Kurze Anekdote: Das Aufnahmegerät.

Während meines Bachelorstudiums habe ich mir ein Aufnahmegerät für fast 200 Euro gekauft, weil ich mir sonst an der Uni eins hätte ausleihen müssen, und das hat mich völlig überfordert.

Ich war 21 Jahre alt und im dritten Semester. Zumindest in meinem Hauptfach. In meinem Nebenfach, der Medienwissenschaft, war es das erste. Alles war neu. Ich kannte weder die Dozenten noch den Fachbereich oder das Institut.

In einem meiner Seminare ging es um Hörfunkbeiträge, sowohl theoretisch als auch praktisch. Als benoteten Leistungsnachweis mussten wir selbst Beiträge produzieren. Die Aufnahmegeräte, die wir dafür benutzen sollten, konnten wir uns kostenlos aus dem Bestand des medienwissenschaftlichen Instituts ausleihen.

Ich war überfordert. Ich wusste nicht, wo genau man an diese Geräte rankam, wann die Öffnungszeiten dieser Stelle waren, was man alles beachten musste und vor allem nicht, wie man sich bei diesem ganzen Ausleihprozess verhalten musste, was man sagen musste. Ich fühlte mich schon in der Bibliothek jedes Mal ganz fürchterlich, dabei mag ich Bibliotheken, aber ich war schrecklich unsicher und wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Mir fehlte für diese Situationen ein Plan, ein Verhaltensmuster, an das ich mich halten konnte und Sätze, die ich verwenden konnte. All das Neue und Unbekannte war so überwältigend und einschüchternd, ich kam gar nicht mit dem Aufnehmen und Verarbeiten hinterher. Ich brauche lange, um mich an neue Umstände zu gewöhnen, muss ganz in Ruhe immer wieder beobachten und analysieren können, mir Zeit nehmen, um zu überblicken und zu verstehen.

Die Zeit hatte ich für meinen Leistungsnachweis aber nicht. Tagelang dachte ich alles durch, versuchte, mir einen Plan zu machen, war permanent schrecklich aufgewühlt und rastlos. Aus Unruhe wurde Angst, aus Angst wurde Panik. Ich zermaterte mir das Hirn und mir wurde immer klarer: Losgehen und mir ein Aufnahmegerät leihen, das würde ich einfach nicht schaffen. Die Hindernisse waren zu hoch für mich.

Die einzige umsetzbare Lösung, die ich fand, war, mir ein eigenes Aufnahmegerät zu kaufen. Zum Glück wusste ich, welches Modell sie an der Uni hatten. Der Dozent hatte es genannt und ich hatte es mir aufgeschrieben. Im Internet fand ich es mit einer einzigen Suchanfrage. Es war teuer, vor allem für mich als Studentin, aber das war mir egal. Ich dachte nicht mehr groß darüber nach. Der ganze Stress fiel plötzlich von mir ab. Ich war so erleichtert!

Seitdem hat sich viel bei mir getan. Mein Repertoire an Verhaltensmustern ist immens gewachsen, was mir große Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mir für ganz neue Situationen immer wieder in Ruhe neue Muster erarbeiten und die Unsicherheit, Angst und regelrechte Lähmung, die mit ihnen einhergehen, sind immer da. Sie werden es sicher auch bleiben. Ich habe bloß bessere Strategien entwickelt, damit umzugehen.

Hurra, ach je, wie schade, endlich!

Meine erste Praxisphase ist vorbei. Hurra, ach je, wie schade, endlich! Meine Gedanken und Gefühle dazu sind genau so widersprüchlich und gemischt wie dieser Satz.

