Alles ist anders, aber irgendwie auch nicht.

Es ist Montagmorgen, ein ganz normaler Werktag, ich bin kerngesund (soweit ich weiß) und habe keinen Urlaub, aber trotzdem sitze ich zu Hause auf dem Sofa. Mein Arbeitgeber hat beschlossen, uns weitestgehend nach Hause zu schicken. Nur wirklich notwendige Aufgaben sollen erledigt werden. Solche Aufgaben haben die Kollegin, mit der ich mich vertrete, und ich. Deshalb sollen wir im Wechsel zwei- bis dreimal die Woche ins Büro fahren und erledigen, was dringend zu erledigen ist. Eine absolute Ausnahmesituation. Jede Menge Strukturen und Routinen brechen weg. Ich bin erst ganz am Anfang dieser neuen Lage und kann noch nicht einschätzen, wie ich damit zurecht komme. Aber ich weiß, dass ich mir dringend Ersatzstrukturen und Ersatzroutinen schaffen muss, um gesund durch meinen Alltag zu kommen. Alles ist anders.

Die Nachrichtenseiten, die ich täglich lese, sind voll mit Aufzählungen und Beschreibungen von Dingen, die man jetzt nicht mehr machen darf und von Dingen, die noch erlaubt sind. Man darf sich nicht mehr mit mehr als einer weiteren Person treffen, abgesehen von Haushaltsangehörigen. Restaurants, Cafés und Bars sind geschlossen. Mit dem gemütlichen Beisammensein nach der Arbeit oder in den Abendstunden ist es vorbei, von Wochenendvergnügungen in Clubs ganz zu schweigen. Nicht mal Hauspartys kann man noch veranstalten. Die Fitnessstudios sind dicht und Vereinssport kann man auch vergessen. Sogar Picknicks in Parks oder andere Treffen an der frischen Luft sind verboten. Von Menschen, die nicht im selben Haushalt leben wie man selbst, müssen mindestens 1,5 Meter Abstand gehalten werden. Nach draußen gehen darf man nur noch, um einzukaufen, zur Arbeit zu kommen, bestimmte wichtige Dinge zu erledigen und sich alleine oder mit einer anderen Person draußen zu bewegen. Das sind massive Einschränkungen des täglichen Lebens. Na ja, zumindest für die meisten Menschen.

Für mich bleibt, bis auf die Sache mit der Arbeit, eigentlich alles, wie es ist. Neben meinem Job besteht mein Leben außerhalb der Wohnung aus meinem Ausdauersport an der frischen Luft, Einkäufen, Spaziergängen, Wanderungen und Radtouren mit meinem Mann und ein bisschen Gärtnerei und Aufenthalt auf dem Balkon. Kontakt mit Freundinnen und Freunden habe ich so gut wie ausschließlich über Messenger und SMS. Von meiner Familie lebe ich sehr weit entfernt, da ist der Kontakt, von gelegentlichen Besuchen alle paar Monate abgesehen, auch rein schriftlich und telefonisch. Bis zum Ende des Jahres war ich einmal in der Woche in meinem Lieblingskino, aber da es zum Januar geschlossen wurde, hat sich das sowieso erledigt. Mir ist also nichts von dem verboten, was ich tagtägliche mache und vor allem auch machen möchte.

Mein ganz normaler Alltag, mit dem ich glücklich bin, ist für viele andere Menschen eine Zumutung. Sie sind jetzt eingeschränkt und isoliert, vermissen die Menschen und Unternehmungen, die sonst ihre Freizeit prägen und müssen sich plötzlich widerwillig mit dem Leben arrangieren, das ich freiwillig und rundum zufrieden führe. Ich bin in Vielem ganz anders. Eigentlich wusste ich das ja schon, aber es jetzt in dieser Deutlichkeit vor Augen geführt zu bekommen, ist trotzdem seltsam.

Berufsschule.

Die Berufsschule war der Teil der Ausbildung, der mir im Vorhinein am meisten Angst gemacht hat. Eine gute und glückliche Schülerin war ich zuletzt in der vierten Klasse und das war zu Beginn meiner Ausbildung 16 Jahre her. Danach folgten neun schlimme Jahre am Gymnasium und am Ende dieser Zeit die unglaubliche Erleichterung, nie wieder zur Schule zu müssen. Sieben Jahre später war es dann aber doch wieder soweit.

An der Uni hatte ich mich langsam wieder zurückgekämpft in die Nähe dessen, was ich in der Grundschule geschafft habe und mir damals so leicht fiel: aktive, freudige Teilnahme am Unterrichtsgeschehen. Der Druck zur mündlichen Mitarbeit war weg, Noten gab es dafür schließlich nicht. Niemand kannte mich, also hatte ich nur wenig Angst, von Anfang an verurteilt zu werden. Und fast alle um mich herum waren auch einigermaßen unsicher, weil das Studieren für die meisten neu war. Außerdem war ich bestimmt nicht die einzige ewige Außenseiterin unter ihnen. Das alles machte mir genug Mut, um mich zu trauen, mich gleich in der ersten Woche hier und da in den Seminaren zu melden. Ich wurde immer sicherer, fühlte mich immer wohler und wurde immer aktiver. Das Studium war insgesamt eine sehr ermutigende, befreiende Zeit für mich, auch wenn ich weiterhin keine Ahnung hatte, wie man Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt. Ich traf auf eine Kommilitonin, die mich sprichwörtlich an die Hand und mit sich mitnahm, wodurch ich ein paar liebe Menschen kennenlernte, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls hatte ich vor der Ausbildung einerseits neun fürchterliche Schuljahre hinter mir, in denen ich mehr oder weniger wie gelähmt war und mündlich fast nur vieren und fünfen bekam und andererseits ein sechsjähriges Studium, das mir wirklich gut getan hatte und mir Hoffnung machte, mit der Berufsschule viel besser umgehen zu können als mit dem Gymnasium. Trotzdem war ich schrecklich nervös, als es losging. Was, wenn sich die schlechten Erfahrungen wiederholen würden? Was, wenn ich mich wieder vollkommen zurückziehen würde? Was, wenn die Berufsschulzeit eine einzige Qual werden würde? Wie sollte ich dann die Ausbildung schaffen, noch dazu mit guten Noten?

