Berufsschule.

Die Berufsschule war der Teil der Ausbildung, der mir im Vorhinein am meisten Angst gemacht hat. Eine gute und glückliche Schülerin war ich zuletzt in der vierten Klasse und das war zu Beginn meiner Ausbildung 16 Jahre her. Danach folgten neun schlimme Jahre am Gymnasium und am Ende dieser Zeit die unglaubliche Erleichterung, nie wieder zur Schule zu müssen. Sieben Jahre später war es dann aber doch wieder soweit.

An der Uni hatte ich mich langsam wieder zurückgekämpft in die Nähe dessen, was ich in der Grundschule geschafft habe und mir damals so leicht fiel: aktive, freudige Teilnahme am Unterrichtsgeschehen. Der Druck zur mündlichen Mitarbeit war weg, Noten gab es dafür schließlich nicht. Niemand kannte mich, also hatte ich nur wenig Angst, von Anfang an verurteilt zu werden. Und fast alle um mich herum waren auch einigermaßen unsicher, weil das Studieren für die meisten neu war. Außerdem war ich bestimmt nicht die einzige ewige Außenseiterin unter ihnen. Das alles machte mir genug Mut, um mich zu trauen, mich gleich in der ersten Woche hier und da in den Seminaren zu melden. Ich wurde immer sicherer, fühlte mich immer wohler und wurde immer aktiver. Das Studium war insgesamt eine sehr ermutigende, befreiende Zeit für mich, auch wenn ich weiterhin keine Ahnung hatte, wie man Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt. Ich traf auf eine Kommilitonin, die mich sprichwörtlich an die Hand und mit sich mitnahm, wodurch ich ein paar liebe Menschen kennenlernte, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls hatte ich vor der Ausbildung einerseits neun fürchterliche Schuljahre hinter mir, in denen ich mehr oder weniger wie gelähmt war und mündlich fast nur vieren und fünfen bekam und andererseits ein sechsjähriges Studium, das mir wirklich gut getan hatte und mir Hoffnung machte, mit der Berufsschule viel besser umgehen zu können als mit dem Gymnasium. Trotzdem war ich schrecklich nervös, als es losging. Was, wenn sich die schlechten Erfahrungen wiederholen würden? Was, wenn ich mich wieder vollkommen zurückziehen würde? Was, wenn die Berufsschulzeit eine einzige Qual werden würde? Wie sollte ich dann die Ausbildung schaffen, noch dazu mit guten Noten?

Und dann ging es los. Es war eigenartig, wieder ein Schulgebäude zu betreten. Eine Klasse zu haben. Einen Stundenplan. Lehrerinnen und Lehrer. Aber es war anders als damals, gleich von Anfang an. Wegen mir, denn ich hatte mich natürlich seitdem entwickelt. Wegen meiner Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, denn die waren natürlich alle keine Kinder, sondern junge Erwachsene. Und auch wegen der Lehrerinnen und Lehrer, denn die sahen uns nicht als zu erziehende Kinder, sondern als beruflich zu bildende Erwachsene. Eine Mischung aus Wohlbekanntem und Neuem. Beunruhigend und beruhigend zugleich. Der Unterricht begann, die Lehrerinnen und Lehrer machten auf mich alle einen guten Eindruck, die Unterrichtsinhalte fand ich interessant und ich hatte einen großen Ehrgeiz, diese Ausbildung mit guten, sehr guten Leistungen zu schaffen. Also nahm ich all meinen Mut und all meine positiven Erfahrungen aus dem Studium zusammen und hob fleißig meine Hand, um Fragen zu beantworten und zu stellen. Ich hatte mir fest vorgenommen, gleich von Anfang an aktiv dabei zu sein und gar nicht erst still in der Ecke zu sitzen und unsichtbar zu werden. Ich setzte mich nach vorne und brachte mich ein, in den ersten Wochen noch mit laut in meinem Kopf pochendem Herzschlag und einem inneren Zittern und Sausen, das außer mir hoffentlich niemand bemerkte und dann, nach und nach, mit immer mehr Ruhe und Selbstverständlichkeit. Ich wurde wieder ganz die emsige, begeisterte Streberin, die ich in der Grundschule war und die offenbar zu meinem Wesen gehört. Es war wunderbar! Ich fand alles interessant, hatte überall sehr gute Noten und war rundum zufrieden mit mir. Sogar der Sportunterricht, den wir alle zwei Wochen hatten, war irgendwie in Ordnung, bis auf all den Muskelkater und die Tatsache, dass ich nun mal nichts kann, was mit Bällen zu tun hat. Der Lehrer bewertete vor allem die Mühe, die wir uns gaben und den individuellen Fortschritt, den wir machten. Was wir tatsächlich hinbekamen, war nebensächlich. Außerdem verzichtete er auf erniedrigende Mannschaftswahlverfahren, bei denen ich schon in der Grundschule immer die letzte auf der Bank gewesen war, die nur unter Murren als Mitglied hingenommen wurde.

