Plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie mich Zusammenarbeit mit anderen tatsächlich kostet.

Seit drei Wochen bin ich jetzt in meiner neuen Praxisstelle und sie ist einfach toll! Kein Publikumsverkehr, ein kleines, ruhiges Büro nur zusammen mit meiner Praxisanleiterin, die still vor sich hinarbeitet, wenn sie mir nicht gerade etwas erklärt, und jede Menge Interessantes zu tun, das ich vollkommen eigenständig erledigen kann. Es ist großartig! Bei meiner ersten Praxisstelle war nur recht wenig Eigenständigkeit möglich, weil ich als Auszubildende aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugriff auf die Fachsoftware bekommen konnte und deshalb bei den allermeisten Aufgaben mit meiner Praxisanleiterin zusammen am Computer saß.

Ich habe schon wieder jede Menge gelernt und auch, wenn jetzt am Anfang alles wieder ein bisschen viel ist und mir der Kopf oft schwirrt vor lauter Informationen, geht es mir richtig gut. Klar, ich muss mich neu einfinden und bin immer noch jeden Morgen auf dem Weg zum Büro ziemlich nervös, weil ich noch nicht so gut einschätzen kann, was am Tag auf mich zukommt und alles noch recht fremd ist, aber ich fahre jeden Nachmittag mit einem guten Gefühl wieder nach Hause. Ich brauche eben etwas Zeit, um mich an neue Situationen zu gewöhnen und weiß inzwischen, wie ich mit der inneren Unruhe umgehen muss, die immer mit ihnen einhergeht, und dass ich mich davon nicht aus der Bahn werfen lassen muss. Ich sage mir dann, dass mein Hirn nun mal so ist, wie es ist. Dass es erst mal verarbeiten und sich umstellen muss und dass das nun mal nicht von heute auf morgen funktioniert. Es ist nicht immer leicht, damit umzugehen, aber zu wissen, dass mit neuen Situationen jedes Mal große Unruhe, Sorgen, Ängste und Unsicherheiten kommen, aber nach einer Weile eben auch wieder verschwinden, hilft mir sehr. Jedes Mal habe ich aufs Neue das Gefühl, der Veränderung nicht gewachsen zu sein und jedes Mal würde ich am liebsten fliehen. Zu wissen, dass das bei mir dazu gehört, mein Hirn sich irgendwann wieder beruhigen wird und dann alles gut ist, lässt mich das mittlerweile aber recht gut aushalten, auch wenn es natürlich jedes Mal nicht schön ist und viel Stress bedeutet. Irgendwie habe ich es geschafft, dahingehend eine gewisse Grundgelassenheit zu entwickeln. Ohne die Autismusdiagnose und alles, was ich in dem Zusammenhang über mich gelernt habe, hätte ich das sicher nicht geschafft. Stattdessen würde ich mich weiterhin für viel zu schwach und ziemlich dumm halten, wenn ich mal wieder mit Veränderungen konfrontiert bin und erst mal nicht mit ihnen zurecht komme.

Neben allem neuen Fachlichen habe ich auch wieder eine interessante Erkenntnis über mich selbst gewonnen. Mir war zwar immer klar, dass es mich ziemlich anstrengt, mit anderen Menschen zu interagieren und zusammenzuarbeiten, aber mir war nicht klar, wie groß das Ausmaß dieser Anstrengung tatsächlich ist. Das merke ich erst jetzt, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Tätigkeit ausübe, bei der keine Zusammenarbeit und im Grunde nicht mal Interaktion mit anderen nötig ist. Klar, ich bin Auszubildende und gerade lerne ich wieder ganz viel Neues, also muss man mir alles erst mal erklären und ich habe zwischendurch selbstverständlich auch einige Fragen, aber das sind wenige, ganz kleine Häppchen über den Tag verteilt. Zusammengenommen nicht mal eine Stunde. Und plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie die Zusammenarbeit mit anderen mich wirklich kostet. Ich bin selbst ein bisschen verblüfft, dass ich darüber überrascht bin und wie sehr ich unterschätzt habe, wie groß der Anteil an meiner Kraft ist, der für Interaktion draufgeht. Damit meine ich nicht einmal sowas wie Publikumsverkehr (denn dass der mir zu viel ist, war mir natürlich bewusst), sondern schon die ganz alltägliche Teamarbeit, die in den meisten Jobs ständig anfällt. Meine Arbeitstage sind jetzt so viel leichter und angenehmer, ich habe so viel mehr Spaß an der Arbeit und die Zeit fliegt regelrecht dahin, es ist unglaublich! Meine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist deutlich höher und nach Feierabend bin ich kein bisschen erschöpft, sondern höchstens ein bisschen müde. Ich finde das ganz und gar erstaunlich. So ging es mir bisher noch nie, mit nichts von dem, was ich gemacht habe. Ich wusste nicht, dass ich so viel und so lange arbeiten kann, ohne hinterher mindestens sehr müde zu sein und mich mehr schlecht als recht durch den restlichen Tag zu schleppen. Aber es geht! Ich brauche bloß meine Ruhe vor anderen Menschen, denn interaktiv sein zu müssen ist für mich offensichtlich mit Abstand die größte Belastung. Wenn sie wegfällt, ist alles andere ziemlich leicht. Wirklich verwunderlich, dass mir das nie in dem Maße bewusst war.

