Schneekugelkopf.

Sie sausen und kreisen und wirbeln wild durcheinander durch meinen Kopf, die ganzen neuen Informationen, wie Schneeflocken in einer Schneekugel, die kräftig durchgeschüttelt wurde. Ein wirres Informationsschneegestöber in meinem Hirn sozusagen, vollkommen ungeordnet, ohne jede Struktur und Ruhe, viel zu schnell, viel zu hektisch und viel zu viel auf einmal. Mit jeder neuen Information entstehen neue Wirbel, neues Chaos, neue Unruhe, ganz so, als wäre die Schneekugel noch mal durchgeschüttelt worden. Und noch mal. Und noch mal. Es hört einfach nicht auf. Neuer Input, neue Sturmböen. Ich sehe sie alle, diese lustig tanzenden Informationsschneeflöckchen, aber ich kann kaum was erkennen und greifen kann ich sie schon gar nicht. Das geht so nicht. Da muss Ordnung rein. Aus einem wilden Informationsschneegestöber kann ich kein Wissen machen und das fühlt sich einfach fürchterlich an, frustrierend, als wäre ich unzureichend, nicht intelligent genug. Also darf die Schneekugel nicht mehr geschüttelt werden, zumindest für eine Weile nicht. Ich muss das Schütteln stoppen. Zur Ruhe kommen. Mir Zeit nehmen. In der Mittagspause zum Beispiel und ganz besonders natürlich zu Hause. Das ist dann so, als würde man die Schneekugel einfach mal in Frieden lassen und sie auf den Tisch stellen. Und wenn sie so herumsteht, dann wird das Schneegestöber nach und nach immer langsamer und ruhiger, das wilde Sausen und Kreiseln und Wirbeln wird weniger, das Durcheinander nimmt ab, die Flöckchen sinken Stück für Stück weiter und weiter nach unten, ganz gemächlich, bis sie endlich alle auf dem Schneekugelboden liegen, vollkommen still. Dann sind sie keine vereinzelten Flöckchen mehr, sondern eine wunderbare, weiche Schneedecke. Eine Einheit. So ähnlich funktioniert das mit dem Informationsschneegestöber in meinem Kopf. Natürlich stelle ich den nicht auf den Tisch, das stelle ich mir sehr ungemütlich vor und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich ihn absetzen kann, ohne ihn in seiner Funktion erheblich zu beeinträchtigen. Vermutlich eher nicht. Also lege ich ihn lieber aufs Sofa, zusammen mit dem Rest von meinem Körper. Und dann warte ich. Ich warte, bis sich der wirbelnde Sturm aus neuen Informationen in meinem Hirn gelegt hat. Bis Ruhe herrscht. Bis sich die Informationen sozusagen gesetzt haben. Wenn das geschafft ist, kann ich das ganze Neue in aller Ruhe betrachten, mir Gedanken darüber machen, es ordnen, eine Struktur reinbringen. Das geht von Tag zu Tag ein bisschen leichter, weil von den Tagen davor schon eine immer dicker werdende Schicht an geordneten Informationen herumliegt. Die zieht die neuen Informationen regelrecht an. Und dann sind da auf einmal nicht mehr viele lose Informationsschneeflöckchen, die sich überhaupt nicht richtig greifen lassen, sondern ein Gefüge. Ein Gefüge, das ich verstehe, das Sinn ergibt, das jeden Tag um einen Haufen neuer Informationen wächst. Dann ist da wunderbares, neues Wissen.

 

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Irgendwie nehme ich vieles ernster als alle anderen.

