Überfordernde Brötchen und Nachbarn.

Stur, bockig und faul, das war ich vor allem als Kind und auch als Jugendliche. So sah es wohl zumindest von außen aus, denn das wurde mir immer wieder rückgemeldet.

Innen war es anders. Innen war ich in erster Linie überfordert, und zwar mit Dingen, bei denen man das, vor allem bei einem recht intelligenten und sprachgewandten Kind wie ich es war, nicht erwartete. Ich war damit überfordert, zum Bäcker zu gehen und Brötchen zu kaufen. Ich war damit überfordert, im Supermarkt zur Frischwarentheke zu gehen und Käse und Wurst zu kaufen. Sogar das Bezahlen an der Kasse war eine echte Hürde. Es überforderte mich, Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße zu grüßen, und das ist in einem kleinen Dorf wirklich nicht schön, weil da andauernd jeder jeden grüßt. Und ich war damit überfordert, mein Zimmer aufzuräumen. Das war längst noch nicht alles, aber es waren Dinge, die mir besonders zusetzten und die besonders oft zu Streit und Problemen führten.

Was mich überforderte, war, dass ich nicht wusste, wie ich diese Dinge erledigen sollte. Mir fehlten die Strukturen hinter den Tätigkeiten, die Regeln und Muster, nach denen sie ablaufen mussten. Ich versuchte, durch Beobachten herauszufinden, was ich wann und wie machen musste, aber irgendwie gelang es mir nicht. Die Prozesse schienen viel zu komplex. Beim Bäcker fing es schon beim Betreten des Ladens an. Musste ich da schon jemanden anschauen, jemanden grüßen, irgendwas Bestimmtes tun? Und wo musste ich mich hinstellen? Das war auch immer an der Frischwarentheke im Supermarkt schwierig. Die Leute standen ohne ein für mich erkennbares Schema nebeneinander herum und trotzdem wusste immer jeder genau, wann er an der Reihe war. Ich nicht. Ich war verwirrt. Die Menschen verhielten sich unstrukturiert, wanderten vor der Auslage herum, betrachteten die Lebensmittel und irgendwann reagierten sie auf „Wer ist der Nächste?“ mit „Ich!“ Das bekam ich nicht hin. Ich fand nie heraus, wann ich an der Reihe war. Deshalb stand ich oft viel zu lange vor der Theke herum und wurde von einem Kunden nach dem anderen übergangen. Vermutlich hielt ich auch immer viel zu viel Abstand zu dem ganzen Treiben und wirkte nicht so, als wollte ich etwas bestellen. Im Grunde genommen wollte ich das auch nicht. Ich wollte weg. Dass ich schließlich doch zu meiner Bestellung kam, verdankte ich so gut wie jedes Mal einer aufmerksamen Person, die sowas sagte wie „Die junge Dame war vor mir da, sie ist dran.“ Danach folgte immer ein sehr unangenehmes Gespräch, in dem ich meine Bestellungen mehrmals wiederholen musste, weil ich nicht in der Lage war, laut und deutlich genug zu sprechen. Dafür war ich viel zu angespannt und dann waren meine Probleme, meine Stimme richtig einzusetzen und einzuschätzen, ganz besonders groß. Eine Zeit lang war es noch okay, den Verkäuferinnen und Verkäufern einfach den Einkaufszettel, den meine Eltern mir geschrieben hatten, in die Hand zu drücken, aber irgendwann merkte ich, dass ich dafür inzwischen nicht mehr jung genug war. Und selbst, als ich den Zettel noch einfach rüberreichen konnte, war ich überfordert mit dem, was ich sagen musste, dem einfachen „Bitte“ und „Danke“, mit der gesamten Situation. Ich bekam meinen Mund nicht auf. Es kamen einfach keine Worte, als hätte ich mit dem Betreten des Ladens das Sprechen verlernt. Ich konnte nicht. Ich konnte mein Gegenüber nicht einmal ansehen oder freundlich lächeln. Ich wusste nicht, wie.

So ging es mir auch immer mit den Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße. Ich wusste, dass ein Gruß erwartet wurde und meine Eltern schärften mir das auch regelmäßig ein, aber ich bekam es nicht hin. Den Menschen ins Gesicht zu sehen, in die Augen, und dann noch lächeln und einen passenden Gruß aussprechen, das schaffte ich einfach nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, weil ich unhöflich und stur war, sondern weil es schlicht und ergreifend zu viel war. Weil es mich maßlos überforderte, anderen in die Augen zu schauen, vor allem mehr oder weniger fremden Personen. Weil ich nicht wusste, was ich wann und wie genau machen musste. Mir war nicht klar, was exakt das richtige Verhalten in diesem Moment war und da mir die Intuition für sowas eben fehlt, konnte ich es auch nicht ermitteln. Da war kein Gefühl, auf das ich mich verlassen konnte. Das habe ich bis heute nicht und werde es nie haben. Ich hätte ganz klare und eindeutige Instruktionen gebraucht. Die gab es aber nicht.

Und genau das war auch das Problem mit dem Zimmer aufräumen. Mein Zimmer sah so gut wie immer aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, wie meine Eltern es sehr treffend formulierten. Das war nicht schön, auch für mich nicht. Aufräumen konnte ich es trotzdem nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht wusste, wie. Ich sah nur Chaos, ein unglaubliches Chaos aus unglaublich vielen Einzelteilen und hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich das in Ordnung bringen sollte, also ignorierte ich es. Ab und an sprachen meine Eltern ein Machtwort und dann blieb mir nichts anderes übrig, als doch aufzuräumen, aber es war jedes Mal ein furchtbarer innerer Kampf. Ich tigerte aufgewühlt durch mein Zimmer, raufte mir die Haare, bohrte mir die Fingernägel ins Gesicht und wollte mich nur noch unter der Bettdecke verkriechen und weinen. Oft saß ich irgendwann ratlos auf dem Boden und starrte ins Leere, bis ich mich wieder gefangen hatte. Dann begann ich, ziellos Gegenstände von einer auf die andere Stelle zu räumen und quälte mich langsam durch, bis ich es irgendwie geschafft hatte. Ich mochte die Ordnung danach immer, aber ich schaffte es nicht, sie aufrecht zu halten und sobald es wieder chaotisch war, war ich wieder überfordert und wollte mich dem nicht stellen, denn es fühlte sich einfach schrecklich an.

