Schule.

Vielleicht sollte ich irgendwann mal ein Buch schreiben mit dem wunderbaren Titel „375 Arten, an der Schule zu scheitern, obwohl man einigermaßen intelligent ist.“ Es bekäme auch noch einen Untertitel oder wahlweise einen schicken Aufkleber, auf dem stünde „Mit freundlicher Unterstützung von erst im Masterstudium erkanntem Autismus.“ Die Schule war einfach kein guter Ort für mich, und das war in erster Linie sehr schade, denn ich bin eigentlich jemand, der sehr gerne lernt, neugierig ist und Spaß daran hat, sich mit allem Möglichen zu beschäftigen und zu versuchen, es zu verstehen. Im Grunde beste Voraussetzungen. Die Grundschule fand ich auch wirklich toll. Der Kindergarten war überhaupt nichts für mich gewesen und dem ersten Schultag habe ich entgegen gefiebert, sobald ich verstanden habe, was so eine Schule überhaupt ist. Das war irgendwann zwischen meinem vierten und fünften Geburtstag. Als es endlich soweit war, begann ich voller Eifer alles regelrecht aufzusaugen. Ich mochte jedes Schulfach und war in allem ziemlich gut. Außer in Sport. Ein bisschen wurde meine Begeisterung dadurch gedämpft, dass ich die meiste Zeit über eher unterfordert war. Zum Beispiel durften wir meistens am Ende der Unterrichtsstunden schon mit den Hausaufgaben beginnen, wenn wir mit unserer letzten Unterrichtsaufgabe früher fertig waren, und ich war immer so schnell, dass ich im Grunde nie irgendwas zu Hause machen musste. Es war auch immer so gut wie alles fehlerfrei. Wenn ich im Unterricht aufzeigte, nahmen mich die Lehrer kaum dran. Es war ohnehin klar, dass ich alles wusste. Ich war meistens im Stoff schon ein ganzes Stück voraus, wie eine richtige kleine Hermine Granger, nur ohne die ganze Magie, leider. Und ich freute mich riesig aufs Gymnasium und auf all die neuen, spannenden Fächer.

Leider war es dort dann überhaupt nicht mehr schön. Ich war überfordert. Nicht mit dem Stoff, zumindest nicht grundsätzlich oder von Anfang an, aber mit allem anderen, und dadurch dann letzten Endes auch mit dem Stoff. Anfangs überforderte mich ganz besonders die Situation, mitten in einer Schar von 35 Kindern zu sein, die alle ganz aufgeregt versuchten, einander kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Im Kindergarten war das nicht so gewesen, da kamen jedes Jahr ein paar Kinder zu einer bestehenden Gruppe dazu, alles ging peu à peu, und wir waren auch insgesamt viel weniger Kinder. Außerdem konnte ich mich dem Gewusel dort besser entziehen. Es gab zwar ab und an gemeinsames Programm, aber die meiste Zeit konnte ich ganz in Ruhe am Mal- und Basteltisch verbringen. In der Grundschule bekam ich von diesem ganzen Kennenlerntreiben auch so gut wie nichts mit. Ich weiß nicht genau, woran das lag, aber ich denke, es war zum einen nicht so trubelig wie am Gymnasium und zum anderen war ich selbst einfach sehr stark auf den Unterricht und das Lernen fokussiert und habe mich bei allem anderen zurückgezogen und rausgehalten. Irgendwie ging das am Gymnasium nicht. Die gesamte Klasse war in den Pausen als riesige, laute Traube unterwegs und erkundete das Schulgelände. Mir war das viel zu viel. So viele Kinder auf einmal! Eine einzige andere Person hätte mir vollkommen gereicht. So eine Gruppe überforderte mich maßlos. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich verhalten oder was ich sagen sollte, wie ich irgendwie Kontakt aufnehmen konnte, auch wenn etwas in mir das ganz gerne wollte, zumindest zu einem gewissen Grad. Ich konnte das Ganze nur von außen betrachten und verstand nichts. So geriet ich schon in den ersten paar Tagen ins Abseits, in das ich über die kommenden Wochen und Monate hinweg immer und immer weiter hineinrutschte. Und da blieb ich auch die ganzen neun Jahre lang. Ich fand zwar nach einigen Wochen eine Freundin (oder besser gesagt: sie fand mich), die mit ihrer lieben, ruhigen, offenen Art genau der Mensch war, in dessen Gegenwart ich mich wohlfühlen konnte, und ich wurde über sie sogar Teil einer Viererclique, die die ganze Schulzeit über fest zusammenhielt, was unendlich wertvoll war, aber ich war eben für die Klasse trotzdem die Komische, die Abweisende, die Arrogante, Kalte, Blöde, mit der man nichts zu tun haben wollte, die man ärgern konnte, über die man lachte.