Besonders beliebt war ich nicht. Das ist eben das Los der Streberinnen und Streber und macht mir nichts aus, solange man mich in Ruhe lässt. Aber ich fand ein paar liebe Azubikolleginnen, beziehungsweise sie fanden mich, mit denen ich in der ersten Reihe saß und die ich gern mochte, was ganz offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Dafür war ich sehr dankbar. Trotzdem war es in der Berufsschule jeden Tag aufs Neue sehr anstrengend. Es gab Gruppenarbeiten, Referate, jede Menge Unruhe und Lärm und keine echte Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Während der Berufsschultage kam ich nicht einen Moment zur Ruhe. Nachmittags war ich jedes Mal vollkommen erledigt und oft genug froh, es überhaupt noch nach Hause geschafft zu haben. Die mindestens einstündige Bahnfahrerei war immer ein Kraftakt. Anfangs steckte ich das Ganze noch einigermaßen gut weg, weil ich so glücklich war, alles so gut hinzubekommen und endlich wieder die Schülerin sein zu können, die ich einfach war, aber mit der Zeit wurde es immer zehrender. Ein Glück, dass ich nur zweimal in der Woche zur Berufsschule musste und die meisten Arbeitstage regelrecht erholsam waren! Eine rein schulische Ausbildung hätte ich niemals so gut hinbekommen. Und so hangelte ich mich von Ferien zu Ferien, gab an nahezu jedem Schultag mein Bestes und war froh zu wissen, dass die Zeit dort nicht allzu lange dauern würde. Drei Jahre, sagte ich mir, schaffe ich schon. Vermutlich sogar nur zweieinhalb, wenn ich die Ausbildung verkürzen darf. Was ich dann auch durfte. Das letzte halbe Jahr war dann noch mal besonders anstrengend. Wie gut, dass zwischendurch noch Sommerferien waren! Ich war wirklich erschöpft von dem vielen auditiven und visuellen Input und vor allem von dem vielen Sozialkram, der einem abverlangt wird, wenn man stundenlang in einer Menschengruppe feststeckt. Es fiel mir immer, immer schwerer, diese Tage zu überstehen und mein Leistungsniveau zu halten.

Und dann erfuhr ich, dass es unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist, sich vom Berufsschulunterricht befreien zu lassen. Was für eine Nachricht! Das wollte ich unbedingt für die letzten drei Monate Ausbildungszeit, die mir noch nach den schriftlichen Abschlussprüfungen bleiben würden. Es war schwierig und dauerte viele Wochen, aber am Ende wurde meinem Antrag stattgegeben. Die schriftlichen Prüfungen liegen nun hinter mir und auch der erste Monat ohne Berufsschule ist inzwischen vorbei. Eine unglaubliche Erleichterung! Ich habe es tatsächlich geschafft! Meine Berufsschulzeit ist vorbei. Sie war schön und hart und glücklicherweise deutlich kürzer, als sie hätte werden können. Ich bin sehr, sehr froh und stolz auf mich, dass ich das geschafft habe, was ich geschafft habe. Es ist mir besser gelungen, als ich gehofft hatte.

Meine innere Hermine Granger ist wieder da.

