In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen.

Unglaublich, wie schnell die letzten fünf Monate vergangen sind. Zack, ist er schon wieder vorbei, der zweite Praxisabschnitt meiner Ausbildung. Schön war er! Ich habe viel gelernt, hatte viel Spaß an der Arbeit und hatte dabei viel Ruhe. In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen: hohe Detailwahrnehmung, hoher Fokus, Begeisterungsfähigkeit, hohe Merkfähigkeit, schnelles Aneignen von Fachwissen. All das war für meine Arbeit wichtig, wurde von meiner Praxisanleiterin sehr an mir geschätzt und hat dafür gesorgt, dass ich schon nach drei Wochen beinahe wie eine vollwertige Sachbearbeiterin eingesetzt werden konnte. Beinahe, weil Auszubildende aus diversen nicht ganz nachvollziehbaren Gründen keine Zugang zu einer bestimmten Software bekommen können und ich die für einige Tätigkeiten gebraucht hätte. Aber auch so hatte ich jede Menge zu tun und das war wirklich toll.

Ich konnte sehr strukturiert und routiniert arbeiten, mir meine Zeit und die Arbeitsschritte selbstständig einteilen und musste mit niemandem zusammenarbeiten. Meine Praxisanleiterin merkte schnell, dass ich interessiert war, gut lernte und sie mich problemlos einfach machen lassen konnte. Bei Fragen war sie immer da und wenn es was Neues gab, erklärte sie es mir natürlich, ansonsten saß jede von uns an ihrem Arbeitsplatz und machte vor sich hin ihr Ding. Mit anderen Kolleginnen und Kollegen hatte ich nur wenig zu tun und wenn, dann rein fachlich. Ideale Bedingungen also.

Durch diese ausgesprochen guten Rahmenbedingungen habe ich mich rundum wohl gefühlt und das wiederum hat natürlich dafür gesorgt, dass ich wirklich gute Leistungen erbringen konnte. Wodurch das Ganze mir noch mehr Spaß gemacht hat und ich mich noch besser darin vertiefen konnte. Ich weiß jetzt alles über Baustellen! Jedenfalls alles, was man rechtlich (und zum Teil auch aus Ingenieurssicht) über die Nutzung öffentlichen Straßenlandes für Baumaßnahmen wissen muss, denn das war mein Sachgebiet. Ich kann an keinem Fassadengerüst und keinem Bauzaun mehr vorbeigehen, ohne wenigstens kurz darüber nachzudenken und grob zu beurteilen, ob das Ganze so genehmigungsfähig ist. Spoiler: Oft genug ist es das nicht. (Ich weiß nicht, wie das in anderen Bundesländern ist, aber stellt lieber keine Schuttcontainer und Miettoiletten einfach so auf den Gehweg. Hier ist das jedenfalls nicht erlaubt und trotzdem machen das genug Menschen, ohne sich vorher zu informieren.)

Mein Eifer und meine Begeisterung haben nicht nur meine Praxisanleiterin sehr gefreut, sondern auch meinen Gruppenleiter. Im abschließenden Beurteilungsgespräch haben sie mir ein wirklich tolles Stellenangebot gemacht, das ich unbedingt annehmen will. Ich würde erst einmal in den Bereich kommen, in dem ich jetzt war und später über eine größere Weiterbildung in ein anspruchsvolleres Sachgebiet wechseln. Der Gruppenleiter hat schon einen Karriereplan für die nächsten paar Jahre für mich ausgetüftelt und mit dem Amtsleiter besprochen. Es wäre wirklich großartig, wenn das klappt, aber dafür muss ich erst mal die Zwischenprüfungen mit entsprechenden Noten bestehen, die Ausbildung tatsächlich verkürzen können und einige organisatorische Punkte zu meinem Ausbildungsverlauf mit der Ausbildungsleitung klären. Also mal abwarten. Jedenfalls hat mein Autismus mir wirklich viel genutzt in diesen letzten Monaten. Auch, wenn ich mir wieder anhören durfte, ich sei doch sehr still und introvertiert und könne ruhig noch ein bisschen mehr aus mir herausgehen. Angesprochen habe ich meine Diagnose trotzdem wieder nicht. Ich hatte das ja eigentlich vor, aber ich wusste schon wieder nicht, wann und wie und letztendlich weiß ich auch nicht, ob es wirklich gut gewesen wäre. Ich kann nie einschätzen, ob es gut und sinnvoll ist, sich einer konkreten Person anzuvertrauen oder nicht. Da es keine Teamarbeit oder Ähnliches gab und die Bedingungen auch sonst super für mich waren, habe ich keinen Anlass gefunden.

Was natürlich wieder schwierig und anstrengend war, war das Socialising. Mittagspausengespräche, Smalltalk vor der Mikrowelle, auf Kolleginnen und Kollegen zugehen, mit denen ich fachlich etwas besprechen muss… Alles nicht mein Ding. Ich hoffe dann immer, dass die anderen merken, dass ich nur ungeschickt bin und nicht denken, ich würde sie alle blöd finden oder wäre total arrogant und desinteressiert. Die meisten waren mir nämlich tatsächlich zumindest im Arbeitskontext ganz sympathisch. Und im Hinblick darauf, dass ich eventuell in eineinhalb Jahren zurückkomme und dann erst mal auf unbestimmte Zeit bleibe, wäre es mir natürlich am liebsten, wenn niemand Groll gegen mich hegt, weil ich mich komisch verhalten habe und jemand das persönlich genommen hat. In dem Bereich ist mein Autismus dann wieder hinderlich. Na, mal abwarten. Die, mit denen ich ab und an fachlich zu tun hatte, haben mich jedenfalls freundlich verabschiedet. (Soweit ich das beurteilen kann. Ich weiß ja nie, was mir alles an Signalen entgeht.)