Toll war, dass ich festgestellt habe, wie gut dieser Beruf wirklich zu mir passt und wie wohl ich mich darin fühle. Dass ich jede Menge interessante Dinge gelernt habe, fachlich und auch über mich selbst. Und dass ich das Ganze wirklich gut gemacht habe, wie meine beiden Praxisanleiter*innen fanden. Na ja. Bis auf das übliche Thema, das auch heute bei der Abschlussbesprechung wieder dran war: Aufgeschlossenheit und Teamfähigkeit. Da hapert es bei mir und das wird es immer. Damit habe ich mich längst arrangiert. Ich bin in genug anderen Dingen richtig gut. Und auch, wenn ich immer wieder versuche, mich „normal“ zu geben, also quasi mein Menschenkostüm trage, bin ich eben nicht so. Ich bin anders, ich bin komisch, seltsam, nicht „normal“. Ich bin introvertiert und sozial unsicher und unbeholfen. Das Menschenkostüm zwickt und zwackt und ich mag es nicht sonderlich. Es gehört irgendwie dazu, ich habe mich einigermaßen daran gewöhnt in den fast 3 Jahrzehnten, die ich inzwischen auf diesem seltsamen Planeten verbringe, aber es passt einfach nicht richtig und das wird es nie. Das muss es auch gar nicht. Ich nehme mich inzwischen endlich, wie ich bin und finde mich gut so. Zumindest meistens.

Für die nächste Praxisstelle wünsche ich mir, dass ich es schaffe, das irgendwie zu thematisieren. Ich hoffe, mein neuer Praxisanleiter ist eine Person, mit der ich reden kann. Vielleicht erwarte ich auch zu viel, wenn ich möchte, dass ich mit meiner verschlossenen, introvertierten, autistischen Art einfach so akzeptiert werde und mir nicht dauernd anhören muss, dass ich mich mehr öffnen muss. Das finde ich aber nicht heraus, wenn ich es nicht wenigstens mal anspreche.

Nicht gut war, dass mich die Arbeit in der Sozialhilfe psychisch doch ziemlich belastet hat. Ich finde es unheimlich gut und wichtig, dass wir ein Sozialsystem haben, das es zum Ziel hat, Menschen aufzufangen und zu stützen, die Hilfe und Unterstützung brauchen und das allen Menschen ermöglichen soll, ein würdevolles Leben zu führen, aber das schafft es leider nicht. Da ist meiner Meinung nach noch jede Menge Verbesserungsbedarf. Wirklich beurteilen kann ich nur die Situation in den Bereichen Grundsicherung und Asylbewerberleistungen, aber ich denke, das lässt sich auf alle Bereiche des Sozialgesetzbuches übertragen. Außerdem war natürlich problematisch, dass ich so viel direkt mit Bürgerinnen und Bürgern konfrontiert war. Es war einfach zu anstrengend für mich, aber das war ja auch zu erwarten und hat sich sehr schnell gezeigt. Das ist der zweite Grund, aus dem ich mich freue, dass dieser Praxisabschnitt vorbei ist.

Der nächste wird dahingehend auf jeden Fall richtig gut zu mir passen, denn direkten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern gibt es dort nicht. Es geht ins Straßen- und Grünflächenamt und wenn sich in der kommenden Woche, bevor es losgeht, nichts mehr ändert, werde ich in der Straßensondernutzung eingesetzt. Das ist der Bereich, in dem Baustellen-, Wahlwerbungs-, Zirkus-, Gerüstbau- und ähnliche Anträge gestellt werden. Vor ein paar Wochen durfte ich schon an einer Schulung für die Fachsoftware teilnehmen. Die ist ein ganz tolles Spielzeug mit Kartenmaterial, in das man alle Sondernutzungen einzeichnen kann. Außerdem kann man nach Adressen suchen und schauen, was dort so sondergenutzt wird. Zum Beispiel vor der eigenen Haustür. Es gibt sogar flächendeckende Luftbildaufnahmen, recht aktuelle sogar, aus dem letzten Jahr. Und alles wird komplett elektronisch bearbeitet, von der Antragsstellung bis zum Bescheid. Ich bin ziemlich begeistert, sehr gespannt und freue mich schon riesig darauf, dass es bald losgeht.