So, wie es bisher in dieser Praxisstelle läuft, kann es auf jeden Fall weitergehen. Sogar inhaltlich finde ich die Arbeit in der Straßensondernutzung sehr interessant. Ich weiß, Baustelleneinrichtungsflächen, Schuttcontainer und Aufgrabungen klingen erst mal nicht sonderlich spannend, aber ich beschäftige mich gerne mit den gesetzlichen Regelungen dazu. Da gibt es wirklich viel zu wissen und zu beachten. Mir macht es immer Spaß, mich mit sowas auseinanderzusetzen und dadurch ein kleines Stück Welt mehr zu verstehen. Von heute aus betrachtet sehen die nächsten Monate also gut aus. Ich freue mich darauf.

 

Hurra, ach je, wie schade, endlich!

Meine erste Praxisphase ist vorbei. Hurra, ach je, wie schade, endlich! Meine Gedanken und Gefühle dazu sind genau so widersprüchlich und gemischt wie dieser Satz.

Toll war, dass ich festgestellt habe, wie gut dieser Beruf wirklich zu mir passt und wie wohl ich mich darin fühle. Dass ich jede Menge interessante Dinge gelernt habe, fachlich und auch über mich selbst. Und dass ich das Ganze wirklich gut gemacht habe, wie meine beiden Praxisanleiter*innen fanden. Na ja. Bis auf das übliche Thema, das auch heute bei der Abschlussbesprechung wieder dran war: Aufgeschlossenheit und Teamfähigkeit. Da hapert es bei mir und das wird es immer. Damit habe ich mich längst arrangiert. Ich bin in genug anderen Dingen richtig gut. Und auch, wenn ich immer wieder versuche, mich „normal“ zu geben, also quasi mein Menschenkostüm trage, bin ich eben nicht so. Ich bin anders, ich bin komisch, seltsam, nicht „normal“. Ich bin introvertiert und sozial unsicher und unbeholfen. Das Menschenkostüm zwickt und zwackt und ich mag es nicht sonderlich. Es gehört irgendwie dazu, ich habe mich einigermaßen daran gewöhnt in den fast 3 Jahrzehnten, die ich inzwischen auf diesem seltsamen Planeten verbringe, aber es passt einfach nicht richtig und das wird es nie. Das muss es auch gar nicht. Ich nehme mich inzwischen endlich, wie ich bin und finde mich gut so. Zumindest meistens.

Für die nächste Praxisstelle wünsche ich mir, dass ich es schaffe, das irgendwie zu thematisieren. Ich hoffe, mein neuer Praxisanleiter ist eine Person, mit der ich reden kann. Vielleicht erwarte ich auch zu viel, wenn ich möchte, dass ich mit meiner verschlossenen, introvertierten, autistischen Art einfach so akzeptiert werde und mir nicht dauernd anhören muss, dass ich mich mehr öffnen muss. Das finde ich aber nicht heraus, wenn ich es nicht wenigstens mal anspreche.

Nicht gut war, dass mich die Arbeit in der Sozialhilfe psychisch doch ziemlich belastet hat. Ich finde es unheimlich gut und wichtig, dass wir ein Sozialsystem haben, das es zum Ziel hat, Menschen aufzufangen und zu stützen, die Hilfe und Unterstützung brauchen und das allen Menschen ermöglichen soll, ein würdevolles Leben zu führen, aber das schafft es leider nicht. Da ist meiner Meinung nach noch jede Menge Verbesserungsbedarf. Wirklich beurteilen kann ich nur die Situation in den Bereichen Grundsicherung und Asylbewerberleistungen, aber ich denke, das lässt sich auf alle Bereiche des Sozialgesetzbuches übertragen. Außerdem war natürlich problematisch, dass ich so viel direkt mit Bürgerinnen und Bürgern konfrontiert war. Es war einfach zu anstrengend für mich, aber das war ja auch zu erwarten und hat sich sehr schnell gezeigt. Das ist der zweite Grund, aus dem ich mich freue, dass dieser Praxisabschnitt vorbei ist.

Der nächste wird dahingehend auf jeden Fall richtig gut zu mir passen, denn direkten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern gibt es dort nicht. Es geht ins Straßen- und Grünflächenamt und wenn sich in der kommenden Woche, bevor es losgeht, nichts mehr ändert, werde ich in der Straßensondernutzung eingesetzt. Das ist der Bereich, in dem Baustellen-, Wahlwerbungs-, Zirkus-, Gerüstbau- und ähnliche Anträge gestellt werden. Vor ein paar Wochen durfte ich schon an einer Schulung für die Fachsoftware teilnehmen. Die ist ein ganz tolles Spielzeug mit Kartenmaterial, in das man alle Sondernutzungen einzeichnen kann. Außerdem kann man nach Adressen suchen und schauen, was dort so sondergenutzt wird. Zum Beispiel vor der eigenen Haustür. Es gibt sogar flächendeckende Luftbildaufnahmen, recht aktuelle sogar, aus dem letzten Jahr. Und alles wird komplett elektronisch bearbeitet, von der Antragsstellung bis zum Bescheid. Ich bin ziemlich begeistert, sehr gespannt und freue mich schon riesig darauf, dass es bald losgeht.