Das ist zumindest gerade mein Eindruck. Da sind zum Beispiel meine Arbeitszeiten. An meinen drei Praxistagen soll ich je 7,8 Stunden arbeiten und 0,5 Stunden Mittagspause machen. Das sind zusammen 8,3 Stunden Anwesenheit, also in etwa acht Stunden und zwanzig Minuten. Daran halte ich mich, und zwar absolut exakt. Wir haben so einen schicken Gleitzeitbogen, in dem wir genau nachschauen können, wie lange wir bleiben müssen, wenn wir wann gekommen sind. Außerdem kann man daran genau ablesen, welche Feierabendzeit bei welchem Arbeitsbeginn zu wie vielen Plus- oder Minusminuten führt. Wir Auszubildenden sollen weder Plus- noch Minusminuten machen, sondern immer bei 0 rauskommen. Unsere Zeiten tragen wir in eine Monatstabelle ein und die müssen wir nach Ende jeden Monats einreichen. Natürlich kann man da schummeln, weil nichts elektronisch erfasst wird, und natürlich mache ich das nicht. Das wäre Betrug. Mein Praxisanleiter und die anderen Kolleginnen und Kollegen sehen das deutlich lockerer. Sie haben mir bisher wirklich an jedem Praxistag gesagt, dass ich ruhig schon gehen kann, man habe ja nun sowieso nichts mehr für mich zu tun, die zehn, fünfzehn Minuten würden doch nichts machen, ich müsse das schließlich nicht so eintragen. Das kann ich aber nicht. Und ich will es auch nicht. Das ist meine Arbeitszeit, meine Ausbildungszeit, die will ich nutzen, mal ganz abgesehen davon, dass ich dafür bezahlt werde und dazu verpflichtet bin, mich an die Regeln zu halten. Also bleibe ich da und lese in der übrigen Zeit in Gesetzen. Zum einen interessiert mich das alles wirklich und zum anderen gibt es so viel zu wissen! Außerdem muss ich täglich mein Berichtsheft führen und am Monatsende abgeben. Angeblich macht das niemand so. Stattdessen wird es scheinbar aufgeschoben und dann wird am Ende des Monats, kurz vor der Abgabe, alles hektisch nachgetragen. Ich mache das aber, wie angeordnet, jeden Tag, und zwar sehr sorgfältig, genau so, wie es uns in der Einführungswoche erklärt wurde. Die Kolleginnen und Kollegen wundern sich über all dieses Pflichtbewusstsein. Wahrscheinlich bin ich die seltsamste, übermotivierteste Auszubildende, die sie jemals kennengelernt haben.

Was ich auf jeden Fall auch zu ernst nehme, sind bestimmte Ansagen von meinem Praxisanleiter. Mindestens einmal am Tag trennen wir uns für eine Weile, und wenn es nur für die Mittagspause ist. Das wird sich in Zukunft bestimmt noch ändern, weil ich dann hoffentlich mehr eigenständig arbeiten kann, aber momentan muss ich eben noch sehr vieles gezeigt bekommen und kann eigentlich noch nichts richtig alleine machen. Das liegt auch daran, dass ich zu der Fallverwaltungssoftware aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugang bekommen kann, aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls gibt er dann immer ungefähr vor, wann wir uns wieder treffen und sagt, dass er mich dann in meinem Büro abholen kommt, damit ich weiß, wann er soweit ist. Manchmal muss er eben auch mal zügig was abarbeiten. Ausbilden ist nunmal nur sein Nebenjob und ich kann die Zeit wunderbar zum Gesetzelesen und zum Berichtsheftschreiben nutzen. Meistens macht er sogar eine ungefähre Zeitangabe wie „so gegen halb“ oder „in 30, 40 Minuten“. Ich nehme das dann ernst und wörtlich. Er aber nicht. Das habe ich inzwischen verstanden. Was nämlich passiert, ist, dass ich mich in irgendwas vertiefe, nicht so richtig auf die Zeit achte und er nicht auftaucht. Irgendwann merke ich, dass die genannte Zeit längst vorbei ist. In den ersten zwei Tagen hat mich das total überfordert und ich wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen soll. Es hieß ja, er würde zu mir kommen, wenn er soweit ist. Also saß er gerade vielleicht an irgendwas sehr Wichtigem, da wollte ich natürlich nicht stören. Aber die Zeit verging und verging und ich wartete und wartete und irgendwann nahm ich allen Mut zusammen und ging in sein Büro. Er sagte dann etwas wie „Ah, da bist du ja, dann können wir ja weitermachen“, so, als hätte nicht ich auf ihn gewartet, sondern er auf mich. Höchst verwirrend. Nachdem das drei, vier Mal so gelaufen ist, habe ich beschlossen, den genauen Wortlaut dieser merkwürdigen Zeitangaben zu ignorieren und mich einfach immer selbst aufzumachen, wenn die ungefähre Zeit rum ist. Das hat mich die ersten paar Male einiges an Überwindung gekostet. Bisher hat es aber geklappt und ich wurde nicht wieder weggeschickt. Verwirrend finde ich es trotzdem.

