit, in der ich in diesem Bereich arbeite, hineinfinden und damit arrangieren, sie bald auch selbst übernehmen zu müssen. Außerdem ist es, wenn man den gesamten Beruf betrachtet, nur ein wirklich kleiner Teil der Arbeit, der so abläuft, und ich werde nicht auf Dauer irgendwo arbeiten müssen, wo es Publikumsverkehr gibt. In den allermeisten Bereichen hat man nur zu Kolleginnen und Kollegen direkten Kontakt. Ich bin also sicher, dass ich meine Nische finden werde.

All die Dinge, die ich, vor allem beim Arbeiten, gerne mag und die mir wichtig sind, die sozusagen in meiner Natur liegen, sind für meinen neuen Beruf wichtig. Ich muss genau sein, sehr sorgfältig und strukturiert, sehr analytisch, ich muss mich gut konzentrieren können und jede Menge Vorgaben und Regelungen beachten und dabei sehr systematisch vorgehen, damit alles einheitlich ist und seine Richtigkeit hat. Ich muss meine Arbeit wirklich ernst und wichtig nehmen, um sie gut zu machen und meinen eigenen Ansprüchen zu genügen und ich muss mich ihr ganz verschreiben, während ich arbeite. Das alles fällt mir dank meines Autismus wirklich leicht. Das ist genau das, was mein Hirn zufrieden stellt. Deshalb habe ich in der vergleichsweise kurzen Zeit, die ich bisher in meiner Praxisstelle verbracht habe, schon so viel gelernt. Deshalb bin ich in dem, was ich bisher machen muss, schon ziemlich gut. Natürlich ist immer noch vieles ganz neu, denn es kommt täglich irgendwas Neues dazu, aber ich finde mich schnell ein. Lernen macht mir einfach Spaß und fällt mir sehr leicht, wenn mir etwas gefällt. Leichter, als den meisten anderen Menschen. Leichter, als den meisten Nicht-Autisten. Mein Autismus ist da wirklich ein Vorteil mit all der Begeisterungsfähigkeit, die er mitbringt, der Hingabe, Loyalität, Ernsthaftigkeit, Ausdauer, Ordnungsliebe und dem Verantwortungsbewusstsein. Von all dem habe ich ein bisschen mehr abbekommen, als die meisten Menschen. (Das ist ziemlich autismustypisch. Die liebe NetKlar zum Beispiel hat auch mal was dazu geschrieben.) Und genau das ist es, was ich in diesem Beruf nutzen kann und will, was mich darin besonders gut macht. Genau das ist es, auf das ich meinen Fokus legen möchte. Ja, ich habe Schwächen und Einschränkungen. Ja, ich kann viele Dinge nicht oder nur sehr schlecht, die anderen vollkommen leicht fallen. Aber ich kann manche Dinge eben auch besser und leichter als andere. Ich habe, wenn man so will, autistische Superkräfte. Und das ist was Gutes.