In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen.

Unglaublich, wie schnell die letzten fünf Monate vergangen sind. Zack, ist er schon wieder vorbei, der zweite Praxisabschnitt meiner Ausbildung. Schön war er! Ich habe viel gelernt, hatte viel Spaß an der Arbeit und hatte dabei viel Ruhe. In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen: hohe Detailwahrnehmung, hoher Fokus, Begeisterungsfähigkeit, hohe Merkfähigkeit, schnelles Aneignen von Fachwissen. All das war für meine Arbeit wichtig, wurde von meiner Praxisanleiterin sehr an mir geschätzt und hat dafür gesorgt, dass ich schon nach drei Wochen beinahe wie eine vollwertige Sachbearbeiterin eingesetzt werden konnte. Beinahe, weil Auszubildende aus diversen nicht ganz nachvollziehbaren Gründen keine Zugang zu einer bestimmten Software bekommen können und ich die für einige Tätigkeiten gebraucht hätte. Aber auch so hatte ich jede Menge zu tun und das war wirklich toll.

Ich konnte sehr strukturiert und routiniert arbeiten, mir meine Zeit und die Arbeitsschritte selbstständig einteilen und musste mit niemandem zusammenarbeiten. Meine Praxisanleiterin merkte schnell, dass ich interessiert war, gut lernte und sie mich problemlos einfach machen lassen konnte. Bei Fragen war sie immer da und wenn es was Neues gab, erklärte sie es mir natürlich, ansonsten saß jede von uns an ihrem Arbeitsplatz und machte vor sich hin ihr Ding. Mit anderen Kolleginnen und Kollegen hatte ich nur wenig zu tun und wenn, dann rein fachlich. Ideale Bedingungen also.

Durch diese ausgesprochen guten Rahmenbedingungen habe ich mich rundum wohl gefühlt und das wiederum hat natürlich dafür gesorgt, dass ich wirklich gute Leistungen erbringen konnte. Wodurch das Ganze mir noch mehr Spaß gemacht hat und ich mich noch besser darin vertiefen konnte. Ich weiß jetzt alles über Baustellen! Jedenfalls alles, was man rechtlich (und zum Teil auch aus Ingenieurssicht) über die Nutzung öffentlichen Straßenlandes für Baumaßnahmen wissen muss, denn das war mein Sachgebiet. Ich kann an keinem Fassadengerüst und keinem Bauzaun mehr vorbeigehen, ohne wenigstens kurz darüber nachzudenken und grob zu beurteilen, ob das Ganze so genehmigungsfähig ist. Spoiler: Oft genug ist es das nicht. (Ich weiß nicht, wie das in anderen Bundesländern ist, aber stellt lieber keine Schuttcontainer und Miettoiletten einfach so auf den Gehweg. Hier ist das jedenfalls nicht erlaubt und trotzdem machen das genug Menschen, ohne sich vorher zu informieren.)

Mein Eifer und meine Begeisterung haben nicht nur meine Praxisanleiterin sehr gefreut, sondern auch meinen Gruppenleiter. Im abschließenden Beurteilungsgespräch haben sie mir ein wirklich tolles Stellenangebot gemacht, das ich unbedingt annehmen will. Ich würde erst einmal in den Bereich kommen, in dem ich jetzt war und später über eine größere Weiterbildung in ein anspruchsvolleres Sachgebiet wechseln. Der Gruppenleiter hat schon einen Karriereplan für die nächsten paar Jahre für mich ausgetüftelt und mit dem Amtsleiter besprochen. Es wäre wirklich großartig, wenn das klappt, aber dafür muss ich erst mal die Zwischenprüfungen mit entsprechenden Noten bestehen, die Ausbildung tatsächlich verkürzen können und einige organisatorische Punkte zu meinem Ausbildungsverlauf mit der Ausbildungsleitung klären. Also mal abwarten. Jedenfalls hat mein Autismus mir wirklich viel genutzt in diesen letzten Monaten. Auch, wenn ich mir wieder anhören durfte, ich sei doch sehr still und introvertiert und könne ruhig noch ein bisschen mehr aus mir herausgehen. Angesprochen habe ich meine Diagnose trotzdem wieder nicht. Ich hatte das ja eigentlich vor, aber ich wusste schon wieder nicht, wann und wie und letztendlich weiß ich auch nicht, ob es wirklich gut gewesen wäre. Ich kann nie einschätzen, ob es gut und sinnvoll ist, sich einer konkreten Person anzuvertrauen oder nicht. Da es keine Teamarbeit oder Ähnliches gab und die Bedingungen auch sonst super für mich waren, habe ich keinen Anlass gefunden.

