Kaltes Wasser.

Diese Woche wurde ich Hals über Kopf ins sprichwörtliche kalte Wasser geworfen. Eine Kollegin und ein Kollege haben mich an zwei Tagen ihre gesamten Sprechstundentermine übernehmen lassen. Sie saßen dabei, um aufzupassen, dass ich alles richtig mache und um einzuspringen, falls ich Fragen oder Probleme hätte, aber die Regie lag bei mir. „So, heute machst du das mal. Wir tauschen jetzt die Plätze.“

Und dann saß ich da, ganz ohne Vorwarnung. Bisher hatte ich in den Sprechstunden immer nur dabei gesessen, zugeschaut, zugehört und die anfallenden Arbeiten übernommen, aber nicht die Gespräche geführt. Natürlich habe ich immer gut aufgepasst und weiß genau, wie diese Termine ablaufen, und das ist zum Glück immer ziemlich gleich und sehr schematisch, aber plötzlich auf dem anderen Stuhl zu sitzen und alles selbst zu übernehmen, war etwas ganz Anderes. Dementsprechend war ich fürchterlich nervös, fahrig und zerstreut. Zumindest innerlich. Von außen merkt man mir sowas nie an, jedenfalls wird mir das immer wieder gesagt. „Du bist ja ganz ruhig“, „du wirkst so souverän“, „das sieht alles sehr entspannt aus bei dir“. Na ja. Meine Mimik und Körpersprache sind eben nicht unbedingt besonders expressiv. In meinem Kopf herrschten auf jeden Fall Chaos und Hektik. Die Arbeiten an sich bekomme ich inzwischen völlig automatisch hin und die einzelnen Schritte der Sprechstundentermine sind mir vollkommen klar. Ich weiß genau, was wann zu tun ist und warum. Ich weiß, welches Anliegen wie bearbeitet werden muss. Ich kann das alles. Aber auf einmal musste ich dabei auch noch mit Menschen interagieren und Menschen sind so schrecklich unberechenbar, selbst in so einer berechenbaren und strukturierten Situation. Manche sind auch noch in Plauderstimmung, was für mich besonders schwierig ist. Smalltalk und gleichzeitig arbeiten? Oh je… Smalltalk an sich ist für mich ja schon Arbeit.

Das heißt, ich war die ganze Zeit hochgradig konzentriert und aufmerksam. Gleichzeitig sausten hunderte Gedanken und Eindrücke durch meinen Kopf, die ich kaum ordnen konnte und die mir die Konzentration erheblich erschwerten. Nervosität sorgt dafür, dass ich viel mehr wahrnehme, als ohnehin schon. Ich habe dann das Gefühl, ziemlich zäh zu handeln und zu denken. Es ist ein bisschen so, als müsste ich mit starken Kopfschmerzen oder einer dicken Erkältung, bei der sich mein Hirn ganz schwerfällig anfühlt, einem anspruchsvollen Vortrag folgen und gleichzeitig sinnvolle Notizen dazu schreiben oder sowas. Ich habe dabei den Eindruck, als würde alles um mich herum rasend schnell passieren und ich selbst könnte nur in Zeitlupe handeln und denken, obwohl ich eigentlich bei dem rasend schnellen Tempo meiner Umgebung mithalten müsste. Es geht irgendwie, aber es ist sehr anstrengend und fühlt sich wirklich nicht gut an. Und es ist mir ein absolutes Rätsel, wie sich etwas für mich selbst so schwierig anfühlen kann, ich aber gleichzeitig scheinbar so wirke, als wäre ich die Ruhe selbst und hätte alles im Griff.