Die anderen wissen jetzt Bescheid.

Eigentlich hatte ich vor, gleich von Beginn der Ausbildung an offen mit meinem Autismus umzugehen. Der Ausbildungsleitung gegenüber war ich ja schon bei der Bewerbung vollkommen offen. Aber ich wollte auch, dass die anderen Auszubildenden Bescheid wissen. Und dann habe ich trotzdem nichts gesagt.

So blöd es klingt, ich habe einfach nicht den passenden Moment oder Anlass gefunden. Bei der Vorstellungsrunde in der Einführungswoche habe ich mich einfach nicht getraut und danach kam so eine Gelegenheit nicht wieder. In den ersten paar Wochen habe ich mich ein bisschen darüber geärgert, vor allem über mich selbst. Dann ist das Thema ganz in den Hintergrund gerückt. Aber dort ist es nicht geblieben.

Das lag daran, dass das Wort „behindert“ von manchen der anderen immer und immer wieder als Schimpfwort benutzt wurde. In letzter Zeit ist mir das besonders aufgefallen, weil wir uns während des Akademieblocks nicht nur zweimal pro Woche in der Berufsschule gesehen haben, sondern auch noch an den anderen drei Wochentagen in der Akademie. Ich habe versucht, es zu überhören, weil ich wusste, die meinen das nicht so, das ist nicht böse gemeint, die merken es wahrscheinlich nicht mal. Aber es hat mich verletzt. Immer und immer wieder. Weil es mir immer und immer wieder ins Bewusstsein gerufen hat, was die Gesellschaft von behinderten Menschen hält. Als Schimpfwort wird „behindert“ eingesetzt für „scheiße“ und „überflüssig“ und sicher noch ein paar andere stark entwertende Adjektive. Und genau so fühle ich mich, wenn jemand „behindert“ so verwendet. Abgewertet. Entwertet. Unabsichtlichkeit hin oder her.

Deshalb habe ich mich vor einer Weile an die Ausbildungsleitung gewandt. Weil ich was sagen wollte. Und das habe ich gemacht. Am Montag hatten wir ein offizielles Treffen mit meinem Auszubildendenjahrgang. Solche Treffen haben wir jetzt einmal im Quartal. Da wird in erster Linie Organisatorisches besprochen, aber es ist auch Platz für verschiedenste Anliegen. Deshalb habe ich mit den Ausbildungsleiterinnen vereinbart, dass ich das Thema dort anspreche. Sie waren beide toll in unserem Vorgespräch und haben mir ihre volle Unterstützung zugesichert und die Möglichkeit gegeben, an dem Tag ganz spontan zu entscheiden, ob ich reden möchte oder nicht. Sie boten mir auch an, dass sie etwas sagen würden, anonymisiert oder ganz offen, wie ich möchte. Ich wollte aber selbst reden. Ich wollte nicht, dass es Gerüchte und Spekulationen gibt. Weder darüber, wer die Person ist, die das Thema angesprochen hat, noch darüber, um welche Behinderung es geht.

Die anderen wissen jetzt also Bescheid. Darüber, dass ich eine Behinderung habe. Darüber, dass diese Behinderung Autismus ist. Darüber, was Autismus ist. Und darüber, dass es mich verletzt, wenn „behindert“ als Schimpfwort verwendet wird und warum.

Ich weiß noch nicht, ob das etwas ändert und wenn ja, was. Aber ich weiß, dass mir alle sehr aufmerksam zugehört haben. Als ich geredet habe, war es vollkommen still und alle Augen waren auf mich gerichtet. Von manchen habe ich hinterher positives Feedback bekommen. Sie kamen auf mich zu und bedankten sich für meine Offenheit und mein Vertrauen. Sie entschuldigten sich und sagten, dass sie darauf achten werden, was sie sagen und daran arbeiten werden. Die meisten waren einfach still. Negative Rückmeldungen gab es nicht.

Die Ausbildungsleiterinnen kamen auch noch einmal auf mich zu und sagten mir, ich hätte sehr gute Worte gefunden und sie seien sicher, dass ich damit etwas erreicht hätte. Sie bedankten sich bei mir und sagten, ich könne sehr stolz auf mich sein.

Irgendwie bin ich das auch, aber irgendwie ist mir auch ein bisschen mulmig. Ich kann nicht einschätzen, was nun daraus wird. Aber fürs Erste bin ich froh, dass ich es gemacht habe.

Von Klausuren, Gesetzen und Imitationen.