Ab Montag geht es direkt in den nächsten Akademieblock und die Berufsschule hat auch schon wieder angefangen. In den kommenden Monaten werde ich also in erster Linie lernen, lernen und lernen. Ich freue mich drauf, auch wenn das heißt, dass ich wieder jeden Tag von den anderen Auszubildenden meines Jahrgangs umgeben bin, was natürlich auch anstrengend ist. Aber im letzten Block war das Lern- und Arbeitsklima ganz gut, deshalb hoffe ich, dass diesmal auch wieder alle fleißig oder mindestens ruhig sind und ich nicht mit so viel Sozialkram konfrontiert werde. Die anderen Streberinnen aus der ersten Reihe, mit denen ich in der Berufsschule am meisten Kontakt habe, nehmen jedenfalls seit meinem Outing vor ein paar Monaten viel Rücksicht auf mich und lassen mir meine Ruhe, wenn ich sie brauche, ohne beleidigt zu sein. Das ist schon sehr viel wert.

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Überfordernde Brötchen und Nachbarn.

Stur, bockig und faul, das war ich vor allem als Kind und auch als Jugendliche. So sah es wohl zumindest von außen aus, denn das wurde mir immer wieder rückgemeldet.

Innen war es anders. Innen war ich in erster Linie überfordert, und zwar mit Dingen, bei denen man das, vor allem bei einem recht intelligenten und sprachgewandten Kind wie ich es war, nicht erwartete. Ich war damit überfordert, zum Bäcker zu gehen und Brötchen zu kaufen. Ich war damit überfordert, im Supermarkt zur Frischwarentheke zu gehen und Käse und Wurst zu kaufen. Sogar das Bezahlen an der Kasse war eine echte Hürde. Es überforderte mich, Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße zu grüßen, und das ist in einem kleinen Dorf wirklich nicht schön, weil da andauernd jeder jeden grüßt. Und ich war damit überfordert, mein Zimmer aufzuräumen. Das war längst noch nicht alles, aber es waren Dinge, die mir besonders zusetzten und die besonders oft zu Streit und Problemen führten.

Was mich überforderte, war, dass ich nicht wusste, wie ich diese Dinge erledigen sollte. Mir fehlten die Strukturen hinter den Tätigkeiten, die Regeln und Muster, nach denen sie ablaufen mussten. Ich versuchte, durch Beobachten herauszufinden, was ich wann und wie machen musste, aber irgendwie gelang es mir nicht. Die Prozesse schienen viel zu komplex. Beim Bäcker fing es schon beim Betreten des Ladens an. Musste ich da schon jemanden anschauen, jemanden grüßen, irgendwas Bestimmtes tun? Und wo musste ich mich hinstellen? Das war auch immer an der Frischwarentheke im Supermarkt schwierig. Die Leute standen ohne ein für mich erkennbares Schema nebeneinander herum und trotzdem wusste immer jeder genau, wann er an der Reihe war. Ich nicht. Ich war verwirrt. Die Menschen verhielten sich unstrukturiert, wanderten vor der Auslage herum, betrachteten die Lebensmittel und irgendwann reagierten sie auf „Wer ist der Nächste?“ mit „Ich!“ Das bekam ich nicht hin. Ich fand nie heraus, wann ich an der Reihe war. Deshalb stand ich oft viel zu lange vor der Theke herum und wurde von einem Kunden nach dem anderen übergangen. Vermutlich hielt ich auch immer viel zu viel Abstand zu dem ganzen Treiben und wirkte nicht so, als wollte ich etwas bestellen. Im Grunde genommen wollte ich das auch nicht. Ich wollte weg. Dass ich schließlich doch zu meiner Bestellung kam, verdankte ich so gut wie jedes Mal einer aufmerksamen Person, die sowas sagte wie „Die junge Dame war vor mir da, sie ist dran.“ Danach folgte immer ein sehr unangenehmes Gespräch, in dem ich meine Bestellungen mehrmals wiederholen musste, weil ich nicht in der Lage war, laut und deutlich genug zu sprechen. Dafür war ich viel zu angespannt und dann waren meine Probleme, meine Stimme richtig einzusetzen und einzuschätzen, ganz besonders groß. Eine Zeit lang war es noch okay, den Verkäuferinnen und Verkäufern einfach den Einkaufszettel, den meine Eltern mir geschrieben hatten, in die Hand zu drücken, aber irgendwann merkte ich, dass ich dafür inzwischen nicht mehr jung genug war. Und selbst, als ich den Zettel noch einfach rüberreichen konnte, war ich überfordert mit dem, was ich sagen musste, dem einfachen „Bitte“ und „Danke“, mit der gesamten Situation. Ich bekam meinen Mund nicht auf. Es kamen einfach keine Worte, als hätte ich mit dem Betreten des Ladens das Sprechen verlernt. Ich konnte nicht. Ich konnte mein Gegenüber nicht einmal ansehen oder freundlich lächeln. Ich wusste nicht, wie.