Außerdem scheint es für alle irgendwie verwunderlich zu sein, dass ich immer sehr eifrig und mit voller Konzentration dabei bin. Das wiederum finde ich verwunderlich, weil es für mich völlig selbstverständlich ist, dass ich möglichst schnell möglichst viel lernen will, damit ich auch nützlich bin. Mein Praxisanleiter ist nicht der einzige, der mir etwas beibringt. Die anderen Kolleginnen und Kollegen zeigen und erklären mit auch sehr viel und lassen mich Aufgaben übernehmen, bislang noch unter Aufsicht, aber immerhin. Und sie sind allesamt erstaunt, dass ich fleißig und engagiert bin, mir vieles schnell merke, schnell lerne, möglichst viel lernen möchte und eigenständig bin. Ich möchte eben arbeiten, etwas leisten, wirklich gut in allem sein, am liebsten schon gestern. Mir geht das alles nicht schnell genug, auch wenn mir klar ist, dass niemand so schnell alles können und wissen kann oder gar muss und dass es durchaus Vorteile hat, alles häppchenweise zu lernen. Trotzdem wäre ich am liebsten schon weiter, obwohl ich, wie mir mehrmals gesagt wurde, schon weiter bin, als ich sein müsste. Ich sage mir zwar immer wieder, dass ich noch ganz am Anfang stehe, dass es eine Ausbildung ist und es eben dazugehört, erst mal viel zuzuschauen, mich einzufinden, Schritt für Schritt alles einzuordnen und zu verstehen und so weiter, aber ich denke trotzdem die ganze Zeit, ich wäre irgendwie faul und müsste eigentlich viel härter arbeiten. Genau das ist es eigentlich auch, was ich will. Arbeiten. Keine Kaffeekränzchen, wie die anderen sie immer wieder halten, keine ewigen Gespräche über Urlaube oder Schönheitsoperationen, nein, ich will einfach an meinem Schreibtisch sitzen und arbeiten. Fleißig, zielgerichtet, konzentriert. Wie so eine Streberin. Das bin ich eben. Arbeit nehme ich sehr ernst.

Das klingt jetzt vielleicht irgendwie negativ, ist es aber eigentlich gar nicht. An sich war die Woche auf jeden Fall schön. Ich habe viel gelernt, sowohl im Büro als auch an der Berufsschule, und wenn ich mir ein bisschen Ruhe nehme und darüber nachdenke, um wie viel mein Wissen und meine Sicherheit seit der letzten Woche angewachsen sind, dann weiß ich im Grunde, dass alles gut ist. Es ist okay, dass meine Kolleginnen und Kollegen alles ein bisschen lockerer sehen. Und es ist genauso okay, dass ich alles ein bisschen ernster und genauer nehme als sie. Nur das mit den merkwürdigen Zeitabsprachen zum Weitermachen, das nehme ich jetzt nicht mehr so ernst und wörtlich.

Informationsgewirbel.