Und dann ging es los. Es war eigenartig, wieder ein Schulgebäude zu betreten. Eine Klasse zu haben. Einen Stundenplan. Lehrerinnen und Lehrer. Aber es war anders als damals, gleich von Anfang an. Wegen mir, denn ich hatte mich natürlich seitdem entwickelt. Wegen meiner Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, denn die waren natürlich alle keine Kinder, sondern junge Erwachsene. Und auch wegen der Lehrerinnen und Lehrer, denn die sahen uns nicht als zu erziehende Kinder, sondern als beruflich zu bildende Erwachsene. Eine Mischung aus Wohlbekanntem und Neuem. Beunruhigend und beruhigend zugleich. Der Unterricht begann, die Lehrerinnen und Lehrer machten auf mich alle einen guten Eindruck, die Unterrichtsinhalte fand ich interessant und ich hatte einen großen Ehrgeiz, diese Ausbildung mit guten, sehr guten Leistungen zu schaffen. Also nahm ich all meinen Mut und all meine positiven Erfahrungen aus dem Studium zusammen und hob fleißig meine Hand, um Fragen zu beantworten und zu stellen. Ich hatte mir fest vorgenommen, gleich von Anfang an aktiv dabei zu sein und gar nicht erst still in der Ecke zu sitzen und unsichtbar zu werden. Ich setzte mich nach vorne und brachte mich ein, in den ersten Wochen noch mit laut in meinem Kopf pochendem Herzschlag und einem inneren Zittern und Sausen, das außer mir hoffentlich niemand bemerkte und dann, nach und nach, mit immer mehr Ruhe und Selbstverständlichkeit. Ich wurde wieder ganz die emsige, begeisterte Streberin, die ich in der Grundschule war und die offenbar zu meinem Wesen gehört. Es war wunderbar! Ich fand alles interessant, hatte überall sehr gute Noten und war rundum zufrieden mit mir. Sogar der Sportunterricht, den wir alle zwei Wochen hatten, war irgendwie in Ordnung, bis auf all den Muskelkater und die Tatsache, dass ich nun mal nichts kann, was mit Bällen zu tun hat. Der Lehrer bewertete vor allem die Mühe, die wir uns gaben und den individuellen Fortschritt, den wir machten. Was wir tatsächlich hinbekamen, war nebensächlich. Außerdem verzichtete er auf erniedrigende Mannschaftswahlverfahren, bei denen ich schon in der Grundschule immer die letzte auf der Bank gewesen war, die nur unter Murren als Mitglied hingenommen wurde.

Besonders beliebt war ich nicht. Das ist eben das Los der Streberinnen und Streber und macht mir nichts aus, solange man mich in Ruhe lässt. Aber ich fand ein paar liebe Azubikolleginnen, beziehungsweise sie fanden mich, mit denen ich in der ersten Reihe saß und die ich gern mochte, was ganz offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Dafür war ich sehr dankbar. Trotzdem war es in der Berufsschule jeden Tag aufs Neue sehr anstrengend. Es gab Gruppenarbeiten, Referate, jede Menge Unruhe und Lärm und keine echte Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Während der Berufsschultage kam ich nicht einen Moment zur Ruhe. Nachmittags war ich jedes Mal vollkommen erledigt und oft genug froh, es überhaupt noch nach Hause geschafft zu haben. Die mindestens einstündige Bahnfahrerei war immer ein Kraftakt. Anfangs steckte ich das Ganze noch einigermaßen gut weg, weil ich so glücklich war, alles so gut hinzubekommen und endlich wieder die Schülerin sein zu können, die ich einfach war, aber mit der Zeit wurde es immer zehrender. Ein Glück, dass ich nur zweimal in der Woche zur Berufsschule musste und die meisten Arbeitstage regelrecht erholsam waren! Eine rein schulische Ausbildung hätte ich niemals so gut hinbekommen. Und so hangelte ich mich von Ferien zu Ferien, gab an nahezu jedem Schultag mein Bestes und war froh zu wissen, dass die Zeit dort nicht allzu lange dauern würde. Drei Jahre, sagte ich mir, schaffe ich schon. Vermutlich sogar nur zweieinhalb, wenn ich die Ausbildung verkürzen darf. Was ich dann auch durfte. Das letzte halbe Jahr war dann noch mal besonders anstrengend. Wie gut, dass zwischendurch noch Sommerferien waren! Ich war wirklich erschöpft von dem vielen auditiven und visuellen Input und vor allem von dem vielen Sozialkram, der einem abverlangt wird, wenn man stundenlang in einer Menschengruppe feststeckt. Es fiel mir immer, immer schwerer, diese Tage zu überstehen und mein Leistungsniveau zu halten.

Und dann erfuhr ich, dass es unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist, sich vom Berufsschulunterricht befreien zu lassen. Was für eine Nachricht! Das wollte ich unbedingt für die letzten drei Monate Ausbildungszeit, die mir noch nach den schriftlichen Abschlussprüfungen bleiben würden. Es war schwierig und dauerte viele Wochen, aber am Ende wurde meinem Antrag stattgegeben. Die schriftlichen Prüfungen liegen nun hinter mir und auch der erste Monat ohne Berufsschule ist inzwischen vorbei. Eine unglaubliche Erleichterung! Ich habe es tatsächlich geschafft! Meine Berufsschulzeit ist vorbei. Sie war schön und hart und glücklicherweise deutlich kürzer, als sie hätte werden können. Ich bin sehr, sehr froh und stolz auf mich, dass ich das geschafft habe, was ich geschafft habe. Es ist mir besser gelungen, als ich gehofft hatte.

Autistin und Großstadtmensch.

„Als Autistin in der Großstadt, wie soll das denn gehen? Da ist es laut, hektisch und unübersichtlich. Du kannst dich da überhaupt nicht wohlfühlen. Das ist doch widersprüchlich, total unlogisch, das passt doch überhaupt nicht.“

Ja, doch, nein, gar nicht, jawohl.

Ja, es ist laut, hektisch und unübersichtlich und ja, das ist problematisch. Ich stehe dadurch jeden Tag vor Schwierigkeiten, vor denen ich auf dem Land nicht stand, zumindest nicht im selben Ausmaß. Und klar, das nervt, das macht mir das Leben schwerer. Da muss ich mir was einfallen lassen. Gehörschutz tragen zum Beispiel. Das geht ziemlich einfach. Ohrstöpsel sind klein und leicht und lassen sich super mitnehmen. Mein MP3-Player voller Musik und Lieblingshörbücher hilft auch. Der möchte zwar ab und an aufgeladen werden und das vergesse ich ab und an, deshalb ist er nicht immer nützlich, aber das ist nicht seine Schuld. Außerdem sind ja immer noch die Ohrstöpsel da. Geräusche sind natürlich längst nicht das einzige sensorische Problem. In der Großstadt gibt es zum Beispiel auch jede Menge zu sehen und das belastet mich eigentlich noch viel mehr. Hektisch ist es dabei auch noch. Unfassbar viele schnelle Bewegungen, andauernd, das kann mir schnell zu viel werden. Dann habe ich aber meine Sonnenbrille. Oder meine Augenlider. Oder meine Hände. Ich schirme mich eben ab, das geht schon. Ja, Hektik und Unübersichtlichkeit sind große Stressauslöser. Aber ich kann damit umgehen. Ich habe meine Strategien dafür entwickelt. Damit komme ich zurecht.