Auch, wenn gar nichts schief gegangen ist und nichts Unerwartetes passiert ist, war ich am ersten Tag die ganze Zeit ziemlich angespannt. Erst bei den letzten ein, zwei Terminen wurde es in meinem Kopf und damit auch ich selbst ruhiger. Am zweiten Tag war ich am Anfang wieder schrecklich nervös, aber da hat es sich immerhin schon schneller gelegt und ich habe mich nicht mehr ganz so hilflos und chaotisch gefühlt. Es gab zwischendurch sogar Momente, in denen ich mir selbst einigermaßen souverän vorkam. Mit der Nervosität hat schließlich auch das wilde Chaos in meinem Kopf nachgelassen und das wiederum hat mir Nervosität genommen und damit mehr Chaos beseitigt. Eine wunderbare Aufwärtsspirale. Ich hätte nie gedacht, dass das so schnell gehen kann. Mir war von Anfang an klar, dass ich irgendwann Termine würde übernehmen müssen, aber ich dachte, dass ich ewig brauchen würde, um das auf die Reihe zu bekommen und hatte wirklich Angst davor. Jetzt denke ich, dass ich mich beim nächsten Mal vielleicht schon nach zwei, drei Terminen ganz gut fühlen könnte. Mal schauen.

Meine Stützen sind die klare, vorgegebene Sprechstundenstruktur und das Formular, das zur Protokollierung des Termins nebenbei ausgefüllt werden muss. Ich kann es einfach Punkt für Punkt abarbeiten. „Geben Sie mir bitte als erstes Ihren aktuellen Aufenthalt. Ah, er wurde verlängert, dann trage ich das schon mal ein.“ Punkt eins erledigt. „Hat sich an Ihrer Einkommenssituation etwas geändert?“ „Nein.“ Okay, Punkt zwei abgehakt. „Wohnen Sie weiterhin im selben Wohnheim?“ „Ja.“ „Gut, dann mache ich Ihnen eine neue Kostenübernahmebescheinigung fertig.“ Nächster Punkt erledigt. „Sie sollten die Schulbescheinigungen Ihrer Kinder mitbringen. Haben Sie die dabei?“ „Ja, hier.“ Und so weiter. Das ist wirklich sehr autistenfreundlich.

Nach der Ausbildung möchte ich trotzdem nicht in einer Abteilung mit so viel und so regelmäßigem Publikumsverkehr arbeiten. Das wird mir auf Dauer ganz sicher zu viel. Aber in den nächsten Wochen, die ich noch in dieser Praxisstelle verbringe, werde ich das meistern. Auch, wenn es bestimmt jedes Mal am Anfang mit viel Nervosität verbunden ist. Ich habe gemerkt, dass ich das schaffen kann, und das ist wirklich ein gutes Gefühl. Es war zwar erst mal überhaupt nicht schön, aber im Nachhinein betrachtet auch längst nicht so fürchterlich, wie es hätte sein können. Wer weiß, vielleicht fühle ich mich am Ende dieser Praxisphase sogar annähernd so souverän, wie ich scheinbar wirke.

Ich habe, wenn man so will, autistische Superkräfte.

„Du isst nie, du trinkst nie, du spielst nie mit deinem Handy rum und du merkst dir immer alles. Irgendwas stimmt doch nicht mit dir!“

Das hat mein Chef diese Woche im Scherz zu mir gesagt und er hat damit in gewisser Weise vollkommen recht. Aus seiner Sicht wirke ich wahrscheinlich wie ein Roboter. Natürlich esse und trinke ich und natürlich spiele ich auch mit meinem Handy herum, aber nicht während der Arbeitszeit. Sowas gehört für mich eindeutig in die Mittagspause, nicht an den Schreibtisch. Egal, wie entspannt die anderen Kolleginnen und Kollegen das sehen und handhaben. Arbeitszeit ist für mich Arbeitszeit, Pause ist Pause, ganz klar geregelt und getrennt, ganz einfach. Privatsachen haben bei meiner Arbeit nichts zu suchen und die Arbeit gehört nicht in meine Pause. Das mag steif, streng und für viele Menschen langweilig und engstirnig klingen, und vermutlich ist es das auch, aber für mich ist es wichtig und gut so. Alle anderen können das meinetwegen so machen, wie sie möchten und wie es zu ihnen passt. Aber ich will und brauche diese Abgrenzung. Dadurch bin ich ganz bei der Arbeit, wenn ich bei der Arbeit bin. Das macht mich so konzentriert, so fokussiert und auch so merkfähig und das bin ich sehr, sehr gerne. Ich bin einfach immer voll und ganz bei der Sache, mit echtem Interesse und Begeisterung.

