Von Klausuren, Gesetzen und Imitationen.

Oha, jetzt habe ich euch echt schon ganz schön lange nichts mehr erzählt. Das liegt aber nicht daran, dass es nichts zu erzählen gibt, sondern daran, dass ich ziemlich viel zu tun habe. Und zwar mit Lernerei. Die hat in den letzten Monaten und vor allem in den letzten Wochen wirklich sehr zugenommen. Mitte Oktober bis Anfang November war die erste Klausurenphase in der Berufsschule, im Dezember die zweite. Es war alles nicht übermäßig schwierig, aber doch insgesamt recht lernintensiv, weil es einfach viel Stoff war und die wirklich wichtigen Fächer für mich immer noch recht neu sind. Das sind meine drei berufsbildenden Fächer Öffentliches Recht, Wirtschafts- und Rechtslehre und Verwaltungsbetriebswirtschaftskunde, letzteres noch mal aufgeteilt in Theorie und Praxis. In den Bereichen habe ich bisher noch nie etwas gemacht, finde sie aber alle interessant. Dazu kommen noch die allgemeinbildenden Fächer Englisch, Sozialkunde und Sport. Die laufen für mich zum Glück ziemlich entspannt nebenher. Aber es ist immerhin schon fast acht Jahre her, dass ich zur Schule gegangen bin und solche intensiven Klausurenphasen hatte. An der Uni war das anders. Da habe ich fast ausschließlich Hausarbeiten geschrieben und die geht man ja ganz anders an. Also musste ich mir die Klausurenlernerei noch mal neu beibringen und mich an diesen Rhythmus gewöhnen. Das hat ziemlich gut geklappt, wenn ich mein Halbjahreszeugnis, das ich letzte Woche bekommen habe, betrachte. Alles voller Einsen! Ich schlimme, schlimme Hermine Granger!

Na ja, und dann hat zum ersten Dezember der erste von drei Akademieblöcken in dieser Ausbildung angefangen. An der Akademie setzen wir uns vertieft mit verschiedenen Rechtsgebieten auseinander und lernen alle wichtigen Arbeitsgrundlagen und Methoden. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Auszubildenden trotz der vielen verschiedenen Praxisstellen, die wir durchlaufen, dieselbe rechtliche Grundbildung haben und dieselben Arbeitstechniken beherrschen. Ich gehe also seit Dezember weiterhin an zwei Wochentagen in die Berufsschule und lerne da ganz viel und an den anderen drei Wochentagen besuche ich die Akademie und lerne da noch viel mehr. Jeder Tag ist voller Input und es ist echt interessant. Wir haben in diesem Block Berliner Verfassungsrecht, Haushaltsrecht, allgemeines Verwaltungsrecht, juristische Grundlagen und Verwaltungstechnik. Im nächsten Block kommen dann solche Sachen wie Polizeirecht und Sozialhilferecht dran. Die Stoffdichte ist relativ hoch. Nicht ganz so wie im Studium, aber doch höher als an der Berufsschule. Und die Klausuren, die wir nun, zum Ende des Blocks, in den nächsten drei Wochen schreiben, sollen es wirklich in sich haben. Das sagen jedenfalls alle Dozenten und die Ausbildungsleitung immer und immer wieder. Deshalb lerne ich seit Wochen beinahe jeden Tag sehr fleißig und intensiv. Das ist anstrengend, macht aber vor allem auch Spaß, weil ich jeden Tag merke, dass ich diesen Beruf, den ich mir da ausgesucht habe, wirklich interessant finde und mir sicher bin, dass mir mein Arbeitsalltag gut gefallen wird. Ich finde es toll, mich in Gesetze einzuarbeiten, sie zu verstehen und auf knifflige Sachverhalte anzuwenden. Es gibt jede Menge zu wissen und zu beachten und ich sauge alles auf. Das ist toll! Ich habe mich da schon für einen für mich absolut richtigen Bereich entschieden und das macht mich sehr glücklich. Natürlich werde ich später im Berufsalltag nicht jeden Tag spannende, herausfordernde Fälle auf den Tisch bekommen, das ist mir klar, aber ich werde mich mit etwas befassen, das ich grundsätzlich sehr interessant finde und mit dem ich mich gerne beschäftige, für das ich mich sogar richtig begeistern kann. Das ist unheimlich wichtig für mich.

