Veränderungen sind fürchterlich.

Um mich herum hat sich in den letzten Monaten so gut wie alles verändert. Es war fürchterlich.

Mein Mann und ich hatten geplant, nach meiner Ausbildung umzuziehen, in eine schönere Wohnung mit Balkon und richtiger Küche und gefliestem Bad. Wir sprachen im Sommer ein paarmal darüber und stellten fest, dass unsere Ansprüche ziemlich spezifisch waren, also dachten wir, es wäre gut, schon mal ein bisschen den Wohnungsmarkt zu erkunden, da unsere Suche sicher lange dauern würde. Außerdem wollten wir uns schon mal bei der einen oder anderen Wohnungsbaugenossenschaft melden, da die hier sehr schöne Wohnungen haben und bauen und man deshalb nicht so leicht eine abbekommt. Also dachten wir, wir müssten eine lange Wartezeit einplanen und uns deshalb frühzeitig kümmern.

Und dann hatten wir plötzlich eine neue Wohnung. Wir entdeckten ein für uns absolut perfektes Angebot, bewarben uns kurzentschlossen und bekamen eine Zusage. Das war Mitte August. Für einen ab dem ersten November bezugsfertigen Neubau. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Hilfe!

Mehr oder weniger aus dem Nichts heraus musste ich mich an den Gedanken gewöhnen, dass sehr bald vieles sehr anders sein würde, und damit war es ja noch längst nicht getan. Neue Räume wollten geplant, neue Möbel ausgesucht und gekauft und unzählige Kisten gepackt werden. Und das alles eineinhalb Jahre früher, als wir es vorgehabt hatten.

Mit Veränderungen komme ich nur sehr, sehr schwer zurecht. Klar, die wenigsten Menschen mögen Veränderungen wirklich. Sie machen Angst. Das ist normal und in Ordnung. Aber bei mir ist das leider noch mal eine ganz andere Dimension der Angst und des Nicht-damit-Zurechtkommens. Auch bei so positiven Veränderungen wie dem Umzug in eine Wohnung, die noch viel schöner und toller war, als ich sie mir gewünscht und vorgestellt hatte, bevor wir dieses Angebot fanden und obwohl ich mehr als froh war, endlich aus der alten Wohnung ausziehen zu können, an der mich so vieles nervte und störte. Die neue Wohnung hat eine wunderbare Lage. Überall ist Wasser und Wald um uns herum. Sie ist toll geschnitten, hat viele große Fenster und einen schönen, großen Balkon. Die Anbindung an den ÖPNV ist gut. Wir hatten finanziell endlich die Möglichkeit, uns nach unserem Geschmack einzurichten, alles richtig zu planen und eine richtige, tolle Küche zu kaufen.

Ich wollte nicht. Also, ich wollte natürlich sehr wohl, unbedingt sogar, aber es war eben eine riesige Veränderung, und Veränderungen will ich überhaupt nicht. Nicht einmal, wenn ich sie mir wirklich wünsche. Das ist natürlich paradox und ziemlich anstrengend. Vor allem, weil man so oft zu hören und zu lesen bekommt, man solle einfach auf sein Gefühl hören, das wäre dann schon richtig. Dem kann ich bei mir und Veränderungen nur vehement widersprechen. Mein Gefühl ist dabei immer grässlich und sagt mir, dass ich sofort alles abblasen und unbedingt verhindern soll, dass die Veränderung (ja, wirklich auch eine, die ich mir sehr wünsche) eintritt. Mein rationaler Teil ist der einzige, auf den ich dabei hören und auf den ich mich verlassen darf, denn der weiß, ob ich diese Veränderung will und was die Gründe dafür sind. Er kann das in Ruhe betrachten und analysieren und mir eine Antwort liefern. Den emotionalen Teil muss ich schön außen vor halten und so lange mit rationalen Argumenten bombardieren, bis er sich beruhigt und einsieht, dass es nur die Veränderung an sich ist, das Unbekannte, das Neue, vor dem er Angst hat, nicht das Ergebnis. Klar, es dauert, sich in eine neue Situation einzufinden, sich in einer neuen Wohnung und einer neuen Gegend einzuleben, auch wenn die nur ein paar Tramstationen von der alten entfernt ist. Und bei mir dauert es eben ein bisschen länger als bei den meisten Menschen. Das ist aber kein echter Grund, nicht in eine so viel bessere Wohnung zu ziehen.