So ging es mir auch immer mit den Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße. Ich wusste, dass ein Gruß erwartet wurde und meine Eltern schärften mir das auch regelmäßig ein, aber ich bekam es nicht hin. Den Menschen ins Gesicht zu sehen, in die Augen, und dann noch lächeln und einen passenden Gruß aussprechen, das schaffte ich einfach nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, weil ich unhöflich und stur war, sondern weil es schlicht und ergreifend zu viel war. Weil es mich maßlos überforderte, anderen in die Augen zu schauen, vor allem mehr oder weniger fremden Personen. Weil ich nicht wusste, was ich wann und wie genau machen musste. Mir war nicht klar, was exakt das richtige Verhalten in diesem Moment war und da mir die Intuition für sowas eben fehlt, konnte ich es auch nicht ermitteln. Da war kein Gefühl, auf das ich mich verlassen konnte. Das habe ich bis heute nicht und werde es nie haben. Ich hätte ganz klare und eindeutige Instruktionen gebraucht. Die gab es aber nicht.

Und genau das war auch das Problem mit dem Zimmer aufräumen. Mein Zimmer sah so gut wie immer aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, wie meine Eltern es sehr treffend formulierten. Das war nicht schön, auch für mich nicht. Aufräumen konnte ich es trotzdem nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht wusste, wie. Ich sah nur Chaos, ein unglaubliches Chaos aus unglaublich vielen Einzelteilen und hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich das in Ordnung bringen sollte, also ignorierte ich es. Ab und an sprachen meine Eltern ein Machtwort und dann blieb mir nichts anderes übrig, als doch aufzuräumen, aber es war jedes Mal ein furchtbarer innerer Kampf. Ich tigerte aufgewühlt durch mein Zimmer, raufte mir die Haare, bohrte mir die Fingernägel ins Gesicht und wollte mich nur noch unter der Bettdecke verkriechen und weinen. Oft saß ich irgendwann ratlos auf dem Boden und starrte ins Leere, bis ich mich wieder gefangen hatte. Dann begann ich, ziellos Gegenstände von einer auf die andere Stelle zu räumen und quälte mich langsam durch, bis ich es irgendwie geschafft hatte. Ich mochte die Ordnung danach immer, aber ich schaffte es nicht, sie aufrecht zu halten und sobald es wieder chaotisch war, war ich wieder überfordert und wollte mich dem nicht stellen, denn es fühlte sich einfach schrecklich an.

Als meine Eltern anfingen, mir kleine Aufgaben wie Brötchen holen und Aufschnitt einkaufen zu übertragen, versuchte ich, ihnen mitzuteilen, dass ich das nicht konnte und es für mich zu viel und ganz fürchterlich war, aber das bekam ich nicht hin. Meine Versuche klangen wohl wie unglaubwürdige Ausreden, die ich mir ausdachte, weil ich keine Lust hatte, diese Aufgaben zu erledigen, jedenfalls kamen meine Eltern zu dem Schluss, dass ich mich aus Faulheit und Trotz weigerte. Irgendwann nahm ich die Faulheit und den Trotz für mich an. Aus meinem „Ich kann das nicht“ und „Ich weiß nicht, wie“ wurde ein „Ich will das nicht“, und das war ja nicht einmal falsch. Ich wollte diese Dinge, die mich so sehr überforderten, nicht machen. Bloß aus einem ganz anderen Grund, als es den Anschein hatte. Genauso war es auch mit meinem unordentlichen Zimmer und den Nachbarinnen und Nachbarn. Ich wirkte faul, stur und unhöflich, also fing ich irgendwann an, das selbst so zu formulieren. „Ich räume mein Zimmer nicht auf, ich habe keine Lust dazu und mich stört das Chaos gar nicht!“ „Nein, ich will die alle nicht grüßen, die sind sowieso doof, mir doch egal, was die denken!“ Das war zu dem Zeitpunkt, zu dem ich mit diesen Ausreden anfing, nicht einmal komplett gelogen, zumindest was die Menschen im Dorf betraf. Es verband mich nichts mit ihnen. Das war aber nicht der Grund für mein Verhalten und unhöflich und abweisend sein wollte ich eigentlich gar nicht. Aber die Ursache, meine tiefe Überforderung, konnte ich mir selbst nicht eingestehen und anderen dadurch natürlich erst recht nicht. Wer gibt auch schon gerne zu, so vollkommen alltägliche und banale Dinge nicht hinzubekommen? Ich fühlte mich wie eine absolute Versagerin und die wollte ich nicht einmal vor mir selbst sein. Vor anderen schon mal überhaupt nicht. Da war ich lieber bockig, stur und faul.

Inzwischen ist das alles besser geworden. Die Schwierigkeiten an sich sind immer noch da, aber ich habe es geschafft, mir Verhaltensmuster für Wursttheken und grüßende Menschen auf der Straße anzueignen und kann sie anwenden, wenn es sein muss. Das war harte Arbeit und unangenehm sind diese und ähnliche Situationen immer noch für mich. Ich vermeide es tunlichst, Brötchen oder sonst irgendwas an einer Theke einzukaufen. Eine Nachbarschaft, in der man sich grüßt, habe ich schon seit Jahren nicht mehr und für mein Aufräumproblem habe ich mir, wie für so Vieles, eine kleinteilige Strategie erarbeitet. Ich bin immer noch überfordert, aber ich weiß inzwischen, wie ich damit umgehen muss.

Plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie mich Zusammenarbeit mit anderen tatsächlich kostet.

Seit drei Wochen bin ich jetzt in meiner neuen Praxisstelle und sie ist einfach toll! Kein Publikumsverkehr, ein kleines, ruhiges Büro nur zusammen mit meiner Praxisanleiterin, die still vor sich hinarbeitet, wenn sie mir nicht gerade etwas erklärt, und jede Menge Interessantes zu tun, das ich vollkommen eigenständig erledigen kann. Es ist großartig! Bei meiner ersten Praxisstelle war nur recht wenig Eigenständigkeit möglich, weil ich als Auszubildende aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugriff auf die Fachsoftware bekommen konnte und deshalb bei den allermeisten Aufgaben mit meiner Praxisanleiterin zusammen am Computer saß.

Ich habe schon wieder jede Menge gelernt und auch, wenn jetzt am Anfang alles wieder ein bisschen viel ist und mir der Kopf oft schwirrt vor lauter Informationen, geht es mir richtig gut. Klar, ich muss mich neu einfinden und bin immer noch jeden Morgen auf dem Weg zum Büro ziemlich nervös, weil ich noch nicht so gut einschätzen kann, was am Tag auf mich zukommt und alles noch recht fremd ist, aber ich fahre jeden Nachmittag mit einem guten Gefühl wieder nach Hause. Ich brauche eben etwas Zeit, um mich an neue Situationen zu gewöhnen und weiß inzwischen, wie ich mit der inneren Unruhe umgehen muss, die immer mit ihnen einhergeht, und dass ich mich davon nicht aus der Bahn werfen lassen muss. Ich sage mir dann, dass mein Hirn nun mal so ist, wie es ist. Dass es erst mal verarbeiten und sich umstellen muss und dass das nun mal nicht von heute auf morgen funktioniert. Es ist nicht immer leicht, damit umzugehen, aber zu wissen, dass mit neuen Situationen jedes Mal große Unruhe, Sorgen, Ängste und Unsicherheiten kommen, aber nach einer Weile eben auch wieder verschwinden, hilft mir sehr. Jedes Mal habe ich aufs Neue das Gefühl, der Veränderung nicht gewachsen zu sein und jedes Mal würde ich am liebsten fliehen. Zu wissen, dass das bei mir dazu gehört, mein Hirn sich irgendwann wieder beruhigen wird und dann alles gut ist, lässt mich das mittlerweile aber recht gut aushalten, auch wenn es natürlich jedes Mal nicht schön ist und viel Stress bedeutet. Irgendwie habe ich es geschafft, dahingehend eine gewisse Grundgelassenheit zu entwickeln. Ohne die Autismusdiagnose und alles, was ich in dem Zusammenhang über mich gelernt habe, hätte ich das sicher nicht geschafft. Stattdessen würde ich mich weiterhin für viel zu schwach und ziemlich dumm halten, wenn ich mal wieder mit Veränderungen konfrontiert bin und erst mal nicht mit ihnen zurecht komme.

Neben allem neuen Fachlichen habe ich auch wieder eine interessante Erkenntnis über mich selbst gewonnen. Mir war zwar immer klar, dass es mich ziemlich anstrengt, mit anderen Menschen zu interagieren und zusammenzuarbeiten, aber mir war nicht klar, wie groß das Ausmaß dieser Anstrengung tatsächlich ist. Das merke ich erst jetzt, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Tätigkeit ausübe, bei der keine Zusammenarbeit und im Grunde nicht mal Interaktion mit anderen nötig ist. Klar, ich bin Auszubildende und gerade lerne ich wieder ganz viel Neues, also muss man mir alles erst mal erklären und ich habe zwischendurch selbstverständlich auch einige Fragen, aber das sind wenige, ganz kleine Häppchen über den Tag verteilt. Zusammengenommen nicht mal eine Stunde. Und plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie die Zusammenarbeit mit anderen mich wirklich kostet. Ich bin selbst ein bisschen verblüfft, dass ich darüber überrascht bin und wie sehr ich unterschätzt habe, wie groß der Anteil an meiner Kraft ist, der für Interaktion draufgeht. Damit meine ich nicht einmal sowas wie Publikumsverkehr (denn dass der mir zu viel ist, war mir natürlich bewusst), sondern schon die ganz alltägliche Teamarbeit, die in den meisten Jobs ständig anfällt. Meine Arbeitstage sind jetzt so viel leichter und angenehmer, ich habe so viel mehr Spaß an der Arbeit und die Zeit fliegt regelrecht dahin, es ist unglaublich! Meine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist deutlich höher und nach Feierabend bin ich kein bisschen erschöpft, sondern höchstens ein bisschen müde. Ich finde das ganz und gar erstaunlich. So ging es mir bisher noch nie, mit nichts von dem, was ich gemacht habe. Ich wusste nicht, dass ich so viel und so lange arbeiten kann, ohne hinterher mindestens sehr müde zu sein und mich mehr schlecht als recht durch den restlichen Tag zu schleppen. Aber es geht! Ich brauche bloß meine Ruhe vor anderen Menschen, denn interaktiv sein zu müssen ist für mich offensichtlich mit Abstand die größte Belastung. Wenn sie wegfällt, ist alles andere ziemlich leicht. Wirklich verwunderlich, dass mir das nie in dem Maße bewusst war.