Als meine Eltern anfingen, mir kleine Aufgaben wie Brötchen holen und Aufschnitt einkaufen zu übertragen, versuchte ich, ihnen mitzuteilen, dass ich das nicht konnte und es für mich zu viel und ganz fürchterlich war, aber das bekam ich nicht hin. Meine Versuche klangen wohl wie unglaubwürdige Ausreden, die ich mir ausdachte, weil ich keine Lust hatte, diese Aufgaben zu erledigen, jedenfalls kamen meine Eltern zu dem Schluss, dass ich mich aus Faulheit und Trotz weigerte. Irgendwann nahm ich die Faulheit und den Trotz für mich an. Aus meinem „Ich kann das nicht“ und „Ich weiß nicht, wie“ wurde ein „Ich will das nicht“, und das war ja nicht einmal falsch. Ich wollte diese Dinge, die mich so sehr überforderten, nicht machen. Bloß aus einem ganz anderen Grund, als es den Anschein hatte. Genauso war es auch mit meinem unordentlichen Zimmer und den Nachbarinnen und Nachbarn. Ich wirkte faul, stur und unhöflich, also fing ich irgendwann an, das selbst so zu formulieren. „Ich räume mein Zimmer nicht auf, ich habe keine Lust dazu und mich stört das Chaos gar nicht!“ „Nein, ich will die alle nicht grüßen, die sind sowieso doof, mir doch egal, was die denken!“ Das war zu dem Zeitpunkt, zu dem ich mit diesen Ausreden anfing, nicht einmal komplett gelogen, zumindest was die Menschen im Dorf betraf. Es verband mich nichts mit ihnen. Das war aber nicht der Grund für mein Verhalten und unhöflich und abweisend sein wollte ich eigentlich gar nicht. Aber die Ursache, meine tiefe Überforderung, konnte ich mir selbst nicht eingestehen und anderen dadurch natürlich erst recht nicht. Wer gibt auch schon gerne zu, so vollkommen alltägliche und banale Dinge nicht hinzubekommen? Ich fühlte mich wie eine absolute Versagerin und die wollte ich nicht einmal vor mir selbst sein. Vor anderen schon mal überhaupt nicht. Da war ich lieber bockig, stur und faul.

Inzwischen ist das alles besser geworden. Die Schwierigkeiten an sich sind immer noch da, aber ich habe es geschafft, mir Verhaltensmuster für Wursttheken und grüßende Menschen auf der Straße anzueignen und kann sie anwenden, wenn es sein muss. Das war harte Arbeit und unangenehm sind diese und ähnliche Situationen immer noch für mich. Ich vermeide es tunlichst, Brötchen oder sonst irgendwas an einer Theke einzukaufen. Eine Nachbarschaft, in der man sich grüßt, habe ich schon seit Jahren nicht mehr und für mein Aufräumproblem habe ich mir, wie für so Vieles, eine kleinteilige Strategie erarbeitet. Ich bin immer noch überfordert, aber ich weiß inzwischen, wie ich damit umgehen muss.

Offiziell festgestellt.

Vor ein paar Tagen lag er in meinem Briefkasten, der Bescheid, der mir bescheinigt, dass bei mir ein Grad der Behinderung von 30 festgestellt wurde.

Begründung:

Bei Ihnen liegt folgende Funktionsbeeinträchtigung vor:

1) Autismus

Es fühlt sich tatsächlich ein bisschen seltsam an, dass ich jetzt auch ganz offiziell eine Behinderung habe. Komisch, wo sie doch schon immer da ist und ich seit inzwischen eineinhalb Jahren ein ausführliches Diagnoseschreiben in der Schublade habe.

Einen Schwerbehindertenausweis und Nachteilsausgleiche gibt es für mich nicht. Dafür braucht man einen Grad der Behinderung von mindestens 50.

Erläutert wird die Entscheidung nicht. Die Neurologin, die mich im Auftrag des Versorgungsamtes begutachtet hatte, sagte am Ende der Untersuchung nur zu mir, dass ich zu gut zurecht käme, um einen höheren Grad der Behinderung zu bekommen. Das machte sie vor allem daran fest, dass ich in der Schule nie sitzen geblieben bin, mein Studium abgeschlossen habe und eine feste Beziehung führe. Ziemlich fragwürdige Begründung, meiner Meinung nach. Andererseits hat sie natürlich recht, wenn sie sagt, dass ich bisher ganz gut durch mein Leben gekommen bin. Nicht besonders geradlinig zwar und auch mit viel Leid verbunden, ganz besonders während der Schulzeit, aber insgesamt doch okay. Während der Schulzeit, da hätte ich wirklich dringend Hilfe gebraucht. Jetzt gerade geht es mir bestens, trotz aller autismusbedingten Schwierigkeiten. Ich habe mir alles sehr gut eingerichtet. Deshalb habe ich nie mit einem anderen Ergebnis gerechnet und werde auch keinen Widerspruch erheben.

Also hätte ich das Ganze auch lassen können, oder? Wozu der Antrag, die Warterei und der unangenehme Gutachtentermin? Weil dieser Bescheid mir irgendwann vielleicht doch etwas nutzt. Dass es mir jetzt gut geht, auch beruflich, heißt nicht, dass das für immer so bleibt. Und wenn irgendwann mal der Fall eintreten sollte, dass ich auf Grund meiner Behinderung meinen Arbeitsplatz nicht behalten oder keine Arbeit finden kann, dann kann ich gleichgestellt werden, also denselben Status wie schwerbehinderte Menschen zuerkannt bekommen. Und das würde mir dann natürlich etwas nutzen. Ich würde die Hilfe bekommen, die ich dann bräuchte. Das zu wissen, ist beruhigend. Und allein dafür hat es sich gelohnt, den Antrag zu stellen.

Der Diagnoseprozess.

Lange war ich mir nicht sicher, ob ich so einen Diagnoseprozess überhaupt über mich ergehen lassen will und ob ich so eine Diagnose wirklich brauche. Ich hatte viel gelesen, gegrübelt, analysiert, mich beobachtet und jede Menge gedankliche Zeitreisen in meine Vergangenheit gemacht. Ich hatte sehr viel über mich gelernt, so vieles endlich verstanden und kam dadurch so viel besser mit mir zurecht. Eigentlich war das schon alles, was ich wollte.

