Berufsschule.

Die Berufsschule war der Teil der Ausbildung, der mir im Vorhinein am meisten Angst gemacht hat. Eine gute und glückliche Schülerin war ich zuletzt in der vierten Klasse und das war zu Beginn meiner Ausbildung 16 Jahre her. Danach folgten neun schlimme Jahre am Gymnasium und am Ende dieser Zeit die unglaubliche Erleichterung, nie wieder zur Schule zu müssen. Sieben Jahre später war es dann aber doch wieder soweit.

An der Uni hatte ich mich langsam wieder zurückgekämpft in die Nähe dessen, was ich in der Grundschule geschafft habe und mir damals so leicht fiel: aktive, freudige Teilnahme am Unterrichtsgeschehen. Der Druck zur mündlichen Mitarbeit war weg, Noten gab es dafür schließlich nicht. Niemand kannte mich, also hatte ich nur wenig Angst, von Anfang an verurteilt zu werden. Und fast alle um mich herum waren auch einigermaßen unsicher, weil das Studieren für die meisten neu war. Außerdem war ich bestimmt nicht die einzige ewige Außenseiterin unter ihnen. Das alles machte mir genug Mut, um mich zu trauen, mich gleich in der ersten Woche hier und da in den Seminaren zu melden. Ich wurde immer sicherer, fühlte mich immer wohler und wurde immer aktiver. Das Studium war insgesamt eine sehr ermutigende, befreiende Zeit für mich, auch wenn ich weiterhin keine Ahnung hatte, wie man Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt. Ich traf auf eine Kommilitonin, die mich sprichwörtlich an die Hand und mit sich mitnahm, wodurch ich ein paar liebe Menschen kennenlernte, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls hatte ich vor der Ausbildung einerseits neun fürchterliche Schuljahre hinter mir, in denen ich mehr oder weniger wie gelähmt war und mündlich fast nur vieren und fünfen bekam und andererseits ein sechsjähriges Studium, das mir wirklich gut getan hatte und mir Hoffnung machte, mit der Berufsschule viel besser umgehen zu können als mit dem Gymnasium. Trotzdem war ich schrecklich nervös, als es losging. Was, wenn sich die schlechten Erfahrungen wiederholen würden? Was, wenn ich mich wieder vollkommen zurückziehen würde? Was, wenn die Berufsschulzeit eine einzige Qual werden würde? Wie sollte ich dann die Ausbildung schaffen, noch dazu mit guten Noten?

Und dann ging es los. Es war eigenartig, wieder ein Schulgebäude zu betreten. Eine Klasse zu haben. Einen Stundenplan. Lehrerinnen und Lehrer. Aber es war anders als damals, gleich von Anfang an. Wegen mir, denn ich hatte mich natürlich seitdem entwickelt. Wegen meiner Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, denn die waren natürlich alle keine Kinder, sondern junge Erwachsene. Und auch wegen der Lehrerinnen und Lehrer, denn die sahen uns nicht als zu erziehende Kinder, sondern als beruflich zu bildende Erwachsene. Eine Mischung aus Wohlbekanntem und Neuem. Beunruhigend und beruhigend zugleich. Der Unterricht begann, die Lehrerinnen und Lehrer machten auf mich alle einen guten Eindruck, die Unterrichtsinhalte fand ich interessant und ich hatte einen großen Ehrgeiz, diese Ausbildung mit guten, sehr guten Leistungen zu schaffen. Also nahm ich all meinen Mut und all meine positiven Erfahrungen aus dem Studium zusammen und hob fleißig meine Hand, um Fragen zu beantworten und zu stellen. Ich hatte mir fest vorgenommen, gleich von Anfang an aktiv dabei zu sein und gar nicht erst still in der Ecke zu sitzen und unsichtbar zu werden. Ich setzte mich nach vorne und brachte mich ein, in den ersten Wochen noch mit laut in meinem Kopf pochendem Herzschlag und einem inneren Zittern und Sausen, das außer mir hoffentlich niemand bemerkte und dann, nach und nach, mit immer mehr Ruhe und Selbstverständlichkeit. Ich wurde wieder ganz die emsige, begeisterte Streberin, die ich in der Grundschule war und die offenbar zu meinem Wesen gehört. Es war wunderbar! Ich fand alles interessant, hatte überall sehr gute Noten und war rundum zufrieden mit mir. Sogar der Sportunterricht, den wir alle zwei Wochen hatten, war irgendwie in Ordnung, bis auf all den Muskelkater und die Tatsache, dass ich nun mal nichts kann, was mit Bällen zu tun hat. Der Lehrer bewertete vor allem die Mühe, die wir uns gaben und den individuellen Fortschritt, den wir machten. Was wir tatsächlich hinbekamen, war nebensächlich. Außerdem verzichtete er auf erniedrigende Mannschaftswahlverfahren, bei denen ich schon in der Grundschule immer die letzte auf der Bank gewesen war, die nur unter Murren als Mitglied hingenommen wurde.