Und das verdanke ich meinem Autismus. Klar, in vielen Dingen ist er absolut nicht hilfreich, vor allem, wenn es um soziale Interaktion geht, aber arbeiten und mich dabei ganz und gar auf etwas einlassen, das kann ich richtig gut, dafür ist mein Hirn wie gemacht, das bereitet mir sehr viel Freude. Gefallen muss mir die Tätigkeit dabei schon, zumindest im Großen und Ganzen, aber das ist bei meiner Ausbildung auch absolut gegeben, also besteht da kein Problem. Jeden Tag merke ich ein bisschen mehr, wie gut dieser Beruf zu mir passt, den ich gerade erlerne. Momentan bin ich zwar in einem Bereich, in dem es verhältnismäßig viel Publikumsverkehr gibt, aber allein gelassen werde ich damit selbstverständlich nicht. Bisher bin ich bei Terminen einfach nur dabei und werde ganz langsam herangeführt, sie selbst zu übernehmen. Was ich schon weitgehend selbstständig übernehmen kann, ist die tatsächliche Bearbeitung der Anliegen der Personen, die zu uns kommen. Das überrascht meinen Chef sehr und mich ehrlich gesagt auch ein bisschen. Zum Glück laufen die Termine an sich immer sehr schematisch ab. Da werde ich mich schon für die Zeit, in der ich in diesem Bereich arbeite, hineinfinden und damit arrangieren, sie bald auch selbst übernehmen zu müssen. Außerdem ist es, wenn man den gesamten Beruf betrachtet, nur ein wirklich kleiner Teil der Arbeit, der so abläuft, und ich werde nicht auf Dauer irgendwo arbeiten müssen, wo es Publikumsverkehr gibt. In den allermeisten Bereichen hat man nur zu Kolleginnen und Kollegen direkten Kontakt. Ich bin also sicher, dass ich meine Nische finden werde.

All die Dinge, die ich, vor allem beim Arbeiten, gerne mag und die mir wichtig sind, die sozusagen in meiner Natur liegen, sind für meinen neuen Beruf wichtig. Ich muss genau sein, sehr sorgfältig und strukturiert, sehr analytisch, ich muss mich gut konzentrieren können und jede Menge Vorgaben und Regelungen beachten und dabei sehr systematisch vorgehen, damit alles einheitlich ist und seine Richtigkeit hat. Ich muss meine Arbeit wirklich ernst und wichtig nehmen, um sie gut zu machen und meinen eigenen Ansprüchen zu genügen und ich muss mich ihr ganz verschreiben, während ich arbeite. Das alles fällt mir dank meines Autismus wirklich leicht. Das ist genau das, was mein Hirn zufrieden stellt. Deshalb habe ich in der vergleichsweise kurzen Zeit, die ich bisher in meiner Praxisstelle verbracht habe, schon so viel gelernt. Deshalb bin ich in dem, was ich bisher machen muss, schon ziemlich gut. Natürlich ist immer noch vieles ganz neu, denn es kommt täglich irgendwas Neues dazu, aber ich finde mich schnell ein. Lernen macht mir einfach Spaß und fällt mir sehr leicht, wenn mir etwas gefällt. Leichter, als den meisten anderen Menschen. Leichter, als den meisten Nicht-Autisten. Mein Autismus ist da wirklich ein Vorteil mit all der Begeisterungsfähigkeit, die er mitbringt, der Hingabe, Loyalität, Ernsthaftigkeit, Ausdauer, Ordnungsliebe und dem Verantwortungsbewusstsein. Von all dem habe ich ein bisschen mehr abbekommen, als die meisten Menschen. (Das ist ziemlich autismustypisch. Die liebe NetKlar zum Beispiel hat auch mal was dazu geschrieben.) Und genau das ist es, was ich in diesem Beruf nutzen kann und will, was mich darin besonders gut macht. Genau das ist es, auf das ich meinen Fokus legen möchte. Ja, ich habe Schwächen und Einschränkungen. Ja, ich kann viele Dinge nicht oder nur sehr schlecht, die anderen vollkommen leicht fallen. Aber ich kann manche Dinge eben auch besser und leichter als andere. Ich habe, wenn man so will, autistische Superkräfte. Und das ist was Gutes.

Irgendwie nehme ich vieles ernster als alle anderen.