Das alles hemmte mich. Dass ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte und mich völlig fehl am Platz fühlte und dass die anderen Kinder so auf mich reagierten. Ich will ihnen nicht die Schuld geben, zumindest auf keine Fall die alleinige, denn ich muss ihnen mit meinem Verhalten einen Grund geliefert haben, so auf mich zu reagieren, wie sie es eben taten. Ich verstand das bloß alles nicht. Ich verstand nicht, was los war, was ich falsch machte, was falsch mit mir war, ich merkte nur, dass etwas nicht stimmte und dass das offensichtlich ich war. Das tat unheimlich weh. Ich verstand gar nichts. Und zog mich zurück. Ich fühlte mich unendlich unwohl. Jeder Schultag war eine Qual. Ich ging von Tag zu Tag weniger gerne hin. Ich zog mich mehr und mehr in mich zurück. In den ersten Tagen nahm ich noch begeistert am Unterricht teil, freute mich auf jedes neue Fach und wollte alles wissen, aber schon in den ersten paar Wochen nahm die Begeisterung rapide ab. Ich bekam das irgendwie nicht auf die Reihe, diese wahnsinnige Verunsicherung was all die sozialen Dinge betraf, dieses Miteinander, das ohne mich stattfand, teilweise sogar gegen mich und das ich überhaupt nicht begriff. Ich fühlte mich so hilflos und so gnadenlos überfordert, dass es mich mehr und mehr lähmte, bis ich irgendwann so gut wie gar nichts mehr machte. Ich saß nur so da und hörte zu, so gut es ging. Und selbst das wurde immer schwieriger, je unwohler ich mich mit der Gesamtsituation fühlte. Auch die Hausaufgaben zu erledigen fiel mir zunehmend schwer. Nach der Schule wollte ich einfach nur noch weg, nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort denken, mit nichts mehr konfrontiert sein, was irgendwie damit zusammenhing. Dadurch wurden natürlich auch meine Leistungen immer schwächer. In manchen Fächern war ich einfach gut, ohne einen Finger dafür krümmen zu müssen, und in diesen Fächern konnte ich mir immerhin ein Minimum an mündlicher Mitarbeit erhalten, aber im Großen und Ganzen verstummte ich. Das war natürlich schlecht, nicht nur für meine mündlichen Noten, sondern auch für die schriftlichen. Wer die Hausaufgaben nur sehr schluderig und manchmal sogar gar nicht macht und im Unterricht nicht richtig anwesend ist, verliert den Anschluss, das ist vollkommen logisch. Das nagte sehr an meinem Selbstwertgefühl, das durch die ganze soziale Situation in der Klasse ohnehin schon ziemlich am Boden war. Und das führte zu noch mehr Rückzug und Passivität. Ich hatte irgendwie nicht die Kraft, etwas daran zu ändern. Und ich wusste auch nicht wirklich, wie ich das hätte anstellen sollen. Die Lehrerinnen und Lehrer verstanden mich auch nicht so recht. Sie hatten ja anfangs gemerkt, dass ich eigentlich ganz intelligent bin und alles recht schnell verstehe und außerdem war ich in den paar Fächern, die mir auch ohne jede Mühe sehr leicht fielen, weiterhin schriftlich gut bis sehr gut. Sie versuchten mit mir zu reden, aber ich begriff ja nicht mal selbst so richtig, was eigentlich mein Problem war, also konnte ich es unmöglich erklären und sie konnten es nicht erkennen. Sie versuchten auf die unterschiedlichsten Arten, mich zu mehr Mitarbeit zu animieren und mehr Leistung aus mir herauszukitzeln. Das setzte mich unheimlich unter Druck, auch wenn sie das sicher nicht so beabsichtigt hatten, und Druck konnte ich wirklich überhaupt nicht gebrauchen, weil ich mich ziemlich schwach fühlte. Ich war nach einiger Zeit schlicht und ergreifend nicht mehr in der Lage, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen oder mich gar daran zu beteiligen und irgendwann entwickelte ich auch eine trotzige Weigerungshaltung allem und jedem Gegenüber. Die war nicht immer da, kam aber immer mal wieder durch und diente im Nachhinein betrachtet vermutlich zu einem gewissen Teil dem Selbstschutz. Ganz bestimmt kamen auch noch sensorische Probleme dazu, die ich selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst bemerkte oder gar erkannte, die aber natürlich trotzdem ihren Teil dazu beitrugen, dass ich völlig überfordert war und oft nicht mal einen klaren Gedanken fassen konnte. Meine soziale Überforderung war mir immerhin irgendwie bewusst, auch wenn ich sie nicht mal ansatzweise einordnen und greifen konnte. Alles, einfach alles war zu viel und machte mir einen Druck, dem ich nicht gewachsen war. Das einzige, was ich hinbekam, war diesen Druck irgendwie auszuhalten, die Tage zu überstehen und zu warten, dass die Zeit vergeht und nach der Schule endlich alles besser wird. Ich steckte mitten in einer Art Überforderungsstrudel, den niemand sehen konnte und aus dem ich nicht heraus kam. Ich begriff nicht, was los war und meine Lehrerinnen und Lehrer noch viel weniger. Sie hielten mich irgendwann einfach für faul und stur. Für eine Schulverweigerin. Dazu habe ich ihnen aus ihrer Sicht ganz bestimmt allen Grund gegeben. Dabei war ich tief in mir drin genau das Gegenteil.

