über das Autismusspektrum

Das hier ist mein gesammeltes und zusammengefasstes Wissen. Ich erhebe keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit. Liebe Autistinnen und Autisten, wenn ihr Fehler entdeckt oder findet, dass ich etwas Wichtiges vergessen habe, schreibt mir bitte: blog [punkt] hobbithexe [at] googlemail [punkt] com.


Autismus ist vielfältig. Es gibt Autistinnen und Autisten, die ein vollkommen selbstständiges Leben führen und denen, die nichts von ihrem Autismus wissen, nicht besonders auffallen. Es gibt Autistinnen und Autisten, die ihr Leben lang ständige Betreuung brauchen und nicht verbal kommunizieren. Und es gibt Autistinnen und Autisten auf jeder erdenklichen Abstufung dazwischen.

Man spricht deshalb auch vom Autismusspektrum. Das bedeutet im Grunde, dass es einen bestimmten Rahmen gibt, in dem sich alle Autistinnen und Autisten irgendwo befinden. Alle haben grundsätzliche Gemeinsamkeiten, in denen wir gleichzeitig signifikant von anderen Menschen abweichen, und doch sind wir Individuen, so wie alle anderen Menschen auch.

Autismus ist eine Behinderung und wird laut ICD-10 als tiefgreifende Entwicklungsstörung eingeordnet. Man wird damit geboren und man stirbt damit. Weder kann man Autismus plötzlich durch irgendwas bekommen, noch kann man durch irgendwas nicht-autistisch werden. Es ist keine Krankheit und man kann nicht pauschal sagen, dass Autistinnen und Autisten an oder unter ihrem Autismus leiden. Er ist in erster Linie einfach ein Teil von uns selbst, ein Teil unseres Seins und unserer Persönlichkeit, untrennbar mit uns verbunden. Natürlich  haben wir Schwierigkeiten und Probleme, die durchaus sehr belastend und einschränkend sein können, sonst wäre sicherlich nicht von einer Behinderung die Rede, und manche leiden auch darunter. Aber ganz sicher nicht alle. Wir sind nicht krank und müssen nicht geheilt werden. Wir sind nicht defekt und müssen nicht repariert werden. Wir sind einfach anders.

Was Autistinnen und Autisten von anderen Menschen unterscheidet, ist unser Hirn. Es arbeitet anders, genauer gesagt, es verarbeitet Informationen anders. Das betrifft, zusammenfassend gesprochen, zwei Bereiche: zum einen die Verarbeitung von sensorischen Reizen und zum anderen die soziale Interaktion. In diesen beiden Bereichen unterscheidet sich das Erleben von Autistinnen und Autisten also von dem von anderen Menschen.

Die abweichende Informationsverarbeitung im Bereich der Sensorik lässt sich grob in zwei Kategorien einteilen: Überempfindlichkeit und Unterempfindlichkeit. In beiden Fällen funktioniert der sogenannte Reizfilter des Hirns nicht so, wie er soll. Auf jeden Menschen strömen zu jeder Zeit unfassbar viele Reize ein. Die meisten davon sind aber unwichtig und müssen daher vom Hirn nicht unbedingt verarbeitet und bewusst wahrgenommen werden. Deshalb werden sie gefiltert, sodass nur die wichtigen Reize in das Bewusstsein gelangen. Alles andere wird ausgeblendet. Bei Autistinnen und Autisten funktioniert das nicht immer richtig. Überempfindlichkeit bedeutet, dass besonders viele Sinnesreize bewusst wahrgenommen werden und dies auch oft besonders stark. Unterempfindlichkeit bedeutet, dass Sinnesreize nur schwach oder sogar gar nicht bewusst wahrgenommen werden. Welcher Sinn wie empfindlich ist, ist bei jeder Autistin und jedem Autisten anders. Es kann ein Sinn von einer abweichenden Reizverarbeitung betroffen sein oder mehrere oder alle. Manche von uns haben nur Überempfindlichkeiten, andere nur Unterempfindlichkeiten und wieder andere beides. Wie stark die einzelne Über- oder Unterempfindlichkeit ausgeprägt ist, kann sich im Laufe des Lebens in beide Richtungen verändern. Außerdem kann es immer wieder Schwankungen je nach Tagesform geben.