Oha, jetzt habe ich euch echt schon ganz schön lange nichts mehr erzählt. Das liegt aber nicht daran, dass es nichts zu erzählen gibt, sondern daran, dass ich ziemlich viel zu tun habe. Und zwar mit Lernerei. Die hat in den letzten Monaten und vor allem in den letzten Wochen wirklich sehr zugenommen. Mitte Oktober bis Anfang November war die erste Klausurenphase in der Berufsschule, im Dezember die zweite. Es war alles nicht übermäßig schwierig, aber doch insgesamt recht lernintensiv, weil es einfach viel Stoff war und die wirklich wichtigen Fächer für mich immer noch recht neu sind. Das sind meine drei berufsbildenden Fächer Öffentliches Recht, Wirtschafts- und Rechtslehre und Verwaltungsbetriebswirtschaftskunde, letzteres noch mal aufgeteilt in Theorie und Praxis. In den Bereichen habe ich bisher noch nie etwas gemacht, finde sie aber alle interessant. Dazu kommen noch die allgemeinbildenden Fächer Englisch, Sozialkunde und Sport. Die laufen für mich zum Glück ziemlich entspannt nebenher. Aber es ist immerhin schon fast acht Jahre her, dass ich zur Schule gegangen bin und solche intensiven Klausurenphasen hatte. An der Uni war das anders. Da habe ich fast ausschließlich Hausarbeiten geschrieben und die geht man ja ganz anders an. Also musste ich mir die Klausurenlernerei noch mal neu beibringen und mich an diesen Rhythmus gewöhnen. Das hat ziemlich gut geklappt, wenn ich mein Halbjahreszeugnis, das ich letzte Woche bekommen habe, betrachte. Alles voller Einsen! Ich schlimme, schlimme Hermine Granger!

Na ja, und dann hat zum ersten Dezember der erste von drei Akademieblöcken in dieser Ausbildung angefangen. An der Akademie setzen wir uns vertieft mit verschiedenen Rechtsgebieten auseinander und lernen alle wichtigen Arbeitsgrundlagen und Methoden. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Auszubildenden trotz der vielen verschiedenen Praxisstellen, die wir durchlaufen, dieselbe rechtliche Grundbildung haben und dieselben Arbeitstechniken beherrschen. Ich gehe also seit Dezember weiterhin an zwei Wochentagen in die Berufsschule und lerne da ganz viel und an den anderen drei Wochentagen besuche ich die Akademie und lerne da noch viel mehr. Jeder Tag ist voller Input und es ist echt interessant. Wir haben in diesem Block Berliner Verfassungsrecht, Haushaltsrecht, allgemeines Verwaltungsrecht, juristische Grundlagen und Verwaltungstechnik. Im nächsten Block kommen dann solche Sachen wie Polizeirecht und Sozialhilferecht dran. Die Stoffdichte ist relativ hoch. Nicht ganz so wie im Studium, aber doch höher als an der Berufsschule. Und die Klausuren, die wir nun, zum Ende des Blocks, in den nächsten drei Wochen schreiben, sollen es wirklich in sich haben. Das sagen jedenfalls alle Dozenten und die Ausbildungsleitung immer und immer wieder. Deshalb lerne ich seit Wochen beinahe jeden Tag sehr fleißig und intensiv. Das ist anstrengend, macht aber vor allem auch Spaß, weil ich jeden Tag merke, dass ich diesen Beruf, den ich mir da ausgesucht habe, wirklich interessant finde und mir sicher bin, dass mir mein Arbeitsalltag gut gefallen wird. Ich finde es toll, mich in Gesetze einzuarbeiten, sie zu verstehen und auf knifflige Sachverhalte anzuwenden. Es gibt jede Menge zu wissen und zu beachten und ich sauge alles auf. Das ist toll! Ich habe mich da schon für einen für mich absolut richtigen Bereich entschieden und das macht mich sehr glücklich. Natürlich werde ich später im Berufsalltag nicht jeden Tag spannende, herausfordernde Fälle auf den Tisch bekommen, das ist mir klar, aber ich werde mich mit etwas befassen, das ich grundsätzlich sehr interessant finde und mit dem ich mich gerne beschäftige, für das ich mich sogar richtig begeistern kann. Das ist unheimlich wichtig für mich.