Doch, ich kann mich da wohlfühlen, sehr sogar. Die Großstadt gibt mir eine Freiheit, die das Land mir niemals geben konnte, Ruhe und Übersichtlichkeit hin oder her. Die Großstadt ist bunt und vielfältig und das macht mich dadurch unheimlich frei. Hier ist alles voller normaler und unnormaler Menschen, die alle ihr Leben leben. Manchmal gucken sie sich gegenseitig komisch an und meistens verstehen sie nicht so recht, warum die anderen so sind, wie sie sind, aber sie lassen sich sein. Je vielfältiger und freier alle um mich herum sind, umso freier bin ich selbst. Sie lassen mich sein. Ich muss gar nichts. Keine Nachbarn grüßen, keinen Smalltalk im Supermarkt halten, keine Beziehungen zu eigentlich Fremden pflegen, die aber doch irgendwie alles über mich wissen oder sich das zumindest einbilden und auch unbedingt alles wissen wollen, weil sie mich jeden Tag sehen, all das fällt weg. All das, was mich auf dem Land immer unheimlich belastet hat. Es ist einfach nicht da. Ich schulde niemandem irgendwas und niemand denkt, ich würde ihm irgendwas schulden. Ich bin höflich und freundlich und fertig. Ich werde sein gelassen, wie ich bin und habe damit meinen Frieden. Man begegnet sich und dann vergisst man sich wieder. Kein Getratsche, kein Gefrage, kein aufgezwungenes Sozialgedöns, niemand erwartet irgendwas von mir. Das ist das allerbeste realistische Umfeld, das ich mir denken kann. Ich bewege mich ungezwungen in einer anonymen Menge, ich bin darin selbst anonym, ich mache einfach so vor mich hin mein Ding und die anderen auch. Damit fühle ich mich pudelwohl.

Nein, das ist nicht widersprüchlich und gar nicht total unlogisch. Kein bisschen. Klar, weniger Lärm, Hektik und Unübersichtlichkeit sind schön. Aber egal, wie wunderbar die Vorzüge des Landlebens aussehen mögen, sie wiegen die Nachteile des Landlebens für mich überhaupt nicht auf. Wirklich nicht. Bei der Großstadt ist das anders. Klar, Lärm, Hektik und Unübersichtlichkeit sind nicht schön und ich würde gerne darauf verzichten, aber ich kann etwas dagegen tun und die Freiheit, die ich in der Großstadt erlebe, ist viel, viel mehr als ein Ausgleich für diese Probleme. Es ist absolut unwidersprüchlich und durch und durch logisch, mich für die Alternative zu entscheiden, bei der die Plus-Seite so viel gewichtiger ist als die Minus-Seite.

Also jawohl, das passt, und wie. Ich bin Autistin und Großstadtmensch.

Wir sprechen dieselbe Sprache und trotzdem ganz verschiedene.

Wir sprechen dieselbe Sprache und trotzdem ganz verschiedene, die allermeisten Neurotypischen und ich. Meine Sprache ist klar und zielgerichtet, ihre ist komplex und hat viele verschiedene Ebenen. Ich sage, was ich meine, sie verpacken ihre Botschaften in für mich undurchdringbarem Drumherum. So undurchdringbar, dass ich meistens nicht mal mitbekomme, dass es nur ein Drumherum ist, dass der wirkliche Inhalt darunter versteckt ist, oder dahinter, oder dazwischen, ja, wo denn eigentlich? Selbst wenn ich wüsste, dass da was ist, ich hätte keine Ahnung, wo ich suchen müsste, oder wie. Dabei analysiere ich Sprache eigentlich ganz gerne und auch ganz gut. Zumindest, wenn es um Gedichtanalysen geht. Meine Gedichtanalysen fanden die Lehrerinnen und Lehrer immer toll. Aber da hatte ich auch Zeit und die Worte direkt vor mir, ein paar Stifte für Markierungen und Gedankennotizen und jede Menge Ruhe, um zu lesen, nachzudenken, neu zu denken, noch mal zu denken, Ideen zu entwickeln und zu verwerfen und dem Ganzen nach und nach auf den Grund zu gehen. Bei einer Unterhaltung geht das nicht, nicht mal bei einer schriftlichen Unterhaltung per Messenger, dafür geht das alles viel zu schnell. Und obwohl ich eigentlich weiß, dass Neurotypische gerne, oft und mit Leichtigkeit, bestimmt meistens auch ganz unbewusst, ihre Botschaften verstecken und verbiegen, komme ich meistens überhaupt nicht auf die Idee, irgendwas in ihren Worten zu suchen. Es kommt mir so unnatürlich vor. Es entspricht nicht meiner Natur. Es ist mir so ganz und gar fremd. Ich erkenne gar nicht, welche Worte einfach Worte sind und welche von ihnen mir mehr sagen sollen. Damit ich überhaupt anfange, nach einem verborgenen Sinn zu suchen, muss man mir schon mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl auf den Kopf hauen, bloßes Winken reicht da nicht, das ist mir zu subtil, das bekomme ich gar nicht mit. Seid doch nicht immer so schrecklich kompliziert, ihr lieben Neurotypischen! Aber ihr meint das ja gar nicht böse, das weiß ich doch. Das ist eben eure Art zu sprechen, eure Sprache, die ist für euch ganz natürlich. Sie liegt in eurer Natur. Sie geht euch ohne Probleme von den Lippen, als wäre es das einfachste auf der Welt. Auf mich macht es jedenfalls diesen Eindruck. Und genauso leicht und selbstverständlich, so vollkommen natürlich, interpretiert ihr drauf los, wenn ich etwas sage, ja sogar, wenn ich etwas mache, mit meinen Armen zum Beispiel, mit meiner Körperhaltung, mit meinem Gesicht. Aber da ist nichts, da sucht ihr vergebens. So spreche ich nicht, so kommuniziere ich nicht, so funktioniert das bei mir nicht. Ich verschränke meine Arme nicht, weil ich irgendjemandem zeigen will, dass ich meine Ruhe haben will oder verschlossen bin oder abweisend. Wenn ich meine Arme verschränke, dann bedeutet das nichts. Ich verschränke meine Arme, weil ich meine Arme gerne verschränke. Ich finde, das ist eine bequeme Armhaltung. Sonst weiß ich meistens auch gar nicht, was ich mit den Armen machen soll, die schlackern dann irgendwo rum oder sind irgendwie im Weg. Wenn ich meine Ruhe haben will, sage ich das. Ich sage, was ich meine. Nur das, was ich meine. Genau das, was ich meine. Unverschlüsselt. Ihr versucht dann, das zu entschlüsseln, weil ihr das immer so macht, weil die allermeisten Menschen es wohl so machen, aber da kommt bei mir nichts heraus, jedenfalls nicht das, was ich gemeint habe, denn das habe ich ja schon gesagt. Deshalb gibt es zwischen uns dauernd Missverständnisse. Ihr versteht mich nicht, ich verstehe euch nicht. Oft merken wir das erst ziemlich spät. Dass irgendwas nicht passt, das merke ich für meinen Teil meistens ziemlich schnell, weil sich das Gespräch dann für mich sehr holprig anfühlt, aber was genau das Problem ist, das bekomme ich nicht so schnell raus. Es ist schwierig. Es ist kompliziert. Aber seit ich weiß, dass ich Autistin bin, habe ich zumindest das Grundprinzip unserer Kommunikationsschwierigkeiten verstanden. Das hilft mir. Damit kann ich arbeiten.