Das ist zumindest gerade mein Eindruck. Da sind zum Beispiel meine Arbeitszeiten. An meinen drei Praxistagen soll ich je 7,8 Stunden arbeiten und 0,5 Stunden Mittagspause machen. Das sind zusammen 8,3 Stunden Anwesenheit, also in etwa acht Stunden und zwanzig Minuten. Daran halte ich mich, und zwar absolut exakt. Wir haben so einen schicken Gleitzeitbogen, in dem wir genau nachschauen können, wie lange wir bleiben müssen, wenn wir wann gekommen sind. Außerdem kann man daran genau ablesen, welche Feierabendzeit bei welchem Arbeitsbeginn zu wie vielen Plus- oder Minusminuten führt. Wir Auszubildenden sollen weder Plus- noch Minusminuten machen, sondern immer bei 0 rauskommen. Unsere Zeiten tragen wir in eine Monatstabelle ein und die müssen wir nach Ende jeden Monats einreichen. Natürlich kann man da schummeln, weil nichts elektronisch erfasst wird, und natürlich mache ich das nicht. Das wäre Betrug. Mein Praxisanleiter und die anderen Kolleginnen und Kollegen sehen das deutlich lockerer. Sie haben mir bisher wirklich an jedem Praxistag gesagt, dass ich ruhig schon gehen kann, man habe ja nun sowieso nichts mehr für mich zu tun, die zehn, fünfzehn Minuten würden doch nichts machen, ich müsse das schließlich nicht so eintragen. Das kann ich aber nicht. Und ich will es auch nicht. Das ist meine Arbeitszeit, meine Ausbildungszeit, die will ich nutzen, mal ganz abgesehen davon, dass ich dafür bezahlt werde und dazu verpflichtet bin, mich an die Regeln zu halten. Also bleibe ich da und lese in der übrigen Zeit in Gesetzen. Zum einen interessiert mich das alles wirklich und zum anderen gibt es so viel zu wissen! Außerdem muss ich täglich mein Berichtsheft führen und am Monatsende abgeben. Angeblich macht das niemand so. Stattdessen wird es scheinbar aufgeschoben und dann wird am Ende des Monats, kurz vor der Abgabe, alles hektisch nachgetragen. Ich mache das aber, wie angeordnet, jeden Tag, und zwar sehr sorgfältig, genau so, wie es uns in der Einführungswoche erklärt wurde. Die Kolleginnen und Kollegen wundern sich über all dieses Pflichtbewusstsein. Wahrscheinlich bin ich die seltsamste, übermotivierteste Auszubildende, die sie jemals kennengelernt haben.

Was ich auf jeden Fall auch zu ernst nehme, sind bestimmte Ansagen von meinem Praxisanleiter. Mindestens einmal am Tag trennen wir uns für eine Weile, und wenn es nur für die Mittagspause ist. Das wird sich in Zukunft bestimmt noch ändern, weil ich dann hoffentlich mehr eigenständig arbeiten kann, aber momentan muss ich eben noch sehr vieles gezeigt bekommen und kann eigentlich noch nichts richtig alleine machen. Das liegt auch daran, dass ich zu der Fallverwaltungssoftware aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugang bekommen kann, aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls gibt er dann immer ungefähr vor, wann wir uns wieder treffen und sagt, dass er mich dann in meinem Büro abholen kommt, damit ich weiß, wann er soweit ist. Manchmal muss er eben auch mal zügig was abarbeiten. Ausbilden ist nunmal nur sein Nebenjob und ich kann die Zeit wunderbar zum Gesetzelesen und zum Berichtsheftschreiben nutzen. Meistens macht er sogar eine ungefähre Zeitangabe wie „so gegen halb“ oder „in 30, 40 Minuten“. Ich nehme das dann ernst und wörtlich. Er aber nicht. Das habe ich inzwischen verstanden. Was nämlich passiert, ist, dass ich mich in irgendwas vertiefe, nicht so richtig auf die Zeit achte und er nicht auftaucht. Irgendwann merke ich, dass die genannte Zeit längst vorbei ist. In den ersten zwei Tagen hat mich das total überfordert und ich wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen soll. Es hieß ja, er würde zu mir kommen, wenn er soweit ist. Also saß er gerade vielleicht an irgendwas sehr Wichtigem, da wollte ich natürlich nicht stören. Aber die Zeit verging und verging und ich wartete und wartete und irgendwann nahm ich allen Mut zusammen und ging in sein Büro. Er sagte dann etwas wie „Ah, da bist du ja, dann können wir ja weitermachen“, so, als hätte nicht ich auf ihn gewartet, sondern er auf mich. Höchst verwirrend. Nachdem das drei, vier Mal so gelaufen ist, habe ich beschlossen, den genauen Wortlaut dieser merkwürdigen Zeitangaben zu ignorieren und mich einfach immer selbst aufzumachen, wenn die ungefähre Zeit rum ist. Das hat mich die ersten paar Male einiges an Überwindung gekostet. Bisher hat es aber geklappt und ich wurde nicht wieder weggeschickt. Verwirrend finde ich es trotzdem.