Irgendwann brauchte ich aber doch Gewissheit. Ich hatte Sorge, dass ich manches überbewerte, falsch einordne und nicht richtig erkenne. Ich wollte eine objektive Meinung von jemandem, der sich wirklich gut mit Autismus auskennt, denn das Thema ist sehr komplex. Also beschloss ich, mich an die psychiatrische Autismus-Ambulanz in meiner Stadt zu wenden. Und ich fing natürlich auch an zu googeln, weil ich wissen wollte, wie so ein Diagnoseprozess abläuft. Außerdem war die Wartezeit ziemlich lang und ich ziemlich nervös. Ich wollte vorab einfach ein paar konkrete Informationen. Leider fand ich nicht viel. Deshalb will ich jetzt etwas aufschreiben.

Als ersten Diagnoseschritt schickte mir die Autismus-Ambulanz ein paar Fragebögen zu, die ich ausfüllen und zurücksenden sollte. Sie bezogen sich auf bisherige Diagnosen, Medikamente, Klinikaufenthalte, psychische Probleme und beinhalteten eine Familienanamnese. Außerdem wurden Daten wie Bildungsabschlüsse, Familienstand, Arbeitssituation usw. abgefragt. Ein Fragebogen („Fragebogen zur sozialen Kommunikation (FSK)“) war dann noch für meine Eltern. Dabei ging es um meine frühe Kindheit, insbesondere die Zeit zwischen dem vierten und fünften Geburtstag, denn diese Phase ist für die Erfassung von typischen Symptomen besonders wichtig.

Dann kam der Termin zum Vorgespräch. Er dauerte eine halbe Stunde. Ein Neurologe, der Leiter der Ambulanz, stellte mir einige Fragen zu meinem Lebenslauf und dazu, wie es mir in den verschiedenen Abschnitten ergangen war, zu den Gründen, weshalb ich mich an die Ambulanz gewandt hatte und wie ich mit dem Thema Autismus in Kontakt gekommen war, zu meinen Interessen in meiner Kindheit, Jugend und heute, zu Essgewohnheiten, ganz generell zu Problemen in meinem Alltag und im Besonderen zu Reizfilterproblemen und natürlich zu Problemen in der sozialen Kommunikation. Diese Fragen waren aber alle nicht sonderlich tiefgehend, sondern zielten eher darauf ab, zu ermitteln, ob bei mir in diesen Bereichen überhaupt Probleme vorliegen und ob diese grundsätzlich zur Autismussymptomatik passen. Zusätzlich fragte er alles noch mal ab, was ich in dem Fragebogen zu bisherigen Diagnosen, psychischen Problemen und Medikamenteneinnahme bereits angegeben hatte. Während der gesamten Zeit saß noch eine Psychologin mit im Raum und machte sich Notizen. Am Ende des Gespräches sagte der Neurologe, dass sich aus dem Gespräch ein begründeter Verdacht auf Autismus ergeben habe und dass die Diagnose deshalb fortgesetzt werden solle. Ich bekam einen riesigen Stapel weiterer Fragebögen mit und die Information, eine Mitarbeiterin würde sich zwecks Terminvereinbarung per E-Mail bei mir melden. Das tat sie überraschenderweise innerhalb weniger Stunden.

Der Fragebogenstapel beinhaltete den bekannten Autismus-Spektrum-Quotient-Test (AQ-Test) und jede Menge Tests, die auf Symptome von verschiedenen psychischen Erkrankungen wie Borderline ausgerichtet waren. Sowas wird gemacht, um Erkrankungen auszuschließen, die teilweise eine ähnliche Symptomatik wie Autismus aufweisen. Ich brachte den Stapel zum ersten Termin mit.

Dieser erste richtige Diagnosetermin war viele Wochen später und dauerte zwei Stunden. Er fand bei einer weiteren Psychologin statt, die außer mir die einzige Person im Raum war. Vor ihr lag ein großer Stapel Fragebögen. Die arbeiteten wir quasi gemeinsam durch, indem sie mir Fragen stellte, die ich beantwortete, und sie die Antworten vermerkte. Sie ging detailliert auf meine derzeitige gesundheitliche psychische und physische Verfassung ein, auf mein derzeitiges Privat- und Arbeitsleben, meinen Lebenslauf und meine Probleme und Besonderheiten in den einzelnen Abschnitten, auf Fragen zu bisherigen Diagnosen und zur Medikamenteneinnahme, ganz besonders auf meine Kindheit und Jugend, auf Probleme und Besonderheiten in der sozialen Kommunikation und bei der Reizverarbeitung, auf meine Essgewohnheiten, auf meine Interessen in der Kindheit, Jugend und heute… kurz gesagt: auf alles, was im Vorgespräch bereits grob erfragt worden war, nur eben sehr viel tiefer. Sie hakte viel nach und wollte alles ganz genau wissen. Zwei Stunden sind dafür nicht besonders viel Zeit, dementsprechend fragte sie wirklich viel wirklich schnell. Es war unangenehm, aber insgesamt in Ordnung, da sie sehr freundlich und respektvoll war.

Neben der Fragerei hatte sie auch noch ein paar Aufgaben für mich. Ich musste mir ein Buch mit einer kurzen Bildergeschichte über Frösche auf fliegenden Seerosenblättern anschauen und erzählen, was ich sah bzw. was in dieser Geschichte passierte. Ich musste aus Beuteln vier Figuren und einen Gegenstand ziehen, mir eine Geschichte dazu ausdenken und diese mit den Figuren und dem Gegenstand nachspielen und erzählen. Und ich musste fünf Kärtchen mit Bildern von analogen Uhren anhand der abgebildeten Uhrzeiten auf einem Brett mit digitalen Uhrzeiten richtig einordnen.

Außerdem schickte sie mich nach ca. der Hälfte des Termins für drei Minuten aus dem Zimmer. Sie sagte, sie müsse kurz etwas bearbeiten und notieren. Ich könne mir ja etwas zu trinken nehmen. Als ich nach drei Minuten wieder an der Tür klopfte (darüber hing passenderweise eine digitale Uhr mit Sekundenanzeige), bat sie mich Platz zu nehmen und starrte mich eine Weile schweigend an, bevor es weiterging. Ich fand das sehr unangenehm und starrte auf meine Knie. Es war eine vollkommen seltsame Situation, mit der ich überhaupt nichts anfangen konnte. Das war sicherlich ein Test.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Diagnosetermin fand ein Telefonat zwischen der Psychologin und meiner Mutter statt, bei dem die beiden den bereits von meiner Mutter ausgefüllten FSK besprachen und die Psychologin einige Punkte genauer erfragte. Das Gespräch dauerte eine Stunde.