Es war so viel los in dieser Woche und ich bin so voll mit Eindrücken, dass ich überhaupt nicht weiß, womit ich anfangen soll. Mir schwirrt noch ganz schön der Kopf. Viele Informationen sausen wild durcheinander in meinem Hirn herum und ich kann sie noch gar nicht richtig greifen. Manche haben sich aber schon nach und nach gesetzt und ich fange langsam an, zu verstehen, was ich in nächster Zeit genau machen werde, wie mein Alltag aussehen wird und wie ich meine Arbeit und den Bereich, für den ich in den nächsten Monaten arbeite, einzuordnen habe. Ich fange an zu begreifen, wie verschiedene Bereiche miteinander zusammenhängen und ineinander greifen, wie alles strukturiert ist und wie das Gesamtbild aussieht. Es ist alles noch sehr, sehr viel und sehr neu, aber in meinem Kopf ordnet sich alles Stück für Stück und setzt sich zusammen.

Von Montag bis Mittwoch hatten wir noch ein paar Einführungseinheiten, in denen wir zum Beispiel eine IT-Schulung und eine Arbeitsschutzunterweisung hatten und in denen wir uns in Gruppenarbeiten damit auseinandersetzen sollten, welche Erwartungen wir eigentlich an die Ausbildung haben und welche Erwartungen an uns gerichtet werden. Das war viel Input in sehr kurzer Zeit und ich war ziemlich informationsüberflutet, aber es war größtenteils auch interessant und hilfreich. Die Gruppenarbeit war natürlich besonders anstrengend für mich, weil es mir sehr schwer fällt, mit mehreren Menschen gleichzeitig zu interagieren, vor allem wenn ich sie alle so gut wie gar nicht kenne, aber wir hatten natürlich klare Aufgabenstellungen, die abgearbeitet werden mussten, also ging es die ganze Zeit um bestimmte Inhalte. Das ist für mich bedeutend einfacher als private Gruppensituationen. Die haben nämlich keinen Zweck und kein Ziel, jedenfalls nicht so, dass es für mich irgendwie erkennbar wäre.

Am Dienstag war ich zum ersten Mal in der Berufsschule. Wir wurden kurz von der Abteilungsleitung begrüßt, bekamen die Stundenpläne und dann ging auch schon direkt der Unterricht los, zumindest ein bisschen. Wir bekamen einen groben Überblick über die Inhalte der einzelnen Halbjahre und mussten erste kleine Aufgaben lösen. Wieder in Gruppen. Ich hoffe, das bleibt nicht die ganze Zeit so. Ab und an sind Gruppenarbeiten völlig okay für mich, aber dieses ständige Gerede mit mehreren Leuten gleichzeitig, die Lautstärke, die dann im Raum herrscht und das Anpassenmüssen an den Rhythmus und das Tempo einer Gruppe passen mir einfach nicht. Ich kann dann nicht wirklich gut denken und arbeiten, auch wenn der Input von anderen natürlich hilfreich sein kann. Ich hätte ihn bloß lieber auf andere Art. Durch ein gemeinsames Unterrichtsgespräch zum Beispiel. Mal abwarten, wie sich das entwickelt. Die Lehrerinnen und Lehrer scheinen, soweit ich sie bisher kennen gelernt habe, bis auf eine Ausnahme mindestens in Ordnung zu sein und die Fächer sind wirklich interessant. Ich habe mir auch gleich alle empfohlenen Lehrbücher gekauft und bin weiterhin ausgesprochen motiviert, mich mit den Inhalten auseinanderzusetzen und alles, wirklich alles zu wissen, zu verstehen und zu verinnerlichen. Das einzige, was ich bisher wirklich fürchterlich fand, war der Sportunterricht. Ja, Sportunterricht! Schulsport! Den habe ich jetzt jeden zweiten Freitag 90 Minuten lang. Der Lehrer ist gemein und lässt uns keine Zeit zum Duschen, was wirklich fies ist, da wir nach dem Sport noch 90 Minuten Unterricht haben. Außerdem müssen wir uns in der Pause vor dem Unterricht umziehen. Das finde ich ziemlich frech. Wer zu spät in die Halle kommt, dem werden schlechte Kopfnoten gegeben. Ja, es gibt sogar Noten für den Sport! Ich bin ein bisschen schockiert. Sieben wunderbare Jahre lang habe ich gedacht, das Thema Schulsport für immer hinter mir zu haben und jetzt das. Na ja. Da muss ich wohl durch. Als erstes steht Seilspringen an. Für jemanden wie mich, dessen Körpergefühl ziemlich eingeschränkt ist, ist das natürlich besonders spaßig. Ich möchte nicht wissen, wie ich dabei aussehe. Auf jeden Fall fühle ich mich alles andere als leichtfüßig und grazil, wenn ich dauernd über das Seil stolpere, es mir an den Hinterkopf knalle und mir die Beine damit fessle.