Interessant war auch das Kommunikationsseminar, das ich letzte Woche an zwei Tagen in der Akademie hatte. Erst habe ich mich ziemlich davor gegruselt, aber dann war es gar nicht so schlimm wie gedacht. Vieles von dem, was wir durchgenommen haben, kannte ich schon aus meinen Schulungen für meine Arbeit im Callcenter und habe es dort jahrelang angewandt. So gesehen hat mir die Zeit dort wirklich viel gebracht. Gesprächsführungstechniken und Deeskalationsstrategien habe ich erlernt und geübt, geübt, geübt und geübt. Das theoretische Wissen dazu und meine praktischen Erfahrungen konnte ich im Seminar ganz gut einbringen und sie werden mir auch bei der Arbeit sehr helfen. Wobei ich natürlich alles daran setzen werde, nach der Ausbildung eine Stelle zu bekommen, bei der ich keinen festen, regelmäßigen Publikumsverkehr habe. Das halte ich auf Dauer nicht durch. Dieses Seminar hat mir aber gezeigt, dass ich bei meiner bisherigen Praxisstelle, dem Sozialamt, eine ganze Menge gelernt habe, was den Umgang mit Publikum angeht, auch wenn ich dabei immer sehr gestresst war. Wir mussten im Seminar nämlich ein Rollenspiel machen und ich wurde für meine Leistung sehr gelobt. Das war eine ganz neue Erfahrung. Eigentlich bin ich in sowas überhaupt nicht gut und mache es auch gar nicht gerne. In der Situation, die ich spielen musste, war ich eine Mitarbeiterin des Bürgeramtes und ein Mitazubi war ein wütender Bürger, der am Tag zuvor von einem anderen Mitarbeiter nicht gut behandelt worden war und sich nun beschwerte. Sein Anliegen war auch noch gar nicht bearbeitet worden. Entsprechend ungeduldig und aufgebracht war er. Meine Aufgabe war es, ihn zu beruhigen und ihm eine für ihn zufriedenstellende Problemlösung anzubieten. Ohne jegliche Vorerfahrungen mit solchen Situationen wäre ich höchstwahrscheinlich grandios gescheitert. Bin ich aber nicht. Weil ich im Sozialamt schon ganz oft vergleichbare Situationen erlebt habe, in denen ich beobachten konnte, wie verschiedene Kolleginnen und Kollegen damit umgehen und welches Vorgehen zielführend ist. Sowas hilft mir enorm. Ich konnte im Rollenspiel ziemlich gut und einfach das Vorgehen einer Kollegin imitieren, die meiner Meinung nach sehr gut mit schwierigen Situationen umgehen kann und es hat geklappt! Die Seminarleiterin hatte nichts an meinem Vorgehen auszusetzen, im Gegenteil, sie fand es ganz toll. Dabei war das im Grunde gar nicht ich, die gehandelt hat. Ich habe nur das gemacht, was ich schon als kleines Kind immer gemacht habe: das Verhalten von anderen genau beobachtet, mir eingeprägt und dann imitiert. Ohne diese Kompensationsstrategie wäre ich in sozialen Situationen ziemlich verloren. Sie ist anstrengend und schwierig, aber unheimlich hilfreich.

Ich habe also gerade jede Menge zu tun und zu verarbeiten, was ganz schön anstrengend ist, aber es gefällt mir gut. Jetzt konzentriere ich mich noch mal richtig auf die anstehenden Klausuren und Ende Februar geht es dann auch schon wieder in die Praxisstelle. Sieben Wochen Sozialamt liegen noch vor mir, und zwar im Bereich Grundsicherung. Ich freue mich drauf, bin aber auch froh, danach in einem Amt zu sein, in dem man so gut wie keinen Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern hat. Weniger Menschen imitieren müssen und mehr Gesetze anwenden dürfen, das wird wunderbar entspannt.

Für eine sachliche Zusammenarbeit mit anderen geeignet.

Es läuft ganz gut bei mir, denke ich. Die erste Klausurphase ist vorbei und sie war zwar ein bisschen anstrengend, im Grunde genommen aber völlig okay. Die ersten Ergebnisse habe ich auch schon bekommen und sie sind sehr gut. Ich kann sowas ja nie richtig einschätzen, aber der Rest dürfte demnach eigentlich auch nicht schlecht sein.

Außerdem habe ich die Probezeit bestanden. Gut, das ist nicht besonders überraschend. Ich hätte mir schon ziemlich was leisten müssen, um eine Kündigung zu bekommen. Aber ich habe sie auch noch wirklich sehr gut bestanden. Mein Praxisanleiter musste einen Bewertungsbogen ausfüllen und hat mit mir darüber gesprochen. Er ist sehr zufrieden mit mir und sagt ich sei besonders pünktlich, fleißig, interessiert, lernbegierig, sorgfältig und schnell, hätte mir schon sehr viel Fachwissen angeeignet, sei sprachlich auf einem sehr guten Niveau und absolut verlässlich. Er hat sogar im Bogen vermerkt, dass er mich nach meiner Ausbildung gerne als Sachbearbeiterin in seinem Team hätte. Nur bei der Integration ins Team ist noch Luft nach oben, findet er. Deshalb hat er sein Kreuzchen bei „ist für eine sachliche Zusammenarbeit mit anderen geeignet“ gesetzt und nicht bei „besitzt hervorragende Eigenschaften zur Zusammenarbeit mit anderen“. Ziemlich klischeeautistisch. Darüber musste ich ein bisschen schmunzeln. Zum einen, weil es sehr treffend ist und zum anderen, weil ich das schon oft gehört habe. Eine sachliche Zusammenarbeit mit anderen ist aber auch genau das, was ich mir wünsche. Keine dauernden Privatgespräche oder gar dicke Freundschaften. Mein Praxisanleiter hätte es aber gern, wenn ich noch ein wenig mehr aus mir heraus käme. Was auch immer das genau bedeuten soll. Ich mag es eigentlich ganz gern in mir drin.