Außerdem scheint es für alle irgendwie verwunderlich zu sein, dass ich immer sehr eifrig und mit voller Konzentration dabei bin. Das wiederum finde ich verwunderlich, weil es für mich völlig selbstverständlich ist, dass ich möglichst schnell möglichst viel lernen will, damit ich auch nützlich bin. Mein Praxisanleiter ist nicht der einzige, der mir etwas beibringt. Die anderen Kolleginnen und Kollegen zeigen und erklären mit auch sehr viel und lassen mich Aufgaben übernehmen, bislang noch unter Aufsicht, aber immerhin. Und sie sind allesamt erstaunt, dass ich fleißig und engagiert bin, mir vieles schnell merke, schnell lerne, möglichst viel lernen möchte und eigenständig bin. Ich möchte eben arbeiten, etwas leisten, wirklich gut in allem sein, am liebsten schon gestern. Mir geht das alles nicht schnell genug, auch wenn mir klar ist, dass niemand so schnell alles können und wissen kann oder gar muss und dass es durchaus Vorteile hat, alles häppchenweise zu lernen. Trotzdem wäre ich am liebsten schon weiter, obwohl ich, wie mir mehrmals gesagt wurde, schon weiter bin, als ich sein müsste. Ich sage mir zwar immer wieder, dass ich noch ganz am Anfang stehe, dass es eine Ausbildung ist und es eben dazugehört, erst mal viel zuzuschauen, mich einzufinden, Schritt für Schritt alles einzuordnen und zu verstehen und so weiter, aber ich denke trotzdem die ganze Zeit, ich wäre irgendwie faul und müsste eigentlich viel härter arbeiten. Genau das ist es eigentlich auch, was ich will. Arbeiten. Keine Kaffeekränzchen, wie die anderen sie immer wieder halten, keine ewigen Gespräche über Urlaube oder Schönheitsoperationen, nein, ich will einfach an meinem Schreibtisch sitzen und arbeiten. Fleißig, zielgerichtet, konzentriert. Wie so eine Streberin. Das bin ich eben. Arbeit nehme ich sehr ernst.

Das klingt jetzt vielleicht irgendwie negativ, ist es aber eigentlich gar nicht. An sich war die Woche auf jeden Fall schön. Ich habe viel gelernt, sowohl im Büro als auch an der Berufsschule, und wenn ich mir ein bisschen Ruhe nehme und darüber nachdenke, um wie viel mein Wissen und meine Sicherheit seit der letzten Woche angewachsen sind, dann weiß ich im Grunde, dass alles gut ist. Es ist okay, dass meine Kolleginnen und Kollegen alles ein bisschen lockerer sehen. Und es ist genauso okay, dass ich alles ein bisschen ernster und genauer nehme als sie. Nur das mit den merkwürdigen Zeitabsprachen zum Weitermachen, das nehme ich jetzt nicht mehr so ernst und wörtlich.

Eine Autistin im Callcenter.

Was, eine Autistin im Callcenter? Passt das denn?