Das Interessanteste und Beste war natürlich, dass ich diese Woche endlich in meine erste Praxisstelle durfte. Es ist eine wirklich spannende Abteilung und es geht um wirklich Privates, deshalb gehe ich, wie angekündigt, nicht ins Detail, was einige konkrete Dinge angeht. Inhaltlich geht es um das Thema Asyl, genauer gesagt um Asylbewerber, die leistungsberechtigt sind. Das ist nichts Geheimes, sondern im Gegenteil etwas sehr Transparentes. Jeder kann vollkommen kostenfrei das Asylbewerberleistungsgesetz online lesen und auch in verschiedenen Formaten runterladen. (Aber über Interna, einzelne Personen, Situationen und Fälle werde ich wie gesagt natürlich nichts erzählen.) Am Mittwoch durfte ich zwischen zwei Schulungen schon mal kurz in die Abteilung reinschnuppern, die Kolleginnen und Kollegen begrüßen, die alle sehr freundlich wirkten, und meinen Arbeitsplatz einrichten. Meinen eigenen, festen Schreibtisch! Und ich teile mir das Büro mit nur einer einzigen Kollegin! Nach drei Jahren Großraumbüro ohne festen Arbeitsplatz ist das absolut paradiesisch für mich und ich werde mich bestimmt jeden Tag aufs Neue darüber freuen. Meinen Praxisanleiter, der in den nächsten Monaten natürlich mein wichtigster Ansprechpartner ist, habe ich auch kennengelernt und er hat auf mich bisher auch einen guten Eindruck gemacht. Ich denke, ich werde mich dort wohl fühlen. Am Donnerstag saß ich dann gleich morgens mit in der offenen Sprechstunde. Natürlich durfte und konnte ich im Grunde noch nichts machen außer zuzuhören, zuzuschauen und Fragen zu stellen, aber es war wirklich alles andere als langweilig. Direkt an der Sprechstunde beteiligt sein werde ich wohl nicht, weil die Zeit dazu dann doch zu kurz ist und ich gar nicht schnell genug so viel lernen kann, wie ich dafür wissen und können müsste, aber es war auf jeden Fall toll, mal direkt mitzuerleben, wie alles abläuft, mit welchen Anliegen die Menschen kommen, wie ihnen weitergeholfen werden kann und auch ganz allgemein, wie es so ist, dort zu sitzen. Außerdem kann ich jetzt den Kopierer bedienen, weiß wo ich Drucker- und Kopierpapier finde und verstehe, wie das Sachbearbeiterzuweisungssystem funktioniert, wie man welche Aktennummern liest und wie die internen Postfächer sortiert werden. Ein paar kleinere Aufgaben sind in der Sprechstunde also doch für mich angefallen und ich konnte mir auch vieles abgucken, zum Beispiel, wie die Software funktioniert, über die die digitalen Fallinformationen verwaltet werden, welche Informationen man wo finden kann zum Beispiel und wie man nach was suchen kann. Danach hat mein Praxisanleiter mir noch ein paar Dinge gezeigt und erklärt, mir noch etwas zum Lesen gegeben und dann war der Tag irgendwie auch schon vorbei. Die Zeit verging wahnsinnig schnell und ich habe jede Menge Informationen aufgesaugt. Erst dachte ich, es sei alles nur irgendwie durch mein Hirn durchgerauscht, aber als ich zu Hause zur Ruhe gekommen bin, habe ich gemerkt, wie viel eigentlich hängen geblieben ist und sich gesetzt hat. Am Montag werde ich dann zum ersten Mal in die genauen Arbeitsabläufe eingewiesen und bekomme hoffentlich die eine oder andere feste Aufgabe zugeteilt. Ich freue mich weiterhin sehr und bin unheimlich froh mit dieser Ausbildung, obwohl sie im Grunde immer noch nicht so richtig angefangen hat. Ich bin mir aber sicher, dass es insgesamt sehr gut wird.