Schule.

Vielleicht sollte ich irgendwann mal ein Buch schreiben mit dem wunderbaren Titel „375 Arten, an der Schule zu scheitern, obwohl man einigermaßen intelligent ist.“ Es bekäme auch noch einen Untertitel oder wahlweise einen schicken Aufkleber, auf dem stünde „Mit freundlicher Unterstützung von erst im Masterstudium erkanntem Autismus.“ Die Schule war einfach kein guter Ort für mich, und das war in erster Linie sehr schade, denn ich bin eigentlich jemand, der sehr gerne lernt, neugierig ist und Spaß daran hat, sich mit allem Möglichen zu beschäftigen und zu versuchen, es zu verstehen. Im Grunde beste Voraussetzungen. Die Grundschule fand ich auch wirklich toll. Der Kindergarten war überhaupt nichts für mich gewesen und dem ersten Schultag habe ich entgegen gefiebert, sobald ich verstanden habe, was so eine Schule überhaupt ist. Das war irgendwann zwischen meinem vierten und fünften Geburtstag. Als es endlich soweit war, begann ich voller Eifer alles regelrecht aufzusaugen. Ich mochte jedes Schulfach und war in allem ziemlich gut. Außer in Sport. Ein bisschen wurde meine Begeisterung dadurch gedämpft, dass ich die meiste Zeit über eher unterfordert war. Zum Beispiel durften wir meistens am Ende der Unterrichtsstunden schon mit den Hausaufgaben beginnen, wenn wir mit unserer letzten Unterrichtsaufgabe früher fertig waren, und ich war immer so schnell, dass ich im Grunde nie irgendwas zu Hause machen musste. Es war auch immer so gut wie alles fehlerfrei. Wenn ich im Unterricht aufzeigte, nahmen mich die Lehrer kaum dran. Es war ohnehin klar, dass ich alles wusste. Ich war meistens im Stoff schon ein ganzes Stück voraus, wie eine richtige kleine Hermine Granger, nur ohne die ganze Magie, leider. Und ich freute mich riesig aufs Gymnasium und auf all die neuen, spannenden Fächer.

Leider war es dort dann überhaupt nicht mehr schön. Ich war überfordert. Nicht mit dem Stoff, zumindest nicht grundsätzlich oder von Anfang an, aber mit allem anderen, und dadurch dann letzten Endes auch mit dem Stoff. Anfangs überforderte mich ganz besonders die Situation, mitten in einer Schar von 35 Kindern zu sein, die alle ganz aufgeregt versuchten, einander kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Im Kindergarten war das nicht so gewesen, da kamen jedes Jahr ein paar Kinder zu einer bestehenden Gruppe dazu, alles ging peu à peu, und wir waren auch insgesamt viel weniger Kinder. Außerdem konnte ich mich dem Gewusel dort besser entziehen. Es gab zwar ab und an gemeinsames Programm, aber die meiste Zeit konnte ich ganz in Ruhe am Mal- und Basteltisch verbringen. In der Grundschule bekam ich von diesem ganzen Kennenlerntreiben auch so gut wie nichts mit. Ich weiß nicht genau, woran das lag, aber ich denke, es war zum einen nicht so trubelig wie am Gymnasium und zum anderen war ich selbst einfach sehr stark auf den Unterricht und das Lernen fokussiert und habe mich bei allem anderen zurückgezogen und rausgehalten. Irgendwie ging das am Gymnasium nicht. Die gesamte Klasse war in den Pausen als riesige, laute Traube unterwegs und erkundete das Schulgelände. Mir war das viel zu viel. So viele Kinder auf einmal! Eine einzige andere Person hätte mir vollkommen gereicht. So eine Gruppe überforderte mich maßlos. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich verhalten oder was ich sagen sollte, wie ich irgendwie Kontakt aufnehmen konnte, auch wenn etwas in mir das ganz gerne wollte, zumindest zu einem gewissen Grad. Ich konnte das Ganze nur von außen betrachten und verstand nichts. So geriet ich schon in den ersten paar Tagen ins Abseits, in das ich über die kommenden Wochen und Monate hinweg immer und immer weiter hineinrutschte. Und da blieb ich auch die ganzen neun Jahre lang. Ich fand zwar nach einigen Wochen eine Freundin (oder besser gesagt: sie fand mich), die mit ihrer lieben, ruhigen, offenen Art genau der Mensch war, in dessen Gegenwart ich mich wohlfühlen konnte, und ich wurde über sie sogar Teil einer Viererclique, die die ganze Schulzeit über fest zusammenhielt, was unendlich wertvoll war, aber ich war eben für die Klasse trotzdem die Komische, die Abweisende, die Arrogante, Kalte, Blöde, mit der man nichts zu tun haben wollte, die man ärgern konnte, über die man lachte.