Meine innere Hermine Granger ist wieder da! Noch nicht vollständig, aber zum größten Teil, denke ich. Das mit der Berufsschule und mir, das klappt ziemlich gut. Ich fühle mich dort wohl und gehe gern hin. Dass ich das mal sagen würde! Ich gehe gerne in eine Schule! Absurd, irgendwie. Und ich schaffe es tatsächlich, aktiv mitzumachen, sogar zu den Aktivsten zu gehören. Klar, das hatte ich mir vorgenommen, und ich hatte auch sehr gehofft, es zu schaffen, aber sicher war ich mir nicht, dass ich es auch hinbekommen würde. Sicher war ich mir nur, dass es nicht mehr so werden würde, wie damals am Gymnasium. Dass ich inzwischen viel gelernt habe und mich nicht mehr in so eine schlimme Lage manövrieren würde. Aber zwischen damals und dem, was ich mir wünschte, lagen Welten, und irgendwie bekomme ich es trotzdem tatsächlich hin, recht nahe an dem zu sein, was ich selbst als ideal bezeichnen würde. So ganz werde ich meinen eigenen Ansprüchen noch nicht gerecht, aber ich glaube, das kann ich noch hinbekommen. Und wenn nicht, ist das auch okay. Momentan bin ich auf jeden Fall zufriedener mit mir, als ich es für realistisch gehalten hatte.

Was dabei enorm hilft, ist, dass ich die Unterrichtsinhalte fast ausnahmslos interessant finde. Meinetwegen könnte das Tempo zwar um einiges angezogen werden, weil ich aus der Uni eine viel höhere Stoffdichte gewohnt bin und damit eigentlich gut zurecht kam, aber es ist in Ordnung, wie es ist. Die Berufsschule ist schließlich eher Nebensache und es schadet nicht, dass ich mich dafür nicht übermäßig anstrengen muss. Neu ist trotzdem alles, also lerne ich auch viel. Und mir bleiben dadurch mehr Kapazitäten für all das, was ich in der Praxisstelle lerne und für die vielen, vielen Paragraphen, die ich dafür jeden Tag lese. Das einzige, was mir nicht gefällt, weil es mich maßlos unterfordert und daher langweilt, ist der Englischunterricht. Na ja, und dann ist da noch der Sportunterricht alle zwei Wochen, wobei der sich inzwischen als weniger fürchterlich entpuppt hat, als ich anfangs angenommen hatte. Wirklich fürchterlich ist im Grunde nur der Muskelkater, den ich danach immer das ganze Wochenende über habe.

Inzwischen habe ich auch ein bisschen mehr Kontakt zu meinen Mitazubis. Ich gehöre zwar zu keinem der Grüppchen, die sich inzwischen gefestigt haben, dazu, aber das macht nichts. Ich suche keine engen Freunde. Ich will nur nicht generell von allen abgelehnt werden. Hier und da habe ich mich schon unterhalten. Darüber, wie uns die Ausbildung gefällt, wie unsere Praxisstellen so sind (wir sind ja alle in ganz unterschiedlichen Bereichen), wie das Azubi-Sein so ist im Vergleich zu dem, was wir vorher gemacht haben (manche von den anderen haben wie ich ein Studium abgeschlossen, manche anderen eine andere Ausbildung) und solche Dinge. Ich selbst gehe natürlich nie auf andere zu. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie das geht und werde das wohl auch nie lernen. Aber scheinbar bin ich manchen ganz sympathisch oder sie sind aus irgendwelchen Gründen neugierig auf mich oder sie wollen sich einfach unterhalten, wie auch immer, jedenfalls werde ich manchmal angesprochen und mit manchen klappt es tatsächlich, dass ein nettes Gespräch zwischen zwei Unterrichtsstunden daraus wird. Das ist schön, aber es ist auch anstrengend, deshalb brauche ich oft einfach Pausen von allem und ziehe mich zwischen dem Unterricht ganz von der Klasse zurück. Nicht besonders gesellig, ich weiß. Die Erholung ist aber wichtig.

