Wir sprechen dieselbe Sprache und trotzdem ganz verschiedene.

Wir sprechen dieselbe Sprache und trotzdem ganz verschiedene, die allermeisten Neurotypischen und ich. Meine Sprache ist klar und zielgerichtet, ihre ist komplex und hat viele verschiedene Ebenen. Ich sage, was ich meine, sie verpacken ihre Botschaften in für mich undurchdringbarem Drumherum. So undurchdringbar, dass ich meistens nicht mal mitbekomme, dass es nur ein Drumherum ist, dass der wirkliche Inhalt darunter versteckt ist, oder dahinter, oder dazwischen, ja, wo denn eigentlich? Selbst wenn ich wüsste, dass da was ist, ich hätte keine Ahnung, wo ich suchen müsste, oder wie. Dabei analysiere ich Sprache eigentlich ganz gerne und auch ganz gut. Zumindest, wenn es um Gedichtanalysen geht. Meine Gedichtanalysen fanden die Lehrerinnen und Lehrer immer toll. Aber da hatte ich auch Zeit und die Worte direkt vor mir, ein paar Stifte für Markierungen und Gedankennotizen und jede Menge Ruhe, um zu lesen, nachzudenken, neu zu denken, noch mal zu denken, Ideen zu entwickeln und zu verwerfen und dem Ganzen nach und nach auf den Grund zu gehen. Bei einer Unterhaltung geht das nicht, nicht mal bei einer schriftlichen Unterhaltung per Messenger, dafür geht das alles viel zu schnell. Und obwohl ich eigentlich weiß, dass Neurotypische gerne, oft und mit Leichtigkeit, bestimmt meistens auch ganz unbewusst, ihre Botschaften verstecken und verbiegen, komme ich meistens überhaupt nicht auf die Idee, irgendwas in ihren Worten zu suchen. Es kommt mir so unnatürlich vor. Es entspricht nicht meiner Natur. Es ist mir so ganz und gar fremd. Ich erkenne gar nicht, welche Worte einfach Worte sind und welche von ihnen mir mehr sagen sollen. Damit ich überhaupt anfange, nach einem verborgenen Sinn zu suchen, muss man mir schon mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl auf den Kopf hauen, bloßes Winken reicht da nicht, das ist mir zu subtil, das bekomme ich gar nicht mit. Seid doch nicht immer so schrecklich kompliziert, ihr lieben Neurotypischen! Aber ihr meint das ja gar nicht böse, das weiß ich doch. Das ist eben eure Art zu sprechen, eure Sprache, die ist für euch ganz natürlich. Sie liegt in eurer Natur. Sie geht euch ohne Probleme von den Lippen, als wäre es das einfachste auf der Welt. Auf mich macht es jedenfalls diesen Eindruck. Und genauso leicht und selbstverständlich, so vollkommen natürlich, interpretiert ihr drauf los, wenn ich etwas sage, ja sogar, wenn ich etwas mache, mit meinen Armen zum Beispiel, mit meiner Körperhaltung, mit meinem Gesicht. Aber da ist nichts, da sucht ihr vergebens. So spreche ich nicht, so kommuniziere ich nicht, so funktioniert das bei mir nicht. Ich verschränke meine Arme nicht, weil ich irgendjemandem zeigen will, dass ich meine Ruhe haben will oder verschlossen bin oder abweisend. Wenn ich meine Arme verschränke, dann bedeutet das nichts. Ich verschränke meine Arme, weil ich meine Arme gerne verschränke. Ich finde, das ist eine bequeme Armhaltung. Sonst weiß ich meistens auch gar nicht, was ich mit den Armen machen soll, die schlackern dann irgendwo rum oder sind irgendwie im Weg. Wenn ich meine Ruhe haben will, sage ich das. Ich sage, was ich meine. Nur das, was ich meine. Genau das, was ich meine. Unverschlüsselt. Ihr versucht dann, das zu entschlüsseln, weil ihr das immer so macht, weil die allermeisten Menschen es wohl so machen, aber da kommt bei mir nichts heraus, jedenfalls nicht das, was ich gemeint habe, denn das habe ich ja schon gesagt. Deshalb gibt es zwischen uns dauernd Missverständnisse. Ihr versteht mich nicht, ich verstehe euch nicht. Oft merken wir das erst ziemlich spät. Dass irgendwas nicht passt, das merke ich für meinen Teil meistens ziemlich schnell, weil sich das Gespräch dann für mich sehr holprig anfühlt, aber was genau das Problem ist, das bekomme ich nicht so schnell raus. Es ist schwierig. Es ist kompliziert. Aber seit ich weiß, dass ich Autistin bin, habe ich zumindest das Grundprinzip unserer Kommunikationsschwierigkeiten verstanden. Das hilft mir. Damit kann ich arbeiten.