Das Thema Autismus kam bisher noch nicht zur Sprache. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ausbildungskoordination, die ja definitiv im Bilde ist, meinem Praxisanleiter Bescheid gegeben hat. Keine Ahnung, welche Informationen ihm vorliegen. Er hat jedenfalls noch nichts gesagt und ich auch nicht. Die gemeinsame Zeit war einfach viel zu knapp und es gab auch keinen konkreten Anlass, was zu sagen. Ich bin mir noch unsicher, wie ich vorgehen soll.

Auf alle Fälle hat mich mein Autismus bisher erfolgreich daran gehindert, mich richtig in die Gruppe oder zumindest in eine Teilgruppe zu integrieren. Die Grüppchenbildung hat nämlich längst angefangen. In der Praxis haben meine Mitauszubildenden und ich zwar nichts miteinander zu tun, aber wir sehen uns eben zweimal in der Woche in der Berufsschule. Und manche finde ich tatsächlich ganz nett. Ich brauche aber ungefähr dreimal so lange, um mit jemandem warm zu werden, wie andere Menschen und in einer Gruppe bekomme ich das eigentlich gar nicht hin. Zum einen, weil ich mit diesem ganzen geballten Sozialkram total überfordert bin und zum anderen, weil es mich auf verschiedenste Art und Weise anstrengt, was dazu führt, dass ich mich recht schnell zurückziehe und sowieso weitestgehend passiv verhalte. Ich brauche einfach Pausen. Nicht, weil ich nicht mitmachen will, sondern weil ich nicht kann. Eine Weile bekomme ich es immer ganz gut hin, weitestgehend normales Verhalten zu imitieren, ein bisschen über dies und das zu reden (was zugegebenermaßen momentan nicht so wahnsinnig schwierig ist, da wir alle gerade dieselben Themen haben und man sehr leicht Fragen stellen und beantworten kann wie „Und, in welcher Abteilung bist du? Was machst du da so? Wie gefällt es dir?“), aber meine Grenzen sind schnell erreicht. Mein Hirn spielt dann eben nicht mehr mit. In meinem Kopf wird alles zäh, ich kann nichts mehr sagen und meine Mimik macht auch nicht mehr das, was ich will, also werde ich still und höre höchstens noch zu, worüber die anderen reden. Die plaudern nämlich alle die ganze Zeit miteinander. Mir ist klar, dass das so nichts wird mit dem Kennenlernen und der Integration, aber ich kann es auch nicht ändern. So ähnlich war es auch, als ich am Donnerstag von einer Kollegin über den gesamten Flur der Abteilung geführt und jedem, wirklich jedem vorgestellt wurde. Klar, ich habe es geschafft, alle freundlich strahlend zu grüßen, aber das hat mich tatsächlich mehr angestrengt, als die knapp dreistündige, vollgepackte IT-Schulung davor und natürlich habe ich mir nicht einen Namen gemerkt. Das freundliche Strahlen, das Nicken, Lachen und Bedanken für die Willkommensgrüße an den richtigen Stellen und alles, was eben sonst noch bei solchen Vorstellungsrunden gemacht wird, haben meine gesamte Konzentration vereinnahmt. Das ist nicht schlimm, aber trotzdem ärgerlich. Finde ich zumindest. Zu den paar Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich direkt zu tun haben werde und die alle in einem Raum waren, als ich ihnen vorgestellt wurde, habe ich auch gleich gesagt, dass ich bestimmt noch ein paar Mal nach ihren Namen fragen muss. Ein Kollege war dann tatsächlich so lieb und hat mir einen Plan ausgedruckt, auf dem genau steht, wer in welchem unserer zusammenhängenden Büros sitzt. Jetzt kann ich immerhin die für mich erst mal wichtigsten Namen lernen.