So, wie es bisher in dieser Praxisstelle läuft, kann es auf jeden Fall weitergehen. Sogar inhaltlich finde ich die Arbeit in der Straßensondernutzung sehr interessant. Ich weiß, Baustelleneinrichtungsflächen, Schuttcontainer und Aufgrabungen klingen erst mal nicht sonderlich spannend, aber ich beschäftige mich gerne mit den gesetzlichen Regelungen dazu. Da gibt es wirklich viel zu wissen und zu beachten. Mir macht es immer Spaß, mich mit sowas auseinanderzusetzen und dadurch ein kleines Stück Welt mehr zu verstehen. Von heute aus betrachtet sehen die nächsten Monate also gut aus. Ich freue mich darauf.

 

Kurze Anekdote: Das Aufnahmegerät.

Während meines Bachelorstudiums habe ich mir ein Aufnahmegerät für fast 200 Euro gekauft, weil ich mir sonst an der Uni eins hätte ausleihen müssen, und das hat mich völlig überfordert.

Ich war 21 Jahre alt und im dritten Semester. Zumindest in meinem Hauptfach. In meinem Nebenfach, der Medienwissenschaft, war es das erste. Alles war neu. Ich kannte weder die Dozenten noch den Fachbereich oder das Institut.

In einem meiner Seminare ging es um Hörfunkbeiträge, sowohl theoretisch als auch praktisch. Als benoteten Leistungsnachweis mussten wir selbst Beiträge produzieren. Die Aufnahmegeräte, die wir dafür benutzen sollten, konnten wir uns kostenlos aus dem Bestand des medienwissenschaftlichen Instituts ausleihen.

Ich war überfordert. Ich wusste nicht, wo genau man an diese Geräte rankam, wann die Öffnungszeiten dieser Stelle waren, was man alles beachten musste und vor allem nicht, wie man sich bei diesem ganzen Ausleihprozess verhalten musste, was man sagen musste. Ich fühlte mich schon in der Bibliothek jedes Mal ganz fürchterlich, dabei mag ich Bibliotheken, aber ich war schrecklich unsicher und wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Mir fehlte für diese Situationen ein Plan, ein Verhaltensmuster, an das ich mich halten konnte und Sätze, die ich verwenden konnte. All das Neue und Unbekannte war so überwältigend und einschüchternd, ich kam gar nicht mit dem Aufnehmen und Verarbeiten hinterher. Ich brauche lange, um mich an neue Umstände zu gewöhnen, muss ganz in Ruhe immer wieder beobachten und analysieren können, mir Zeit nehmen, um zu überblicken und zu verstehen.

Die Zeit hatte ich für meinen Leistungsnachweis aber nicht. Tagelang dachte ich alles durch, versuchte, mir einen Plan zu machen, war permanent schrecklich aufgewühlt und rastlos. Aus Unruhe wurde Angst, aus Angst wurde Panik. Ich zermaterte mir das Hirn und mir wurde immer klarer: Losgehen und mir ein Aufnahmegerät leihen, das würde ich einfach nicht schaffen. Die Hindernisse waren zu hoch für mich.

Die einzige umsetzbare Lösung, die ich fand, war, mir ein eigenes Aufnahmegerät zu kaufen. Zum Glück wusste ich, welches Modell sie an der Uni hatten. Der Dozent hatte es genannt und ich hatte es mir aufgeschrieben. Im Internet fand ich es mit einer einzigen Suchanfrage. Es war teuer, vor allem für mich als Studentin, aber das war mir egal. Ich dachte nicht mehr groß darüber nach. Der ganze Stress fiel plötzlich von mir ab. Ich war so erleichtert!

Seitdem hat sich viel bei mir getan. Mein Repertoire an Verhaltensmustern ist immens gewachsen, was mir große Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mir für ganz neue Situationen immer wieder in Ruhe neue Muster erarbeiten und die Unsicherheit, Angst und regelrechte Lähmung, die mit ihnen einhergehen, sind immer da. Sie werden es sicher auch bleiben. Ich habe bloß bessere Strategien entwickelt, damit umzugehen.

Hurra, ach je, wie schade, endlich!

Meine erste Praxisphase ist vorbei. Hurra, ach je, wie schade, endlich! Meine Gedanken und Gefühle dazu sind genau so widersprüchlich und gemischt wie dieser Satz.

Toll war, dass ich festgestellt habe, wie gut dieser Beruf wirklich zu mir passt und wie wohl ich mich darin fühle. Dass ich jede Menge interessante Dinge gelernt habe, fachlich und auch über mich selbst. Und dass ich das Ganze wirklich gut gemacht habe, wie meine beiden Praxisanleiter*innen fanden. Na ja. Bis auf das übliche Thema, das auch heute bei der Abschlussbesprechung wieder dran war: Aufgeschlossenheit und Teamfähigkeit. Da hapert es bei mir und das wird es immer. Damit habe ich mich längst arrangiert. Ich bin in genug anderen Dingen richtig gut. Und auch, wenn ich immer wieder versuche, mich „normal“ zu geben, also quasi mein Menschenkostüm trage, bin ich eben nicht so. Ich bin anders, ich bin komisch, seltsam, nicht „normal“. Ich bin introvertiert und sozial unsicher und unbeholfen. Das Menschenkostüm zwickt und zwackt und ich mag es nicht sonderlich. Es gehört irgendwie dazu, ich habe mich einigermaßen daran gewöhnt in den fast 3 Jahrzehnten, die ich inzwischen auf diesem seltsamen Planeten verbringe, aber es passt einfach nicht richtig und das wird es nie. Das muss es auch gar nicht. Ich nehme mich inzwischen endlich, wie ich bin und finde mich gut so. Zumindest meistens.