Was natürlich wieder schwierig und anstrengend war, war das Socialising. Mittagspausengespräche, Smalltalk vor der Mikrowelle, auf Kolleginnen und Kollegen zugehen, mit denen ich fachlich etwas besprechen muss… Alles nicht mein Ding. Ich hoffe dann immer, dass die anderen merken, dass ich nur ungeschickt bin und nicht denken, ich würde sie alle blöd finden oder wäre total arrogant und desinteressiert. Die meisten waren mir nämlich tatsächlich zumindest im Arbeitskontext ganz sympathisch. Und im Hinblick darauf, dass ich eventuell in eineinhalb Jahren zurückkomme und dann erst mal auf unbestimmte Zeit bleibe, wäre es mir natürlich am liebsten, wenn niemand Groll gegen mich hegt, weil ich mich komisch verhalten habe und jemand das persönlich genommen hat. In dem Bereich ist mein Autismus dann wieder hinderlich. Na, mal abwarten. Die, mit denen ich ab und an fachlich zu tun hatte, haben mich jedenfalls freundlich verabschiedet. (Soweit ich das beurteilen kann. Ich weiß ja nie, was mir alles an Signalen entgeht.)

Ab Montag geht es direkt in den nächsten Akademieblock und die Berufsschule hat auch schon wieder angefangen. In den kommenden Monaten werde ich also in erster Linie lernen, lernen und lernen. Ich freue mich drauf, auch wenn das heißt, dass ich wieder jeden Tag von den anderen Auszubildenden meines Jahrgangs umgeben bin, was natürlich auch anstrengend ist. Aber im letzten Block war das Lern- und Arbeitsklima ganz gut, deshalb hoffe ich, dass diesmal auch wieder alle fleißig oder mindestens ruhig sind und ich nicht mit so viel Sozialkram konfrontiert werde. Die anderen Streberinnen aus der ersten Reihe, mit denen ich in der Berufsschule am meisten Kontakt habe, nehmen jedenfalls seit meinem Outing vor ein paar Monaten viel Rücksicht auf mich und lassen mir meine Ruhe, wenn ich sie brauche, ohne beleidigt zu sein. Das ist schon sehr viel wert.

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Kurze Anekdote: Das vergessene Deo.

Neulich ist mir irgendwie meine Morgenroutine durcheinander geraten, weil ich irgendeine Kleinigkeit machen musste, die ich sonst nicht mache, und das hat dafür gesorgt, dass ich vergessen habe, Deo zu benutzen.

Wenn meine Morgenroutine durcheinander gerät, vergesse ich immer irgendwas. Ich komme aber fast nie dazu, festzustellen, was ich vergessen habe. Jedenfalls nicht rechtzeitig. So war es auch an diesem Morgen vor ein paar Tagen.

Auf dem Weg zum S-Bahnhof hatte ich endlich Zeit, zur Ruhe zu kommen und meinen bisherigen Morgen gedanklich noch mal Schritt für Schritt durchzugehen. Das mache ich immer so, wenn mir etwas durcheinander gerät und ich rausfinden will, was ich diesmal vergessen habe. An diesem Morgen war es das Deo. Mist. Das ging so nicht. Es würde ein heißer Tag werden. Ich wollte mein Deo. Ich brauchte mein Deo!

Normalerweise wäre ich in diesem Moment erstarrt und meine Gedanken hätten angefangen zu rasen. Ich hätte festgesessen. Vor zur Bahn wäre es nicht gegangen. Nicht ohne das Deo. Zurück in die Wohnung aber auch nicht. Dafür war ich schon viel zu weit gekommen. Ich hätte es niemals geschafft, zurück nach Hause zu laufen, das Deo zu nehmen, mich wieder auf den Weg zu machen und die gewohnte Bahn noch zu erwischen. Die gewohnte Bahn nicht zu erwischen wäre natürlich auch nicht gegangen. Aber ich konnte doch nicht los, ohne Deo benutzt zu haben! Aber dann hätte ich meine Bahn nicht erwischt! Aber das Deo! Aber die Bahn!

So wäre das eine Weile weiter gegangen, bis ich völlig gestresst und einer Panik nahe doch noch irgendeine Entscheidung getroffen hätte. Ich hatte solche Situationen schon oft. Wahrscheinlich wäre ich nach Hause gerannt wie von einem Hornissenschwarm verfolgt, hätte das Deo geschnappt und wäre damit ebenso hastig zur Bahn gelaufen. Eventuell hätte ich die gewohnte Bahn sogar doch noch erwischt, vermutlich aber eher nicht. Auf jeden Fall wäre ich völlig durch den Wind gewesen.

