Plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie mich Zusammenarbeit mit anderen tatsächlich kostet.

Seit drei Wochen bin ich jetzt in meiner neuen Praxisstelle und sie ist einfach toll! Kein Publikumsverkehr, ein kleines, ruhiges Büro nur zusammen mit meiner Praxisanleiterin, die still vor sich hinarbeitet, wenn sie mir nicht gerade etwas erklärt, und jede Menge Interessantes zu tun, das ich vollkommen eigenständig erledigen kann. Es ist großartig! Bei meiner ersten Praxisstelle war nur recht wenig Eigenständigkeit möglich, weil ich als Auszubildende aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugriff auf die Fachsoftware bekommen konnte und deshalb bei den allermeisten Aufgaben mit meiner Praxisanleiterin zusammen am Computer saß.

Ich habe schon wieder jede Menge gelernt und auch, wenn jetzt am Anfang alles wieder ein bisschen viel ist und mir der Kopf oft schwirrt vor lauter Informationen, geht es mir richtig gut. Klar, ich muss mich neu einfinden und bin immer noch jeden Morgen auf dem Weg zum Büro ziemlich nervös, weil ich noch nicht so gut einschätzen kann, was am Tag auf mich zukommt und alles noch recht fremd ist, aber ich fahre jeden Nachmittag mit einem guten Gefühl wieder nach Hause. Ich brauche eben etwas Zeit, um mich an neue Situationen zu gewöhnen und weiß inzwischen, wie ich mit der inneren Unruhe umgehen muss, die immer mit ihnen einhergeht, und dass ich mich davon nicht aus der Bahn werfen lassen muss. Ich sage mir dann, dass mein Hirn nun mal so ist, wie es ist. Dass es erst mal verarbeiten und sich umstellen muss und dass das nun mal nicht von heute auf morgen funktioniert. Es ist nicht immer leicht, damit umzugehen, aber zu wissen, dass mit neuen Situationen jedes Mal große Unruhe, Sorgen, Ängste und Unsicherheiten kommen, aber nach einer Weile eben auch wieder verschwinden, hilft mir sehr. Jedes Mal habe ich aufs Neue das Gefühl, der Veränderung nicht gewachsen zu sein und jedes Mal würde ich am liebsten fliehen. Zu wissen, dass das bei mir dazu gehört, mein Hirn sich irgendwann wieder beruhigen wird und dann alles gut ist, lässt mich das mittlerweile aber recht gut aushalten, auch wenn es natürlich jedes Mal nicht schön ist und viel Stress bedeutet. Irgendwie habe ich es geschafft, dahingehend eine gewisse Grundgelassenheit zu entwickeln. Ohne die Autismusdiagnose und alles, was ich in dem Zusammenhang über mich gelernt habe, hätte ich das sicher nicht geschafft. Stattdessen würde ich mich weiterhin für viel zu schwach und ziemlich dumm halten, wenn ich mal wieder mit Veränderungen konfrontiert bin und erst mal nicht mit ihnen zurecht komme.

Neben allem neuen Fachlichen habe ich auch wieder eine interessante Erkenntnis über mich selbst gewonnen. Mir war zwar immer klar, dass es mich ziemlich anstrengt, mit anderen Menschen zu interagieren und zusammenzuarbeiten, aber mir war nicht klar, wie groß das Ausmaß dieser Anstrengung tatsächlich ist. Das merke ich erst jetzt, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Tätigkeit ausübe, bei der keine Zusammenarbeit und im Grunde nicht mal Interaktion mit anderen nötig ist. Klar, ich bin Auszubildende und gerade lerne ich wieder ganz viel Neues, also muss man mir alles erst mal erklären und ich habe zwischendurch selbstverständlich auch einige Fragen, aber das sind wenige, ganz kleine Häppchen über den Tag verteilt. Zusammengenommen nicht mal eine Stunde. Und plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie die Zusammenarbeit mit anderen mich wirklich kostet. Ich bin selbst ein bisschen verblüfft, dass ich darüber überrascht bin und wie sehr ich unterschätzt habe, wie groß der Anteil an meiner Kraft ist, der für Interaktion draufgeht. Damit meine ich nicht einmal sowas wie Publikumsverkehr (denn dass der mir zu viel ist, war mir natürlich bewusst), sondern schon die ganz alltägliche Teamarbeit, die in den meisten Jobs ständig anfällt. Meine Arbeitstage sind jetzt so viel leichter und angenehmer, ich habe so viel mehr Spaß an der Arbeit und die Zeit fliegt regelrecht dahin, es ist unglaublich! Meine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist deutlich höher und nach Feierabend bin ich kein bisschen erschöpft, sondern höchstens ein bisschen müde. Ich finde das ganz und gar erstaunlich. So ging es mir bisher noch nie, mit nichts von dem, was ich gemacht habe. Ich wusste nicht, dass ich so viel und so lange arbeiten kann, ohne hinterher mindestens sehr müde zu sein und mich mehr schlecht als recht durch den restlichen Tag zu schleppen. Aber es geht! Ich brauche bloß meine Ruhe vor anderen Menschen, denn interaktiv sein zu müssen ist für mich offensichtlich mit Abstand die größte Belastung. Wenn sie wegfällt, ist alles andere ziemlich leicht. Wirklich verwunderlich, dass mir das nie in dem Maße bewusst war.

So, wie es bisher in dieser Praxisstelle läuft, kann es auf jeden Fall weitergehen. Sogar inhaltlich finde ich die Arbeit in der Straßensondernutzung sehr interessant. Ich weiß, Baustelleneinrichtungsflächen, Schuttcontainer und Aufgrabungen klingen erst mal nicht sonderlich spannend, aber ich beschäftige mich gerne mit den gesetzlichen Regelungen dazu. Da gibt es wirklich viel zu wissen und zu beachten. Mir macht es immer Spaß, mich mit sowas auseinanderzusetzen und dadurch ein kleines Stück Welt mehr zu verstehen. Von heute aus betrachtet sehen die nächsten Monate also gut aus. Ich freue mich darauf.

 

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