Besonders beliebt war ich nicht. Das ist eben das Los der Streberinnen und Streber und macht mir nichts aus, solange man mich in Ruhe lässt. Aber ich fand ein paar liebe Azubikolleginnen, beziehungsweise sie fanden mich, mit denen ich in der ersten Reihe saß und die ich gern mochte, was ganz offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Dafür war ich sehr dankbar. Trotzdem war es in der Berufsschule jeden Tag aufs Neue sehr anstrengend. Es gab Gruppenarbeiten, Referate, jede Menge Unruhe und Lärm und keine echte Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Während der Berufsschultage kam ich nicht einen Moment zur Ruhe. Nachmittags war ich jedes Mal vollkommen erledigt und oft genug froh, es überhaupt noch nach Hause geschafft zu haben. Die mindestens einstündige Bahnfahrerei war immer ein Kraftakt. Anfangs steckte ich das Ganze noch einigermaßen gut weg, weil ich so glücklich war, alles so gut hinzubekommen und endlich wieder die Schülerin sein zu können, die ich einfach war, aber mit der Zeit wurde es immer zehrender. Ein Glück, dass ich nur zweimal in der Woche zur Berufsschule musste und die meisten Arbeitstage regelrecht erholsam waren! Eine rein schulische Ausbildung hätte ich niemals so gut hinbekommen. Und so hangelte ich mich von Ferien zu Ferien, gab an nahezu jedem Schultag mein Bestes und war froh zu wissen, dass die Zeit dort nicht allzu lange dauern würde. Drei Jahre, sagte ich mir, schaffe ich schon. Vermutlich sogar nur zweieinhalb, wenn ich die Ausbildung verkürzen darf. Was ich dann auch durfte. Das letzte halbe Jahr war dann noch mal besonders anstrengend. Wie gut, dass zwischendurch noch Sommerferien waren! Ich war wirklich erschöpft von dem vielen auditiven und visuellen Input und vor allem von dem vielen Sozialkram, der einem abverlangt wird, wenn man stundenlang in einer Menschengruppe feststeckt. Es fiel mir immer, immer schwerer, diese Tage zu überstehen und mein Leistungsniveau zu halten.

Und dann erfuhr ich, dass es unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist, sich vom Berufsschulunterricht befreien zu lassen. Was für eine Nachricht! Das wollte ich unbedingt für die letzten drei Monate Ausbildungszeit, die mir noch nach den schriftlichen Abschlussprüfungen bleiben würden. Es war schwierig und dauerte viele Wochen, aber am Ende wurde meinem Antrag stattgegeben. Die schriftlichen Prüfungen liegen nun hinter mir und auch der erste Monat ohne Berufsschule ist inzwischen vorbei. Eine unglaubliche Erleichterung! Ich habe es tatsächlich geschafft! Meine Berufsschulzeit ist vorbei. Sie war schön und hart und glücklicherweise deutlich kürzer, als sie hätte werden können. Ich bin sehr, sehr froh und stolz auf mich, dass ich das geschafft habe, was ich geschafft habe. Es ist mir besser gelungen, als ich gehofft hatte.

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Furchtbar froh und furchtbar aufgeregt.

Ich bin ein bisschen spät dran, ungefähr sechs Wochen, aber hier ist er nun, mein Bericht über meinen vergangenen Praxisabschnitt.

Er war gut. Richtig gut. Zum einen inhaltlich (ich durfte dafür sorgen, dass viele Bäume nicht gefällt werden durften und dass die, die gefällt werden durften, ersetzt werden mussten) und zum anderen von den Rahmenbedingungen her.

Mein Praxisanleiter war sehr daran interessiert, mir viel beizubringen und begeistert davon, dass ich sehr daran interessiert war, viel zu lernen. Ich konnte aus dieser Zeit also eine ganze Menge für mein Arbeitsleben mitnehmen. Toll war auch, dass ich viel Ruhe hatte und mich gut auf meine Arbeit fokussieren konnte, von der es meistens genug gab. Das kommt mir immer sehr entgegen. Ich liebe es, viel zu tun zu haben, weil ich dann wunderbar in die Arbeit eintauchen kann. Vorausgesetzt, man lässt mich einfach mein Ding machen. Und das hat mein Praxisanleiter getan. Dadurch hatte ich innerhalb kurzer Zeit schon eine ziemlich gute Routine in den alltäglichen Aufgaben, was mir eine unglaubliche Sicherheit gegeben hat. Ein sehr gutes Fundament für Abweichungen, die eben auch immer wieder vorkommen. Natürlich mochte ich die auch in diesem Ausbildungsabschnitt nicht, aber durch meine solide Wissensbasis und Arbeitsroutine konnte ich sie hier verhältnismäßig gut verkraften. Diesmal habe ich mich besonders schnell eingefunden. Zum einen lag das daran, dass mein Praxisanleiter sehr gut darin war, Leute einzuarbeiten. Zum anderen hatte ich zum Beginn des Abschnitts schon fast zwei Ausbildungsjahre hinter mir und bin daher in vielen Grundlagen schon sehr sicher. Auch, wenn es inhaltlich in jedem Amt um etwas ganz Eigenes geht, sind die Prinzipien und Strukturen überall gleich oder mindestens sehr ähnlich. Besser geht es für mich nicht. Ich treffe überall auf viel Bekanntes und Vertrautes. Das macht mir die Eingewöhnung in neue Situationen und Stellen relativ leicht. Relativ dazu, dass ich es grundsätzlich grauenhaft finde, irgendwo neu anzufangen und mich in neue Situationen und Stellen einzufinden.