Beim zweiten Diagnosetermin ging es im Grunde so weiter wie beim ersten. Er dauerte ebenfalls zwei Stunden und dieselbe Psychologin stellte weitere Fragen zu den bereits besprochenen Themen. Statt Aufgaben zu erledigen, wie beim ersten Termin, musste ich diesmal einen sogenannten verbalen IQ-Test absolvieren. Dabei musste ich aus Reihen von je fünf Wörtern das eine, das richtig geschrieben war, heraussuchen und unterstreichen. Das sah in etwa so aus: eientlich – eigentlich – eigendlich – aigentlich – egentlich. Von Reihe zu Reihe wurden die Wörter anspruchsvoller und die Fehler weniger offensichtlich. Solche IQ-Kurztests werden durchgeführt, um einen ungefähren IQ-Wert zu ermitteln. Der ist dann aber auch wirklich nur ein grober Richtwert. Am Ende des Termins sagte mir die Psychologin dann, dass ich ein ganz eindeutiger Fall sei und von ihr laut ICD 10 die Diagnose F84.5 Asperger-Syndrom erhalten würde. Das dazugehörige Diagnoseschreiben lag drei oder vier Wochen später in meinem Briefkasten.

Insgesamt verbrachte ich ungefähr zwei Stunden mit dem Ausfüllen von Fragebögen und viereinhalb Stunden in Gesprächen. Dazu kamen noch eine Gesprächs- und eine Fragebogenstunde für meine Mutter.

Auf die Eröffnung der neuen Warteliste für die Terminvergabe der Autismus-Ambulanz habe ich zehn Monate lang gewartet, auf die ersten Fragebögen dann noch mal zwei Wochen und auf das Vorgespräch weitere sechs. Der erste Diagnosetermin fand drei Wochen nach dem Vorgespräch statt, der zweite eine weitere Woche später. Diese Termine habe ich nach Aussage einer Verwaltungsmitarbeiterin ungewöhnlich schnell und dicht hintereinander bekommen, da andere Patientinnen oder Patienten ihre Termine abgesagt oder verschoben hatten und ich zufällig genau zu diesen frei gewordenen Terminen Zeit hatte. Der Diagnoseprozess hat also mit Beginn meiner Warterei auf die Warteliste ein ganzes Jahr gedauert. Weil ich Glück hatte. Andere warten oft noch viel länger.

Es war anstrengend und intensiv, aber auch sehr interessant und hilfreich. Ja, diese offizielle, professionelle und gründliche Untersuchung und Bestätigung meines eigenen Verdachts, ich könnte Autistin sein, hat mir tatsächlich etwas gebracht. Und zwar für meine Selbstwahrnehmung und für mein Ernstgenommenwerden durch mich selbst und andere.

Autistin und Großstadtmensch.

„Als Autistin in der Großstadt, wie soll das denn gehen? Da ist es laut, hektisch und unübersichtlich. Du kannst dich da überhaupt nicht wohlfühlen. Das ist doch widersprüchlich, total unlogisch, das passt doch überhaupt nicht.“

Ja, doch, nein, gar nicht, jawohl.

Ja, es ist laut, hektisch und unübersichtlich und ja, das ist problematisch. Ich stehe dadurch jeden Tag vor Schwierigkeiten, vor denen ich auf dem Land nicht stand, zumindest nicht im selben Ausmaß. Und klar, das nervt, das macht mir das Leben schwerer. Da muss ich mir was einfallen lassen. Gehörschutz tragen zum Beispiel. Das geht ziemlich einfach. Ohrstöpsel sind klein und leicht und lassen sich super mitnehmen. Mein MP3-Player voller Musik und Lieblingshörbücher hilft auch. Der möchte zwar ab und an aufgeladen werden und das vergesse ich ab und an, deshalb ist er nicht immer nützlich, aber das ist nicht seine Schuld. Außerdem sind ja immer noch die Ohrstöpsel da. Geräusche sind natürlich längst nicht das einzige sensorische Problem. In der Großstadt gibt es zum Beispiel auch jede Menge zu sehen und das belastet mich eigentlich noch viel mehr. Hektisch ist es dabei auch noch. Unfassbar viele schnelle Bewegungen, andauernd, das kann mir schnell zu viel werden. Dann habe ich aber meine Sonnenbrille. Oder meine Augenlider. Oder meine Hände. Ich schirme mich eben ab, das geht schon. Ja, Hektik und Unübersichtlichkeit sind große Stressauslöser. Aber ich kann damit umgehen. Ich habe meine Strategien dafür entwickelt. Damit komme ich zurecht.

Doch, ich kann mich da wohlfühlen, sehr sogar. Die Großstadt gibt mir eine Freiheit, die das Land mir niemals geben konnte, Ruhe und Übersichtlichkeit hin oder her. Die Großstadt ist bunt und vielfältig und das macht mich dadurch unheimlich frei. Hier ist alles voller normaler und unnormaler Menschen, die alle ihr Leben leben. Manchmal gucken sie sich gegenseitig komisch an und meistens verstehen sie nicht so recht, warum die anderen so sind, wie sie sind, aber sie lassen sich sein. Je vielfältiger und freier alle um mich herum sind, umso freier bin ich selbst. Sie lassen mich sein. Ich muss gar nichts. Keine Nachbarn grüßen, keinen Smalltalk im Supermarkt halten, keine Beziehungen zu eigentlich Fremden pflegen, die aber doch irgendwie alles über mich wissen oder sich das zumindest einbilden und auch unbedingt alles wissen wollen, weil sie mich jeden Tag sehen, all das fällt weg. All das, was mich auf dem Land immer unheimlich belastet hat. Es ist einfach nicht da. Ich schulde niemandem irgendwas und niemand denkt, ich würde ihm irgendwas schulden. Ich bin höflich und freundlich und fertig. Ich werde sein gelassen, wie ich bin und habe damit meinen Frieden. Man begegnet sich und dann vergisst man sich wieder. Kein Getratsche, kein Gefrage, kein aufgezwungenes Sozialgedöns, niemand erwartet irgendwas von mir. Das ist das allerbeste realistische Umfeld, das ich mir denken kann. Ich bewege mich ungezwungen in einer anonymen Menge, ich bin darin selbst anonym, ich mache einfach so vor mich hin mein Ding und die anderen auch. Damit fühle ich mich pudelwohl.