Das Absurdeste daran ist, dass es niemanden auch nur ansatzweise gestört hätte, wenn ich die Bahn zehn Minuten später genommen hätte. Ich arbeite in Gleitzeit. Zehn Minuten interessieren niemanden. Na ja, doch. Mich. Ich nehme immer die gleiche Bahn.

An dem Morgen vor ein paar Tagen blieben das Erstarren und der fürchterliche Stress aus. Ich spürte es schon kommen, als mir auffiel, dass ich vergessen hatte, Deo zu benutzen, aber dann fiel mir ein, dass ich noch eins von meinem Mann in der Tasche hatte. Das konnte ich nehmen.

Schön war das zwar auch nicht, weil sich der fremde Geruch des Deos, das mein Mann nie benutzt, weil es ja in meiner Tasche liegt, den ganzen Tag irritierend und penetrant in meine Nase gebohrt hat, aber das war dann vergleichsweise okay.

Überfordernde Brötchen und Nachbarn.

Stur, bockig und faul, das war ich vor allem als Kind und auch als Jugendliche. So sah es wohl zumindest von außen aus, denn das wurde mir immer wieder rückgemeldet.

Innen war es anders. Innen war ich in erster Linie überfordert, und zwar mit Dingen, bei denen man das, vor allem bei einem recht intelligenten und sprachgewandten Kind wie ich es war, nicht erwartete. Ich war damit überfordert, zum Bäcker zu gehen und Brötchen zu kaufen. Ich war damit überfordert, im Supermarkt zur Frischwarentheke zu gehen und Käse und Wurst zu kaufen. Sogar das Bezahlen an der Kasse war eine echte Hürde. Es überforderte mich, Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße zu grüßen, und das ist in einem kleinen Dorf wirklich nicht schön, weil da andauernd jeder jeden grüßt. Und ich war damit überfordert, mein Zimmer aufzuräumen. Das war längst noch nicht alles, aber es waren Dinge, die mir besonders zusetzten und die besonders oft zu Streit und Problemen führten.

Was mich überforderte, war, dass ich nicht wusste, wie ich diese Dinge erledigen sollte. Mir fehlten die Strukturen hinter den Tätigkeiten, die Regeln und Muster, nach denen sie ablaufen mussten. Ich versuchte, durch Beobachten herauszufinden, was ich wann und wie machen musste, aber irgendwie gelang es mir nicht. Die Prozesse schienen viel zu komplex. Beim Bäcker fing es schon beim Betreten des Ladens an. Musste ich da schon jemanden anschauen, jemanden grüßen, irgendwas Bestimmtes tun? Und wo musste ich mich hinstellen? Das war auch immer an der Frischwarentheke im Supermarkt schwierig. Die Leute standen ohne ein für mich erkennbares Schema nebeneinander herum und trotzdem wusste immer jeder genau, wann er an der Reihe war. Ich nicht. Ich war verwirrt. Die Menschen verhielten sich unstrukturiert, wanderten vor der Auslage herum, betrachteten die Lebensmittel und irgendwann reagierten sie auf „Wer ist der Nächste?“ mit „Ich!“ Das bekam ich nicht hin. Ich fand nie heraus, wann ich an der Reihe war. Deshalb stand ich oft viel zu lange vor der Theke herum und wurde von einem Kunden nach dem anderen übergangen. Vermutlich hielt ich auch immer viel zu viel Abstand zu dem ganzen Treiben und wirkte nicht so, als wollte ich etwas bestellen. Im Grunde genommen wollte ich das auch nicht. Ich wollte weg. Dass ich schließlich doch zu meiner Bestellung kam, verdankte ich so gut wie jedes Mal einer aufmerksamen Person, die sowas sagte wie „Die junge Dame war vor mir da, sie ist dran.“ Danach folgte immer ein sehr unangenehmes Gespräch, in dem ich meine Bestellungen mehrmals wiederholen musste, weil ich nicht in der Lage war, laut und deutlich genug zu sprechen. Dafür war ich viel zu angespannt und dann waren meine Probleme, meine Stimme richtig einzusetzen und einzuschätzen, ganz besonders groß. Eine Zeit lang war es noch okay, den Verkäuferinnen und Verkäufern einfach den Einkaufszettel, den meine Eltern mir geschrieben hatten, in die Hand zu drücken, aber irgendwann merkte ich, dass ich dafür inzwischen nicht mehr jung genug war. Und selbst, als ich den Zettel noch einfach rüberreichen konnte, war ich überfordert mit dem, was ich sagen musste, dem einfachen „Bitte“ und „Danke“, mit der gesamten Situation. Ich bekam meinen Mund nicht auf. Es kamen einfach keine Worte, als hätte ich mit dem Betreten des Ladens das Sprechen verlernt. Ich konnte nicht. Ich konnte mein Gegenüber nicht einmal ansehen oder freundlich lächeln. Ich wusste nicht, wie.