Zu meinem unbeschreiblich großen Glück war das bei meinem Wechsel in meine aktuelle und letzte Praxisstelle (ich darf die Ausbildung verkürzen und habe Ende November meine schriftlichen Abschlussprüfungen – aaaaaaaah!) so gut wie gar nicht notwendig, denn ich bin wieder in meiner zweiten und herzallerliebsten Praxisstelle vom letzten Sommer gelandet. Eine Kollegin aus dem Bereich, in dem ich damals eingesetzt war, geht Ende des Jahres in den Ruhestand, weshalb ihre Stelle ausgeschrieben wurde. Ich habe mich beworben und es hat funktioniert! Damit der Übergang möglichst gut verläuft, wurde ich gleich für meinen letzten Ausbildungsabschnitt dort hingesetzt, um von der Kollegin eingearbeitet zu werden. Ich mache nicht ganz genau die gleiche Arbeit wie letztes Jahr, aber sehr ähnliche. Trotzdem gibt es natürlich noch ganz viel zu lernen und ich habe viel zu tun und zu verarbeiten. Aber ich kenne alle Kolleginnen und Kollegen schon und bin mit den Abläufen bestens vertraut. Ein paar Dinge haben sich geändert, beispielsweise weil einige rechtliche Grundlagen überarbeitet wurden und es Änderungen in der Software gegeben hat, mit der wir die Anträge bearbeiten, aber nach inzwischen sechs Wochen bin ich wieder voll und ganz drin in der Materie und kann mich sehr gut auf die neuen Inhalte einlassen. Anfangs war es etwas seltsam, weil alles so vertraut und doch etwas fremd war. Zum Glück hat sich das aber recht schnell gelegt. Aufregend ist das alles trotzdem noch und ich bin noch nicht richtig zur Ruhe gekommen, aber das werde ich noch, da bin ich absolut sicher. Ich sitze an genau der richtigen Stelle.

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich furchtbar, furchtbar froh mit meiner Arbeitssituation bin und furchtbar, furchtbar aufgeregt wegen der viel zu nahen schriftlichen Abschlussprüfungen. Die nächsten Wochen werden entsetzlich aufwühlend. Aber sie werden vorbeigehen und ich werde das schon schaffen, auch wenn ich ganz sicher mehrfach durchdrehen werde vor lauter Nervosität. Das gehört eben dazu.

Wenn die Bedingungen nicht stimmen, spüre ich meine Behinderung deutlich.

So wunderbar und passend meine vorletzte Praxisstelle war, so anstrengend und unpassend war die letzte. Es ging mir dort überhaupt nicht gut, aber das Ausmaß ist mir leider erst ziemlich spät bewusst geworden und da konnte ich dann nichts mehr ändern, nur sprichwörtlich die Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Hätte ich früher bemerkt, was dort alles nicht für mich stimmte, hätte ich mich an die Ausbildungsleitung gewandt und um eine neue Zuweisung gebeten.

Ich war in dem Büro im Einsatz, das sich um die Belange des Parlaments in dem Bezirk kümmert, für den ich arbeite. An sich eine spannende Sache. Inhaltlich war alles sehr interessant, ich habe viele Einblicke bekommen und eine Menge über parlamentarische Arbeit und das dazugehörige Drumherum gelernt. Das fand ich toll, aber damit hörte es leider auch schon auf.

Mir gefiel nicht, dass die Arbeit dort im Grunde gar nichts mit meinem Beruf zu tun hatte. Es gab kein Gesetz, nach dem ich arbeiten musste, nichts, das geprüft werden musste, gar nichts, das tatsächlich als öffentliche Verwaltung bezeichnet werden kann. Die meisten Aufgaben waren ziemlich langweilig und es war kein echtes Hintergrund- oder gar Fachwissen notwendig. In den ersten neun Wochen hatte ich zwar ein eigenes Projekt und konnte daran ganz eigenständig arbeiten, was mir im Prinzip sehr entgegenkommt, aber auch das war wenig anspruchsvoll und in erster Linie organisatorische Arbeit. Vom Tagesgeschäft habe ich in dieser Zeit noch recht wenig mitbekommen. Ich bin lediglich einmal im Monat mit in die Parlamentssitzung gegangen und habe bei der Protokollführung geholfen.

Die Begleitung dieser Sitzungen war natürlich interessant, aber das bezirkliche Parlament ist ein sogenanntes Freizeit- bzw. Feierabendparlament aus lauter Ehrenamtlichen, was bedeutet, dass die Sitzungen nach Feierabend stattfinden, in diesem Fall von 17:00 Uhr bis etwa 23:00 Uhr. Für mich war das eine immense Belastung, denn mein kompletter Rhythmus wurde dadurch zerstört. Ich stehe unter der Woche immer um 05:00 Uhr auf und fange um 07:00 Uhr an zu arbeiten. So umgehe ich das Problem, in den im Berufsverkehr völlig überfüllten Bahnen zu landen. Jetzt musste ich einmal im Monat zu Uhrzeiten arbeiten, zu denen ich normalerweise längst schlafe. Mit solchen Abweichungen komme ich überhaupt nicht zurecht. Während der gesamten fünfmonatigen Praxisphase hatte ich starke Schlafstörungen. Natürlich sagte mir meine Praxisanleiterin, dass sie mich aufgrund der späten Uhrzeiten nicht zwingen wolle und könne, zu den Sitzungen mitzukommen, aber hätte ich das nicht gemacht, wäre ich kaum in das Tagesgeschäft eingebunden worden und hätte folglich nicht viel zu tun gehabt. Das war für mich keine echte Wahl. Acht Stunden im Büro zu sitzen, ohne auch nur annähernd mit Arbeit ausgelastet zu sein, finde ich schwer erträglich. Und das gleich mehrere Monate lang? Lieber nicht.