Ehrlich gesagt hatte ich auch gedacht, dass ich insgesamt ziemlich locker bin. Auf jeden Fall viel lockerer, als in meinen bisherigen Jobs. Ich habe vor allem mehr Kontakt zu den anderen als sonst immer und dachte auch, dass ich ziemlich viel erzähle und die anderen schon eine ganze Menge über mich wissen. Da hat mich meine Selbstwahrnehmung wohl mal wieder getäuscht. Ich muss aber auch zugeben, dass ich natürlich weiß, dass ich keine Plaudertasche bin und nur über Privates rede, wenn man mich fragt. Ich habe einfach keine Ahnung, wie man das macht, von sich aus Gespräche anzufangen und sich munter und ungezwungen mit anderen über alles Mögliche zu unterhalten. Das kann ich nicht und das werde ich wohl auch niemals lernen. Mir selbst macht das aber nichts aus. So bin ich eben.

Abgesehen davon verstehe ich auch nicht so recht, warum das überhaupt so wichtig ist, dieses ganze persönliche Privatgedöns im Arbeitsumfeld. Ein freundlicher, höflicher Umgang miteinander, eine gute Zusammenarbeit, wenn es um die Sache geht, gegenseitige Hilfestellung bei Fragen und Problemen und solche Dinge, die sind selbstverständlich wichtig. Mir auch. Aber dass es wichtig ist, einander privat näher kennenzulernen, das erschließt sich mir nicht. Vor allem nicht, wenn man, wie in meiner aktuellen Praxisstelle (und vermutlich in den allermeisten Bereichen der Verwaltung), eigentlich viel mehr nebeneinander herarbeitet und gar nicht wirklich miteinander. Kolleginnen und Kollegen kann man sich außerdem so gut wie nie aussuchen. Sie sind eben da. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass das alles Menschen sind, die man super findet und denen man von seinem Privatleben erzählen möchte. Und man muss sich doch privat auch nicht großartig kennen oder gar toll finden, um gut als Team zu funktionieren. Finde ich zumindest. Wenn sich private Kontakte und Freundschaften entwickeln, schön. Das ist ein netter Bonus. Aber das ist doch keine Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Im Gegenteil, ich finde es sogar wesentlich angenehmer und leichter, mit Menschen zusammenzuarbeiten, von denen ich privat nichts oder nur sehr wenig weiß. Einiges von dem, was ich in den letzten Monaten über die Einstellungen einiger Kolleginnen und Kollegen erfahren habe, hätte ich lieber nicht gewusst, weil es sie mir unsympathisch macht. Ich würde Menschen, mit denen ich täglich Kontakt habe, aber lieber neutral gegenüber stehen als negativ. Es war zwar bisher noch nichts dabei, das so fürchterlich ist, dass ich nicht mehr mit der Person arbeiten könnte, aber sowas kann durchaus passieren. Das ist doch eher hinderlich und trägt rein gar nichts zu einer positiven Arbeitsatmosphäre bei.

Vielleicht sehe ich das auch zu sachlich. Vielleicht gibt es gute und wichtige Gründe dafür, mehr Privates von sich in den Arbeitsalltag einzubringen. Ich weiß es nicht. Mir fällt durch diese Bewertung bloß mal wieder auf, wie anders ich manche Dinge wahrnehme, einordne und gewichte als andere Menschen. Vor ein paar Jahren hätte ich mir darüber vermutlich noch den Kopf zerbrochen und mich gefragt, was mit mir nicht stimmt, was an mir so kaputt ist und warum ich so falsch bin. Inzwischen finde ich es einfach interessant, wie unterschiedlich Menschen sind, und meistens bin ich auch sehr über mich selbst amüsiert. Zum Beispiel darüber, dass ich schon so viel über mich gelernt habe, so vieles endlich verstehe und durchschaue, so vieles so gut reflektieren kann und dann trotzdem irgendwie überrascht bin, wenn ich feststelle, dass ich in vielen Dingen ganz anders bin als die meisten.

Kaltes Wasser.

Diese Woche wurde ich Hals über Kopf ins sprichwörtliche kalte Wasser geworfen. Eine Kollegin und ein Kollege haben mich an zwei Tagen ihre gesamten Sprechstundentermine übernehmen lassen. Sie saßen dabei, um aufzupassen, dass ich alles richtig mache und um einzuspringen, falls ich Fragen oder Probleme hätte, aber die Regie lag bei mir. „So, heute machst du das mal. Wir tauschen jetzt die Plätze.“

Und dann saß ich da, ganz ohne Vorwarnung. Bisher hatte ich in den Sprechstunden immer nur dabei gesessen, zugeschaut, zugehört und die anfallenden Arbeiten übernommen, aber nicht die Gespräche geführt. Natürlich habe ich immer gut aufgepasst und weiß genau, wie diese Termine ablaufen, und das ist zum Glück immer ziemlich gleich und sehr schematisch, aber plötzlich auf dem anderen Stuhl zu sitzen und alles selbst zu übernehmen, war etwas ganz Anderes. Dementsprechend war ich fürchterlich nervös, fahrig und zerstreut. Zumindest innerlich. Von außen merkt man mir sowas nie an, jedenfalls wird mir das immer wieder gesagt. „Du bist ja ganz ruhig“, „du wirkst so souverän“, „das sieht alles sehr entspannt aus bei dir“. Na ja. Meine Mimik und Körpersprache sind eben nicht unbedingt besonders expressiv. In meinem Kopf herrschten auf jeden Fall Chaos und Hektik. Die Arbeiten an sich bekomme ich inzwischen völlig automatisch hin und die einzelnen Schritte der Sprechstundentermine sind mir vollkommen klar. Ich weiß genau, was wann zu tun ist und warum. Ich weiß, welches Anliegen wie bearbeitet werden muss. Ich kann das alles. Aber auf einmal musste ich dabei auch noch mit Menschen interagieren und Menschen sind so schrecklich unberechenbar, selbst in so einer berechenbaren und strukturierten Situation. Manche sind auch noch in Plauderstimmung, was für mich besonders schwierig ist. Smalltalk und gleichzeitig arbeiten? Oh je… Smalltalk an sich ist für mich ja schon Arbeit.