So ging es mir auch immer mit den Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße. Ich wusste, dass ein Gruß erwartet wurde und meine Eltern schärften mir das auch regelmäßig ein, aber ich bekam es nicht hin. Den Menschen ins Gesicht zu sehen, in die Augen, und dann noch lächeln und einen passenden Gruß aussprechen, das schaffte ich einfach nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, weil ich unhöflich und stur war, sondern weil es schlicht und ergreifend zu viel war. Weil es mich maßlos überforderte, anderen in die Augen zu schauen, vor allem mehr oder weniger fremden Personen. Weil ich nicht wusste, was ich wann und wie genau machen musste. Mir war nicht klar, was exakt das richtige Verhalten in diesem Moment war und da mir die Intuition für sowas eben fehlt, konnte ich es auch nicht ermitteln. Da war kein Gefühl, auf das ich mich verlassen konnte. Das habe ich bis heute nicht und werde es nie haben. Ich hätte ganz klare und eindeutige Instruktionen gebraucht. Die gab es aber nicht.

Und genau das war auch das Problem mit dem Zimmer aufräumen. Mein Zimmer sah so gut wie immer aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, wie meine Eltern es sehr treffend formulierten. Das war nicht schön, auch für mich nicht. Aufräumen konnte ich es trotzdem nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht wusste, wie. Ich sah nur Chaos, ein unglaubliches Chaos aus unglaublich vielen Einzelteilen und hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich das in Ordnung bringen sollte, also ignorierte ich es. Ab und an sprachen meine Eltern ein Machtwort und dann blieb mir nichts anderes übrig, als doch aufzuräumen, aber es war jedes Mal ein furchtbarer innerer Kampf. Ich tigerte aufgewühlt durch mein Zimmer, raufte mir die Haare, bohrte mir die Fingernägel ins Gesicht und wollte mich nur noch unter der Bettdecke verkriechen und weinen. Oft saß ich irgendwann ratlos auf dem Boden und starrte ins Leere, bis ich mich wieder gefangen hatte. Dann begann ich, ziellos Gegenstände von einer auf die andere Stelle zu räumen und quälte mich langsam durch, bis ich es irgendwie geschafft hatte. Ich mochte die Ordnung danach immer, aber ich schaffte es nicht, sie aufrecht zu halten und sobald es wieder chaotisch war, war ich wieder überfordert und wollte mich dem nicht stellen, denn es fühlte sich einfach schrecklich an.

Als meine Eltern anfingen, mir kleine Aufgaben wie Brötchen holen und Aufschnitt einkaufen zu übertragen, versuchte ich, ihnen mitzuteilen, dass ich das nicht konnte und es für mich zu viel und ganz fürchterlich war, aber das bekam ich nicht hin. Meine Versuche klangen wohl wie unglaubwürdige Ausreden, die ich mir ausdachte, weil ich keine Lust hatte, diese Aufgaben zu erledigen, jedenfalls kamen meine Eltern zu dem Schluss, dass ich mich aus Faulheit und Trotz weigerte. Irgendwann nahm ich die Faulheit und den Trotz für mich an. Aus meinem „Ich kann das nicht“ und „Ich weiß nicht, wie“ wurde ein „Ich will das nicht“, und das war ja nicht einmal falsch. Ich wollte diese Dinge, die mich so sehr überforderten, nicht machen. Bloß aus einem ganz anderen Grund, als es den Anschein hatte. Genauso war es auch mit meinem unordentlichen Zimmer und den Nachbarinnen und Nachbarn. Ich wirkte faul, stur und unhöflich, also fing ich irgendwann an, das selbst so zu formulieren. „Ich räume mein Zimmer nicht auf, ich habe keine Lust dazu und mich stört das Chaos gar nicht!“ „Nein, ich will die alle nicht grüßen, die sind sowieso doof, mir doch egal, was die denken!“ Das war zu dem Zeitpunkt, zu dem ich mit diesen Ausreden anfing, nicht einmal komplett gelogen, zumindest was die Menschen im Dorf betraf. Es verband mich nichts mit ihnen. Das war aber nicht der Grund für mein Verhalten und unhöflich und abweisend sein wollte ich eigentlich gar nicht. Aber die Ursache, meine tiefe Überforderung, konnte ich mir selbst nicht eingestehen und anderen dadurch natürlich erst recht nicht. Wer gibt auch schon gerne zu, so vollkommen alltägliche und banale Dinge nicht hinzubekommen? Ich fühlte mich wie eine absolute Versagerin und die wollte ich nicht einmal vor mir selbst sein. Vor anderen schon mal überhaupt nicht. Da war ich lieber bockig, stur und faul.