Nein, das ist nicht widersprüchlich und gar nicht total unlogisch. Kein bisschen. Klar, weniger Lärm, Hektik und Unübersichtlichkeit sind schön. Aber egal, wie wunderbar die Vorzüge des Landlebens aussehen mögen, sie wiegen die Nachteile des Landlebens für mich überhaupt nicht auf. Wirklich nicht. Bei der Großstadt ist das anders. Klar, Lärm, Hektik und Unübersichtlichkeit sind nicht schön und ich würde gerne darauf verzichten, aber ich kann etwas dagegen tun und die Freiheit, die ich in der Großstadt erlebe, ist viel, viel mehr als ein Ausgleich für diese Probleme. Es ist absolut unwidersprüchlich und durch und durch logisch, mich für die Alternative zu entscheiden, bei der die Plus-Seite so viel gewichtiger ist als die Minus-Seite.

Also jawohl, das passt, und wie. Ich bin Autistin und Großstadtmensch.

Wir sprechen dieselbe Sprache und trotzdem ganz verschiedene.

Wir sprechen dieselbe Sprache und trotzdem ganz verschiedene, die allermeisten Neurotypischen und ich. Meine Sprache ist klar und zielgerichtet, ihre ist komplex und hat viele verschiedene Ebenen. Ich sage, was ich meine, sie verpacken ihre Botschaften in für mich undurchdringbarem Drumherum. So undurchdringbar, dass ich meistens nicht mal mitbekomme, dass es nur ein Drumherum ist, dass der wirkliche Inhalt darunter versteckt ist, oder dahinter, oder dazwischen, ja, wo denn eigentlich? Selbst wenn ich wüsste, dass da was ist, ich hätte keine Ahnung, wo ich suchen müsste, oder wie. Dabei analysiere ich Sprache eigentlich ganz gerne und auch ganz gut. Zumindest, wenn es um Gedichtanalysen geht. Meine Gedichtanalysen fanden die Lehrerinnen und Lehrer immer toll. Aber da hatte ich auch Zeit und die Worte direkt vor mir, ein paar Stifte für Markierungen und Gedankennotizen und jede Menge Ruhe, um zu lesen, nachzudenken, neu zu denken, noch mal zu denken, Ideen zu entwickeln und zu verwerfen und dem Ganzen nach und nach auf den Grund zu gehen. Bei einer Unterhaltung geht das nicht, nicht mal bei einer schriftlichen Unterhaltung per Messenger, dafür geht das alles viel zu schnell. Und obwohl ich eigentlich weiß, dass Neurotypische gerne, oft und mit Leichtigkeit, bestimmt meistens auch ganz unbewusst, ihre Botschaften verstecken und verbiegen, komme ich meistens überhaupt nicht auf die Idee, irgendwas in ihren Worten zu suchen. Es kommt mir so unnatürlich vor. Es entspricht nicht meiner Natur. Es ist mir so ganz und gar fremd. Ich erkenne gar nicht, welche Worte einfach Worte sind und welche von ihnen mir mehr sagen sollen. Damit ich überhaupt anfange, nach einem verborgenen Sinn zu suchen, muss man mir schon mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl auf den Kopf hauen, bloßes Winken reicht da nicht, das ist mir zu subtil, das bekomme ich gar nicht mit. Seid doch nicht immer so schrecklich kompliziert, ihr lieben Neurotypischen! Aber ihr meint das ja gar nicht böse, das weiß ich doch. Das ist eben eure Art zu sprechen, eure Sprache, die ist für euch ganz natürlich. Sie liegt in eurer Natur. Sie geht euch ohne Probleme von den Lippen, als wäre es das einfachste auf der Welt. Auf mich macht es jedenfalls diesen Eindruck. Und genauso leicht und selbstverständlich, so vollkommen natürlich, interpretiert ihr drauf los, wenn ich etwas sage, ja sogar, wenn ich etwas mache, mit meinen Armen zum Beispiel, mit meiner Körperhaltung, mit meinem Gesicht. Aber da ist nichts, da sucht ihr vergebens. So spreche ich nicht, so kommuniziere ich nicht, so funktioniert das bei mir nicht. Ich verschränke meine Arme nicht, weil ich irgendjemandem zeigen will, dass ich meine Ruhe haben will oder verschlossen bin oder abweisend. Wenn ich meine Arme verschränke, dann bedeutet das nichts. Ich verschränke meine Arme, weil ich meine Arme gerne verschränke. Ich finde, das ist eine bequeme Armhaltung. Sonst weiß ich meistens auch gar nicht, was ich mit den Armen machen soll, die schlackern dann irgendwo rum oder sind irgendwie im Weg. Wenn ich meine Ruhe haben will, sage ich das. Ich sage, was ich meine. Nur das, was ich meine. Genau das, was ich meine. Unverschlüsselt. Ihr versucht dann, das zu entschlüsseln, weil ihr das immer so macht, weil die allermeisten Menschen es wohl so machen, aber da kommt bei mir nichts heraus, jedenfalls nicht das, was ich gemeint habe, denn das habe ich ja schon gesagt. Deshalb gibt es zwischen uns dauernd Missverständnisse. Ihr versteht mich nicht, ich verstehe euch nicht. Oft merken wir das erst ziemlich spät. Dass irgendwas nicht passt, das merke ich für meinen Teil meistens ziemlich schnell, weil sich das Gespräch dann für mich sehr holprig anfühlt, aber was genau das Problem ist, das bekomme ich nicht so schnell raus. Es ist schwierig. Es ist kompliziert. Aber seit ich weiß, dass ich Autistin bin, habe ich zumindest das Grundprinzip unserer Kommunikationsschwierigkeiten verstanden. Das hilft mir. Damit kann ich arbeiten.

Schule.

