Irgendwie nehme ich vieles ernster als alle anderen.

Das ist zumindest gerade mein Eindruck. Da sind zum Beispiel meine Arbeitszeiten. An meinen drei Praxistagen soll ich je 7,8 Stunden arbeiten und 0,5 Stunden Mittagspause machen. Das sind zusammen 8,3 Stunden Anwesenheit, also in etwa acht Stunden und zwanzig Minuten. Daran halte ich mich, und zwar absolut exakt. Wir haben so einen schicken Gleitzeitbogen, in dem wir genau nachschauen können, wie lange wir bleiben müssen, wenn wir wann gekommen sind. Außerdem kann man daran genau ablesen, welche Feierabendzeit bei welchem Arbeitsbeginn zu wie vielen Plus- oder Minusminuten führt. Wir Auszubildenden sollen weder Plus- noch Minusminuten machen, sondern immer bei 0 rauskommen. Unsere Zeiten tragen wir in eine Monatstabelle ein und die müssen wir nach Ende jeden Monats einreichen. Natürlich kann man da schummeln, weil nichts elektronisch erfasst wird, und natürlich mache ich das nicht. Das wäre Betrug. Mein Praxisanleiter und die anderen Kolleginnen und Kollegen sehen das deutlich lockerer. Sie haben mir bisher wirklich an jedem Praxistag gesagt, dass ich ruhig schon gehen kann, man habe ja nun sowieso nichts mehr für mich zu tun, die zehn, fünfzehn Minuten würden doch nichts machen, ich müsse das schließlich nicht so eintragen. Das kann ich aber nicht. Und ich will es auch nicht. Das ist meine Arbeitszeit, meine Ausbildungszeit, die will ich nutzen, mal ganz abgesehen davon, dass ich dafür bezahlt werde und dazu verpflichtet bin, mich an die Regeln zu halten. Also bleibe ich da und lese in der übrigen Zeit in Gesetzen. Zum einen interessiert mich das alles wirklich und zum anderen gibt es so viel zu wissen! Außerdem muss ich täglich mein Berichtsheft führen und am Monatsende abgeben. Angeblich macht das niemand so. Stattdessen wird es scheinbar aufgeschoben und dann wird am Ende des Monats, kurz vor der Abgabe, alles hektisch nachgetragen. Ich mache das aber, wie angeordnet, jeden Tag, und zwar sehr sorgfältig, genau so, wie es uns in der Einführungswoche erklärt wurde. Die Kolleginnen und Kollegen wundern sich über all dieses Pflichtbewusstsein. Wahrscheinlich bin ich die seltsamste, übermotivierteste Auszubildende, die sie jemals kennengelernt haben.

Was ich auf jeden Fall auch zu ernst nehme, sind bestimmte Ansagen von meinem Praxisanleiter. Mindestens einmal am Tag trennen wir uns für eine Weile, und wenn es nur für die Mittagspause ist. Das wird sich in Zukunft bestimmt noch ändern, weil ich dann hoffentlich mehr eigenständig arbeiten kann, aber momentan muss ich eben noch sehr vieles gezeigt bekommen und kann eigentlich noch nichts richtig alleine machen. Das liegt auch daran, dass ich zu der Fallverwaltungssoftware aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugang bekommen kann, aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls gibt er dann immer ungefähr vor, wann wir uns wieder treffen und sagt, dass er mich dann in meinem Büro abholen kommt, damit ich weiß, wann er soweit ist. Manchmal muss er eben auch mal zügig was abarbeiten. Ausbilden ist nunmal nur sein Nebenjob und ich kann die Zeit wunderbar zum Gesetzelesen und zum Berichtsheftschreiben nutzen. Meistens macht er sogar eine ungefähre Zeitangabe wie „so gegen halb“ oder „in 30, 40 Minuten“. Ich nehme das dann ernst und wörtlich. Er aber nicht. Das habe ich inzwischen verstanden. Was nämlich passiert, ist, dass ich mich in irgendwas vertiefe, nicht so richtig auf die Zeit achte und er nicht auftaucht. Irgendwann merke ich, dass die genannte Zeit längst vorbei ist. In den ersten zwei Tagen hat mich das total überfordert und ich wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen soll. Es hieß ja, er würde zu mir kommen, wenn er soweit ist. Also saß er gerade vielleicht an irgendwas sehr Wichtigem, da wollte ich natürlich nicht stören. Aber die Zeit verging und verging und ich wartete und wartete und irgendwann nahm ich allen Mut zusammen und ging in sein Büro. Er sagte dann etwas wie „Ah, da bist du ja, dann können wir ja weitermachen“, so, als hätte nicht ich auf ihn gewartet, sondern er auf mich. Höchst verwirrend. Nachdem das drei, vier Mal so gelaufen ist, habe ich beschlossen, den genauen Wortlaut dieser merkwürdigen Zeitangaben zu ignorieren und mich einfach immer selbst aufzumachen, wenn die ungefähre Zeit rum ist. Das hat mich die ersten paar Male einiges an Überwindung gekostet. Bisher hat es aber geklappt und ich wurde nicht wieder weggeschickt. Verwirrend finde ich es trotzdem.