Das alles hemmte mich. Dass ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte und mich völlig fehl am Platz fühlte und dass die anderen Kinder so auf mich reagierten. Ich will ihnen nicht die Schuld geben, zumindest auf keine Fall die alleinige, denn ich muss ihnen mit meinem Verhalten einen Grund geliefert haben, so auf mich zu reagieren, wie sie es eben taten. Ich verstand das bloß alles nicht. Ich verstand nicht, was los war, was ich falsch machte, was falsch mit mir war, ich merkte nur, dass etwas nicht stimmte und dass das offensichtlich ich war. Das tat unheimlich weh. Ich verstand gar nichts. Und zog mich zurück. Ich fühlte mich unendlich unwohl. Jeder Schultag war eine Qual. Ich ging von Tag zu Tag weniger gerne hin. Ich zog mich mehr und mehr in mich zurück. In den ersten Tagen nahm ich noch begeistert am Unterricht teil, freute mich auf jedes neue Fach und wollte alles wissen, aber schon in den ersten paar Wochen nahm die Begeisterung rapide ab. Ich bekam das irgendwie nicht auf die Reihe, diese wahnsinnige Verunsicherung was all die sozialen Dinge betraf, dieses Miteinander, das ohne mich stattfand, teilweise sogar gegen mich und das ich überhaupt nicht begriff. Ich fühlte mich so hilflos und so gnadenlos überfordert, dass es mich mehr und mehr lähmte, bis ich irgendwann so gut wie gar nichts mehr machte. Ich saß nur so da und hörte zu, so gut es ging. Und selbst das wurde immer schwieriger, je unwohler ich mich mit der Gesamtsituation fühlte. Auch die Hausaufgaben zu erledigen fiel mir zunehmend schwer. Nach der Schule wollte ich einfach nur noch weg, nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort denken, mit nichts mehr konfrontiert sein, was irgendwie damit zusammenhing. Dadurch wurden natürlich auch meine Leistungen immer schwächer. In manchen Fächern war ich einfach gut, ohne einen Finger dafür krümmen zu müssen, und in diesen Fächern konnte ich mir immerhin ein Minimum an mündlicher Mitarbeit erhalten, aber im Großen und Ganzen verstummte ich. Das war natürlich schlecht, nicht nur für meine mündlichen Noten, sondern auch für die schriftlichen. Wer die Hausaufgaben nur sehr schluderig und manchmal sogar gar nicht macht und im Unterricht nicht richtig anwesend ist, verliert den Anschluss, das ist vollkommen logisch. Das nagte sehr an meinem Selbstwertgefühl, das durch die ganze soziale Situation in der Klasse ohnehin schon ziemlich am Boden war. Und das führte zu noch mehr Rückzug und Passivität. Ich hatte irgendwie nicht die Kraft, etwas daran zu ändern. Und ich wusste auch nicht wirklich, wie ich das hätte anstellen sollen. Die Lehrerinnen und Lehrer verstanden mich auch nicht so recht. Sie hatten ja anfangs gemerkt, dass ich eigentlich ganz intelligent bin und alles recht schnell verstehe und außerdem war ich in den paar Fächern, die mir auch ohne jede Mühe sehr leicht fielen, weiterhin schriftlich gut bis sehr gut. Sie versuchten mit mir zu reden, aber ich begriff ja nicht mal selbst so richtig, was eigentlich mein Problem war, also konnte ich es unmöglich erklären und sie konnten es nicht erkennen. Sie versuchten auf die unterschiedlichsten Arten, mich zu mehr Mitarbeit zu animieren und mehr Leistung aus mir herauszukitzeln. Das setzte mich unheimlich unter Druck, auch wenn sie das sicher nicht so beabsichtigt hatten, und Druck konnte ich wirklich überhaupt nicht gebrauchen, weil ich mich ziemlich schwach fühlte. Ich war nach einiger Zeit schlicht und ergreifend nicht mehr in der Lage, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen oder mich gar daran zu beteiligen und irgendwann entwickelte ich auch eine trotzige Weigerungshaltung allem und jedem Gegenüber. Die war nicht immer da, kam aber immer mal wieder durch und diente im Nachhinein betrachtet vermutlich zu einem gewissen Teil dem Selbstschutz. Ganz bestimmt kamen auch noch sensorische Probleme dazu, die ich selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst bemerkte oder gar erkannte, die aber natürlich trotzdem ihren Teil dazu beitrugen, dass ich völlig überfordert war und oft nicht mal einen klaren Gedanken fassen konnte. Meine soziale Überforderung war mir immerhin irgendwie bewusst, auch wenn ich sie nicht mal ansatzweise einordnen und greifen konnte. Alles, einfach alles war zu viel und machte mir einen Druck, dem ich nicht gewachsen war. Das einzige, was ich hinbekam, war diesen Druck irgendwie auszuhalten, die Tage zu überstehen und zu warten, dass die Zeit vergeht und nach der Schule endlich alles besser wird. Ich steckte mitten in einer Art Überforderungsstrudel, den niemand sehen konnte und aus dem ich nicht heraus kam. Ich begriff nicht, was los war und meine Lehrerinnen und Lehrer noch viel weniger. Sie hielten mich irgendwann einfach für faul und stur. Für eine Schulverweigerin. Dazu habe ich ihnen aus ihrer Sicht ganz bestimmt allen Grund gegeben. Dabei war ich tief in mir drin genau das Gegenteil.

Mit jedem neuen Schuljahr, mit jedem neuen Fachlehrer und jeder neuen Fachlehrerin, mit jedem neuen Fach nahm ich mir vor, es nun doch endlich hinzubekommen und die gute Schülerin zu sein, von der ich irgendwie immer noch wusste, dass ich sie eigentlich sein konnte. Vielleicht keine absolute Überfliegerin in allem, aber sicherlich nirgendwo wirklich schlecht, insgesamt irgendwo im guten Mittelfeld.  Aber ich scheiterte. Immer und immer wieder. Natürlich. Wie sollte ich auch ein Problem lösen, das ich überhaupt nicht erkannte? Ich kam da nicht mehr raus, aus diesem Strudel aus Überforderung, Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, Selbstzweifeln, Scham, Wut, Trotz und Verwirrung. Ich biss mich einfach irgendwie durch, immer mit dem Ziel vor Augen, irgendwann mit der Schule fertig zu sein und danach mit was auch immer ganz neu anzufangen.