Noch herminiger als in der Berufsschule bin ich in meiner Praxisstelle. Das hatte ich ja vor einer Weile schon erzählt und es ist seitdem nicht weniger herminig geworden. Es ist einfach alles so interessant und ich will alles ganz genau wissen, am besten schon seit Monaten! Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich viel zu viel Eifer für die Zeit habe, die so ein Tag nunmal so hat. Und dann ist da ja noch der Haushalt. Aber ich bin fleißig, auf der Arbeit sowieso und auch in meiner Freizeit, wenn es geht. Das ist, neben der Tatsache, dass ich mir sicher bin, in diesem Beruf die richtige Nische für mich zu finden, das beste an der Ausbildung: dass mich all das, was ich machen und lernen darf, wirklich interessiert. Und das ist bestimmt auch das, was meine innere Hermine Granger geweckt hat und ihr den Mut und die Energie gibt, sich endlich wieder durchzusetzen.

Schule.

Vielleicht sollte ich irgendwann mal ein Buch schreiben mit dem wunderbaren Titel „375 Arten, an der Schule zu scheitern, obwohl man einigermaßen intelligent ist.“ Es bekäme auch noch einen Untertitel oder wahlweise einen schicken Aufkleber, auf dem stünde „Mit freundlicher Unterstützung von erst im Masterstudium erkanntem Autismus.“ Die Schule war einfach kein guter Ort für mich, und das war in erster Linie sehr schade, denn ich bin eigentlich jemand, der sehr gerne lernt, neugierig ist und Spaß daran hat, sich mit allem Möglichen zu beschäftigen und zu versuchen, es zu verstehen. Im Grunde beste Voraussetzungen. Die Grundschule fand ich auch wirklich toll. Der Kindergarten war überhaupt nichts für mich gewesen und dem ersten Schultag habe ich entgegen gefiebert, sobald ich verstanden habe, was so eine Schule überhaupt ist. Das war irgendwann zwischen meinem vierten und fünften Geburtstag. Als es endlich soweit war, begann ich voller Eifer alles regelrecht aufzusaugen. Ich mochte jedes Schulfach und war in allem ziemlich gut. Außer in Sport. Ein bisschen wurde meine Begeisterung dadurch gedämpft, dass ich die meiste Zeit über eher unterfordert war. Zum Beispiel durften wir meistens am Ende der Unterrichtsstunden schon mit den Hausaufgaben beginnen, wenn wir mit unserer letzten Unterrichtsaufgabe früher fertig waren, und ich war immer so schnell, dass ich im Grunde nie irgendwas zu Hause machen musste. Es war auch immer so gut wie alles fehlerfrei. Wenn ich im Unterricht aufzeigte, nahmen mich die Lehrer kaum dran. Es war ohnehin klar, dass ich alles wusste. Ich war meistens im Stoff schon ein ganzes Stück voraus, wie eine richtige kleine Hermine Granger, nur ohne die ganze Magie, leider. Und ich freute mich riesig aufs Gymnasium und auf all die neuen, spannenden Fächer.

Leider war es dort dann überhaupt nicht mehr schön. Ich war überfordert. Nicht mit dem Stoff, zumindest nicht grundsätzlich oder von Anfang an, aber mit allem anderen, und dadurch dann letzten Endes auch mit dem Stoff. Anfangs überforderte mich ganz besonders die Situation, mitten in einer Schar von 35 Kindern zu sein, die alle ganz aufgeregt versuchten, einander kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Im Kindergarten war das nicht so gewesen, da kamen jedes Jahr ein paar Kinder zu einer bestehenden Gruppe dazu, alles ging peu à peu, und wir waren auch insgesamt viel weniger Kinder. Außerdem konnte ich mich dem Gewusel dort besser entziehen. Es gab zwar ab und an gemeinsames Programm, aber die meiste Zeit konnte ich ganz in Ruhe am Mal- und Basteltisch verbringen. In der Grundschule bekam ich von diesem ganzen Kennenlerntreiben auch so gut wie nichts mit. Ich weiß nicht genau, woran das lag, aber ich denke, es war zum einen nicht so trubelig wie am Gymnasium und zum anderen war ich selbst einfach sehr stark auf den Unterricht und das Lernen fokussiert und habe mich bei allem anderen zurückgezogen und rausgehalten. Irgendwie ging das am Gymnasium nicht. Die gesamte Klasse war in den Pausen als riesige, laute Traube unterwegs und erkundete das Schulgelände. Mir war das viel zu viel. So viele Kinder auf einmal! Eine einzige andere Person hätte mir vollkommen gereicht. So eine Gruppe überforderte mich maßlos. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich verhalten oder was ich sagen sollte, wie ich irgendwie Kontakt aufnehmen konnte, auch wenn etwas in mir das ganz gerne wollte, zumindest zu einem gewissen Grad. Ich konnte das Ganze nur von außen betrachten und verstand nichts. So geriet ich schon in den ersten paar Tagen ins Abseits, in das ich über die kommenden Wochen und Monate hinweg immer und immer weiter hineinrutschte. Und da blieb ich auch die ganzen neun Jahre lang. Ich fand zwar nach einigen Wochen eine Freundin (oder besser gesagt: sie fand mich), die mit ihrer lieben, ruhigen, offenen Art genau der Mensch war, in dessen Gegenwart ich mich wohlfühlen konnte, und ich wurde über sie sogar Teil einer Viererclique, die die ganze Schulzeit über fest zusammenhielt, was unendlich wertvoll war, aber ich war eben für die Klasse trotzdem die Komische, die Abweisende, die Arrogante, Kalte, Blöde, mit der man nichts zu tun haben wollte, die man ärgern konnte, über die man lachte.

