Autistin und Großstadtmensch.

„Als Autistin in der Großstadt, wie soll das denn gehen? Da ist es laut, hektisch und unübersichtlich. Du kannst dich da überhaupt nicht wohlfühlen. Das ist doch widersprüchlich, total unlogisch, das passt doch überhaupt nicht.“

Ja, doch, nein, gar nicht, jawohl.

Ja, es ist laut, hektisch und unübersichtlich und ja, das ist problematisch. Ich stehe dadurch jeden Tag vor Schwierigkeiten, vor denen ich auf dem Land nicht stand, zumindest nicht im selben Ausmaß. Und klar, das nervt, das macht mir das Leben schwerer. Da muss ich mir was einfallen lassen. Gehörschutz tragen zum Beispiel. Das geht ziemlich einfach. Ohrstöpsel sind klein und leicht und lassen sich super mitnehmen. Mein MP3-Player voller Musik und Lieblingshörbücher hilft auch. Der möchte zwar ab und an aufgeladen werden und das vergesse ich ab und an, deshalb ist er nicht immer nützlich, aber das ist nicht seine Schuld. Außerdem sind ja immer noch die Ohrstöpsel da. Geräusche sind natürlich längst nicht das einzige sensorische Problem. In der Großstadt gibt es zum Beispiel auch jede Menge zu sehen und das belastet mich eigentlich noch viel mehr. Hektisch ist es dabei auch noch. Unfassbar viele schnelle Bewegungen, andauernd, das kann mir schnell zu viel werden. Dann habe ich aber meine Sonnenbrille. Oder meine Augenlider. Oder meine Hände. Ich schirme mich eben ab, das geht schon. Ja, Hektik und Unübersichtlichkeit sind große Stressauslöser. Aber ich kann damit umgehen. Ich habe meine Strategien dafür entwickelt. Damit komme ich zurecht.

Doch, ich kann mich da wohlfühlen, sehr sogar. Die Großstadt gibt mir eine Freiheit, die das Land mir niemals geben konnte, Ruhe und Übersichtlichkeit hin oder her. Die Großstadt ist bunt und vielfältig und das macht mich dadurch unheimlich frei. Hier ist alles voller normaler und unnormaler Menschen, die alle ihr Leben leben. Manchmal gucken sie sich gegenseitig komisch an und meistens verstehen sie nicht so recht, warum die anderen so sind, wie sie sind, aber sie lassen sich sein. Je vielfältiger und freier alle um mich herum sind, umso freier bin ich selbst. Sie lassen mich sein. Ich muss gar nichts. Keine Nachbarn grüßen, keinen Smalltalk im Supermarkt halten, keine Beziehungen zu eigentlich Fremden pflegen, die aber doch irgendwie alles über mich wissen oder sich das zumindest einbilden und auch unbedingt alles wissen wollen, weil sie mich jeden Tag sehen, all das fällt weg. All das, was mich auf dem Land immer unheimlich belastet hat. Es ist einfach nicht da. Ich schulde niemandem irgendwas und niemand denkt, ich würde ihm irgendwas schulden. Ich bin höflich und freundlich und fertig. Ich werde sein gelassen, wie ich bin und habe damit meinen Frieden. Man begegnet sich und dann vergisst man sich wieder. Kein Getratsche, kein Gefrage, kein aufgezwungenes Sozialgedöns, niemand erwartet irgendwas von mir. Das ist das allerbeste realistische Umfeld, das ich mir denken kann. Ich bewege mich ungezwungen in einer anonymen Menge, ich bin darin selbst anonym, ich mache einfach so vor mich hin mein Ding und die anderen auch. Damit fühle ich mich pudelwohl.

Nein, das ist nicht widersprüchlich und gar nicht total unlogisch. Kein bisschen. Klar, weniger Lärm, Hektik und Unübersichtlichkeit sind schön. Aber egal, wie wunderbar die Vorzüge des Landlebens aussehen mögen, sie wiegen die Nachteile des Landlebens für mich überhaupt nicht auf. Wirklich nicht. Bei der Großstadt ist das anders. Klar, Lärm, Hektik und Unübersichtlichkeit sind nicht schön und ich würde gerne darauf verzichten, aber ich kann etwas dagegen tun und die Freiheit, die ich in der Großstadt erlebe, ist viel, viel mehr als ein Ausgleich für diese Probleme. Es ist absolut unwidersprüchlich und durch und durch logisch, mich für die Alternative zu entscheiden, bei der die Plus-Seite so viel gewichtiger ist als die Minus-Seite.

Also jawohl, das passt, und wie. Ich bin Autistin und Großstadtmensch.