Während der inzwischen sieben Jahre nach meinem Abitur habe ich studiert, nebenbei gearbeitet und wahnsinnig viel gelernt. Einiges über Literaturwissenschaften, ein bisschen über Medienwissenschaften, ganz viel über Linguistik und vor allem sehr viel über mich selbst. Bald gehe ich wieder zur Schule. Zur Berufsschule. Nur an zwei Tagen in der Woche, aber immerhin. Ich habe ein bisschen Angst davor. Aber ich bin mir auch sicher, dass es nicht noch mal so wird, wie es am Gymnasium war.

Besuch ist schwierig.

Besuch macht mich fertig. Ich meine damit keine stundenweisen Treffen, die natürlich auch anstrengend sein können, sondern so richtigen Besuch mit Übernachtungen und allem drum und dran. Damit komme ich einfach nicht zurecht. Das ist mir zu viel, egal ob als Gastgeberin oder als Gast.

Als Kind war das irgendwie noch okay. Meine Eltern und die Eltern meiner Freundinnen achteten darauf, dass die Übernachtungsbesuche nur ab und an stattfanden und die Zeit relativ eng begrenzt war. Wir trafen uns am späten Nachmittag und am nächsten Morgen wurden wir gleich nach dem Frühstück abgeholt. Ich hatte dabei immer Spaß, aber ich war auch jedes Mal sehr froh, wenn ich schlafen konnte und besonders, wenn ich wieder zu Hause war oder die Freundin, die bei mir übernachtet hatte, abgeholt worden war. Ich war dann unheimlich erschöpft und brauchte jede Menge Zeit für mich alleine, um mich zu erholen.

Nach dem Abitur bin ich zum Studium zu Hause ausgezogen und es wurde wesentlich schwieriger. Plötzlich waren Übernachtungsbesuche die einzige Möglichkeit, meine Freundinnen zu treffen und sie dauerten auch deutlich länger, weil wir weit voneinander entfernt wohnten und sich die Fahrerei für eine Nacht überhaupt nicht gelohnt hätte. Inzwischen ist die Entfernung noch größer. Ich mag meine Freundinnen sehr, sonst wären sie nicht meine Freundinnen, und ich verbringe auch gerne Zeit mit ihnen, aber nicht so. Das lange, ununterbrochene Zusammensein strengt mich maßlos an. Mein Tagesablauf wird durcheinandergewirbelt und kommt völlig aus dem Takt, wenn jemand bei mir ist und natürlich noch mehr, wenn ich woanders bin. Das belastet mich. Wenn jemand länger als ein paar Stunden bei mir ist, fühle ich mich bedrängt und eingesperrt. Ich muss mich zwangsläufig nach meinem Besuch richten und auf seine Bedürfnisse eingehen und ich möchte es auch, damit es ihm gut geht. Das fällt mir allerdings über mehr als einen Nachmittag hinweg schwer. Aber meine Gäste sollen sich schließlich wohlfühlen, also strenge ich mich an. Sie haben einen weiten Weg und viele Umstände auf sich genommen, nur um mich zu sehen, da möchte ich ihnen natürlich eine schöne Zeit bieten. Das heißt, dass ich ihnen zumindest meine Aufmerksamkeit schenken muss und mich nicht die Hälfte der Zeit im Schlafzimmer verkriechen kann, auch wenn ich das am liebsten machen würde. Wenn ich jemanden besuche, ist es noch schlimmer, denn dann kommt noch hinzu, dass ich nicht mal in meiner gewohnten Umgebung bin, und das setzt mir über mehrere Tage hinweg zu. Wenn ich Besuch habe, wünsche ich mir spätestens nach ein paar Stunden, dass er wieder abreist, und wenn ich irgendwo zu Gast bin, möchte ich allerspätestens am nächsten Morgen, oft schon am ersten Abend, direkt wieder nach Hause. Egal, wie sehr ich meine Freundinnen mag und wie wohl ich mich in ihrer Gegenwart fühle, wie sehr ich mich auch freue sie zu sehen und Zeit mit ihnen zu verbringen, der Stress, den solche Besuche auslösen, ist einfach enorm.

Und er fängt jedes Mal schon lange im Vorfeld an. Wenn mich jemand besuchen oder einladen möchte, dann freue ich mich zuerst immer und manchmal stimme ich sogar vage zu, ohne gleich einen festen Termin auszumachen. Danach wird es aber auch schon schwierig. In mir baut sich eine immer größer werdende Ablehnung auf. Ich will einfach nicht. Ich bin überfordert, alles ist zu viel. Der bloße Gedanke daran, dass jemand zu mir kommt oder ich irgendwo hinfahren soll und mein gesamter Alltag für mehrere Tage völlig durcheinander gerät, ist schrecklich. Der Gedanke daran, mehrere Tage von morgens bis abends nicht allein sein zu können und die ganze Zeit meine Aufmerksamkeit auf eine andere Person richten zu müssen, löst puren Stress aus. Es ist alles zu viel. Viel zu viel. Ich bin überfordert und werde immer unruhiger und nervöser. Während eines Besuches stauen sich schnell immer mehr negative Gefühle in mir auf, die sich vor allem gegen die andere Person richten. Ich weiß natürlich, dass sie nichts dafür kann und nichts falsch gemacht hat. Es ist einfach meine Überforderung durch die Gesamtsituation. Das macht es aber nicht leichter. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem ich die Abreise überhaupt nicht mehr abwarten kann. Dann muss ich besonders hart mit mir kämpfen, um mir nichts anmerken zu lassen, die negativen Gefühle zu unterdrücken und nichts an meiner Freundin auszulassen. Nach dem Besuch brauche ich immer ziemlich viel Zeit, um mich zu erholen. Ich bin erschöpft und gerädert. Oft dauert es tagelang, bis ich wieder in meinem Rhythmus bin und mich gut fühle. Und das, obwohl die Zeit an sich schön war und wir tolle Gespräche geführt haben und all solche Dinge. Es war bloß zu lang und das Zusammensein zu eng. Meistens findet der Besuch deshalb erst gar nicht statt. Ich spreche das Thema selbst nicht mehr an und wenn die andere Person davon anfängt, wende ich es ab und erkläre, dass es aus diesem oder jenem Grund gerade nicht passt.

