Der Bewerbungsprozess.

Als ich beschlossen habe, meinen Berufsweg noch mal ganz von vorne anzufangen und mich auf Ausbildungsplätze zu bewerben, beschloss ich auch, dabei von Anfang an offen mit meinem Autismus umzugehen. Er ist nun mal da und ein Teil von mir, und je mehr ich mich verbiegen muss, um möglichst normal zu wirken, umso schwieriger ist mein Alltag. Das habe ich jetzt lange genug gemacht und ich will und kann es einfach nicht mehr. Ich bin ganz gut im Kompensieren einiger Schwierigkeiten, aber das klappt auch nur, wenn gewisse Rahmenbedingungen da sind. Und damit das der Fall ist, muss mein Arbeitgeber über meinen Autismus Bescheid wissen. Also habe ich das Thema direkt in meinen Bewerbungsschreiben angesprochen und war sehr gespannt, was wohl passieren würde.

Es kamen zuerst einige Absagen, wie das nun mal so ist, wenn man sich bewirbt. Dann kam aber eine Einladung zu einem Online-Vortest. Den habe ich offensichtlich ganz gut gemacht, denn ich wurde daraufhin zu einem richtigen Eignungstest vor Ort eingeladen.

Dabei machte ich dann auch meine erste erfreuliche Erfahrung zum Thema Barrierefreiheit im Bewerbungsprozess. In der Einladungs-E-Mail stand, dass es ein großer zentraler Test ist. Und dort stand auch ein gesonderter Hinweis zu Einschränkungen durch Krankheiten und Behinderungen. Man sollte sich melden, wenn man zum Beispiel lieber an einem Kleingruppen- oder Einzeltest teilnehmen wollte oder wenn es sonst etwas zu beachten gebe. Dieses Mitdenken und Anbieten von Möglichkeiten fand ich richtig gut!

Meine akustische Reizempfindlichkeit ist ziemlich hoch. Besonders in Stresssituationen, wie bei einer Prüfung, kann das natürlich ein echtes Hindernis sein und meine Konzentrationsfähigkeit enorm beeinträchtigen. Ein großer Raum voller Menschen, die mit Tastaturen und Mäusen klappern, auf ihren Stühlen herumrutschen und jede Menge Geräusche produzieren, kann mich komplett blockieren und mein Hirn leerfegen. Also antwortete ich auf die Einladungs-E-Mail, schilderte das Reizfilterproblem und bat um einen Einzel- oder Kleingruppentest. Prompt erhielt ich eine Antwort mit zwei Terminvorschlägen und dem Hinweis, dass auch noch andere Termine geschaffen werden könnten, sollten sich diese beiden für mich nicht einrichten lassen. Vollkommen unproblematisch, einfach so! Einer der Termine passte perfekt, also machte ich ein paar Tage später den Test ganz alleine in einem ruhigen Raum, nur mit einer Aufsichtsperson.

Später wurde ich noch zu einem anderen Test für eine andere Berufsausbildung eingeladen. Es war wieder ein zentraler Test, diesmal aber nur mit ungefähr 15 Personen gleichzeitig in einem Raum. Das ist für mich okay, vor allem, wenn alle konzentriert arbeiten, aber ich wollte trotzdem sicher gehen, dass ich wirklich genug Ruhe habe, um den Test gut hinzubekommen. Also schilderte ich wieder das Problem und fragte, ob es in Ordnung ist, wenn ich Ohrstöpsel trage. Das war es.

Und dann wurde ich tatsächlich auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Zu nur sehr wenigen zwar, aber immerhin. Ich hatte etwas Angst davor, mit falschen Vorurteilen konfrontiert zu werden und mich irgendwie verteidigen zu müssen, wie das vermutlich alle Autistinnen und Autisten kennen, die schon mal jemandem von ihrem Autismus erzählt haben. Man kann mit solchen Gesprächen oft riesige Bullshit-Bingos befüllen. Aber ich hatte das Glück, an Menschen zu geraten, die sich gut informiert hatten und interessierte Fragen stellten. Besonders gut war das Gespräch, das letztlich auch zu der Zusage geführt hat. Die Ausbildungsbeauftragte wusste ganz gut über das Autismusspektrum Bescheid und darüber, in welchen Bereichen es welche Schwierigkeiten geben kann. Sie sagte, sie habe sich das Wissen gezielt für unser Gespräch angelesen.  Sie stellte ein paar Fragen zu meinen individuellen Schwierigkeiten, aber nicht zu persönlich. Sie drängte auf nichts und bohrte nicht nach. Abgesehen von diesem kleinen Exkurs war es eines dieser typischen durchstrukturierten Vorstellungsgespräche, die bei Ausbildungsbewerbungsverfahren meistens geführt werden. Auf der einen Seite vier Personen, die mir zu unterschiedlichen Themen Fragen nach einem bestimmten Fragenkatalog stellten und auf der anderen Seite eine anfangs sehr nervöse und mit der Zeit immer entspanntere Hobbithexe.

Mir macht das alles Mut und Hoffnung. Mut und Hoffnung, dass sich die Situation für Autistinnen und Autisten (und sicherlich auch für Menschen mit anderen Behinderungen) immer weiter verbessert. Es ist sicher noch nicht alles gut. Es muss, was Barrierefreiheit und Inklusion angeht, noch viel passieren. Und ich will auch nicht behaupten, dass man mit einem offenen Umgang mit dem eigenen Autismus in jeder Branche und in jedem Ort eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz finden kann. Ich lebe in einer Großstadt. Bestimmt war es dadurch einfacher, allein schon, weil es sehr viele Stellen gab, auf die ich mich bewerben konnte, ohne für die Ausbildung umziehen zu müssen. Aber es kann eben so laufen, wie es bei mir gelaufen ist und das macht mir Mut und Hoffnung, dass wir als Gesellschaft immerhin auf einem guten Weg sind.