Inzwischen ist das alles besser geworden. Die Schwierigkeiten an sich sind immer noch da, aber ich habe es geschafft, mir Verhaltensmuster für Wursttheken und grüßende Menschen auf der Straße anzueignen und kann sie anwenden, wenn es sein muss. Das war harte Arbeit und unangenehm sind diese und ähnliche Situationen immer noch für mich. Ich vermeide es tunlichst, Brötchen oder sonst irgendwas an einer Theke einzukaufen. Eine Nachbarschaft, in der man sich grüßt, habe ich schon seit Jahren nicht mehr und für mein Aufräumproblem habe ich mir, wie für so Vieles, eine kleinteilige Strategie erarbeitet. Ich bin immer noch überfordert, aber ich weiß inzwischen, wie ich damit umgehen muss.

Plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie mich Zusammenarbeit mit anderen tatsächlich kostet.

Seit drei Wochen bin ich jetzt in meiner neuen Praxisstelle und sie ist einfach toll! Kein Publikumsverkehr, ein kleines, ruhiges Büro nur zusammen mit meiner Praxisanleiterin, die still vor sich hinarbeitet, wenn sie mir nicht gerade etwas erklärt, und jede Menge Interessantes zu tun, das ich vollkommen eigenständig erledigen kann. Es ist großartig! Bei meiner ersten Praxisstelle war nur recht wenig Eigenständigkeit möglich, weil ich als Auszubildende aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugriff auf die Fachsoftware bekommen konnte und deshalb bei den allermeisten Aufgaben mit meiner Praxisanleiterin zusammen am Computer saß.

Ich habe schon wieder jede Menge gelernt und auch, wenn jetzt am Anfang alles wieder ein bisschen viel ist und mir der Kopf oft schwirrt vor lauter Informationen, geht es mir richtig gut. Klar, ich muss mich neu einfinden und bin immer noch jeden Morgen auf dem Weg zum Büro ziemlich nervös, weil ich noch nicht so gut einschätzen kann, was am Tag auf mich zukommt und alles noch recht fremd ist, aber ich fahre jeden Nachmittag mit einem guten Gefühl wieder nach Hause. Ich brauche eben etwas Zeit, um mich an neue Situationen zu gewöhnen und weiß inzwischen, wie ich mit der inneren Unruhe umgehen muss, die immer mit ihnen einhergeht, und dass ich mich davon nicht aus der Bahn werfen lassen muss. Ich sage mir dann, dass mein Hirn nun mal so ist, wie es ist. Dass es erst mal verarbeiten und sich umstellen muss und dass das nun mal nicht von heute auf morgen funktioniert. Es ist nicht immer leicht, damit umzugehen, aber zu wissen, dass mit neuen Situationen jedes Mal große Unruhe, Sorgen, Ängste und Unsicherheiten kommen, aber nach einer Weile eben auch wieder verschwinden, hilft mir sehr. Jedes Mal habe ich aufs Neue das Gefühl, der Veränderung nicht gewachsen zu sein und jedes Mal würde ich am liebsten fliehen. Zu wissen, dass das bei mir dazu gehört, mein Hirn sich irgendwann wieder beruhigen wird und dann alles gut ist, lässt mich das mittlerweile aber recht gut aushalten, auch wenn es natürlich jedes Mal nicht schön ist und viel Stress bedeutet. Irgendwie habe ich es geschafft, dahingehend eine gewisse Grundgelassenheit zu entwickeln. Ohne die Autismusdiagnose und alles, was ich in dem Zusammenhang über mich gelernt habe, hätte ich das sicher nicht geschafft. Stattdessen würde ich mich weiterhin für viel zu schwach und ziemlich dumm halten, wenn ich mal wieder mit Veränderungen konfrontiert bin und erst mal nicht mit ihnen zurecht komme.