Dass ich mich überwinde und einem Besuch endgültig zustimme, passiert wirklich selten und das letzte Mal ist schon zwei Jahre her. Jedes Mal bin ich vollkommen hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, Zeit mit meinen Freundinnen zu verbringen und das Zusammensein mit ihnen zu genießen und der starken inneren Abwehr, die Besuche immer in mir auslösen und gegen die ich einfach nichts machen kann. Das ist schade. Es macht mich traurig. Es tut mir leid, dass ich nicht die Freundin sein kann, die meine Freundinnen verdient hätten. Eine, die sie jederzeit mit offenen Armen und voller ungetrübter Freude aufnimmt. Eine, die gerne ihre Koffer packt und sie besucht, um zu sehen, wie sie inzwischen wohnen und was ihre Lieblingsorte sind. So jemand bin ich aber nicht. Das wird sich nicht ändern. Im Grunde ist es okay. Ich bin so, wie ich bin, und damit komme ich inzwischen wirklich bestens zurecht. Trotzdem möchte ich die, die mir am Herzen liegen, nicht enttäuschen und verletzen und ihnen nicht das Gefühl geben, mit ihnen weniger oder nichts mehr zu tun haben zu wollen. Deshalb würde ich manchmal gerne was ändern, auch wenn ich weiß, dass das nicht geht.

Alleinsein ist toll.

Wirklich, ich bin total gerne allein! Ich brauche keine Menschen um mich herum, keine Gesellschaft. Ich kann wochenlang ganz alleine sein und mit niemandem sprechen, ohne irgendwas zu vermissen. Während meines Bachelorstudiums in meinem Einzelappartement im Studentenwohnheim hatte ich solche Phasen in den Semesterferien immer wieder, und ich habe sie sehr genossen. Meine Tagesabläufe waren wunderbar routiniert und nichts und niemand hat irgendwas durcheinander gebracht. Ich genieße es, ganz in meinem eigenen Rhythmus zu sein und mich nur nach mir zu richten. Je mehr ich in diesen Rhythmus hineinfinde, umso störender sind Einflüsse von außen und umso genussvoller ist das Alleinsein für mich. Ich könnte wunderbar irgendwo fernab der Zivilisation als Selbstversorgerin leben und wäre glücklich. Dazu müsste ich natürlich wissen, wie man so ein Selbstversorgerleben konkret angeht, aber es zu führen wäre auf jeden Fall fabelhaft und ich hätte immer was Sinnvolles zu tun. Einfach so vor mich hin meine Aufgaben zu erledigen, in meinem Tempo und auf meine Art, das ist genau mein Ding. Das Alleinsein gibt mir so viel Ruhe und Energie und lässt mich so sehr ich sein. Außerdem kann ich mich bestens allein beschäftigen, das konnte ich schon als Kind. Spielkameraden hatte ich zwar, aber ich brauchte sie eigentlich nicht und oft passten sie auch überhaupt nicht zu meinem Spiel. Alleine konnte ich meistens viel besser spielen und mit anderen im Grunde nur dann richtig gut, wenn sie mein Spiel mitspielten. Die meiste Zeit verbrachte ich allein und das war auch immer die schönste, angenehmste und interessanteste Zeit für mich. Und ich bin immer noch am zufriedensten, wenn ich ganz für mich sein kann. Ich liebe es, einfach dazusitzen oder dazuliegen und mein Hirn laufen zu lassen. Ich denke gerne und viel nach, über alles Mögliche, lasse mich mal einfach so treiben oder suche gezielt nach Antworten und Lösungen. Irgendwas ist in meinem Hirn immer los. Mir wird nicht langweilig. Manchmal sitze oder liege ich auch einfach so da und höre Musik. Musik ist für mich kein Hintergrundgeräusch. Im Hintergrund hat sie bei mir eigentlich gar nichts zu suchen, da stört sie nur. Ich mache immer nur eine Sache auf einmal, sonst wird mir das zu viel. Musik zu hören ist für mich eine eigenständige, vollkommen ausfüllende Beschäftigung. Ich höre auf den Text, auf die einzelnen Instrumente, auf verschiedene, wiederkehrende Fragmente eines Liedes oder einfach nur auf das Gefühl und die Stimmung, die es mir vermittelt. Dabei bleibe ich dann oft auch nicht mehr sitzen oder liegen, sondern springe und tanze durch die Wohnung. Ich kann stundenlang lesen, wenn mich etwas fesselt und eine Serienfolge nach der anderen schauen. Ich finde es großartig, von Geschichten regelrecht eingesaugt zu werden. Ich kann mich wunderbar mit mir selbst und mit Dingen, die ich mag, beschäftigen, ohne etwas zu vermissen. Ohne Gesellschaft zu vermissen. Ich brauche keine Gesellschaft. Ich bin viel lieber allein als unter Menschen. Ich muss mit niemandem reden und habe nicht das Bedürfnis, jemanden zu sehen oder mich mit jemandem zu treffen. Ich genüge mir selbst. Die Menschen, die in meinem Leben eine Rolle spielen tun das, weil ich sie mag und sie mir am Herzen liegen, nicht weil ich Menschen in meinem Leben brauche. Einsam fühle ich mich im Alleinsein nie. Einsam fühle ich mich, wenn ich zu viel unter Menschen bin. Ich bekomme dann immer viel zu sehr zu spüren, wie fremd und fehl am Platz ich mich in ihrer Gegenwart fühle, wie nicht-zugehörig. Am liebsten bin ich so viel wie möglich allein. Interessanterweise klappt das Zusammenleben mit meinem Mann trotzdem bestens. Wir haben in vielem einen gemeinsamen Rhythmus und ansonsten kann ich mir meinen eigenen einpendeln. Seine Anwesenheit stört mich nicht, im Gegenteil, ich genieße sie. Wir können vieles wunderbar zusammen machen und genauso gut beide in einem Raum sitzen und trotzdem jeder mit seiner Beschäftigung ganz für sich sein. Gemeinsames, einträchtiges Alleinsein, sozusagen. Das gibt mir den Freiraum und die Ruhe, die ich brauche.

Mit Menschen zusammen zu sein strengt mich unheimlich an.

Mit Menschen zusammen zu sein strengt mich unheimlich an. Das heißt nicht, dass ich grundsätzlich niemanden mag und mit niemandem Zeit verbringen möchte. Ich kann das nur einfach nicht so leicht, wie die meisten Menschen.