Das ist auch kein Grund, einen Job zu behalten, der einen quält, nur weil es eine große Veränderung wäre, nicht mehr dort hinzugehen und man sich obendrein auch noch in einen neuen Job hineinfinden müsste, aber mein Gefühl sagte mir sogar zum Ende meiner Callcenterzeit, dass es eben doch ein sehr plausibler Grund wäre und ich doch bitte einfach alles so lassen solle. Ich liebe meine Ausbildung und werde es noch mehr lieben, wenn ich sie absolviert habe und endlich einen richtigen Arbeitsalltag habe. Ein gutes Jahr habe ich noch vor mir. Trotzdem, jedes Mal, wenn es in eine neue Praxisstelle geht, ist das alles wieder viel zu aufregend und viel zu viel Veränderung für mich und ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich denke, dass es einfacher wäre, noch im Callcenter zu arbeiten, weil ich da wenigstens wüsste, wie der Tag so wird und was ich zu tun habe. Und das denke ich nicht nur am ersten Tag oder in der ersten Woche, sondern auch noch nach vielen Wochen, in denen alles an sich total gut war. Nur, weil es noch neu und anders ist und ich damit eben nicht zurechtkomme. Auch, wenn die Wohnung toll ist und die Praxisstelle auch und ich das alles wirklich will. Aber der emotionale, Veränderungen abscheulich findende Teil von mir sucht dann nach jedem noch so kleinen möglichen Problemchen an der neuen Situation und versucht, es zu dramatisieren, während der rationale Teil, der genau weiß, dass und warum ich diese Veränderung in Wirklichkeit will, hart dagegen ankämpft und die seltsamen Argumente des emotionalen Teils in mühevoller Arbeit widerlegt.

Na ja, und in den letzten Monaten hatte ich ziemlich viel Veränderung auf einmal. Nach der Wohnungszusage folgte nämlich noch ein praxisfreier Unterrichtsblock an der Akademie, also raus aus der schönen Praxisstelle, in der ich mich inzwischen so pudelwohl fühlte und rein in knapp drei Monate, in denen ich jeden Tag von meinen Mitauszubildenden umgeben war. Währenddessen war unheimlich viel zu tun für den Umzug und die vielen Klausuren und nebenbei musste ich die ganzen Veränderungen irgendwie verarbeiten. Zum Glück war ich noch vor dem Umzug soweit, mich ganz und gar auf die neue Wohnung zu freuen. Das war nicht einfach, aber ich habe es geschafft. Jetzt habe ich aber auch schon die nächste Veränderung zu verarbeiten, denn nach gut drei Wochen Arbeit (und zwei Wochen Urlaub) habe ich mich längst noch nicht an die neue Praxisstelle gewöhnt, in die ich seit dem Ende des Akademieblocks gehe. Morgen ist der Urlaub vorbei und ich freue mich, wieder zu arbeiten, weil es Spaß macht, sehr interessant ist und ich viel lerne (das kam jetzt vom rationalen Teil), aber ich grusele mich auch sehr davor, weil alles anders ist und Veränderungen eben immer ätzend sind, weshalb ich sie nicht will, also möchte ich nie wieder zu dieser neuen Praxisstelle (das kam natürlich vom emotionalen Teil).

So schlage ich mich eben durch. Erholt habe ich mich von all dem noch nicht so ganz, aber es ist schon viel besser und es geht mir wieder gut. Zwischenzeitlich war ich immer wieder kurz vor einem Nervenzusammenbruch, einmal ganz besonders knapp. Das lag vor allem daran, dass in der alten Wohnung alles nach und nach in Kisten landete und dementsprechend auch dort alles anders war. Trotzdem habe ich diese stressige Zeit überstanden, nicht zuletzt, weil ich es hinbekommen habe, meine Routinen aufrecht zu erhalten. Und ich habe sogar noch eine neue gewonnen. Durch den Wohnungszusagestress war ich innerlich so unruhig, dass daraus irgendwie ein Bewegungsdrang geworden ist und so habe ich tatsächlich angefangen zu laufen. Weil ich ich bin und Regelmäßigkeit zu meinen allerliebsten Lieblingsdingen gehört, mache ich das seitdem regelmäßig, was mir sehr gut tut, sowohl körperlich als auch psychisch. Die Regelmäßigkeit beruhigt mich und bereitet mir sehr viel Freude und das Laufen selbst hilft mir beim Stressabbau und gibt mir ein besseres Körpergefühl. Das ist ein sehr schönes Nebenprodukt dieser gravierenden Veränderungen. Eines, mit dem ich gar nicht gerechnet hätte. Und das selbst eine große Veränderung ist. Eine positive.

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