Neben den starken Rhythmusabweichungen war dann noch die soziale Situation in der Praxisstelle für meine Schlafstörungen verantwortlich. Das Team, das für das bezirkliche Parlament arbeitet, ist sehr klein und die Kolleginnen verstanden sich überhaupt nicht. Anfangs dachte ich, dass mir das nicht viel ausmachen würde, da ich ohnehin nur ein paar Monate dort verbringen würde und mich aus allen persönlichen Konflikten gut raushalten könnte, aber ich wurde dann doch irgendwie mit reingezogen in den ganzen Schlamassel. Besonders die beiden Kolleginnen, die für mich verantwortlich waren, erzählten mir über die jeweils andere nur wirklich absolut Schlechtes. Und dann auch noch so ziemlich das gleiche. Jede hielt die andere für ein ausgesprochen garstiges Biest, das all seine Energie darauf verwandte, sie schlecht dastehen zu lassen und ihr das Leben schwer zu machen. Zuerst konnte ich noch darüber hinwegsehen, aber mit der Zeit wurde es immer anstrengender und belastender für mich. Beide benutzten mich immer mehr als Kummerkastentante, bei der sie all ihren Ärger und ihren Frust abluden. Situationen, an denen wir alle drei beteiligt waren, waren für mich kaum auszuhalten. Nicht, weil es dann Streit oder sowas gab, nein, sie taten dann immer so, als sei alles in bester Ordnung, sondern weil ich nie wusste, was passieren würde, ob die Situation nicht doch plötzlich eskalieren würde. Das hätte mich vollkommen überfordert. Überhaupt war die ganze Lage für mich eine einzige große soziale Überforderung. Da ich mich raushalten wollte, ging ich nicht auf das ein, was die beiden mir übereinander erzählten und verschwieg selbstverständlich auch, dass die jeweils andere mir auch alles Mögliche erzählte. Am Anfang war es auch noch gar nicht viel, nur hier und da mal ein Kommentar. Aber es wurde immer mehr und ich fühlte mich immer unwohler und wusste einfach nicht, wie ich damit umgehen sollte. Nach einigen Wochen war ich nur noch gestresst und kam gar nicht mehr zur Ruhe.

Was mir außerdem absolut fehlte, waren klare Strukturen und Abläufe. Die Arbeit war, wenn auch nicht sonderlich schwierig, sehr abwechslungsreich. Viel zu abwechslungsreich für meinen Geschmack. Es war kein Tag wie der andere. Ständig wollten die Parlamentarierinnen und Parlamentarier irgendwas Neues und dauernd gab es irgendwelche Veränderungen. Von Regelmäßigkeit und Klarheit konnte ich nur träumen. Jeden Tag lauerten neue Überraschungen im E-Mail-Fach und sie waren leider meist unerfreulich. Die Kolleginnen waren dauernd in heller Aufregung und alles musste immer schnell und am besten gleichzeitig erledigt werden. Ich konnte so gut wie gar nicht zur Ruhe kommen, aber die brauche ich unbedingt, um richtig arbeiten zu können.

In diesem Klima, ohne jegliche Strukturierung und mit den furchtbar ungleichmäßigen Arbeitszeiten, war ich überhaupt nicht in der Lage, leistungsfähig zu sein. Ich konnte mich kaum konzentrieren, mir kaum etwas merken und mich nur wenig einbringen. Zumindest war ich nicht annähernd so leistungsfähig, wie es mir unter guten, passenden Bedingungen möglich ist. Das wiederum führte zu noch mehr Stress. Ich stand permanent unter Druck, fühlte mich unzulänglich und dumm, musste dauernd meine Grenzen überschreiten und kämpfte mich von Tag zu Tag. Auch die Kolleginnen waren gestresst und permanent gereizt. Sie ließen es nicht direkt an mir aus, aber ich bekam trotzdem viel davon mit und manches auch ab. Hinzu kam dann noch, dass die Lehrmethoden der Kollegin, die mir hauptsächlich etwas beibrachte, überhaupt nicht zu meiner Art zu lernen passten. Auch um das zu merken, habe ich viel zu lange gebraucht und mich dann nicht mehr getraut, es anzusprechen. Es schien mir einfach zu spät zu sein. Irgendwie habe ich aber insgesamt wohl doch einen guten Eindruck gemacht, zumindest bei der einen der beiden für mich verantwortlichen Kolleginnen, die mich bewerten musste. Wie ich das geschafft habe, ist mir schleierhaft. Sie muss irgendwie erkannt haben, wo meine Stärken liegen und dass die mich für meinen Beruf sehr geeignet machen, anders kann ich es mir nicht erklären. Fähig gefühlt habe ich mich während dieses Praxisabschnitts jedenfalls nur selten.

Nach der Arbeit war ich immer sehr erschöpft und unglaublich froh, dass ich nicht alleine lebe und deshalb auch nicht einen ganzen Haushalt führen muss. Meistens war ich gar nicht mehr in der Lage, irgendwas zu schaffen und konnte nur noch ein bisschen auf dem Sofa sitzen, bevor es ins Bett ging. Wenn ich auch noch hätte einkaufen und mir selbst etwas zu essen machen müssen… Ich will lieber nicht darüber nachdenken. Keine Ahnung, wie ich das hätte schaffen können. Ich hatte zwar auch während des Studiums, als ich allein gelebt habe, unpassende und dadurch harte Zeiten, aber sie waren kürzer und ich hatte keine 40-Stunden-Woche. Irgendwie bin ich auch in diesen Zeiten zurechtgekommen, aber mehr schlecht als recht. Einkaufen, putzen und aufräumen waren nur sporadisch möglich und mir ein Essen zubereiten konnte ich gar nicht. Ich kam nach Hause, war einfach erledigt und schon froh, wenn ich den Toaster bedienen konnte. Während dieser Praxisphase fehlte mir nach Feierabend genauso die Energie, mich allein um mich selbst und den Haushalt zu kümmern. Wenn die Bedingungen gut für mich sind, geht es mir auch gut und ich kann sehr viel leisten und fühle mich wohl. Wenn die Umstände aber so unpassend sind, wie ich es gerade erst wieder erlebt habe, dann merke ich ganz deutlich, wie eingeschränkt ich bin und dass (mein) Autismus tatsächlich eine Behinderung ist.