Das heißt, ich war die ganze Zeit hochgradig konzentriert und aufmerksam. Gleichzeitig sausten hunderte Gedanken und Eindrücke durch meinen Kopf, die ich kaum ordnen konnte und die mir die Konzentration erheblich erschwerten. Nervosität sorgt dafür, dass ich viel mehr wahrnehme, als ohnehin schon. Ich habe dann das Gefühl, ziemlich zäh zu handeln und zu denken. Es ist ein bisschen so, als müsste ich mit starken Kopfschmerzen oder einer dicken Erkältung, bei der sich mein Hirn ganz schwerfällig anfühlt, einem anspruchsvollen Vortrag folgen und gleichzeitig sinnvolle Notizen dazu schreiben oder sowas. Ich habe dabei den Eindruck, als würde alles um mich herum rasend schnell passieren und ich selbst könnte nur in Zeitlupe handeln und denken, obwohl ich eigentlich bei dem rasend schnellen Tempo meiner Umgebung mithalten müsste. Es geht irgendwie, aber es ist sehr anstrengend und fühlt sich wirklich nicht gut an. Und es ist mir ein absolutes Rätsel, wie sich etwas für mich selbst so schwierig anfühlen kann, ich aber gleichzeitig scheinbar so wirke, als wäre ich die Ruhe selbst und hätte alles im Griff.

Auch, wenn gar nichts schief gegangen ist und nichts Unerwartetes passiert ist, war ich am ersten Tag die ganze Zeit ziemlich angespannt. Erst bei den letzten ein, zwei Terminen wurde es in meinem Kopf und damit auch ich selbst ruhiger. Am zweiten Tag war ich am Anfang wieder schrecklich nervös, aber da hat es sich immerhin schon schneller gelegt und ich habe mich nicht mehr ganz so hilflos und chaotisch gefühlt. Es gab zwischendurch sogar Momente, in denen ich mir selbst einigermaßen souverän vorkam. Mit der Nervosität hat schließlich auch das wilde Chaos in meinem Kopf nachgelassen und das wiederum hat mir Nervosität genommen und damit mehr Chaos beseitigt. Eine wunderbare Aufwärtsspirale. Ich hätte nie gedacht, dass das so schnell gehen kann. Mir war von Anfang an klar, dass ich irgendwann Termine würde übernehmen müssen, aber ich dachte, dass ich ewig brauchen würde, um das auf die Reihe zu bekommen und hatte wirklich Angst davor. Jetzt denke ich, dass ich mich beim nächsten Mal vielleicht schon nach zwei, drei Terminen ganz gut fühlen könnte. Mal schauen.

Meine Stützen sind die klare, vorgegebene Sprechstundenstruktur und das Formular, das zur Protokollierung des Termins nebenbei ausgefüllt werden muss. Ich kann es einfach Punkt für Punkt abarbeiten. „Geben Sie mir bitte als erstes Ihren aktuellen Aufenthalt. Ah, er wurde verlängert, dann trage ich das schon mal ein.“ Punkt eins erledigt. „Hat sich an Ihrer Einkommenssituation etwas geändert?“ „Nein.“ Okay, Punkt zwei abgehakt. „Wohnen Sie weiterhin im selben Wohnheim?“ „Ja.“ „Gut, dann mache ich Ihnen eine neue Kostenübernahmebescheinigung fertig.“ Nächster Punkt erledigt. „Sie sollten die Schulbescheinigungen Ihrer Kinder mitbringen. Haben Sie die dabei?“ „Ja, hier.“ Und so weiter. Das ist wirklich sehr autistenfreundlich.

Nach der Ausbildung möchte ich trotzdem nicht in einer Abteilung mit so viel und so regelmäßigem Publikumsverkehr arbeiten. Das wird mir auf Dauer ganz sicher zu viel. Aber in den nächsten Wochen, die ich noch in dieser Praxisstelle verbringe, werde ich das meistern. Auch, wenn es bestimmt jedes Mal am Anfang mit viel Nervosität verbunden ist. Ich habe gemerkt, dass ich das schaffen kann, und das ist wirklich ein gutes Gefühl. Es war zwar erst mal überhaupt nicht schön, aber im Nachhinein betrachtet auch längst nicht so fürchterlich, wie es hätte sein können. Wer weiß, vielleicht fühle ich mich am Ende dieser Praxisphase sogar annähernd so souverän, wie ich scheinbar wirke.