Neben allem neuen Fachlichen habe ich auch wieder eine interessante Erkenntnis über mich selbst gewonnen. Mir war zwar immer klar, dass es mich ziemlich anstrengt, mit anderen Menschen zu interagieren und zusammenzuarbeiten, aber mir war nicht klar, wie groß das Ausmaß dieser Anstrengung tatsächlich ist. Das merke ich erst jetzt, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Tätigkeit ausübe, bei der keine Zusammenarbeit und im Grunde nicht mal Interaktion mit anderen nötig ist. Klar, ich bin Auszubildende und gerade lerne ich wieder ganz viel Neues, also muss man mir alles erst mal erklären und ich habe zwischendurch selbstverständlich auch einige Fragen, aber das sind wenige, ganz kleine Häppchen über den Tag verteilt. Zusammengenommen nicht mal eine Stunde. Und plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie die Zusammenarbeit mit anderen mich wirklich kostet. Ich bin selbst ein bisschen verblüfft, dass ich darüber überrascht bin und wie sehr ich unterschätzt habe, wie groß der Anteil an meiner Kraft ist, der für Interaktion draufgeht. Damit meine ich nicht einmal sowas wie Publikumsverkehr (denn dass der mir zu viel ist, war mir natürlich bewusst), sondern schon die ganz alltägliche Teamarbeit, die in den meisten Jobs ständig anfällt. Meine Arbeitstage sind jetzt so viel leichter und angenehmer, ich habe so viel mehr Spaß an der Arbeit und die Zeit fliegt regelrecht dahin, es ist unglaublich! Meine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist deutlich höher und nach Feierabend bin ich kein bisschen erschöpft, sondern höchstens ein bisschen müde. Ich finde das ganz und gar erstaunlich. So ging es mir bisher noch nie, mit nichts von dem, was ich gemacht habe. Ich wusste nicht, dass ich so viel und so lange arbeiten kann, ohne hinterher mindestens sehr müde zu sein und mich mehr schlecht als recht durch den restlichen Tag zu schleppen. Aber es geht! Ich brauche bloß meine Ruhe vor anderen Menschen, denn interaktiv sein zu müssen ist für mich offensichtlich mit Abstand die größte Belastung. Wenn sie wegfällt, ist alles andere ziemlich leicht. Wirklich verwunderlich, dass mir das nie in dem Maße bewusst war.

So, wie es bisher in dieser Praxisstelle läuft, kann es auf jeden Fall weitergehen. Sogar inhaltlich finde ich die Arbeit in der Straßensondernutzung sehr interessant. Ich weiß, Baustelleneinrichtungsflächen, Schuttcontainer und Aufgrabungen klingen erst mal nicht sonderlich spannend, aber ich beschäftige mich gerne mit den gesetzlichen Regelungen dazu. Da gibt es wirklich viel zu wissen und zu beachten. Mir macht es immer Spaß, mich mit sowas auseinanderzusetzen und dadurch ein kleines Stück Welt mehr zu verstehen. Von heute aus betrachtet sehen die nächsten Monate also gut aus. Ich freue mich darauf.

 

Kurze Anekdote: Das Aufnahmegerät.

Während meines Bachelorstudiums habe ich mir ein Aufnahmegerät für fast 200 Euro gekauft, weil ich mir sonst an der Uni eins hätte ausleihen müssen, und das hat mich völlig überfordert.

Ich war 21 Jahre alt und im dritten Semester. Zumindest in meinem Hauptfach. In meinem Nebenfach, der Medienwissenschaft, war es das erste. Alles war neu. Ich kannte weder die Dozenten noch den Fachbereich oder das Institut.

In einem meiner Seminare ging es um Hörfunkbeiträge, sowohl theoretisch als auch praktisch. Als benoteten Leistungsnachweis mussten wir selbst Beiträge produzieren. Die Aufnahmegeräte, die wir dafür benutzen sollten, konnten wir uns kostenlos aus dem Bestand des medienwissenschaftlichen Instituts ausleihen.

Ich war überfordert. Ich wusste nicht, wo genau man an diese Geräte rankam, wann die Öffnungszeiten dieser Stelle waren, was man alles beachten musste und vor allem nicht, wie man sich bei diesem ganzen Ausleihprozess verhalten musste, was man sagen musste. Ich fühlte mich schon in der Bibliothek jedes Mal ganz fürchterlich, dabei mag ich Bibliotheken, aber ich war schrecklich unsicher und wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Mir fehlte für diese Situationen ein Plan, ein Verhaltensmuster, an das ich mich halten konnte und Sätze, die ich verwenden konnte. All das Neue und Unbekannte war so überwältigend und einschüchternd, ich kam gar nicht mit dem Aufnehmen und Verarbeiten hinterher. Ich brauche lange, um mich an neue Umstände zu gewöhnen, muss ganz in Ruhe immer wieder beobachten und analysieren können, mir Zeit nehmen, um zu überblicken und zu verstehen.