Interessant war auch das Kommunikationsseminar, das ich letzte Woche an zwei Tagen in der Akademie hatte. Erst habe ich mich ziemlich davor gegruselt, aber dann war es gar nicht so schlimm wie gedacht. Vieles von dem, was wir durchgenommen haben, kannte ich schon aus meinen Schulungen für meine Arbeit im Callcenter und habe es dort jahrelang angewandt. So gesehen hat mir die Zeit dort wirklich viel gebracht. Gesprächsführungstechniken und Deeskalationsstrategien habe ich erlernt und geübt, geübt, geübt und geübt. Das theoretische Wissen dazu und meine praktischen Erfahrungen konnte ich im Seminar ganz gut einbringen und sie werden mir auch bei der Arbeit sehr helfen. Wobei ich natürlich alles daran setzen werde, nach der Ausbildung eine Stelle zu bekommen, bei der ich keinen festen, regelmäßigen Publikumsverkehr habe. Das halte ich auf Dauer nicht durch. Dieses Seminar hat mir aber gezeigt, dass ich bei meiner bisherigen Praxisstelle, dem Sozialamt, eine ganze Menge gelernt habe, was den Umgang mit Publikum angeht, auch wenn ich dabei immer sehr gestresst war. Wir mussten im Seminar nämlich ein Rollenspiel machen und ich wurde für meine Leistung sehr gelobt. Das war eine ganz neue Erfahrung. Eigentlich bin ich in sowas überhaupt nicht gut und mache es auch gar nicht gerne. In der Situation, die ich spielen musste, war ich eine Mitarbeiterin des Bürgeramtes und ein Mitazubi war ein wütender Bürger, der am Tag zuvor von einem anderen Mitarbeiter nicht gut behandelt worden war und sich nun beschwerte. Sein Anliegen war auch noch gar nicht bearbeitet worden. Entsprechend ungeduldig und aufgebracht war er. Meine Aufgabe war es, ihn zu beruhigen und ihm eine für ihn zufriedenstellende Problemlösung anzubieten. Ohne jegliche Vorerfahrungen mit solchen Situationen wäre ich höchstwahrscheinlich grandios gescheitert. Bin ich aber nicht. Weil ich im Sozialamt schon ganz oft vergleichbare Situationen erlebt habe, in denen ich beobachten konnte, wie verschiedene Kolleginnen und Kollegen damit umgehen und welches Vorgehen zielführend ist. Sowas hilft mir enorm. Ich konnte im Rollenspiel ziemlich gut und einfach das Vorgehen einer Kollegin imitieren, die meiner Meinung nach sehr gut mit schwierigen Situationen umgehen kann und es hat geklappt! Die Seminarleiterin hatte nichts an meinem Vorgehen auszusetzen, im Gegenteil, sie fand es ganz toll. Dabei war das im Grunde gar nicht ich, die gehandelt hat. Ich habe nur das gemacht, was ich schon als kleines Kind immer gemacht habe: das Verhalten von anderen genau beobachtet, mir eingeprägt und dann imitiert. Ohne diese Kompensationsstrategie wäre ich in sozialen Situationen ziemlich verloren. Sie ist anstrengend und schwierig, aber unheimlich hilfreich.

Ich habe also gerade jede Menge zu tun und zu verarbeiten, was ganz schön anstrengend ist, aber es gefällt mir gut. Jetzt konzentriere ich mich noch mal richtig auf die anstehenden Klausuren und Ende Februar geht es dann auch schon wieder in die Praxisstelle. Sieben Wochen Sozialamt liegen noch vor mir, und zwar im Bereich Grundsicherung. Ich freue mich drauf, bin aber auch froh, danach in einem Amt zu sein, in dem man so gut wie keinen Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern hat. Weniger Menschen imitieren müssen und mehr Gesetze anwenden dürfen, das wird wunderbar entspannt.

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