Fürs erste fühle ich mich schon mal angekommen, auch wenn selbstverständlich alles noch total neu und fremd ist. Ich bin mir aber sicher, dass es gut ist, dort zu sein und diese Ausbildung zu machen. Und das ist ja das Wichtigste.

Mein Kopf ist voll.

Und dabei sind erst zwei Einführungstage vorbei! Zwei von vieren. Was meine Mitauszubildenden und ich in diesen Tagen lernen, ist zwar in allererster Linie organisatorischer Kram und hat mit der Arbeit an sich noch recht wenig zu tun, trotzdem ist das alles natürlich interessant und vor allem wichtig zu wissen. Ich mache meine Ausbildung im öffentlichen Dienst und der ist, wie sollte es auch anders sein, ein bürokratisches Monstrum. Das finde ich im Grunde gar nicht schlecht, denn alles ist säuberlich geregelt und klar strukturiert. Aber es ist wirklich viel, was wir in diesen für die Masse an Informationen doch recht wenigen Einführungstagen aufnehmen sollen. Es ist so eine Art Druckbetankung. Und deshalb ist mein Kopf gerade ziemlich voll. Natürlich gibt es zwischendurch auch mal lockere Momente und Phasen. Wir haben heute zum Beispiel eine sehr interessante und unterhaltsame Führung durch den Bezirk bekommen. Außerdem haben am wir am Anfang eine lustige kleine Vorstellungsrunde gemacht, bei der sich herausgestellt hat, dass ich nicht die einzige Geisteswissenschaftlerin mit Masterabschluss bin, die sich dann doch noch mal umorientiert hat. Das ist irgendwie ganz nett. Wer weiß, vielleicht verstehe ich mich tatsächlich mit manchen ganz gut. So richtig in Kontakt gekommen bin ich noch mit niemandem, aber alles andere hätte mich auch sehr gewundert. Kontaktaufnahme ist eben nicht gerade meine Stärke. Genau genommen kann ich das sogar überhaupt nicht. Und ich kann auch nicht sonderlich gut auf Kontaktaufnahmeversuche von anderen eingehen, vor allem nicht, wenn immer gleich ganze Grüppchen beieinander stehen und sich alle irgendwie mit irgendwem unterhalten. Vielleicht entsteht durch die Berufsschule und die Akademie ein bisschen mehr Kontakt in kleinerem Rahmen. Ich muss nicht unbedingt richtige Freundinnen finden, aber es wäre schön, keine komplette Außenseiterin zu sein. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

Dann, und das war mir erst mal das Wichtigste, habe ich auch endlich, endlich meinen Ausbildungsplan bekommen, in dem genau steht, wann ich in welcher Abteilung arbeiten werde, welche Aufgaben ich dort bekomme und wie die einzelnen Ausbildungsziele aussehen. Soweit liest sich alles interessant und ich habe keine Station bekommen, auf die ich nicht neugierig bin. Gleich die erste scheint mir allerdings die für mich persönlich herausforderndste zu sein, aber ich versuche, mich jetzt nicht völlig verrückt zu machen, sondern erst mal abzuwarten. Am Mittwoch darf ich schon mal für zwei, drei Stündchen in die Abteilung reinschnuppern und am Donnerstag ist dann mein erster ganzer Tag dort. Der erste von ziemlich vielen. Laut Plan dauert meine Ausbildung drei Jahre (es sei denn, ich schaffe es wie geplant, die Bedingungen für eine Verkürzung zu erfüllen) und in dieser Zeit durchlaufe ich sechs Abteilungen. Dazwischen liegen insgesamt drei Akademieblöcke, also jedes Jahr einer, von jeweils ungefähr zweieinhalb Monaten. In jeder Abteilung bin ich also ungefähr fünf Monate lang. Parallel dazu findet jede Woche auch noch Berufsschulunterricht statt. Das wird eine ganze Menge Input! Ich bin sehr gespannt darauf und freue mich wirklich.

