Die anderen wissen jetzt Bescheid.

Eigentlich hatte ich vor, gleich von Beginn der Ausbildung an offen mit meinem Autismus umzugehen. Der Ausbildungsleitung gegenüber war ich ja schon bei der Bewerbung vollkommen offen. Aber ich wollte auch, dass die anderen Auszubildenden Bescheid wissen. Und dann habe ich trotzdem nichts gesagt.

So blöd es klingt, ich habe einfach nicht den passenden Moment oder Anlass gefunden. Bei der Vorstellungsrunde in der Einführungswoche habe ich mich einfach nicht getraut und danach kam so eine Gelegenheit nicht wieder. In den ersten paar Wochen habe ich mich ein bisschen darüber geärgert, vor allem über mich selbst. Dann ist das Thema ganz in den Hintergrund gerückt. Aber dort ist es nicht geblieben.

Das lag daran, dass das Wort „behindert“ von manchen der anderen immer und immer wieder als Schimpfwort benutzt wurde. In letzter Zeit ist mir das besonders aufgefallen, weil wir uns während des Akademieblocks nicht nur zweimal pro Woche in der Berufsschule gesehen haben, sondern auch noch an den anderen drei Wochentagen in der Akademie. Ich habe versucht, es zu überhören, weil ich wusste, die meinen das nicht so, das ist nicht böse gemeint, die merken es wahrscheinlich nicht mal. Aber es hat mich verletzt. Immer und immer wieder. Weil es mir immer und immer wieder ins Bewusstsein gerufen hat, was die Gesellschaft von behinderten Menschen hält. Als Schimpfwort wird „behindert“ eingesetzt für „scheiße“ und „überflüssig“ und sicher noch ein paar andere stark entwertende Adjektive. Und genau so fühle ich mich, wenn jemand „behindert“ so verwendet. Abgewertet. Entwertet. Unabsichtlichkeit hin oder her.

Deshalb habe ich mich vor einer Weile an die Ausbildungsleitung gewandt. Weil ich was sagen wollte. Und das habe ich gemacht. Am Montag hatten wir ein offizielles Treffen mit meinem Auszubildendenjahrgang. Solche Treffen haben wir jetzt einmal im Quartal. Da wird in erster Linie Organisatorisches besprochen, aber es ist auch Platz für verschiedenste Anliegen. Deshalb habe ich mit den Ausbildungsleiterinnen vereinbart, dass ich das Thema dort anspreche. Sie waren beide toll in unserem Vorgespräch und haben mir ihre volle Unterstützung zugesichert und die Möglichkeit gegeben, an dem Tag ganz spontan zu entscheiden, ob ich reden möchte oder nicht. Sie boten mir auch an, dass sie etwas sagen würden, anonymisiert oder ganz offen, wie ich möchte. Ich wollte aber selbst reden. Ich wollte nicht, dass es Gerüchte und Spekulationen gibt. Weder darüber, wer die Person ist, die das Thema angesprochen hat, noch darüber, um welche Behinderung es geht.

Die anderen wissen jetzt also Bescheid. Darüber, dass ich eine Behinderung habe. Darüber, dass diese Behinderung Autismus ist. Darüber, was Autismus ist. Und darüber, dass es mich verletzt, wenn „behindert“ als Schimpfwort verwendet wird und warum.

Ich weiß noch nicht, ob das etwas ändert und wenn ja, was. Aber ich weiß, dass mir alle sehr aufmerksam zugehört haben. Als ich geredet habe, war es vollkommen still und alle Augen waren auf mich gerichtet. Von manchen habe ich hinterher positives Feedback bekommen. Sie kamen auf mich zu und bedankten sich für meine Offenheit und mein Vertrauen. Sie entschuldigten sich und sagten, dass sie darauf achten werden, was sie sagen und daran arbeiten werden. Die meisten waren einfach still. Negative Rückmeldungen gab es nicht.

Die Ausbildungsleiterinnen kamen auch noch einmal auf mich zu und sagten mir, ich hätte sehr gute Worte gefunden und sie seien sicher, dass ich damit etwas erreicht hätte. Sie bedankten sich bei mir und sagten, ich könne sehr stolz auf mich sein.

Irgendwie bin ich das auch, aber irgendwie ist mir auch ein bisschen mulmig. Ich kann nicht einschätzen, was nun daraus wird. Aber fürs Erste bin ich froh, dass ich es gemacht habe.