Für die nächste Praxisstelle wünsche ich mir, dass ich es schaffe, das irgendwie zu thematisieren. Ich hoffe, mein neuer Praxisanleiter ist eine Person, mit der ich reden kann. Vielleicht erwarte ich auch zu viel, wenn ich möchte, dass ich mit meiner verschlossenen, introvertierten, autistischen Art einfach so akzeptiert werde und mir nicht dauernd anhören muss, dass ich mich mehr öffnen muss. Das finde ich aber nicht heraus, wenn ich es nicht wenigstens mal anspreche.

Nicht gut war, dass mich die Arbeit in der Sozialhilfe psychisch doch ziemlich belastet hat. Ich finde es unheimlich gut und wichtig, dass wir ein Sozialsystem haben, das es zum Ziel hat, Menschen aufzufangen und zu stützen, die Hilfe und Unterstützung brauchen und das allen Menschen ermöglichen soll, ein würdevolles Leben zu führen, aber das schafft es leider nicht. Da ist meiner Meinung nach noch jede Menge Verbesserungsbedarf. Wirklich beurteilen kann ich nur die Situation in den Bereichen Grundsicherung und Asylbewerberleistungen, aber ich denke, das lässt sich auf alle Bereiche des Sozialgesetzbuches übertragen. Außerdem war natürlich problematisch, dass ich so viel direkt mit Bürgerinnen und Bürgern konfrontiert war. Es war einfach zu anstrengend für mich, aber das war ja auch zu erwarten und hat sich sehr schnell gezeigt. Das ist der zweite Grund, aus dem ich mich freue, dass dieser Praxisabschnitt vorbei ist.

Der nächste wird dahingehend auf jeden Fall richtig gut zu mir passen, denn direkten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern gibt es dort nicht. Es geht ins Straßen- und Grünflächenamt und wenn sich in der kommenden Woche, bevor es losgeht, nichts mehr ändert, werde ich in der Straßensondernutzung eingesetzt. Das ist der Bereich, in dem Baustellen-, Wahlwerbungs-, Zirkus-, Gerüstbau- und ähnliche Anträge gestellt werden. Vor ein paar Wochen durfte ich schon an einer Schulung für die Fachsoftware teilnehmen. Die ist ein ganz tolles Spielzeug mit Kartenmaterial, in das man alle Sondernutzungen einzeichnen kann. Außerdem kann man nach Adressen suchen und schauen, was dort so sondergenutzt wird. Zum Beispiel vor der eigenen Haustür. Es gibt sogar flächendeckende Luftbildaufnahmen, recht aktuelle sogar, aus dem letzten Jahr. Und alles wird komplett elektronisch bearbeitet, von der Antragsstellung bis zum Bescheid. Ich bin ziemlich begeistert, sehr gespannt und freue mich schon riesig darauf, dass es bald losgeht.

Von Klausuren, Gesetzen und Imitationen.

Oha, jetzt habe ich euch echt schon ganz schön lange nichts mehr erzählt. Das liegt aber nicht daran, dass es nichts zu erzählen gibt, sondern daran, dass ich ziemlich viel zu tun habe. Und zwar mit Lernerei. Die hat in den letzten Monaten und vor allem in den letzten Wochen wirklich sehr zugenommen. Mitte Oktober bis Anfang November war die erste Klausurenphase in der Berufsschule, im Dezember die zweite. Es war alles nicht übermäßig schwierig, aber doch insgesamt recht lernintensiv, weil es einfach viel Stoff war und die wirklich wichtigen Fächer für mich immer noch recht neu sind. Das sind meine drei berufsbildenden Fächer Öffentliches Recht, Wirtschafts- und Rechtslehre und Verwaltungsbetriebswirtschaftskunde, letzteres noch mal aufgeteilt in Theorie und Praxis. In den Bereichen habe ich bisher noch nie etwas gemacht, finde sie aber alle interessant. Dazu kommen noch die allgemeinbildenden Fächer Englisch, Sozialkunde und Sport. Die laufen für mich zum Glück ziemlich entspannt nebenher. Aber es ist immerhin schon fast acht Jahre her, dass ich zur Schule gegangen bin und solche intensiven Klausurenphasen hatte. An der Uni war das anders. Da habe ich fast ausschließlich Hausarbeiten geschrieben und die geht man ja ganz anders an. Also musste ich mir die Klausurenlernerei noch mal neu beibringen und mich an diesen Rhythmus gewöhnen. Das hat ziemlich gut geklappt, wenn ich mein Halbjahreszeugnis, das ich letzte Woche bekommen habe, betrachte. Alles voller Einsen! Ich schlimme, schlimme Hermine Granger!