Das alles hemmte mich. Dass ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte und mich völlig fehl am Platz fühlte und dass die anderen Kinder so auf mich reagierten. Ich will ihnen nicht die Schuld geben, zumindest auf keine Fall die alleinige, denn ich muss ihnen mit meinem Verhalten einen Grund geliefert haben, so auf mich zu reagieren, wie sie es eben taten. Ich verstand das bloß alles nicht. Ich verstand nicht, was los war, was ich falsch machte, was falsch mit mir war, ich merkte nur, dass etwas nicht stimmte und dass das offensichtlich ich war. Das tat unheimlich weh. Ich verstand gar nichts. Und zog mich zurück. Ich fühlte mich unendlich unwohl. Jeder Schultag war eine Qual. Ich ging von Tag zu Tag weniger gerne hin. Ich zog mich mehr und mehr in mich zurück. In den ersten Tagen nahm ich noch begeistert am Unterricht teil, freute mich auf jedes neue Fach und wollte alles wissen, aber schon in den ersten paar Wochen nahm die Begeisterung rapide ab. Ich bekam das irgendwie nicht auf die Reihe, diese wahnsinnige Verunsicherung was all die sozialen Dinge betraf, dieses Miteinander, das ohne mich stattfand, teilweise sogar gegen mich und das ich überhaupt nicht begriff. Ich fühlte mich so hilflos und so gnadenlos überfordert, dass es mich mehr und mehr lähmte, bis ich irgendwann so gut wie gar nichts mehr machte. Ich saß nur so da und hörte zu, so gut es ging. Und selbst das wurde immer schwieriger, je unwohler ich mich mit der Gesamtsituation fühlte. Auch die Hausaufgaben zu erledigen fiel mir zunehmend schwer. Nach der Schule wollte ich einfach nur noch weg, nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort denken, mit nichts mehr konfrontiert sein, was irgendwie damit zusammenhing. Dadurch wurden natürlich auch meine Leistungen immer schwächer. In manchen Fächern war ich einfach gut, ohne einen Finger dafür krümmen zu müssen, und in diesen Fächern konnte ich mir immerhin ein Minimum an mündlicher Mitarbeit erhalten, aber im Großen und Ganzen verstummte ich. Das war natürlich schlecht, nicht nur für meine mündlichen Noten, sondern auch für die schriftlichen. Wer die Hausaufgaben nur sehr schluderig und manchmal sogar gar nicht macht und im Unterricht nicht richtig anwesend ist, verliert den Anschluss, das ist vollkommen logisch. Das nagte sehr an meinem Selbstwertgefühl, das durch die ganze soziale Situation in der Klasse ohnehin schon ziemlich am Boden war. Und das führte zu noch mehr Rückzug und Passivität. Ich hatte irgendwie nicht die Kraft, etwas daran zu ändern. Und ich wusste auch nicht wirklich, wie ich das hätte anstellen sollen. Die Lehrerinnen und Lehrer verstanden mich auch nicht so recht. Sie hatten ja anfangs gemerkt, dass ich eigentlich ganz intelligent bin und alles recht schnell verstehe und außerdem war ich in den paar Fächern, die mir auch ohne jede Mühe sehr leicht fielen, weiterhin schriftlich gut bis sehr gut. Sie versuchten mit mir zu reden, aber ich begriff ja nicht mal selbst so richtig, was eigentlich mein Problem war, also konnte ich es unmöglich erklären und sie konnten es nicht erkennen. Sie versuchten auf die unterschiedlichsten Arten, mich zu mehr Mitarbeit zu animieren und mehr Leistung aus mir herauszukitzeln. Das setzte mich unheimlich unter Druck, auch wenn sie das sicher nicht so beabsichtigt hatten, und Druck konnte ich wirklich überhaupt nicht gebrauchen, weil ich mich ziemlich schwach fühlte. Ich war nach einiger Zeit schlicht und ergreifend nicht mehr in der Lage, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen oder mich gar daran zu beteiligen und irgendwann entwickelte ich auch eine trotzige Weigerungshaltung allem und jedem Gegenüber. Die war nicht immer da, kam aber immer mal wieder durch und diente im Nachhinein betrachtet vermutlich zu einem gewissen Teil dem Selbstschutz. Ganz bestimmt kamen auch noch sensorische Probleme dazu, die ich selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst bemerkte oder gar erkannte, die aber natürlich trotzdem ihren Teil dazu beitrugen, dass ich völlig überfordert war und oft nicht mal einen klaren Gedanken fassen konnte. Meine soziale Überforderung war mir immerhin irgendwie bewusst, auch wenn ich sie nicht mal ansatzweise einordnen und greifen konnte. Alles, einfach alles war zu viel und machte mir einen Druck, dem ich nicht gewachsen war. Das einzige, was ich hinbekam, war diesen Druck irgendwie auszuhalten, die Tage zu überstehen und zu warten, dass die Zeit vergeht und nach der Schule endlich alles besser wird. Ich steckte mitten in einer Art Überforderungsstrudel, den niemand sehen konnte und aus dem ich nicht heraus kam. Ich begriff nicht, was los war und meine Lehrerinnen und Lehrer noch viel weniger. Sie hielten mich irgendwann einfach für faul und stur. Für eine Schulverweigerin. Dazu habe ich ihnen aus ihrer Sicht ganz bestimmt allen Grund gegeben. Dabei war ich tief in mir drin genau das Gegenteil.