Zum Glück ist dieser Praxisabschnitt jetzt endlich vorbei. Ich bin noch ziemlich platt und werde wohl eine ganze Weile brauchen, um mich endgültig davon zu erholen. Die letzten fünf Monate waren in vielerlei Hinsicht einfach zu viel für mich.

Meine nächste Praxisstelle wird, soweit ich bisher weiß, dafür wieder umso besser zu mir passen. Es geht in das Umwelt- und Naturschutzamt, was ich inhaltlich schon mal ganz fantastisch finde. Außerdem habe ich von einer Azubikollegin schon einiges über die Arbeit dort erfahren und es klingt alles wirklich gut. Ich freue mich also sehr auf die Zeit, die vor mir liegt und hoffe, dass die letzte Praxisstelle mir nicht mehr allzu lange nachhängen wird.

In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen.

Unglaublich, wie schnell die letzten fünf Monate vergangen sind. Zack, ist er schon wieder vorbei, der zweite Praxisabschnitt meiner Ausbildung. Schön war er! Ich habe viel gelernt, hatte viel Spaß an der Arbeit und hatte dabei viel Ruhe. In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen: hohe Detailwahrnehmung, hoher Fokus, Begeisterungsfähigkeit, hohe Merkfähigkeit, schnelles Aneignen von Fachwissen. All das war für meine Arbeit wichtig, wurde von meiner Praxisanleiterin sehr an mir geschätzt und hat dafür gesorgt, dass ich schon nach drei Wochen beinahe wie eine vollwertige Sachbearbeiterin eingesetzt werden konnte. Beinahe, weil Auszubildende aus diversen nicht ganz nachvollziehbaren Gründen keine Zugang zu einer bestimmten Software bekommen können und ich die für einige Tätigkeiten gebraucht hätte. Aber auch so hatte ich jede Menge zu tun und das war wirklich toll.

Ich konnte sehr strukturiert und routiniert arbeiten, mir meine Zeit und die Arbeitsschritte selbstständig einteilen und musste mit niemandem zusammenarbeiten. Meine Praxisanleiterin merkte schnell, dass ich interessiert war, gut lernte und sie mich problemlos einfach machen lassen konnte. Bei Fragen war sie immer da und wenn es was Neues gab, erklärte sie es mir natürlich, ansonsten saß jede von uns an ihrem Arbeitsplatz und machte vor sich hin ihr Ding. Mit anderen Kolleginnen und Kollegen hatte ich nur wenig zu tun und wenn, dann rein fachlich. Ideale Bedingungen also.

Durch diese ausgesprochen guten Rahmenbedingungen habe ich mich rundum wohl gefühlt und das wiederum hat natürlich dafür gesorgt, dass ich wirklich gute Leistungen erbringen konnte. Wodurch das Ganze mir noch mehr Spaß gemacht hat und ich mich noch besser darin vertiefen konnte. Ich weiß jetzt alles über Baustellen! Jedenfalls alles, was man rechtlich (und zum Teil auch aus Ingenieurssicht) über die Nutzung öffentlichen Straßenlandes für Baumaßnahmen wissen muss, denn das war mein Sachgebiet. Ich kann an keinem Fassadengerüst und keinem Bauzaun mehr vorbeigehen, ohne wenigstens kurz darüber nachzudenken und grob zu beurteilen, ob das Ganze so genehmigungsfähig ist. Spoiler: Oft genug ist es das nicht. (Ich weiß nicht, wie das in anderen Bundesländern ist, aber stellt lieber keine Schuttcontainer und Miettoiletten einfach so auf den Gehweg. Hier ist das jedenfalls nicht erlaubt und trotzdem machen das genug Menschen, ohne sich vorher zu informieren.)

Mein Eifer und meine Begeisterung haben nicht nur meine Praxisanleiterin sehr gefreut, sondern auch meinen Gruppenleiter. Im abschließenden Beurteilungsgespräch haben sie mir ein wirklich tolles Stellenangebot gemacht, das ich unbedingt annehmen will. Ich würde erst einmal in den Bereich kommen, in dem ich jetzt war und später über eine größere Weiterbildung in ein anspruchsvolleres Sachgebiet wechseln. Der Gruppenleiter hat schon einen Karriereplan für die nächsten paar Jahre für mich ausgetüftelt und mit dem Amtsleiter besprochen. Es wäre wirklich großartig, wenn das klappt, aber dafür muss ich erst mal die Zwischenprüfungen mit entsprechenden Noten bestehen, die Ausbildung tatsächlich verkürzen können und einige organisatorische Punkte zu meinem Ausbildungsverlauf mit der Ausbildungsleitung klären. Also mal abwarten. Jedenfalls hat mein Autismus mir wirklich viel genutzt in diesen letzten Monaten. Auch, wenn ich mir wieder anhören durfte, ich sei doch sehr still und introvertiert und könne ruhig noch ein bisschen mehr aus mir herausgehen. Angesprochen habe ich meine Diagnose trotzdem wieder nicht. Ich hatte das ja eigentlich vor, aber ich wusste schon wieder nicht, wann und wie und letztendlich weiß ich auch nicht, ob es wirklich gut gewesen wäre. Ich kann nie einschätzen, ob es gut und sinnvoll ist, sich einer konkreten Person anzuvertrauen oder nicht. Da es keine Teamarbeit oder Ähnliches gab und die Bedingungen auch sonst super für mich waren, habe ich keinen Anlass gefunden.