Die Zeit hatte ich für meinen Leistungsnachweis aber nicht. Tagelang dachte ich alles durch, versuchte, mir einen Plan zu machen, war permanent schrecklich aufgewühlt und rastlos. Aus Unruhe wurde Angst, aus Angst wurde Panik. Ich zermaterte mir das Hirn und mir wurde immer klarer: Losgehen und mir ein Aufnahmegerät leihen, das würde ich einfach nicht schaffen. Die Hindernisse waren zu hoch für mich.

Die einzige umsetzbare Lösung, die ich fand, war, mir ein eigenes Aufnahmegerät zu kaufen. Zum Glück wusste ich, welches Modell sie an der Uni hatten. Der Dozent hatte es genannt und ich hatte es mir aufgeschrieben. Im Internet fand ich es mit einer einzigen Suchanfrage. Es war teuer, vor allem für mich als Studentin, aber das war mir egal. Ich dachte nicht mehr groß darüber nach. Der ganze Stress fiel plötzlich von mir ab. Ich war so erleichtert!

Seitdem hat sich viel bei mir getan. Mein Repertoire an Verhaltensmustern ist immens gewachsen, was mir große Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mir für ganz neue Situationen immer wieder in Ruhe neue Muster erarbeiten und die Unsicherheit, Angst und regelrechte Lähmung, die mit ihnen einhergehen, sind immer da. Sie werden es sicher auch bleiben. Ich habe bloß bessere Strategien entwickelt, damit umzugehen.

Die anderen wissen jetzt Bescheid.

Eigentlich hatte ich vor, gleich von Beginn der Ausbildung an offen mit meinem Autismus umzugehen. Der Ausbildungsleitung gegenüber war ich ja schon bei der Bewerbung vollkommen offen. Aber ich wollte auch, dass die anderen Auszubildenden Bescheid wissen. Und dann habe ich trotzdem nichts gesagt.

So blöd es klingt, ich habe einfach nicht den passenden Moment oder Anlass gefunden. Bei der Vorstellungsrunde in der Einführungswoche habe ich mich einfach nicht getraut und danach kam so eine Gelegenheit nicht wieder. In den ersten paar Wochen habe ich mich ein bisschen darüber geärgert, vor allem über mich selbst. Dann ist das Thema ganz in den Hintergrund gerückt. Aber dort ist es nicht geblieben.

Das lag daran, dass das Wort „behindert“ von manchen der anderen immer und immer wieder als Schimpfwort benutzt wurde. In letzter Zeit ist mir das besonders aufgefallen, weil wir uns während des Akademieblocks nicht nur zweimal pro Woche in der Berufsschule gesehen haben, sondern auch noch an den anderen drei Wochentagen in der Akademie. Ich habe versucht, es zu überhören, weil ich wusste, die meinen das nicht so, das ist nicht böse gemeint, die merken es wahrscheinlich nicht mal. Aber es hat mich verletzt. Immer und immer wieder. Weil es mir immer und immer wieder ins Bewusstsein gerufen hat, was die Gesellschaft von behinderten Menschen hält. Als Schimpfwort wird „behindert“ eingesetzt für „scheiße“ und „überflüssig“ und sicher noch ein paar andere stark entwertende Adjektive. Und genau so fühle ich mich, wenn jemand „behindert“ so verwendet. Abgewertet. Entwertet. Unabsichtlichkeit hin oder her.

Deshalb habe ich mich vor einer Weile an die Ausbildungsleitung gewandt. Weil ich was sagen wollte. Und das habe ich gemacht. Am Montag hatten wir ein offizielles Treffen mit meinem Auszubildendenjahrgang. Solche Treffen haben wir jetzt einmal im Quartal. Da wird in erster Linie Organisatorisches besprochen, aber es ist auch Platz für verschiedenste Anliegen. Deshalb habe ich mit den Ausbildungsleiterinnen vereinbart, dass ich das Thema dort anspreche. Sie waren beide toll in unserem Vorgespräch und haben mir ihre volle Unterstützung zugesichert und die Möglichkeit gegeben, an dem Tag ganz spontan zu entscheiden, ob ich reden möchte oder nicht. Sie boten mir auch an, dass sie etwas sagen würden, anonymisiert oder ganz offen, wie ich möchte. Ich wollte aber selbst reden. Ich wollte nicht, dass es Gerüchte und Spekulationen gibt. Weder darüber, wer die Person ist, die das Thema angesprochen hat, noch darüber, um welche Behinderung es geht.

