Sie ist die Joggerin, sie rennt immer weiter.*

Seit einem Jahr und acht Monaten laufe ich. Jeden zweiten Tag. Seit einem Jahr und fünf Monaten sind es gute neun Kilometer pro Lauf, oft auch zehn. Angefangen habe ich mit zwei Kilometern, die ich erst beim fünften oder sechsten Versuch durchlaufen konnte.

Es gibt dieses Klischee, dass Läuferinnen und Läufer immer vor irgendwas weglaufen würden. Vielleicht auch, aber ganz sicher nicht immer. Meistens laufe ich auf etwas zu. Eventuell auch mal etwas hinterher. Ab und an vielleicht vor etwas weg. Aber vor allem laufe ich, weil es mir gut tut.

Die Bewegung tut mir gut. Ich habe einen Bürojob, bei dem ich naturgemäß viel sitze und mich wenig bewege. Beim Laufen bewege ich alles, mein gesamter Körper ist aktiv. Ein sehr guter Ausgleich.

Die Regelmäßigkeit tut mir gut. Zum einen die Regelmäßigkeit der Bewegung selbst. Sie ist vollkommen gleichmäßig und ich muss keine Sekunde darüber nachdenken, nicht darauf achten, nur laufen und atmen, ganz rhythmisch. Zum anderen die Regelmäßigkeit, mit der ich laufe. Sie ist einer der Anker in meinem Alltag. Jeden zweiten Tag ist Lauftag, nahezu unumstößlich. Ich kann die ausgefallenen Läufe der letzten 20 Monate alle aufzählen, wenn ich ein bisschen darüber nachdenke. Es sind also nicht viele.

Die Ruhe tut mir gut. Wenn ich laufe, bin ich ganz bei mir und kann mich sammeln und, wenn es nötig ist, auch beruhigen. Manchmal höre ich nur meinem Atem zu und zähle meine Schritte in 20er-Blöcken. Dabei kann ich allen Stress des Tages vergessen. Manchmal lösen sich auch irgendwelche Gedankenblockaden oder Grübeleien auf, ich komme auf Ideen oder ich kann mit irgendeinem Ärgernis abschließen. Die innere Ruhe, die sich beim Laufen in mir ausbreitet, ist immer hilfreich.

Das Draußensein tut mir gut. Bei jedem Wetter. Auch, wenn ich mich bei Regen, Kälte und Hitze oft ziemlich überwinden muss. Wenn ich die ersten ein, zwei Kilometer hinter mir habe, ist mir jedes Wetter egal. Ich spüre es und spüre, wie mein Körper darauf reagiert und dass er damit immer irgendwie umgehen kann. Das ist ein gutes Gefühl.

Das Körpergefühl, das ich habe, seit ich laufe, tut mir gut. Ich fühle mich stärker und widerstandsfähiger. Das ist ermutigend und erhebend. Irgendwie macht es Herausforderungen kleiner. Ich schaffe es, jeden zweiten Tag neun bis zehn Kilometer zu laufen. Ich bin ausdauernd und zäh. Mich haut so schnell nichts um. Mein Körper ist leistungsfähiger und ich habe den Eindruck, dass mich das auch mental leistungsfähiger macht, einfach, weil ich mich insgesamt robuster fühle. Und wenn mein Gehirn überlastet und erschöpft ist, ist mein Körper nicht zusätzlich auch schon am Ende seiner Kräfte. Das macht viele Situationen besser aushaltbar.

All das heißt nicht, dass ich immer voller Elan in meine Laufsachen hüpfe und mich freue, dass es jetzt endlich losgeht. Das ist sogar ziemlich selten der Fall. Meistens habe ich nach Feierabend wenig Lust und überlege, mich doch lieber auf dem Sofa verkriechen, als noch mal die Wohnung zu verlassen und mich anzustrengen. Aber ich weiß, wie gut es mir tut und wie wichtig es mir geworden ist. Es ist ein elementarer Bestandteil meines Alltags, eine wichtige Routine. Also laufe ich los. Und es ist jedes Mal die richtige Entscheidung.

* https://www.youtube.com/watch?v=fEfW8nWO-QU