Was natürlich wieder schwierig und anstrengend war, war das Socialising. Mittagspausengespräche, Smalltalk vor der Mikrowelle, auf Kolleginnen und Kollegen zugehen, mit denen ich fachlich etwas besprechen muss… Alles nicht mein Ding. Ich hoffe dann immer, dass die anderen merken, dass ich nur ungeschickt bin und nicht denken, ich würde sie alle blöd finden oder wäre total arrogant und desinteressiert. Die meisten waren mir nämlich tatsächlich zumindest im Arbeitskontext ganz sympathisch. Und im Hinblick darauf, dass ich eventuell in eineinhalb Jahren zurückkomme und dann erst mal auf unbestimmte Zeit bleibe, wäre es mir natürlich am liebsten, wenn niemand Groll gegen mich hegt, weil ich mich komisch verhalten habe und jemand das persönlich genommen hat. In dem Bereich ist mein Autismus dann wieder hinderlich. Na, mal abwarten. Die, mit denen ich ab und an fachlich zu tun hatte, haben mich jedenfalls freundlich verabschiedet. (Soweit ich das beurteilen kann. Ich weiß ja nie, was mir alles an Signalen entgeht.)

Ab Montag geht es direkt in den nächsten Akademieblock und die Berufsschule hat auch schon wieder angefangen. In den kommenden Monaten werde ich also in erster Linie lernen, lernen und lernen. Ich freue mich drauf, auch wenn das heißt, dass ich wieder jeden Tag von den anderen Auszubildenden meines Jahrgangs umgeben bin, was natürlich auch anstrengend ist. Aber im letzten Block war das Lern- und Arbeitsklima ganz gut, deshalb hoffe ich, dass diesmal auch wieder alle fleißig oder mindestens ruhig sind und ich nicht mit so viel Sozialkram konfrontiert werde. Die anderen Streberinnen aus der ersten Reihe, mit denen ich in der Berufsschule am meisten Kontakt habe, nehmen jedenfalls seit meinem Outing vor ein paar Monaten viel Rücksicht auf mich und lassen mir meine Ruhe, wenn ich sie brauche, ohne beleidigt zu sein. Das ist schon sehr viel wert.

Plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie mich Zusammenarbeit mit anderen tatsächlich kostet.

Seit drei Wochen bin ich jetzt in meiner neuen Praxisstelle und sie ist einfach toll! Kein Publikumsverkehr, ein kleines, ruhiges Büro nur zusammen mit meiner Praxisanleiterin, die still vor sich hinarbeitet, wenn sie mir nicht gerade etwas erklärt, und jede Menge Interessantes zu tun, das ich vollkommen eigenständig erledigen kann. Es ist großartig! Bei meiner ersten Praxisstelle war nur recht wenig Eigenständigkeit möglich, weil ich als Auszubildende aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugriff auf die Fachsoftware bekommen konnte und deshalb bei den allermeisten Aufgaben mit meiner Praxisanleiterin zusammen am Computer saß.

Ich habe schon wieder jede Menge gelernt und auch, wenn jetzt am Anfang alles wieder ein bisschen viel ist und mir der Kopf oft schwirrt vor lauter Informationen, geht es mir richtig gut. Klar, ich muss mich neu einfinden und bin immer noch jeden Morgen auf dem Weg zum Büro ziemlich nervös, weil ich noch nicht so gut einschätzen kann, was am Tag auf mich zukommt und alles noch recht fremd ist, aber ich fahre jeden Nachmittag mit einem guten Gefühl wieder nach Hause. Ich brauche eben etwas Zeit, um mich an neue Situationen zu gewöhnen und weiß inzwischen, wie ich mit der inneren Unruhe umgehen muss, die immer mit ihnen einhergeht, und dass ich mich davon nicht aus der Bahn werfen lassen muss. Ich sage mir dann, dass mein Hirn nun mal so ist, wie es ist. Dass es erst mal verarbeiten und sich umstellen muss und dass das nun mal nicht von heute auf morgen funktioniert. Es ist nicht immer leicht, damit umzugehen, aber zu wissen, dass mit neuen Situationen jedes Mal große Unruhe, Sorgen, Ängste und Unsicherheiten kommen, aber nach einer Weile eben auch wieder verschwinden, hilft mir sehr. Jedes Mal habe ich aufs Neue das Gefühl, der Veränderung nicht gewachsen zu sein und jedes Mal würde ich am liebsten fliehen. Zu wissen, dass das bei mir dazu gehört, mein Hirn sich irgendwann wieder beruhigen wird und dann alles gut ist, lässt mich das mittlerweile aber recht gut aushalten, auch wenn es natürlich jedes Mal nicht schön ist und viel Stress bedeutet. Irgendwie habe ich es geschafft, dahingehend eine gewisse Grundgelassenheit zu entwickeln. Ohne die Autismusdiagnose und alles, was ich in dem Zusammenhang über mich gelernt habe, hätte ich das sicher nicht geschafft. Stattdessen würde ich mich weiterhin für viel zu schwach und ziemlich dumm halten, wenn ich mal wieder mit Veränderungen konfrontiert bin und erst mal nicht mit ihnen zurecht komme.