Vielleicht sollte ich irgendwann mal ein Buch schreiben mit dem wunderbaren Titel „375 Arten, an der Schule zu scheitern, obwohl man einigermaßen intelligent ist.“ Es bekäme auch noch einen Untertitel oder wahlweise einen schicken Aufkleber, auf dem stünde „Mit freundlicher Unterstützung von erst im Masterstudium erkanntem Autismus.“ Die Schule war einfach kein guter Ort für mich, und das war in erster Linie sehr schade, denn ich bin eigentlich jemand, der sehr gerne lernt, neugierig ist und Spaß daran hat, sich mit allem Möglichen zu beschäftigen und zu versuchen, es zu verstehen. Im Grunde beste Voraussetzungen. Die Grundschule fand ich auch wirklich toll. Der Kindergarten war überhaupt nichts für mich gewesen und dem ersten Schultag habe ich entgegen gefiebert, sobald ich verstanden habe, was so eine Schule überhaupt ist. Das war irgendwann zwischen meinem vierten und fünften Geburtstag. Als es endlich soweit war, begann ich voller Eifer alles regelrecht aufzusaugen. Ich mochte jedes Schulfach und war in allem ziemlich gut. Außer in Sport. Ein bisschen wurde meine Begeisterung dadurch gedämpft, dass ich die meiste Zeit über eher unterfordert war. Zum Beispiel durften wir meistens am Ende der Unterrichtsstunden schon mit den Hausaufgaben beginnen, wenn wir mit unserer letzten Unterrichtsaufgabe früher fertig waren, und ich war immer so schnell, dass ich im Grunde nie irgendwas zu Hause machen musste. Es war auch immer so gut wie alles fehlerfrei. Wenn ich im Unterricht aufzeigte, nahmen mich die Lehrer kaum dran. Es war ohnehin klar, dass ich alles wusste. Ich war meistens im Stoff schon ein ganzes Stück voraus, wie eine richtige kleine Hermine Granger, nur ohne die ganze Magie, leider. Und ich freute mich riesig aufs Gymnasium und auf all die neuen, spannenden Fächer.

Leider war es dort dann überhaupt nicht mehr schön. Ich war überfordert. Nicht mit dem Stoff, zumindest nicht grundsätzlich oder von Anfang an, aber mit allem anderen, und dadurch dann letzten Endes auch mit dem Stoff. Anfangs überforderte mich ganz besonders die Situation, mitten in einer Schar von 35 Kindern zu sein, die alle ganz aufgeregt versuchten, einander kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Im Kindergarten war das nicht so gewesen, da kamen jedes Jahr ein paar Kinder zu einer bestehenden Gruppe dazu, alles ging peu à peu, und wir waren auch insgesamt viel weniger Kinder. Außerdem konnte ich mich dem Gewusel dort besser entziehen. Es gab zwar ab und an gemeinsames Programm, aber die meiste Zeit konnte ich ganz in Ruhe am Mal- und Basteltisch verbringen. In der Grundschule bekam ich von diesem ganzen Kennenlerntreiben auch so gut wie nichts mit. Ich weiß nicht genau, woran das lag, aber ich denke, es war zum einen nicht so trubelig wie am Gymnasium und zum anderen war ich selbst einfach sehr stark auf den Unterricht und das Lernen fokussiert und habe mich bei allem anderen zurückgezogen und rausgehalten. Irgendwie ging das am Gymnasium nicht. Die gesamte Klasse war in den Pausen als riesige, laute Traube unterwegs und erkundete das Schulgelände. Mir war das viel zu viel. So viele Kinder auf einmal! Eine einzige andere Person hätte mir vollkommen gereicht. So eine Gruppe überforderte mich maßlos. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich verhalten oder was ich sagen sollte, wie ich irgendwie Kontakt aufnehmen konnte, auch wenn etwas in mir das ganz gerne wollte, zumindest zu einem gewissen Grad. Ich konnte das Ganze nur von außen betrachten und verstand nichts. So geriet ich schon in den ersten paar Tagen ins Abseits, in das ich über die kommenden Wochen und Monate hinweg immer und immer weiter hineinrutschte. Und da blieb ich auch die ganzen neun Jahre lang. Ich fand zwar nach einigen Wochen eine Freundin (oder besser gesagt: sie fand mich), die mit ihrer lieben, ruhigen, offenen Art genau der Mensch war, in dessen Gegenwart ich mich wohlfühlen konnte, und ich wurde über sie sogar Teil einer Viererclique, die die ganze Schulzeit über fest zusammenhielt, was unendlich wertvoll war, aber ich war eben für die Klasse trotzdem die Komische, die Abweisende, die Arrogante, Kalte, Blöde, mit der man nichts zu tun haben wollte, die man ärgern konnte, über die man lachte.