Außerdem scheint es für alle irgendwie verwunderlich zu sein, dass ich immer sehr eifrig und mit voller Konzentration dabei bin. Das wiederum finde ich verwunderlich, weil es für mich völlig selbstverständlich ist, dass ich möglichst schnell möglichst viel lernen will, damit ich auch nützlich bin. Mein Praxisanleiter ist nicht der einzige, der mir etwas beibringt. Die anderen Kolleginnen und Kollegen zeigen und erklären mit auch sehr viel und lassen mich Aufgaben übernehmen, bislang noch unter Aufsicht, aber immerhin. Und sie sind allesamt erstaunt, dass ich fleißig und engagiert bin, mir vieles schnell merke, schnell lerne, möglichst viel lernen möchte und eigenständig bin. Ich möchte eben arbeiten, etwas leisten, wirklich gut in allem sein, am liebsten schon gestern. Mir geht das alles nicht schnell genug, auch wenn mir klar ist, dass niemand so schnell alles können und wissen kann oder gar muss und dass es durchaus Vorteile hat, alles häppchenweise zu lernen. Trotzdem wäre ich am liebsten schon weiter, obwohl ich, wie mir mehrmals gesagt wurde, schon weiter bin, als ich sein müsste. Ich sage mir zwar immer wieder, dass ich noch ganz am Anfang stehe, dass es eine Ausbildung ist und es eben dazugehört, erst mal viel zuzuschauen, mich einzufinden, Schritt für Schritt alles einzuordnen und zu verstehen und so weiter, aber ich denke trotzdem die ganze Zeit, ich wäre irgendwie faul und müsste eigentlich viel härter arbeiten. Genau das ist es eigentlich auch, was ich will. Arbeiten. Keine Kaffeekränzchen, wie die anderen sie immer wieder halten, keine ewigen Gespräche über Urlaube oder Schönheitsoperationen, nein, ich will einfach an meinem Schreibtisch sitzen und arbeiten. Fleißig, zielgerichtet, konzentriert. Wie so eine Streberin. Das bin ich eben. Arbeit nehme ich sehr ernst.

Das klingt jetzt vielleicht irgendwie negativ, ist es aber eigentlich gar nicht. An sich war die Woche auf jeden Fall schön. Ich habe viel gelernt, sowohl im Büro als auch an der Berufsschule, und wenn ich mir ein bisschen Ruhe nehme und darüber nachdenke, um wie viel mein Wissen und meine Sicherheit seit der letzten Woche angewachsen sind, dann weiß ich im Grunde, dass alles gut ist. Es ist okay, dass meine Kolleginnen und Kollegen alles ein bisschen lockerer sehen. Und es ist genauso okay, dass ich alles ein bisschen ernster und genauer nehme als sie. Nur das mit den merkwürdigen Zeitabsprachen zum Weitermachen, das nehme ich jetzt nicht mehr so ernst und wörtlich.