Alles ist anders, aber irgendwie auch nicht.

Es ist Montagmorgen, ein ganz normaler Werktag, ich bin kerngesund (soweit ich weiß) und habe keinen Urlaub, aber trotzdem sitze ich zu Hause auf dem Sofa. Mein Arbeitgeber hat beschlossen, uns weitestgehend nach Hause zu schicken. Nur wirklich notwendige Aufgaben sollen erledigt werden. Solche Aufgaben haben die Kollegin, mit der ich mich vertrete, und ich. Deshalb sollen wir im Wechsel zwei- bis dreimal die Woche ins Büro fahren und erledigen, was dringend zu erledigen ist. Eine absolute Ausnahmesituation. Jede Menge Strukturen und Routinen brechen weg. Ich bin erst ganz am Anfang dieser neuen Lage und kann noch nicht einschätzen, wie ich damit zurecht komme. Aber ich weiß, dass ich mir dringend Ersatzstrukturen und Ersatzroutinen schaffen muss, um gesund durch meinen Alltag zu kommen. Alles ist anders.

Die Nachrichtenseiten, die ich täglich lese, sind voll mit Aufzählungen und Beschreibungen von Dingen, die man jetzt nicht mehr machen darf und von Dingen, die noch erlaubt sind. Man darf sich nicht mehr mit mehr als einer weiteren Person treffen, abgesehen von Haushaltsangehörigen. Restaurants, Cafés und Bars sind geschlossen. Mit dem gemütlichen Beisammensein nach der Arbeit oder in den Abendstunden ist es vorbei, von Wochenendvergnügungen in Clubs ganz zu schweigen. Nicht mal Hauspartys kann man noch veranstalten. Die Fitnessstudios sind dicht und Vereinssport kann man auch vergessen. Sogar Picknicks in Parks oder andere Treffen an der frischen Luft sind verboten. Von Menschen, die nicht im selben Haushalt leben wie man selbst, müssen mindestens 1,5 Meter Abstand gehalten werden. Nach draußen gehen darf man nur noch, um einzukaufen, zur Arbeit zu kommen, bestimmte wichtige Dinge zu erledigen und sich alleine oder mit einer anderen Person draußen zu bewegen. Das sind massive Einschränkungen des täglichen Lebens. Na ja, zumindest für die meisten Menschen.

Für mich bleibt, bis auf die Sache mit der Arbeit, eigentlich alles, wie es ist. Neben meinem Job besteht mein Leben außerhalb der Wohnung aus meinem Ausdauersport an der frischen Luft, Einkäufen, Spaziergängen, Wanderungen und Radtouren mit meinem Mann und ein bisschen Gärtnerei und Aufenthalt auf dem Balkon. Kontakt mit Freundinnen und Freunden habe ich so gut wie ausschließlich über Messenger und SMS. Von meiner Familie lebe ich sehr weit entfernt, da ist der Kontakt, von gelegentlichen Besuchen alle paar Monate abgesehen, auch rein schriftlich und telefonisch. Bis zum Ende des Jahres war ich einmal in der Woche in meinem Lieblingskino, aber da es zum Januar geschlossen wurde, hat sich das sowieso erledigt. Mir ist also nichts von dem verboten, was ich tagtägliche mache und vor allem auch machen möchte.

Mein ganz normaler Alltag, mit dem ich glücklich bin, ist für viele andere Menschen eine Zumutung. Sie sind jetzt eingeschränkt und isoliert, vermissen die Menschen und Unternehmungen, die sonst ihre Freizeit prägen und müssen sich plötzlich widerwillig mit dem Leben arrangieren, das ich freiwillig und rundum zufrieden führe. Ich bin in Vielem ganz anders. Eigentlich wusste ich das ja schon, aber es jetzt in dieser Deutlichkeit vor Augen geführt zu bekommen, ist trotzdem seltsam.