Die anderen wissen jetzt also Bescheid. Darüber, dass ich eine Behinderung habe. Darüber, dass diese Behinderung Autismus ist. Darüber, was Autismus ist. Und darüber, dass es mich verletzt, wenn „behindert“ als Schimpfwort verwendet wird und warum.

Ich weiß noch nicht, ob das etwas ändert und wenn ja, was. Aber ich weiß, dass mir alle sehr aufmerksam zugehört haben. Als ich geredet habe, war es vollkommen still und alle Augen waren auf mich gerichtet. Von manchen habe ich hinterher positives Feedback bekommen. Sie kamen auf mich zu und bedankten sich für meine Offenheit und mein Vertrauen. Sie entschuldigten sich und sagten, dass sie darauf achten werden, was sie sagen und daran arbeiten werden. Die meisten waren einfach still. Negative Rückmeldungen gab es nicht.

Die Ausbildungsleiterinnen kamen auch noch einmal auf mich zu und sagten mir, ich hätte sehr gute Worte gefunden und sie seien sicher, dass ich damit etwas erreicht hätte. Sie bedankten sich bei mir und sagten, ich könne sehr stolz auf mich sein.

Irgendwie bin ich das auch, aber irgendwie ist mir auch ein bisschen mulmig. Ich kann nicht einschätzen, was nun daraus wird. Aber fürs Erste bin ich froh, dass ich es gemacht habe.

Offiziell festgestellt.

Vor ein paar Tagen lag er in meinem Briefkasten, der Bescheid, der mir bescheinigt, dass bei mir ein Grad der Behinderung von 30 festgestellt wurde.

Begründung:

Bei Ihnen liegt folgende Funktionsbeeinträchtigung vor:

1) Autismus

Es fühlt sich tatsächlich ein bisschen seltsam an, dass ich jetzt auch ganz offiziell eine Behinderung habe. Komisch, wo sie doch schon immer da ist und ich seit inzwischen eineinhalb Jahren ein ausführliches Diagnoseschreiben in der Schublade habe.

Einen Schwerbehindertenausweis und Nachteilsausgleiche gibt es für mich nicht. Dafür braucht man einen Grad der Behinderung von mindestens 50.

Erläutert wird die Entscheidung nicht. Die Neurologin, die mich im Auftrag des Versorgungsamtes begutachtet hatte, sagte am Ende der Untersuchung nur zu mir, dass ich zu gut zurecht käme, um einen höheren Grad der Behinderung zu bekommen. Das machte sie vor allem daran fest, dass ich in der Schule nie sitzen geblieben bin, mein Studium abgeschlossen habe und eine feste Beziehung führe. Ziemlich fragwürdige Begründung, meiner Meinung nach. Andererseits hat sie natürlich recht, wenn sie sagt, dass ich bisher ganz gut durch mein Leben gekommen bin. Nicht besonders geradlinig zwar und auch mit viel Leid verbunden, ganz besonders während der Schulzeit, aber insgesamt doch okay. Während der Schulzeit, da hätte ich wirklich dringend Hilfe gebraucht. Jetzt gerade geht es mir bestens, trotz aller autismusbedingten Schwierigkeiten. Ich habe mir alles sehr gut eingerichtet. Deshalb habe ich nie mit einem anderen Ergebnis gerechnet und werde auch keinen Widerspruch erheben.

Also hätte ich das Ganze auch lassen können, oder? Wozu der Antrag, die Warterei und der unangenehme Gutachtentermin? Weil dieser Bescheid mir irgendwann vielleicht doch etwas nutzt. Dass es mir jetzt gut geht, auch beruflich, heißt nicht, dass das für immer so bleibt. Und wenn irgendwann mal der Fall eintreten sollte, dass ich auf Grund meiner Behinderung meinen Arbeitsplatz nicht behalten oder keine Arbeit finden kann, dann kann ich gleichgestellt werden, also denselben Status wie schwerbehinderte Menschen zuerkannt bekommen. Und das würde mir dann natürlich etwas nutzen. Ich würde die Hilfe bekommen, die ich dann bräuchte. Das zu wissen, ist beruhigend. Und allein dafür hat es sich gelohnt, den Antrag zu stellen.