Nein, eigentlich passt das eher nicht. Zumindest bei vielen nicht. Bei mir sogar ganz besonders nicht. Also, ehrlich gesagt, es war wirklich absolut furchtbar. Drei Jahre lang habe ich das jetzt gemacht. Die ersten beiden Jahre waren noch halbwegs okay, weil der Job nur mein Nebenjob war, mit dem ich mir das Masterstudium finanziert habe. 10 Stunden die Woche, verteilt auf drei Tage, immer drei bis höchstens vier Stunden am Stück. Gehasst habe ich es trotzdem die ganze Zeit, aber einen anderen Job gefunden habe ich auch nicht und ich dachte mir, ach, die zwei Jahre, die paar Stunden, das geht schon. Dann war ich mit dem Studium fertig und hatte noch keine Stelle gefunden, also blieb ich erst mal im Callcenter und erhöhte die Stundenzahl, denn ich brauchte mehr Geld. 30 Stunden pro Woche. Es war absolut zu viel. Nach neun Monaten reduzierte ich meine Arbeitszeit auf 20 Wochenstunden, trotz der finanziellen Einbußen. Das brachte Erleichterung, war aber immer noch zu viel.

Alles war zu viel. Die unfassbar vielen Geräusche, die Hektik, der Zeitdruck, die Unbeständigkeit was den Arbeitsplatz anging und natürlich die permanenten Telefonate. All das hat mich völlig ausgezehrt. Jeden Abend war ich vollkommen erschöpft. Die Fahrt nach Hause mit S- und U-Bahn war oft kaum zu schaffen. Ich war ständig in einem Zustand der Überlastung. Und das, obwohl es viele Punkte gab, die mir bei dieser Arbeit sogar entgegen kamen oder die zumindest dafür gesorgt haben, dass dieses Callcenter um einiges erträglicher für mich war als es die meisten Callcenter gewesen wären.

Die Firma war ein externer Dienstleister und fungierte als Telefonzentrale, externes Sekretariat, Bestellannahme usw. für verschiedene kleinere Unternehmen, je nachdem, was die eben so brauchten. Von diesen Unternehmen gab es immer ganz klare, eindeutige Anweisungen, wie mit den verschiedenen Anliegen der Anrufer zu verfahren sei. Die Anweisungen waren immer nach demselben Schema aufgebaut und in sehr übersichtlich strukturierten Unternehmensprofilen festgehalten. Ging ein Anruf ein, öffnete sich am Computer ein Fenster mit dem jeweiligen Profil, inklusive eines Satzes zur Annahme des Gesprächs. Was in welcher Situation zu tun war, war gut ersichtlich. Die Optionen zur Anrufbearbeitung waren dabei im Großen und Ganzen nicht besonders vielfältig. Nach relativ kurzer Zeit hatte man alles schon mehrfach erlebt und erledigt und dann war im Grunde alles nur noch Wiederholung.

Die Arbeit an sich war also klar strukturiert und schematisch vorgegeben. Wir Callcenter-Agents wurden in kleinen Gruppen und auch einzeln intensiv geschult und auf alles Mögliche vorbereitet. Das Trainerteam ging mit uns die verschiedensten Situationen detailliert durch und erklärte uns, wann wir uns wie verhalten mussten, wie wir auf was reagieren sollten und wie wir welche Gespräche am besten führen sollten. Vor allem wurden auch besonders schwierige und stressige Situationen genau erläutert. Wir lernten sehr gründlich, worauf wir achten mussten und wie wir mit was umgehen konnten.