Wenn ich mit Menschen interagiere, bin ich hochkonzentriert. Zum einen auf mein Gegenüber: Was sagt es, wie guckt es, wie verhält es sich? Und zum anderen auf mich selbst: Was sage ich, wie gucke ich, wie verhalte ich mich? Das muss ich machen, vor allem das Konzentrieren auf meine Mimik und Gestik, denn sonst passiert da nichts und dann ist mein Gegenüber verwirrt oder interpretiert irgendwas in meine Worte hinein, was ich gar nicht gesagt und deshalb auch gar nicht gemeint habe. Mit Mimik und Gestik zu kommunizieren ist wichtig, das habe ich gelernt. Menschen machen das die ganze Zeit, zum größten Teil völlig unbewusst. Bei mir klappt das nicht. Weder kann ich diese ganzen nonverbalen Signale unbewusst wahrnehmen und deuten, noch kann ich sie unbewusst senden, zumindest nicht in der Intensität und Frequenz, wie Nicht-Autisten das für gewöhnlich machen. Das heißt, jede meiner Gesten und jede Regung in meinem Gesicht während einer Unterhaltung ist bewusst eingesetzt. Genauso muss ich jede Geste und jede Gesichtsbewegung meines Gegenübers bewusst anschauen und analysieren. Was bei Nicht-Autisten mal eben automatisch nebenbei läuft, ist für mich harte Arbeit. Und das frisst einfach sehr, sehr viel Energie. Es gibt Tage, an denen mir all das leichter fällt und es gibt Tage, an denen es mich innerhalb weniger Minuten auslaugt. An richtig guten Tagen merke ich sogar, wie einige Gesichtsbewegungen und Gesten beinahe automatisch und unbewusst funktionieren, an richtig schlechten Tagen bin ich wie eingerostet und jedes kleine Lächeln ist mühsam. Je vertrauter mir eine Person ist, umso leichter fallen mir die Unterhaltungen mit ihr. Erste Treffen sind für mich deshalb besonders anstrengend, aber die gibt es bei mir zum Glück auch nur sehr, sehr selten.

Der Anfang einer Unterhaltung ist meistens gut. Irgendwann merke ich aber, oft ziemlich plötzlich, dass ich wirklich angestrengt bin. Als erstes fühlt sich mein Hirn irgendwie schwerfällig an. Das Denken und das Formulieren von Sätzen werden schwieriger. Nach außen wirke ich wohl noch ganz normal, aber innen drin ist alles irgendwie zäh und langsam, als müsste ich meine Gedanken und Worte aus einer klebrigen Masse ziehen. Dann spüre ich, dass mein Gesicht nicht mehr so mitmacht, wie ich möchte. Es fühlt sich seltsam starr und steif an und mit jeder Regung wird es mühevoller, es überhaupt noch zu bewegen. Ich weiß nicht, wie das dann aussieht, aber ich habe zumindest den Eindruck, dass meine Mimik ganz krampfig wird. Meinem Mann ist das einmal bei einer Familienfeier aufgefallen. Er sagte, ich hätte ab einem gewissen Zeitpunkt die ganze Zeit dasselbe Grinsen im Gesicht gehabt. Da saßen wir allerdings auch schon ein paar Stunden lang mit einigen plaudernden Menschen an einem Tisch. Wenn ich merke, dass meine Mimik nicht mehr funktioniert, lasse ich mit der Gestik nach, um etwas mehr Energie für das Gesicht zu haben, denn das scheint wichtiger zu sein. Und das geht dann so weiter. Das Denken und Sprechen wird schwerfälliger und schwerfälliger und das Gesicht wird steifer und steifer, weil ich immer erschöpfter und erschöpfter von all dem vielen bewussten Wahrnehmen und Verhalten werde. Ich werde immer einsilbiger, kann immer schlechter verstehen, was mein Gegenüber sagt und immer schlechter darauf eingehen. Spätestens dann wirke ich vermutlich auch irgendwie gelangweilt oder desinteressiert, auch wenn ich es gar nicht bin. Ich bin nur k.o. Ich möchte weg, meine Ruhe haben, am besten irgendwo, wo es still und dunkel ist. Nichts sagen, nichts machen, nur so daliegen und mich ausruhen. Es ist dann ein bisschen so, als hätte ich einen Kater. Einen Sozialkater, sozusagen, oder einen Soziale-Interaktion-Kater. Den kuriere ich mit Schweigen und Ruhe aus. Meistens möchte ich erst mal wirklich gar nichts machen. Nach einer Weile fange ich an, irgendwas zu tun, das mir Spaß macht und dann geht es wieder bergauf. Je nach Tagesform und Anstrengung kann innerhalb weniger Stunden oder auch erst innerhalb eines ganzen Tages wieder alles gut sein. Wenn ich es natürlich völlig übertreibe und viel mehr Zeit mit jemandem verbringe, als mir gut tut, dann dauert natürlich auch die Erholungsphase wesentlich länger und kann sich über mehrere Tage hinziehen.

Je besser ich eine Person kenne, umso mehr Zeit kann ich mit ihr verbringen, bevor meine Grenzen erreicht sind. Meine wenigen, aber dafür sehr guten Freundinnen und Freunde kann ich gut um mich haben. Das liegt wohl daran, dass ich in ihrer Gegenwart insgesamt sehr entspannt bin, da ich sie gut einschätzen kann, sie mich kennen und ich nicht so sehr bemüht bin, möglichst normal auf sie zu wirken. Mir fällt dann alles etwas leichter und ich komme mit meiner Energie viel weiter. Trotzdem sind diese Treffen anstrengend und ich brauche danach viel Erholung, denn das grundlegende Problem, dass ich alles bewusst wahrnehmen, verarbeiten und tun muss, bleibt. Außerdem ist es für mich zum Beispiel wesentlich weniger anstrengend, nur ein Gegenüber zu haben als mehrere. In Gruppen bin ich, je nach Vertrautheitsgrad, entweder von Anfang an außen vor, wenn man mich nicht direkt anspricht, oder ich ziehe mich nach einer gewissen Zeit immer mehr zurück, bis ich ganz still bin und nur noch zuhöre. Aber Gruppen sind noch mal ein Thema für sich.

Mit meinem Mann ist es dann noch mal anders. In seiner Gegenwart kann ich regelrecht auftanken. Mir ist noch nicht ganz klar, woran das liegt. Die tiefe Vertrautheit allein kann es jedenfalls nicht sein, denn es ging mir mit ihm schon so, als wir uns noch ziemlich wenig kannten. Vermutlich liegt es einfach daran, dass ich bei ihm überhaupt nicht versuche, nicht-autistisch zu wirken. Weder steuere ich mein Verhalten gezielt, noch versuche ich permanent, seines vollständig zu erfassen. Wenn mir etwas unklar ist, frage ich. Die Kommunikation zwischen uns ist wunderbar direkt, unkompliziert und unanstrengend. Keine Ahnung, warum genau das mit ihm alles so leicht ist, aber es ist auf jeden Fall großartig!