Meine innere Hermine Granger ist wieder da.

Meine innere Hermine Granger ist wieder da! Noch nicht vollständig, aber zum größten Teil, denke ich. Das mit der Berufsschule und mir, das klappt ziemlich gut. Ich fühle mich dort wohl und gehe gern hin. Dass ich das mal sagen würde! Ich gehe gerne in eine Schule! Absurd, irgendwie. Und ich schaffe es tatsächlich, aktiv mitzumachen, sogar zu den Aktivsten zu gehören. Klar, das hatte ich mir vorgenommen, und ich hatte auch sehr gehofft, es zu schaffen, aber sicher war ich mir nicht, dass ich es auch hinbekommen würde. Sicher war ich mir nur, dass es nicht mehr so werden würde, wie damals am Gymnasium. Dass ich inzwischen viel gelernt habe und mich nicht mehr in so eine schlimme Lage manövrieren würde. Aber zwischen damals und dem, was ich mir wünschte, lagen Welten, und irgendwie bekomme ich es trotzdem tatsächlich hin, recht nahe an dem zu sein, was ich selbst als ideal bezeichnen würde. So ganz werde ich meinen eigenen Ansprüchen noch nicht gerecht, aber ich glaube, das kann ich noch hinbekommen. Und wenn nicht, ist das auch okay. Momentan bin ich auf jeden Fall zufriedener mit mir, als ich es für realistisch gehalten hatte.

Was dabei enorm hilft, ist, dass ich die Unterrichtsinhalte fast ausnahmslos interessant finde. Meinetwegen könnte das Tempo zwar um einiges angezogen werden, weil ich aus der Uni eine viel höhere Stoffdichte gewohnt bin und damit eigentlich gut zurecht kam, aber es ist in Ordnung, wie es ist. Die Berufsschule ist schließlich eher Nebensache und es schadet nicht, dass ich mich dafür nicht übermäßig anstrengen muss. Neu ist trotzdem alles, also lerne ich auch viel. Und mir bleiben dadurch mehr Kapazitäten für all das, was ich in der Praxisstelle lerne und für die vielen, vielen Paragraphen, die ich dafür jeden Tag lese. Das einzige, was mir nicht gefällt, weil es mich maßlos unterfordert und daher langweilt, ist der Englischunterricht. Na ja, und dann ist da noch der Sportunterricht alle zwei Wochen, wobei der sich inzwischen als weniger fürchterlich entpuppt hat, als ich anfangs angenommen hatte. Wirklich fürchterlich ist im Grunde nur der Muskelkater, den ich danach immer das ganze Wochenende über habe.

Inzwischen habe ich auch ein bisschen mehr Kontakt zu meinen Mitazubis. Ich gehöre zwar zu keinem der Grüppchen, die sich inzwischen gefestigt haben, dazu, aber das macht nichts. Ich suche keine engen Freunde. Ich will nur nicht generell von allen abgelehnt werden. Hier und da habe ich mich schon unterhalten. Darüber, wie uns die Ausbildung gefällt, wie unsere Praxisstellen so sind (wir sind ja alle in ganz unterschiedlichen Bereichen), wie das Azubi-Sein so ist im Vergleich zu dem, was wir vorher gemacht haben (manche von den anderen haben wie ich ein Studium abgeschlossen, manche anderen eine andere Ausbildung) und solche Dinge. Ich selbst gehe natürlich nie auf andere zu. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie das geht und werde das wohl auch nie lernen. Aber scheinbar bin ich manchen ganz sympathisch oder sie sind aus irgendwelchen Gründen neugierig auf mich oder sie wollen sich einfach unterhalten, wie auch immer, jedenfalls werde ich manchmal angesprochen und mit manchen klappt es tatsächlich, dass ein nettes Gespräch zwischen zwei Unterrichtsstunden daraus wird. Das ist schön, aber es ist auch anstrengend, deshalb brauche ich oft einfach Pausen von allem und ziehe mich zwischen dem Unterricht ganz von der Klasse zurück. Nicht besonders gesellig, ich weiß. Die Erholung ist aber wichtig.

Noch herminiger als in der Berufsschule bin ich in meiner Praxisstelle. Das hatte ich ja vor einer Weile schon erzählt und es ist seitdem nicht weniger herminig geworden. Es ist einfach alles so interessant und ich will alles ganz genau wissen, am besten schon seit Monaten! Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich viel zu viel Eifer für die Zeit habe, die so ein Tag nunmal so hat. Und dann ist da ja noch der Haushalt. Aber ich bin fleißig, auf der Arbeit sowieso und auch in meiner Freizeit, wenn es geht. Das ist, neben der Tatsache, dass ich mir sicher bin, in diesem Beruf die richtige Nische für mich zu finden, das beste an der Ausbildung: dass mich all das, was ich machen und lernen darf, wirklich interessiert. Und das ist bestimmt auch das, was meine innere Hermine Granger geweckt hat und ihr den Mut und die Energie gibt, sich endlich wieder durchzusetzen.