Das alles hemmte mich. Dass ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte und mich völlig fehl am Platz fühlte und dass die anderen Kinder so auf mich reagierten. Ich will ihnen nicht die Schuld geben, zumindest auf keine Fall die alleinige, denn ich muss ihnen mit meinem Verhalten einen Grund geliefert haben, so auf mich zu reagieren, wie sie es eben taten. Ich verstand das bloß alles nicht. Ich verstand nicht, was los war, was ich falsch machte, was falsch mit mir war, ich merkte nur, dass etwas nicht stimmte und dass das offensichtlich ich war. Das tat unheimlich weh. Ich verstand gar nichts. Und zog mich zurück. Ich fühlte mich unendlich unwohl. Jeder Schultag war eine Qual. Ich ging von Tag zu Tag weniger gerne hin. Ich zog mich mehr und mehr in mich zurück. In den ersten Tagen nahm ich noch begeistert am Unterricht teil, freute mich auf jedes neue Fach und wollte alles wissen, aber schon in den ersten paar Wochen nahm die Begeisterung rapide ab. Ich bekam das irgendwie nicht auf die Reihe, diese wahnsinnige Verunsicherung was all die sozialen Dinge betraf, dieses Miteinander, das ohne mich stattfand, teilweise sogar gegen mich und das ich überhaupt nicht begriff. Ich fühlte mich so hilflos und so gnadenlos überfordert, dass es mich mehr und mehr lähmte, bis ich irgendwann so gut wie gar nichts mehr machte. Ich saß nur so da und hörte zu, so gut es ging. Und selbst das wurde immer schwieriger, je unwohler ich mich mit der Gesamtsituation fühlte. Auch die Hausaufgaben zu erledigen fiel mir zunehmend schwer. Nach der Schule wollte ich einfach nur noch weg, nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort denken, mit nichts mehr konfrontiert sein, was irgendwie damit zusammenhing. Dadurch wurden natürlich auch meine Leistungen immer schwächer. In manchen Fächern war ich einfach gut, ohne einen Finger dafür krümmen zu müssen, und in diesen Fächern konnte ich mir immerhin ein Minimum an mündlicher Mitarbeit erhalten, aber im Großen und Ganzen verstummte ich. Das war natürlich schlecht, nicht nur für meine mündlichen Noten, sondern auch für die schriftlichen. Wer die Hausaufgaben nur sehr schluderig und manchmal sogar gar nicht macht und im Unterricht nicht richtig anwesend ist, verliert den Anschluss, das ist vollkommen logisch. Das nagte sehr an meinem Selbstwertgefühl, das durch die ganze soziale Situation in der Klasse ohnehin schon ziemlich am Boden war. Und das führte zu noch mehr Rückzug und Passivität. Ich hatte irgendwie nicht die Kraft, etwas daran zu ändern. Und ich wusste auch nicht wirklich, wie ich das hätte anstellen sollen. Die Lehrerinnen und Lehrer verstanden mich auch nicht so recht. Sie hatten ja anfangs gemerkt, dass ich eigentlich ganz intelligent bin und alles recht schnell verstehe und außerdem war ich in den paar Fächern, die mir auch ohne jede Mühe sehr leicht fielen, weiterhin schriftlich gut bis sehr gut. Sie versuchten mit mir zu reden, aber ich begriff ja nicht mal selbst so richtig, was eigentlich mein Problem war, also konnte ich es unmöglich erklären und sie konnten es nicht erkennen. Sie versuchten auf die unterschiedlichsten Arten, mich zu mehr Mitarbeit zu animieren und mehr Leistung aus mir herauszukitzeln. Das setzte mich unheimlich unter Druck, auch wenn sie das sicher nicht so beabsichtigt hatten, und Druck konnte ich wirklich überhaupt nicht gebrauchen, weil ich mich ziemlich schwach fühlte. Ich war nach einiger Zeit schlicht und ergreifend nicht mehr in der Lage, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen oder mich gar daran zu beteiligen und irgendwann entwickelte ich auch eine trotzige Weigerungshaltung allem und jedem Gegenüber. Die war nicht immer da, kam aber immer mal wieder durch und diente im Nachhinein betrachtet vermutlich zu einem gewissen Teil dem Selbstschutz. Ganz bestimmt kamen auch noch sensorische Probleme dazu, die ich selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst bemerkte oder gar erkannte, die aber natürlich trotzdem ihren Teil dazu beitrugen, dass ich völlig überfordert war und oft nicht mal einen klaren Gedanken fassen konnte. Meine soziale Überforderung war mir immerhin irgendwie bewusst, auch wenn ich sie nicht mal ansatzweise einordnen und greifen konnte. Alles, einfach alles war zu viel und machte mir einen Druck, dem ich nicht gewachsen war. Das einzige, was ich hinbekam, war diesen Druck irgendwie auszuhalten, die Tage zu überstehen und zu warten, dass die Zeit vergeht und nach der Schule endlich alles besser wird. Ich steckte mitten in einer Art Überforderungsstrudel, den niemand sehen konnte und aus dem ich nicht heraus kam. Ich begriff nicht, was los war und meine Lehrerinnen und Lehrer noch viel weniger. Sie hielten mich irgendwann einfach für faul und stur. Für eine Schulverweigerin. Dazu habe ich ihnen aus ihrer Sicht ganz bestimmt allen Grund gegeben. Dabei war ich tief in mir drin genau das Gegenteil.

Mit jedem neuen Schuljahr, mit jedem neuen Fachlehrer und jeder neuen Fachlehrerin, mit jedem neuen Fach nahm ich mir vor, es nun doch endlich hinzubekommen und die gute Schülerin zu sein, von der ich irgendwie immer noch wusste, dass ich sie eigentlich sein konnte. Vielleicht keine absolute Überfliegerin in allem, aber sicherlich nirgendwo wirklich schlecht, insgesamt irgendwo im guten Mittelfeld.  Aber ich scheiterte. Immer und immer wieder. Natürlich. Wie sollte ich auch ein Problem lösen, das ich überhaupt nicht erkannte? Ich kam da nicht mehr raus, aus diesem Strudel aus Überforderung, Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, Selbstzweifeln, Scham, Wut, Trotz und Verwirrung. Ich biss mich einfach irgendwie durch, immer mit dem Ziel vor Augen, irgendwann mit der Schule fertig zu sein und danach mit was auch immer ganz neu anzufangen.

Während der inzwischen sieben Jahre nach meinem Abitur habe ich studiert, nebenbei gearbeitet und wahnsinnig viel gelernt. Einiges über Literaturwissenschaften, ein bisschen über Medienwissenschaften, ganz viel über Linguistik und vor allem sehr viel über mich selbst. Bald gehe ich wieder zur Schule. Zur Berufsschule. Nur an zwei Tagen in der Woche, aber immerhin. Ich habe ein bisschen Angst davor. Aber ich bin mir auch sicher, dass es nicht noch mal so wird, wie es am Gymnasium war.

Vielleicht bin ich unsichtbar.

