Kaltes Wasser.

Diese Woche wurde ich Hals über Kopf ins sprichwörtliche kalte Wasser geworfen. Eine Kollegin und ein Kollege haben mich an zwei Tagen ihre gesamten Sprechstundentermine übernehmen lassen. Sie saßen dabei, um aufzupassen, dass ich alles richtig mache und um einzuspringen, falls ich Fragen oder Probleme hätte, aber die Regie lag bei mir. „So, heute machst du das mal. Wir tauschen jetzt die Plätze.“

Und dann saß ich da, ganz ohne Vorwarnung. Bisher hatte ich in den Sprechstunden immer nur dabei gesessen, zugeschaut, zugehört und die anfallenden Arbeiten übernommen, aber nicht die Gespräche geführt. Natürlich habe ich immer gut aufgepasst und weiß genau, wie diese Termine ablaufen, und das ist zum Glück immer ziemlich gleich und sehr schematisch, aber plötzlich auf dem anderen Stuhl zu sitzen und alles selbst zu übernehmen, war etwas ganz Anderes. Dementsprechend war ich fürchterlich nervös, fahrig und zerstreut. Zumindest innerlich. Von außen merkt man mir sowas nie an, jedenfalls wird mir das immer wieder gesagt. „Du bist ja ganz ruhig“, „du wirkst so souverän“, „das sieht alles sehr entspannt aus bei dir“. Na ja. Meine Mimik und Körpersprache sind eben nicht unbedingt besonders expressiv. In meinem Kopf herrschten auf jeden Fall Chaos und Hektik. Die Arbeiten an sich bekomme ich inzwischen völlig automatisch hin und die einzelnen Schritte der Sprechstundentermine sind mir vollkommen klar. Ich weiß genau, was wann zu tun ist und warum. Ich weiß, welches Anliegen wie bearbeitet werden muss. Ich kann das alles. Aber auf einmal musste ich dabei auch noch mit Menschen interagieren und Menschen sind so schrecklich unberechenbar, selbst in so einer berechenbaren und strukturierten Situation. Manche sind auch noch in Plauderstimmung, was für mich besonders schwierig ist. Smalltalk und gleichzeitig arbeiten? Oh je… Smalltalk an sich ist für mich ja schon Arbeit.

Das heißt, ich war die ganze Zeit hochgradig konzentriert und aufmerksam. Gleichzeitig sausten hunderte Gedanken und Eindrücke durch meinen Kopf, die ich kaum ordnen konnte und die mir die Konzentration erheblich erschwerten. Nervosität sorgt dafür, dass ich viel mehr wahrnehme, als ohnehin schon. Ich habe dann das Gefühl, ziemlich zäh zu handeln und zu denken. Es ist ein bisschen so, als müsste ich mit starken Kopfschmerzen oder einer dicken Erkältung, bei der sich mein Hirn ganz schwerfällig anfühlt, einem anspruchsvollen Vortrag folgen und gleichzeitig sinnvolle Notizen dazu schreiben oder sowas. Ich habe dabei den Eindruck, als würde alles um mich herum rasend schnell passieren und ich selbst könnte nur in Zeitlupe handeln und denken, obwohl ich eigentlich bei dem rasend schnellen Tempo meiner Umgebung mithalten müsste. Es geht irgendwie, aber es ist sehr anstrengend und fühlt sich wirklich nicht gut an. Und es ist mir ein absolutes Rätsel, wie sich etwas für mich selbst so schwierig anfühlen kann, ich aber gleichzeitig scheinbar so wirke, als wäre ich die Ruhe selbst und hätte alles im Griff.

Auch, wenn gar nichts schief gegangen ist und nichts Unerwartetes passiert ist, war ich am ersten Tag die ganze Zeit ziemlich angespannt. Erst bei den letzten ein, zwei Terminen wurde es in meinem Kopf und damit auch ich selbst ruhiger. Am zweiten Tag war ich am Anfang wieder schrecklich nervös, aber da hat es sich immerhin schon schneller gelegt und ich habe mich nicht mehr ganz so hilflos und chaotisch gefühlt. Es gab zwischendurch sogar Momente, in denen ich mir selbst einigermaßen souverän vorkam. Mit der Nervosität hat schließlich auch das wilde Chaos in meinem Kopf nachgelassen und das wiederum hat mir Nervosität genommen und damit mehr Chaos beseitigt. Eine wunderbare Aufwärtsspirale. Ich hätte nie gedacht, dass das so schnell gehen kann. Mir war von Anfang an klar, dass ich irgendwann Termine würde übernehmen müssen, aber ich dachte, dass ich ewig brauchen würde, um das auf die Reihe zu bekommen und hatte wirklich Angst davor. Jetzt denke ich, dass ich mich beim nächsten Mal vielleicht schon nach zwei, drei Terminen ganz gut fühlen könnte. Mal schauen.

Meine Stützen sind die klare, vorgegebene Sprechstundenstruktur und das Formular, das zur Protokollierung des Termins nebenbei ausgefüllt werden muss. Ich kann es einfach Punkt für Punkt abarbeiten. „Geben Sie mir bitte als erstes Ihren aktuellen Aufenthalt. Ah, er wurde verlängert, dann trage ich das schon mal ein.“ Punkt eins erledigt. „Hat sich an Ihrer Einkommenssituation etwas geändert?“ „Nein.“ Okay, Punkt zwei abgehakt. „Wohnen Sie weiterhin im selben Wohnheim?“ „Ja.“ „Gut, dann mache ich Ihnen eine neue Kostenübernahmebescheinigung fertig.“ Nächster Punkt erledigt. „Sie sollten die Schulbescheinigungen Ihrer Kinder mitbringen. Haben Sie die dabei?“ „Ja, hier.“ Und so weiter. Das ist wirklich sehr autistenfreundlich.

Nach der Ausbildung möchte ich trotzdem nicht in einer Abteilung mit so viel und so regelmäßigem Publikumsverkehr arbeiten. Das wird mir auf Dauer ganz sicher zu viel. Aber in den nächsten Wochen, die ich noch in dieser Praxisstelle verbringe, werde ich das meistern. Auch, wenn es bestimmt jedes Mal am Anfang mit viel Nervosität verbunden ist. Ich habe gemerkt, dass ich das schaffen kann, und das ist wirklich ein gutes Gefühl. Es war zwar erst mal überhaupt nicht schön, aber im Nachhinein betrachtet auch längst nicht so fürchterlich, wie es hätte sein können. Wer weiß, vielleicht fühle ich mich am Ende dieser Praxisphase sogar annähernd so souverän, wie ich scheinbar wirke.

2 Gedanken zu “Kaltes Wasser.

  1. Danke! :)
    Ich bin selbst total erstaunt, dass das so klappt. Zum Glück sind die Smalltalker auch in der Minderheit. Trotzdem, auf Dauer würde ich das sicher nicht packen.

  2. Das kenne ich auch – eigenes Empfinden und Wirkung nach Außen sind manchmal so gegensätzlich.
    Smalltalk während der Arbeit – damit wäre auch ich absolut überfordert. Ich ziehe meinen Hut vor Dir, dass Du das alles dennoch so gut zu bewältigen scheinst.
    Agnes

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