Der Berufsschulunterricht startet nächste Woche. Den Stundenplan habe ich noch nicht bekommen. Den gibt es erst am Dienstag, wenn ich das erste Mal in der Schule bin. So richtig weiß ich also noch nicht, was da kommt. Immerhin haben wir heute schon mal eine Bücherliste bekommen und einige Bücher wurden und werden uns freundlicherweise sogar geschenkt. Ich bin zum Beispiel bald stolze Besitzerin eines Exemplars des Bürgerlichen Gesetzbuches. Wenn ihr also irgendwas über eure Rechte und Pflichten als Bürgerinnen und Bürger wissen wollt, fragt mich einfach! Ich weiß zwar auch noch nicht so viel darüber, aber ich kann es immerhin für euch nachschlagen.

Insgesamt ist auf jeden Fall gerade alles sehr interessant und aufregend und ich bin sehr, sehr erleichtert, dass meine vollkommen irrationale Angst, es könnte eine Verwechslung gegeben haben und sie hätten gar nicht mich gemeint, sondern die Zusage eigentlich jemand anderem schicken wollen, ganz und gar unbegründet war. Natürlich! Meine Vertragsunterzeichnung war schon Anfang Juni. Das wäre längst aufgefallen. Trotzdem bin ich die Angst erst vorgestern, am ersten Tag, ganz losgeworden.

Ich kann also, wie angekündigt, weiter über meine Ausbildung berichten. Jippie! Was die einzelnen Abteilungen angeht, in denen ich arbeiten werde, und vor allem was viele konkrete Arbeiten angeht, die ich erledigen werde, kann ich natürlich nicht ins Detail gehen und ich werde deshalb bestimmt einige Dinge recht abstrakt halten müssen, denn ich will selbstverständlich nicht, dass irgendwelche Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sind. Wie der Ausdruck „öffentlicher Dienst“ schon sagt, stehe ich im Dienst der Öffentlichkeit, also im Dienst der Bürgerinnen und Bürger und bin damit natürlich dazu verpflichtet, ihre Privatsphäre zu schützen. Das nehme ich ausgesprochen ernst und es ist mir wirklich sehr wichtig. Und das ist selbstverständlich nicht nur ein persönliches Pflichtgefühl. Verschwiegenheit, was personenbezogene Informationen angeht, ist gesetzlich vorgeschrieben, genau wie bei allem, was Interna angeht. Ich denke, das ist klar. Es wird hier also in erster Linie darum gehen, wie ich mich als Autistin in diesem Umfeld bewege und wie es mir dabei ergeht, welche Erfahrungen ich im Bereich Inklusion mache zum Beispiel, oder an welchen Stellen mir mein Autismus das Leben schwerer oder eben auch leichter macht, denn meine andere Wahrnehmung und Herangehensweise hat definitiv auch viele Vorteile. Ich bin auf alles sehr gespannt.

Was ich aber auf jeden Fall schon mal verraten kann, ist, dass ich keinen Praxisabschnitt im Ordnungsamt haben werde. Ihr müsst also keine Angst haben, dass ich in einer unheilverkündenden Uniform hinter euren widerrechtlich parkenden Autos auftauche und Knöllchen hinter eure Scheibenwischer klemme. Hurra!