Soziale Interaktion ist für Autistinnen und Autisten schwieriger als für andere Menschen. Das liegt daran, dass wir sowohl verbale als auch nonverbale Kommunikation anders wahrnehmen und verwenden. Daher haben wir zum Beispiel häufig Schwierigkeiten mit dem Erfassen und deshalb auch mit dem Anwenden von sozialen Gepflogenheiten. Das betrifft unter anderem sowas wie die Aufnahme von Kontakt zu anderen Menschen und das Aufbauen von zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir wissen schlicht und ergreifend nicht oder nur unzureichend, wie das funktioniert. Manche von uns können es überhaupt nicht, andere stellen sich mehr oder weniger ungeschickt dabei an. Außerdem kommunizieren wir sehr direkt und verstehen auch alles sehr direkt, ohne Umschweife und Verschlüsselungen. Dadurch kommt es in der Kommunikation zwischen uns und Nicht-Autistinnen und Nicht-Autisten häufig zu Missverständnissen. Wir sagen Dinge so, wie wir sie meinen und verstehen Dinge so, wie sie gesagt werden. So einfach funktioniert Sprache aber leider nicht. Es wird zum Beispiel etwas gesagt, aber etwas ganz anderes gemeint, oder es wird etwas implizit mitgemeint, das gar nicht verbalisiert wird, oder beides auf einmal und so weiter. Autistinnen und Autisten machen das gar nicht oder nur sehr eingeschränkt und wir haben deshalb auch alle mehr oder weniger große Probleme damit, diese verschlüsselte Kommunikation zu verstehen. Meistens merken wir nicht mal, dass uns etwas mitgeteilt wurde, das nicht explizit ausgesprochen wurde. Wir tendieren dazu, alles wörtlich zu nehmen und nur das zu verstehen, was tatsächlich gesagt wurde. Gesprochene Sprache hat viele Ebenen und ist sehr komplex. Richtig sicher sind Autistinnen und Autisten meistens nur auf der Sachebene. Alles andere ist für uns häufig schwer bis gar nicht zu entschlüsseln. Und Kommunikation geht ja noch weiter. Unsere nonverbale Kommunikation, also unsere Gestik und Mimik, ist meistens sehr reduziert, manchmal sogar überhaupt nicht vorhanden und häufig auch einfach anders als die von nicht-autistischen Menschen. Diese senden und deuten, wenn sie kommunizieren, jede Menge nonverbale Signale, ohne darüber nachzudenken. Das läuft bei ihnen ganz von selbst ab. Bei Autistinnen und Autisten ist das nur eingeschränkt oder gar nicht so. Einige von uns lernen im Laufe der Zeit, unsere Gesichtsmuskulatur und unsere Körpersprache gezielt und passend einzusetzen. Wir müssen das aber bewusst machen, oft mit ständiger, voller Konzentration, und das ist für die meisten ziemlich anstrengend. Nicht jede und jeder bekommt es hin. Und genau wie mit dem Senden von nonverbalen Signalen haben Autistinnen und Autisten, je nachdem, mehr oder weniger große Schwierigkeiten mit dem Erfassen und Deuten von nonverbalen Signalen anderer, egal ob Gestik oder Mimik. Viele von uns sind in der Lage, diese Signale zu analysieren, aber das funktioniert auch nicht automatisch und nebenbei, nicht intuitiv, sondern ist harte kognitive, vollkommen bewusste Arbeit. Wir sind unterschiedlich gut oder schlecht darin und einige von uns können es auch gar nicht.

Und dann gibt es da noch ein paar andere Dinge, die viele Autistinnen und Autisten gemeinsam haben. Viele von uns haben zum Beispiel unterschiedliche motorische Schwierigkeiten, was mit der abweichenden Sinneswahrnehmung zusammenhängt, insbesondere mit dem Gleichgewichtssinn. Viele von uns haben, neben Problemen mit dem richtigen Erkennen und Einordnen der Emotionen anderer, auch Schwierigkeiten damit, die eigenen Gefühle richtig zu erkennen und einzuordnen. Das heißt auf gar keinen Fall, dass Autistinnen und Autisten weniger oder schwächere Gefühle hätten als anderen Menschen, sondern lediglich, dass sie für einige von uns schwer zu sortieren und zu benennen sind. Viele von uns haben einen sehr guten Blick für Details, aber keinen guten Blick für das große Ganze. Viele von uns haben Schwierigkeiten mit Neuem und Unbekanntem und brauchen viel Zeit, um uns an Veränderungen zu gewöhnen. Viele von uns halten sehr stark an Routinen fest und mögen es überhaupt nicht, in ihnen gestört zu werden. Viele von uns brauchen sehr viel Zeit für uns allein, um uns vom für uns sehr anstrengenden Zusammensein mit anderen Menschen zu erholen. Viele von uns brauchen sehr viel Zeit an ruhigen Orten, um uns von der für uns sehr anstrengenden Umwelt mit den vielen Reizen zu erholen. Viele von uns haben eine sehr hohe Auffassungsgabe und können sehr viel Wissen über alles Mögliche, was uns besonders interessiert, besonders schnell ansammeln. Diese Aufzählung ließe sich noch um einige Punkte erweitern. Autismus ist vielfältig und kann bestimmt nicht mit wenigen Worten in seiner Vollständigkeit beschrieben werden.

Was mit Autismus per se aber überhaupt nichts zu tun hat, ist Kaltherzigkeit, Emotionslosigkeit, Empathielosigkeit und Egoismus.

 

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