Neben allem neuen Fachlichen habe ich auch wieder eine interessante Erkenntnis über mich selbst gewonnen. Mir war zwar immer klar, dass es mich ziemlich anstrengt, mit anderen Menschen zu interagieren und zusammenzuarbeiten, aber mir war nicht klar, wie groß das Ausmaß dieser Anstrengung tatsächlich ist. Das merke ich erst jetzt, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Tätigkeit ausübe, bei der keine Zusammenarbeit und im Grunde nicht mal Interaktion mit anderen nötig ist. Klar, ich bin Auszubildende und gerade lerne ich wieder ganz viel Neues, also muss man mir alles erst mal erklären und ich habe zwischendurch selbstverständlich auch einige Fragen, aber das sind wenige, ganz kleine Häppchen über den Tag verteilt. Zusammengenommen nicht mal eine Stunde. Und plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie die Zusammenarbeit mit anderen mich wirklich kostet. Ich bin selbst ein bisschen verblüfft, dass ich darüber überrascht bin und wie sehr ich unterschätzt habe, wie groß der Anteil an meiner Kraft ist, der für Interaktion draufgeht. Damit meine ich nicht einmal sowas wie Publikumsverkehr (denn dass der mir zu viel ist, war mir natürlich bewusst), sondern schon die ganz alltägliche Teamarbeit, die in den meisten Jobs ständig anfällt. Meine Arbeitstage sind jetzt so viel leichter und angenehmer, ich habe so viel mehr Spaß an der Arbeit und die Zeit fliegt regelrecht dahin, es ist unglaublich! Meine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist deutlich höher und nach Feierabend bin ich kein bisschen erschöpft, sondern höchstens ein bisschen müde. Ich finde das ganz und gar erstaunlich. So ging es mir bisher noch nie, mit nichts von dem, was ich gemacht habe. Ich wusste nicht, dass ich so viel und so lange arbeiten kann, ohne hinterher mindestens sehr müde zu sein und mich mehr schlecht als recht durch den restlichen Tag zu schleppen. Aber es geht! Ich brauche bloß meine Ruhe vor anderen Menschen, denn interaktiv sein zu müssen ist für mich offensichtlich mit Abstand die größte Belastung. Wenn sie wegfällt, ist alles andere ziemlich leicht. Wirklich verwunderlich, dass mir das nie in dem Maße bewusst war.

So, wie es bisher in dieser Praxisstelle läuft, kann es auf jeden Fall weitergehen. Sogar inhaltlich finde ich die Arbeit in der Straßensondernutzung sehr interessant. Ich weiß, Baustelleneinrichtungsflächen, Schuttcontainer und Aufgrabungen klingen erst mal nicht sonderlich spannend, aber ich beschäftige mich gerne mit den gesetzlichen Regelungen dazu. Da gibt es wirklich viel zu wissen und zu beachten. Mir macht es immer Spaß, mich mit sowas auseinanderzusetzen und dadurch ein kleines Stück Welt mehr zu verstehen. Von heute aus betrachtet sehen die nächsten Monate also gut aus. Ich freue mich darauf.

 

Hurra, ach je, wie schade, endlich!

Meine erste Praxisphase ist vorbei. Hurra, ach je, wie schade, endlich! Meine Gedanken und Gefühle dazu sind genau so widersprüchlich und gemischt wie dieser Satz.

Toll war, dass ich festgestellt habe, wie gut dieser Beruf wirklich zu mir passt und wie wohl ich mich darin fühle. Dass ich jede Menge interessante Dinge gelernt habe, fachlich und auch über mich selbst. Und dass ich das Ganze wirklich gut gemacht habe, wie meine beiden Praxisanleiter*innen fanden. Na ja. Bis auf das übliche Thema, das auch heute bei der Abschlussbesprechung wieder dran war: Aufgeschlossenheit und Teamfähigkeit. Da hapert es bei mir und das wird es immer. Damit habe ich mich längst arrangiert. Ich bin in genug anderen Dingen richtig gut. Und auch, wenn ich immer wieder versuche, mich „normal“ zu geben, also quasi mein Menschenkostüm trage, bin ich eben nicht so. Ich bin anders, ich bin komisch, seltsam, nicht „normal“. Ich bin introvertiert und sozial unsicher und unbeholfen. Das Menschenkostüm zwickt und zwackt und ich mag es nicht sonderlich. Es gehört irgendwie dazu, ich habe mich einigermaßen daran gewöhnt in den fast 3 Jahrzehnten, die ich inzwischen auf diesem seltsamen Planeten verbringe, aber es passt einfach nicht richtig und das wird es nie. Das muss es auch gar nicht. Ich nehme mich inzwischen endlich, wie ich bin und finde mich gut so. Zumindest meistens.

Für die nächste Praxisstelle wünsche ich mir, dass ich es schaffe, das irgendwie zu thematisieren. Ich hoffe, mein neuer Praxisanleiter ist eine Person, mit der ich reden kann. Vielleicht erwarte ich auch zu viel, wenn ich möchte, dass ich mit meiner verschlossenen, introvertierten, autistischen Art einfach so akzeptiert werde und mir nicht dauernd anhören muss, dass ich mich mehr öffnen muss. Das finde ich aber nicht heraus, wenn ich es nicht wenigstens mal anspreche.

Nicht gut war, dass mich die Arbeit in der Sozialhilfe psychisch doch ziemlich belastet hat. Ich finde es unheimlich gut und wichtig, dass wir ein Sozialsystem haben, das es zum Ziel hat, Menschen aufzufangen und zu stützen, die Hilfe und Unterstützung brauchen und das allen Menschen ermöglichen soll, ein würdevolles Leben zu führen, aber das schafft es leider nicht. Da ist meiner Meinung nach noch jede Menge Verbesserungsbedarf. Wirklich beurteilen kann ich nur die Situation in den Bereichen Grundsicherung und Asylbewerberleistungen, aber ich denke, das lässt sich auf alle Bereiche des Sozialgesetzbuches übertragen. Außerdem war natürlich problematisch, dass ich so viel direkt mit Bürgerinnen und Bürgern konfrontiert war. Es war einfach zu anstrengend für mich, aber das war ja auch zu erwarten und hat sich sehr schnell gezeigt. Das ist der zweite Grund, aus dem ich mich freue, dass dieser Praxisabschnitt vorbei ist.