Na ja, und dann hat zum ersten Dezember der erste von drei Akademieblöcken in dieser Ausbildung angefangen. An der Akademie setzen wir uns vertieft mit verschiedenen Rechtsgebieten auseinander und lernen alle wichtigen Arbeitsgrundlagen und Methoden. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Auszubildenden trotz der vielen verschiedenen Praxisstellen, die wir durchlaufen, dieselbe rechtliche Grundbildung haben und dieselben Arbeitstechniken beherrschen. Ich gehe also seit Dezember weiterhin an zwei Wochentagen in die Berufsschule und lerne da ganz viel und an den anderen drei Wochentagen besuche ich die Akademie und lerne da noch viel mehr. Jeder Tag ist voller Input und es ist echt interessant. Wir haben in diesem Block Berliner Verfassungsrecht, Haushaltsrecht, allgemeines Verwaltungsrecht, juristische Grundlagen und Verwaltungstechnik. Im nächsten Block kommen dann solche Sachen wie Polizeirecht und Sozialhilferecht dran. Die Stoffdichte ist relativ hoch. Nicht ganz so wie im Studium, aber doch höher als an der Berufsschule. Und die Klausuren, die wir nun, zum Ende des Blocks, in den nächsten drei Wochen schreiben, sollen es wirklich in sich haben. Das sagen jedenfalls alle Dozenten und die Ausbildungsleitung immer und immer wieder. Deshalb lerne ich seit Wochen beinahe jeden Tag sehr fleißig und intensiv. Das ist anstrengend, macht aber vor allem auch Spaß, weil ich jeden Tag merke, dass ich diesen Beruf, den ich mir da ausgesucht habe, wirklich interessant finde und mir sicher bin, dass mir mein Arbeitsalltag gut gefallen wird. Ich finde es toll, mich in Gesetze einzuarbeiten, sie zu verstehen und auf knifflige Sachverhalte anzuwenden. Es gibt jede Menge zu wissen und zu beachten und ich sauge alles auf. Das ist toll! Ich habe mich da schon für einen für mich absolut richtigen Bereich entschieden und das macht mich sehr glücklich. Natürlich werde ich später im Berufsalltag nicht jeden Tag spannende, herausfordernde Fälle auf den Tisch bekommen, das ist mir klar, aber ich werde mich mit etwas befassen, das ich grundsätzlich sehr interessant finde und mit dem ich mich gerne beschäftige, für das ich mich sogar richtig begeistern kann. Das ist unheimlich wichtig für mich.

Interessant war auch das Kommunikationsseminar, das ich letzte Woche an zwei Tagen in der Akademie hatte. Erst habe ich mich ziemlich davor gegruselt, aber dann war es gar nicht so schlimm wie gedacht. Vieles von dem, was wir durchgenommen haben, kannte ich schon aus meinen Schulungen für meine Arbeit im Callcenter und habe es dort jahrelang angewandt. So gesehen hat mir die Zeit dort wirklich viel gebracht. Gesprächsführungstechniken und Deeskalationsstrategien habe ich erlernt und geübt, geübt, geübt und geübt. Das theoretische Wissen dazu und meine praktischen Erfahrungen konnte ich im Seminar ganz gut einbringen und sie werden mir auch bei der Arbeit sehr helfen. Wobei ich natürlich alles daran setzen werde, nach der Ausbildung eine Stelle zu bekommen, bei der ich keinen festen, regelmäßigen Publikumsverkehr habe. Das halte ich auf Dauer nicht durch. Dieses Seminar hat mir aber gezeigt, dass ich bei meiner bisherigen Praxisstelle, dem Sozialamt, eine ganze Menge gelernt habe, was den Umgang mit Publikum angeht, auch wenn ich dabei immer sehr gestresst war. Wir mussten im Seminar nämlich ein Rollenspiel machen und ich wurde für meine Leistung sehr gelobt. Das war eine ganz neue Erfahrung. Eigentlich bin ich in sowas überhaupt nicht gut und mache es auch gar nicht gerne. In der Situation, die ich spielen musste, war ich eine Mitarbeiterin des Bürgeramtes und ein Mitazubi war ein wütender Bürger, der am Tag zuvor von einem anderen Mitarbeiter nicht gut behandelt worden war und sich nun beschwerte. Sein Anliegen war auch noch gar nicht bearbeitet worden. Entsprechend ungeduldig und aufgebracht war er. Meine Aufgabe war es, ihn zu beruhigen und ihm eine für ihn zufriedenstellende Problemlösung anzubieten. Ohne jegliche Vorerfahrungen mit solchen Situationen wäre ich höchstwahrscheinlich grandios gescheitert. Bin ich aber nicht. Weil ich im Sozialamt schon ganz oft vergleichbare Situationen erlebt habe, in denen ich beobachten konnte, wie verschiedene Kolleginnen und Kollegen damit umgehen und welches Vorgehen zielführend ist. Sowas hilft mir enorm. Ich konnte im Rollenspiel ziemlich gut und einfach das Vorgehen einer Kollegin imitieren, die meiner Meinung nach sehr gut mit schwierigen Situationen umgehen kann und es hat geklappt! Die Seminarleiterin hatte nichts an meinem Vorgehen auszusetzen, im Gegenteil, sie fand es ganz toll. Dabei war das im Grunde gar nicht ich, die gehandelt hat. Ich habe nur das gemacht, was ich schon als kleines Kind immer gemacht habe: das Verhalten von anderen genau beobachtet, mir eingeprägt und dann imitiert. Ohne diese Kompensationsstrategie wäre ich in sozialen Situationen ziemlich verloren. Sie ist anstrengend und schwierig, aber unheimlich hilfreich.