Mit jedem neuen Schuljahr, mit jedem neuen Fachlehrer und jeder neuen Fachlehrerin, mit jedem neuen Fach nahm ich mir vor, es nun doch endlich hinzubekommen und die gute Schülerin zu sein, von der ich irgendwie immer noch wusste, dass ich sie eigentlich sein konnte. Vielleicht keine absolute Überfliegerin in allem, aber sicherlich nirgendwo wirklich schlecht, insgesamt irgendwo im guten Mittelfeld.  Aber ich scheiterte. Immer und immer wieder. Natürlich. Wie sollte ich auch ein Problem lösen, das ich überhaupt nicht erkannte? Ich kam da nicht mehr raus, aus diesem Strudel aus Überforderung, Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, Selbstzweifeln, Scham, Wut, Trotz und Verwirrung. Ich biss mich einfach irgendwie durch, immer mit dem Ziel vor Augen, irgendwann mit der Schule fertig zu sein und danach mit was auch immer ganz neu anzufangen.

Während der inzwischen sieben Jahre nach meinem Abitur habe ich studiert, nebenbei gearbeitet und wahnsinnig viel gelernt. Einiges über Literaturwissenschaften, ein bisschen über Medienwissenschaften, ganz viel über Linguistik und vor allem sehr viel über mich selbst. Bald gehe ich wieder zur Schule. Zur Berufsschule. Nur an zwei Tagen in der Woche, aber immerhin. Ich habe ein bisschen Angst davor. Aber ich bin mir auch sicher, dass es nicht noch mal so wird, wie es am Gymnasium war.

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4 Gedanken zu “Schule.

  1. Gefehlt habe ich auch nie, es sei denn, ich war wirklich krank.
    Ich denke auch, dass diese Erfahrungen mich insgesamt gestärkt haben. Aber sie haben mich auch lange geschwächt. Und genau wie du hat mir die Diagnose (bei mir ist es nun ein Jahr und über einen Monat her) sehr geholfen, besser auf mich zu achten und zu verstehen, wo meine Probleme liegen. :)

  2. Bis auf das ich mich gar nicht traute auch nur einen Tag zu fehlen (meine Eltern waren sehr streng), ist das quasi auch meine Schulgeschichte. Mit jedem neuen Schuljahr, jedem neuen Lehrer die Hoffnung auf eine Art Neuanfang. Welch naives Wunschdenken von mir.
    Manchmal aber denke ich, dass mich die Schulzeit letztendlich so stark gemacht hat. Wie du selbst schreibst: Das einzige was auch ich hinbekam war, diesen Druck irgendwie auszuhalten.
    Das ging bis zu meiner Diagnose vor 3,5 Jahren so… heute weiß ich, was ich mir zumuten kann und was nicht.

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