Offiziell festgestellt.

Vor ein paar Tagen lag er in meinem Briefkasten, der Bescheid, der mir bescheinigt, dass bei mir ein Grad der Behinderung von 30 festgestellt wurde.

Begründung:

Bei Ihnen liegt folgende Funktionsbeeinträchtigung vor:

1) Autismus

Es fühlt sich tatsächlich ein bisschen seltsam an, dass ich jetzt auch ganz offiziell eine Behinderung habe. Komisch, wo sie doch schon immer da ist und ich seit inzwischen eineinhalb Jahren ein ausführliches Diagnoseschreiben in der Schublade habe.

Einen Schwerbehindertenausweis und Nachteilsausgleiche gibt es für mich nicht. Dafür braucht man einen Grad der Behinderung von mindestens 50.

Erläutert wird die Entscheidung nicht. Die Neurologin, die mich im Auftrag des Versorgungsamtes begutachtet hatte, sagte am Ende der Untersuchung nur zu mir, dass ich zu gut zurecht käme, um einen höheren Grad der Behinderung zu bekommen. Das machte sie vor allem daran fest, dass ich in der Schule nie sitzen geblieben bin, mein Studium abgeschlossen habe und eine feste Beziehung führe. Ziemlich fragwürdige Begründung, meiner Meinung nach. Andererseits hat sie natürlich recht, wenn sie sagt, dass ich bisher ganz gut durch mein Leben gekommen bin. Nicht besonders geradlinig zwar und auch mit viel Leid verbunden, ganz besonders während der Schulzeit, aber insgesamt doch okay. Während der Schulzeit, da hätte ich wirklich dringend Hilfe gebraucht. Jetzt gerade geht es mir bestens, trotz aller autismusbedingten Schwierigkeiten. Ich habe mir alles sehr gut eingerichtet. Deshalb habe ich nie mit einem anderen Ergebnis gerechnet und werde auch keinen Widerspruch erheben.

Also hätte ich das Ganze auch lassen können, oder? Wozu der Antrag, die Warterei und der unangenehme Gutachtentermin? Weil dieser Bescheid mir irgendwann vielleicht doch etwas nutzt. Dass es mir jetzt gut geht, auch beruflich, heißt nicht, dass das für immer so bleibt. Und wenn irgendwann mal der Fall eintreten sollte, dass ich auf Grund meiner Behinderung meinen Arbeitsplatz nicht behalten oder keine Arbeit finden kann, dann kann ich gleichgestellt werden, also denselben Status wie schwerbehinderte Menschen zuerkannt bekommen. Und das würde mir dann natürlich etwas nutzen. Ich würde die Hilfe bekommen, die ich dann bräuchte. Das zu wissen, ist beruhigend. Und allein dafür hat es sich gelohnt, den Antrag zu stellen.

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7 Gedanken zu “Offiziell festgestellt.

  1. Nach Jahren mit GdB 40 habe ich einen Verschlimmerungsantrag gestellt und GdB 60 bekommen. Damit habe ich jetzt im Alter von 58 u.a. die Möglichkeit früher in Rente zu gehen. Den ersten Bescheid habe ich erst einmal rechtswirksam werden lassen, da er unbefristet war.

  2. Ich bin gespannt. – Ja, ich habe Widerspruch eingelegt. Aufgrund der Doppeldiagnose mit dem ADS ist mein Hilfebedarf doch ausgeprägter und ich habe dann einen Grad von 50 zugesprochen bekommen, der mir mehr Möglichkeiten eröffnet.

  3. Danke! Ich schaue mal. Ein paar Wochen habe ich noch Zeit für den Widerspruch. Wenn sich meine Meinung in der Zeit ändert, werde ich tätigt und berichte auf jeden Fall.
    Bist du gegen deinen Bescheid vorgegangen?

  4. Mir ging es eben so und ich bin sicher, auch einigen anderen Autist*innen. Häufig wird der GdB nach Widerspruch noch ein mal nach oben korrigiert, falls du das Bedürfnis hast, dich nicht damit zufrieden zu geben. Seit der Änderung der Bewertunsggrundlage 2010 ist es nämlich sehr willkürlich geworden, welchen GdB man autismusbedingt zugesprochen bekommt.

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