Und trotzdem stand ich permanent unter Strom. Wenn das Telefon klingelte, wusste ich nie, was auf mich zukommen würde. Was würde der Anrufer wollen? Wie würde seine Stimmung sein? Und vor allem: Würde ich wirklich schnell genug erfassen, wie ich handeln muss? Würde ich es schaffen, kompetent zu wirken und das Gespräch souverän zu führen? Gespräche mit Fremden, vor allem am Telefon, sind für mich sehr schwierig. Menschen sind so unberechenbar und viele Informationen, die sie senden, vor allem die nonverbalen, kommen bei mir unvollständig oder gar nicht an. Ich war also ständig hochkonzentriert und wachsam, um möglichst viel von dem mitzubekommen und zu verstehen, was der Mensch am anderen Ende der Leitung wollte und gleichzeitig schnell und genau zu erfassen, welche Informationen aus dem Unternehmensprofil dafür relevant sind, um zu wissen, welche Anweisungen ich konkret umsetzen musste. Aus der Schulung zu wissen, wann ich wie reagieren und wann ich was tun musste, war eben nur das eine. Viel schwieriger war es, zu erfassen, in welcher konkreten Situation ich mich gerade befand. Meistens war die Situation an sich dann ganz einfach, aber das musste ich ja erst mal herausfinden, und zwar schnell, sozusagen in Echtzeit. Mein Hirn lief die ganze Zeit auf Hochtouren, um alles in Höchstgeschwindigkeit zu verarbeiten, während es um mich herum laut und unruhig war. Überall klapperten Tastaturen, sprachen und bewegten sich Kolleginnen und Kollegen, knarzten Bürostühle und leuchteten Computerbildschirme. In diesem Wirrwarr fokussiert zu bleiben und ein zielgerichtetes, professionelles Telefonat nach dem anderen zu führen, war unfassbar schwierig und kräftezehrend. Da halfen mir all die klaren, vorgegebenen Strukturen und die Gleichförmigkeit der Gespräche nur wenig. Sie waren vielmehr die Rahmenbedingungen, die dafür sorgten, dass ich überhaupt in der Lage war, diese Arbeit zu erledigen. Mit jedem Telefonklingeln und jedem Gespräch wurde es schwieriger, denn ich wurde von Mal zu Mal erschöpfter. Die erste Stunde war meist noch ganz in Ordnung, danach fiel mir jeder Prozess in meinem Hirn von Telefonat zu Telefonat schwerer, bis ich am Feierabend vollkommen gerädert war. Immer, wenn in meinem Headset das Signal für einen eingehenden Anruf ertönte und sich das Profil des jeweiligen Unternehmens öffnete, erschrak ich, wollte das Telefon aus dem Fenster werfen und nur noch rennen, so weit weg wie möglich. Aber ich drückte pflichtbewusst jedes Mal auf den grünen Knopf und kämpfte mich durch.

Absurderweise war ich sogar wirklich gut in diesem Job. Die Leistungen der Callcenter-Agents wurden quantitativ durch eine Software gemessen und qualitativ durch Feedbacks der Unternehmen, für die wir die Anrufe annahmen. Dabei kam ich sehr gut weg, so gut, dass ich sogar monatliche Bonuszahlungen bekam. Ich vermute, das lag daran, dass ich immer mit voller Konzentration bei der Sache war und eine sehr zielgerichtete und trotzdem freundliche Art hatte, die Gespräche zu führen. Kompetent und freundlich klingen, das hatte ich bei meinem Radiojob während des Bachelorstudiums gelernt. Mein Chef dort war ein sehr guter Sprechlehrer. Und zielgerichtete, klare und einfache Gespräche zu führen, das war das, was mir einfach am logischsten und sinnvollsten erschien. Plaudern ist einfach nicht mein Ding. Aber meine guten Leistungen nahmen mir den Stress und den Druck nicht. Ich war ja nur so gut, weil ich mich vor lauter Stress und Druck so anstrengte. Weil ich die ganze Zeit Unmengen an Energie dafür aufbrachte, meine Schwächen zu kompensieren. Weil mein Hirn deshalb durchgehend auf voller Leistung lief.

Jeder Arbeitstag in diesem Job war ein dauerhaftes Überschreiten der Grenzen meiner Belastbarkeit in verschiedenen Bereichen. Es war einer der falschesten Jobs, die ich mir hätte suchen können. Als ich mich darauf bewarb, brauchte ich einfach schnell irgendeine Arbeit und bewarb mich deshalb auf jeden Minijob, den ich finden konnte. Ich wusste damals noch nicht, dass ich Autistin bin. Ich wusste nicht, welcher Belastung ich mich da aussetzen würde. Ich hatte etwas Angst vor dem vielen Telefonieren, weil ich das nicht mochte, aber ich wusste nicht, woran das lag, also dachte ich, dass ich das schon lerne und mich daran gewöhne. Was gelernt habe ich auch, aber vor allem war ich die ganze Zeit überfordert. Das ist jetzt vorbei. Ich habe es viel zu lange ausgehalten. Und in so eine Situation werde ich mich ganz bestimmt nie wieder manövrieren.