Der nächste wird dahingehend auf jeden Fall richtig gut zu mir passen, denn direkten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern gibt es dort nicht. Es geht ins Straßen- und Grünflächenamt und wenn sich in der kommenden Woche, bevor es losgeht, nichts mehr ändert, werde ich in der Straßensondernutzung eingesetzt. Das ist der Bereich, in dem Baustellen-, Wahlwerbungs-, Zirkus-, Gerüstbau- und ähnliche Anträge gestellt werden. Vor ein paar Wochen durfte ich schon an einer Schulung für die Fachsoftware teilnehmen. Die ist ein ganz tolles Spielzeug mit Kartenmaterial, in das man alle Sondernutzungen einzeichnen kann. Außerdem kann man nach Adressen suchen und schauen, was dort so sondergenutzt wird. Zum Beispiel vor der eigenen Haustür. Es gibt sogar flächendeckende Luftbildaufnahmen, recht aktuelle sogar, aus dem letzten Jahr. Und alles wird komplett elektronisch bearbeitet, von der Antragsstellung bis zum Bescheid. Ich bin ziemlich begeistert, sehr gespannt und freue mich schon riesig darauf, dass es bald losgeht.

Die anderen wissen jetzt Bescheid.

Eigentlich hatte ich vor, gleich von Beginn der Ausbildung an offen mit meinem Autismus umzugehen. Der Ausbildungsleitung gegenüber war ich ja schon bei der Bewerbung vollkommen offen. Aber ich wollte auch, dass die anderen Auszubildenden Bescheid wissen. Und dann habe ich trotzdem nichts gesagt.

So blöd es klingt, ich habe einfach nicht den passenden Moment oder Anlass gefunden. Bei der Vorstellungsrunde in der Einführungswoche habe ich mich einfach nicht getraut und danach kam so eine Gelegenheit nicht wieder. In den ersten paar Wochen habe ich mich ein bisschen darüber geärgert, vor allem über mich selbst. Dann ist das Thema ganz in den Hintergrund gerückt. Aber dort ist es nicht geblieben.

Das lag daran, dass das Wort „behindert“ von manchen der anderen immer und immer wieder als Schimpfwort benutzt wurde. In letzter Zeit ist mir das besonders aufgefallen, weil wir uns während des Akademieblocks nicht nur zweimal pro Woche in der Berufsschule gesehen haben, sondern auch noch an den anderen drei Wochentagen in der Akademie. Ich habe versucht, es zu überhören, weil ich wusste, die meinen das nicht so, das ist nicht böse gemeint, die merken es wahrscheinlich nicht mal. Aber es hat mich verletzt. Immer und immer wieder. Weil es mir immer und immer wieder ins Bewusstsein gerufen hat, was die Gesellschaft von behinderten Menschen hält. Als Schimpfwort wird „behindert“ eingesetzt für „scheiße“ und „überflüssig“ und sicher noch ein paar andere stark entwertende Adjektive. Und genau so fühle ich mich, wenn jemand „behindert“ so verwendet. Abgewertet. Entwertet. Unabsichtlichkeit hin oder her.

Deshalb habe ich mich vor einer Weile an die Ausbildungsleitung gewandt. Weil ich was sagen wollte. Und das habe ich gemacht. Am Montag hatten wir ein offizielles Treffen mit meinem Auszubildendenjahrgang. Solche Treffen haben wir jetzt einmal im Quartal. Da wird in erster Linie Organisatorisches besprochen, aber es ist auch Platz für verschiedenste Anliegen. Deshalb habe ich mit den Ausbildungsleiterinnen vereinbart, dass ich das Thema dort anspreche. Sie waren beide toll in unserem Vorgespräch und haben mir ihre volle Unterstützung zugesichert und die Möglichkeit gegeben, an dem Tag ganz spontan zu entscheiden, ob ich reden möchte oder nicht. Sie boten mir auch an, dass sie etwas sagen würden, anonymisiert oder ganz offen, wie ich möchte. Ich wollte aber selbst reden. Ich wollte nicht, dass es Gerüchte und Spekulationen gibt. Weder darüber, wer die Person ist, die das Thema angesprochen hat, noch darüber, um welche Behinderung es geht.

Die anderen wissen jetzt also Bescheid. Darüber, dass ich eine Behinderung habe. Darüber, dass diese Behinderung Autismus ist. Darüber, was Autismus ist. Und darüber, dass es mich verletzt, wenn „behindert“ als Schimpfwort verwendet wird und warum.

Ich weiß noch nicht, ob das etwas ändert und wenn ja, was. Aber ich weiß, dass mir alle sehr aufmerksam zugehört haben. Als ich geredet habe, war es vollkommen still und alle Augen waren auf mich gerichtet. Von manchen habe ich hinterher positives Feedback bekommen. Sie kamen auf mich zu und bedankten sich für meine Offenheit und mein Vertrauen. Sie entschuldigten sich und sagten, dass sie darauf achten werden, was sie sagen und daran arbeiten werden. Die meisten waren einfach still. Negative Rückmeldungen gab es nicht.

Die Ausbildungsleiterinnen kamen auch noch einmal auf mich zu und sagten mir, ich hätte sehr gute Worte gefunden und sie seien sicher, dass ich damit etwas erreicht hätte. Sie bedankten sich bei mir und sagten, ich könne sehr stolz auf mich sein.

Irgendwie bin ich das auch, aber irgendwie ist mir auch ein bisschen mulmig. Ich kann nicht einschätzen, was nun daraus wird. Aber fürs Erste bin ich froh, dass ich es gemacht habe.