Mit jedem neuen Schuljahr, mit jedem neuen Fachlehrer und jeder neuen Fachlehrerin, mit jedem neuen Fach nahm ich mir vor, es nun doch endlich hinzubekommen und die gute Schülerin zu sein, von der ich irgendwie immer noch wusste, dass ich sie eigentlich sein konnte. Vielleicht keine absolute Überfliegerin in allem, aber sicherlich nirgendwo wirklich schlecht, insgesamt irgendwo im guten Mittelfeld.  Aber ich scheiterte. Immer und immer wieder. Natürlich. Wie sollte ich auch ein Problem lösen, das ich überhaupt nicht erkannte? Ich kam da nicht mehr raus, aus diesem Strudel aus Überforderung, Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, Selbstzweifeln, Scham, Wut, Trotz und Verwirrung. Ich biss mich einfach irgendwie durch, immer mit dem Ziel vor Augen, irgendwann mit der Schule fertig zu sein und danach mit was auch immer ganz neu anzufangen.

Während der inzwischen sieben Jahre nach meinem Abitur habe ich studiert, nebenbei gearbeitet und wahnsinnig viel gelernt. Einiges über Literaturwissenschaften, ein bisschen über Medienwissenschaften, ganz viel über Linguistik und vor allem sehr viel über mich selbst. Bald gehe ich wieder zur Schule. Zur Berufsschule. Nur an zwei Tagen in der Woche, aber immerhin. Ich habe ein bisschen Angst davor. Aber ich bin mir auch sicher, dass es nicht noch mal so wird, wie es am Gymnasium war.