Ich habe also gerade jede Menge zu tun und zu verarbeiten, was ganz schön anstrengend ist, aber es gefällt mir gut. Jetzt konzentriere ich mich noch mal richtig auf die anstehenden Klausuren und Ende Februar geht es dann auch schon wieder in die Praxisstelle. Sieben Wochen Sozialamt liegen noch vor mir, und zwar im Bereich Grundsicherung. Ich freue mich drauf, bin aber auch froh, danach in einem Amt zu sein, in dem man so gut wie keinen Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern hat. Weniger Menschen imitieren müssen und mehr Gesetze anwenden dürfen, das wird wunderbar entspannt.

Wir sprechen dieselbe Sprache und trotzdem ganz verschiedene.

Wir sprechen dieselbe Sprache und trotzdem ganz verschiedene, die allermeisten Neurotypischen und ich. Meine Sprache ist klar und zielgerichtet, ihre ist komplex und hat viele verschiedene Ebenen. Ich sage, was ich meine, sie verpacken ihre Botschaften in für mich undurchdringbarem Drumherum. So undurchdringbar, dass ich meistens nicht mal mitbekomme, dass es nur ein Drumherum ist, dass der wirkliche Inhalt darunter versteckt ist, oder dahinter, oder dazwischen, ja, wo denn eigentlich? Selbst wenn ich wüsste, dass da was ist, ich hätte keine Ahnung, wo ich suchen müsste, oder wie. Dabei analysiere ich Sprache eigentlich ganz gerne und auch ganz gut. Zumindest, wenn es um Gedichtanalysen geht. Meine Gedichtanalysen fanden die Lehrerinnen und Lehrer immer toll. Aber da hatte ich auch Zeit und die Worte direkt vor mir, ein paar Stifte für Markierungen und Gedankennotizen und jede Menge Ruhe, um zu lesen, nachzudenken, neu zu denken, noch mal zu denken, Ideen zu entwickeln und zu verwerfen und dem Ganzen nach und nach auf den Grund zu gehen. Bei einer Unterhaltung geht das nicht, nicht mal bei einer schriftlichen Unterhaltung per Messenger, dafür geht das alles viel zu schnell. Und obwohl ich eigentlich weiß, dass Neurotypische gerne, oft und mit Leichtigkeit, bestimmt meistens auch ganz unbewusst, ihre Botschaften verstecken und verbiegen, komme ich meistens überhaupt nicht auf die Idee, irgendwas in ihren Worten zu suchen. Es kommt mir so unnatürlich vor. Es entspricht nicht meiner Natur. Es ist mir so ganz und gar fremd. Ich erkenne gar nicht, welche Worte einfach Worte sind und welche von ihnen mir mehr sagen sollen. Damit ich überhaupt anfange, nach einem verborgenen Sinn zu suchen, muss man mir schon mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl auf den Kopf hauen, bloßes Winken reicht da nicht, das ist mir zu subtil, das bekomme ich gar nicht mit. Seid doch nicht immer so schrecklich kompliziert, ihr lieben Neurotypischen! Aber ihr meint das ja gar nicht böse, das weiß ich doch. Das ist eben eure Art zu sprechen, eure Sprache, die ist für euch ganz natürlich. Sie liegt in eurer Natur. Sie geht euch ohne Probleme von den Lippen, als wäre es das einfachste auf der Welt. Auf mich macht es jedenfalls diesen Eindruck. Und genauso leicht und selbstverständlich, so vollkommen natürlich, interpretiert ihr drauf los, wenn ich etwas sage, ja sogar, wenn ich etwas mache, mit meinen Armen zum Beispiel, mit meiner Körperhaltung, mit meinem Gesicht. Aber da ist nichts, da sucht ihr vergebens. So spreche ich nicht, so kommuniziere ich nicht, so funktioniert das bei mir nicht. Ich verschränke meine Arme nicht, weil ich irgendjemandem zeigen will, dass ich meine Ruhe haben will oder verschlossen bin oder abweisend. Wenn ich meine Arme verschränke, dann bedeutet das nichts. Ich verschränke meine Arme, weil ich meine Arme gerne verschränke. Ich finde, das ist eine bequeme Armhaltung. Sonst weiß ich meistens auch gar nicht, was ich mit den Armen machen soll, die schlackern dann irgendwo rum oder sind irgendwie im Weg. Wenn ich meine Ruhe haben will, sage ich das. Ich sage, was ich meine. Nur das, was ich meine. Genau das, was ich meine. Unverschlüsselt. Ihr versucht dann, das zu entschlüsseln, weil ihr das immer so macht, weil die allermeisten Menschen es wohl so machen, aber da kommt bei mir nichts heraus, jedenfalls nicht das, was ich gemeint habe, denn das habe ich ja schon gesagt. Deshalb gibt es zwischen uns dauernd Missverständnisse. Ihr versteht mich nicht, ich verstehe euch nicht. Oft merken wir das erst ziemlich spät. Dass irgendwas nicht passt, das merke ich für meinen Teil meistens ziemlich schnell, weil sich das Gespräch dann für mich sehr holprig anfühlt, aber was genau das Problem ist, das bekomme ich nicht so schnell raus. Es ist schwierig. Es ist kompliziert. Aber seit ich weiß, dass ich Autistin bin, habe ich zumindest das Grundprinzip unserer Kommunikationsschwierigkeiten verstanden. Das hilft mir. Damit kann ich arbeiten.