Bei den Wegen, die ich regelmäßig gehe, kenne ich den Boden am besten, denn den schaue ich die meiste Zeit an. Mein Blick ist fast immer gesenkt und manchmal sogar mein Kopf. Nicht, weil ich traurig bin oder mich schäme oder sowas, nein, ich schaue einfach am liebsten auf den Boden. Da ist es ruhig. Und da sind keine Gesichter und keine Augen, in die ich schauen muss. Wenn man durch die Straßen geht, kommen einem nun mal oft Menschen entgegen und die sind in der Regel auch noch fremd. Ich schaue Menschen aber nicht gerne ins Gesicht oder in die Augen und Fremden ganz besonders nicht. Das ist für mich sehr unangenehm und anstrengend und ich meide es, wo ich nur kann. Also schaue ich, wenn ich unterwegs bin, vorwiegend auf den Boden. Meistens geht mein Blick in etwa zwei, drei Meter weit. Früher war das weniger, da habe ich vielleicht einen Meter nach vorne geschaut. Als Schülerin, vor allem in der Mittelstufe, habe ich oft sogar nur auf meine eigenen Füße gestarrt. Und wenn ich so mit gesenktem Blick herumlaufe sehe ich eben den Boden. Böden sind ganz unterschiedlich. Die, über die man draußen zu Fuß läuft, sind meistens mit Pflastersteinen ausgelegt. Da gibt es glatte und raue, kleinere und größere, graue, bläuliche, rötliche, grünliche und bräunliche, rechteckige, quadratische, kunstvoll gezackte und unförmige, manche sind streng und sorgsam angeordnet, ganz so, als hätte jemand jeden Abstand und jede Ausrichtung genaustens überprüft und andere liegen so schief und wild verstreut herum, als hätte die Person, die sie so expressionistisch platziert hat, keinen Gedanken daran verschwendet, was das Gesamtbild hergibt und ob das, was sie da macht, auch nur im entferntesten pflastersteinressourcenschonend ist. Ich schaue gerne auf den Boden und mag es, meinen Gehrhythmus an ihn anzupassen, immer gleich viele Pflastersteine mit einem Schritt zu überschreiten zum Beispiel, oder immer in einer bestimmten Pflastersteinreihe zu bleiben, oder immer genau in die Mitte eines Pflastersteins zu treten. Besonders viel Spaß macht das, wenn die Größe und Anordnung der Pflastersteine zu meiner Schrittlänge passt und ich mein Schritttempo nicht anpassen muss. Das ist dann, als hätte jemand diesen Boden extra für mich gemacht.

Natürlich schaue ich nicht die ganze Zeit nur auf den Boden. Zwischendurch wandert mein Blick immer wieder hoch, nach vorne, damit ich sehen kann, was auf mich zukommt und worauf ich zugehe. Ich will niemanden über den Haufen rennen und auch nicht mit Laternen und parkenden Autos kollidieren. Ich selbst werde dafür aber ziemlich oft über den Haufen gerannt und angerempelt, dabei passe ich wirklich gut auf. Wenn mir jemand entgegen kommt, muss ich eigentlich immer ausweichen, denn wenn ich das nicht mache, kommt es zu einem Zusammenstoß. Mir weicht niemand aus. Wenn ich irgendwo stehe, zum Beispiel am Bahnhof, werde ich fast immer von Vorbeigehenden gestreift oder sogar angerempelt, obwohl ich sehr darauf achte, nicht im Weg zu stehen. In der Bahn muss ich immer aufpassen, dass ich keine Ellbogen ins Gesicht oder in die Rippen gerammt bekomme. Es passiert auch immer wieder, dass Menschen ihre Taschen, Rucksäcke und Koffer auf meinen Füßen platzieren oder sich einfach so vor mich stellen, dass ich wortwörtlich in die Ecke gedrängt werde. Wenn ich irgendwo anstehe und die letzte in der Schlange bin, kommt es manchmal sogar vor, dass jemand Neues dazu kommt und sich einfach vor mir anstellt. Mir haben auch schon Menschen die Tür direkt vor der Nase zugemacht, obwohl sie sich beim Schließen noch mal umgedreht und mich angesehen haben. Und einmal hat sich in der U-Bahn tatsächlich jemand um ein Haar auf mich draufgesetzt. Es ist dann, als wäre ich gar nicht da, als würden all diese Menschen mich überhaupt nicht sehen, sie schauen einfach durch mich hindurch. Ich bin zwar klein und zierlich, aber doch nicht so winzig, dass man mich nicht sehen kann! Immer, wenn sowas passiert, und das ist fast jedes Mal der Fall, wenn ich irgendwo bin, wo andere Menschen sind, frage ich mich kurz, ob ich wirklich da bin oder ob ich mir meine Existenz nicht einfach nur einbilde. Aber ich fühle mich eigentlich ziemlich real. Vielleicht bin ich also unsichtbar.

Ich glaube wirklich nicht, dass so viele Menschen mich absichtlich übersehen, weil sie böse sind und mir eins auswischen wollen oder weil sie egoistisch und rücksichtslos sind und denken, ich müsste ihnen eben Platz machen oder sowas. Nein, ich bin mir meistens absolut sicher, dass sie mich tatsächlich nicht wahrnehmen. Irgendwas habe ich scheinbar an mir, das dafür sorgt, dass Menschen überhaupt nicht bemerken, dass ich da bin. Es ist, als würde ich eine Tarnkappe tragen, oder so einen Umhang, wie ihn Harry Potter hat, oder vielleicht den einen Ring aus „Der Herr der Ringe“. Ich glaube, Menschen können mich oft einfach nicht sehen. Und ich denke inzwischen, das liegt daran, dass ich immer auf den Boden schaue. Denn dabei sieht man meine Augen nicht; ich schaue niemandem ins Gesicht. Vielleicht bin ich dadurch so unscheinbar, dass die Menschen mich einfach ausblenden. Vielleicht macht es regelrecht unsichtbar, den Blick gesenkt zu haben. Wie bei dieser Spionin aus „Asterix und Kleopatra“. Wenn sie den Blick gerade nach vorne richtet und die Menschen anschaut, sieht man sie. Schaut sie nach unten und verdeckt so mit den Lidern ihre Augen, sieht man sie nicht. Und wenn sie nur ein bisschen aufsieht, sodass ihre Augen ungefähr zur Hälfte sichtbar sind, dann sieht man sie tatsächlich nur ein bisschen. Ich probiere das manchmal am vollen S-Bahnhof aus, das mit dem gehobenen Blick und dem Anschauen der anderen Menschen. Wenn mir ein ganzer Schwall umsteigender Leute entgegen kommt, dann hebe ich manchmal den Blick und schaue ihnen so gut es geht in die Gesichter, und es wirkt. Man macht mir oft Platz. Man weicht mir oft aus. Man achtet oft darauf, mich nicht über den Haufen zu rennen. Ich mache das nicht gerne und ich mache es nur manchmal, wenn das direkte Ansehen gerade irgendwie weniger unangenehm ist, als bei jedem Schritt angerempelt zu werden. Und vielleicht ist das wirklich der ganze Trick. Vielleicht sind Augenlider wie ein Tarnumhang.

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