Vielleicht bin ich unsichtbar.

Bei den Wegen, die ich regelmäßig gehe, kenne ich den Boden am besten, denn den schaue ich die meiste Zeit an. Mein Blick ist fast immer gesenkt und manchmal sogar mein Kopf. Nicht, weil ich traurig bin oder mich schäme oder sowas, nein, ich schaue einfach am liebsten auf den Boden. Da ist es ruhig. Und da sind keine Gesichter und keine Augen, in die ich schauen muss. Wenn man durch die Straßen geht, kommen einem nun mal oft Menschen entgegen und die sind in der Regel auch noch fremd. Ich schaue Menschen aber nicht gerne ins Gesicht oder in die Augen und Fremden ganz besonders nicht. Das ist für mich sehr unangenehm und anstrengend und ich meide es, wo ich nur kann. Also schaue ich, wenn ich unterwegs bin, vorwiegend auf den Boden. Meistens geht mein Blick in etwa zwei, drei Meter weit. Früher war das weniger, da habe ich vielleicht einen Meter nach vorne geschaut. Als Schülerin, vor allem in der Mittelstufe, habe ich oft sogar nur auf meine eigenen Füße gestarrt. Und wenn ich so mit gesenktem Blick herumlaufe sehe ich eben den Boden. Böden sind ganz unterschiedlich. Die, über die man draußen zu Fuß läuft, sind meistens mit Pflastersteinen ausgelegt. Da gibt es glatte und raue, kleinere und größere, graue, bläuliche, rötliche, grünliche und bräunliche, rechteckige, quadratische, kunstvoll gezackte und unförmige, manche sind streng und sorgsam angeordnet, ganz so, als hätte jemand jeden Abstand und jede Ausrichtung genaustens überprüft und andere liegen so schief und wild verstreut herum, als hätte die Person, die sie so expressionistisch platziert hat, keinen Gedanken daran verschwendet, was das Gesamtbild hergibt und ob das, was sie da macht, auch nur im entferntesten pflastersteinressourcenschonend ist. Ich schaue gerne auf den Boden und mag es, meinen Gehrhythmus an ihn anzupassen, immer gleich viele Pflastersteine mit einem Schritt zu überschreiten zum Beispiel, oder immer in einer bestimmten Pflastersteinreihe zu bleiben, oder immer genau in die Mitte eines Pflastersteins zu treten. Besonders viel Spaß macht das, wenn die Größe und Anordnung der Pflastersteine zu meiner Schrittlänge passt und ich mein Schritttempo nicht anpassen muss. Das ist dann, als hätte jemand diesen Boden extra für mich gemacht.

Natürlich schaue ich nicht die ganze Zeit nur auf den Boden. Zwischendurch wandert mein Blick immer wieder hoch, nach vorne, damit ich sehen kann, was auf mich zukommt und worauf ich zugehe. Ich will niemanden über den Haufen rennen und auch nicht mit Laternen und parkenden Autos kollidieren. Ich selbst werde dafür aber ziemlich oft über den Haufen gerannt und angerempelt, dabei passe ich wirklich gut auf. Wenn mir jemand entgegen kommt, muss ich eigentlich immer ausweichen, denn wenn ich das nicht mache, kommt es zu einem Zusammenstoß. Mir weicht niemand aus. Wenn ich irgendwo stehe, zum Beispiel am Bahnhof, werde ich fast immer von Vorbeigehenden gestreift oder sogar angerempelt, obwohl ich sehr darauf achte, nicht im Weg zu stehen. In der Bahn muss ich immer aufpassen, dass ich keine Ellbogen ins Gesicht oder in die Rippen gerammt bekomme. Es passiert auch immer wieder, dass Menschen ihre Taschen, Rucksäcke und Koffer auf meinen Füßen platzieren oder sich einfach so vor mich stellen, dass ich wortwörtlich in die Ecke gedrängt werde. Wenn ich irgendwo anstehe und die letzte in der Schlange bin, kommt es manchmal sogar vor, dass jemand Neues dazu kommt und sich einfach vor mir anstellt. Mir haben auch schon Menschen die Tür direkt vor der Nase zugemacht, obwohl sie sich beim Schließen noch mal umgedreht und mich angesehen haben. Und einmal hat sich in der U-Bahn tatsächlich jemand um ein Haar auf mich draufgesetzt. Es ist dann, als wäre ich gar nicht da, als würden all diese Menschen mich überhaupt nicht sehen, sie schauen einfach durch mich hindurch. Ich bin zwar klein und zierlich, aber doch nicht so winzig, dass man mich nicht sehen kann! Immer, wenn sowas passiert, und das ist fast jedes Mal der Fall, wenn ich irgendwo bin, wo andere Menschen sind, frage ich mich kurz, ob ich wirklich da bin oder ob ich mir meine Existenz nicht einfach nur einbilde. Aber ich fühle mich eigentlich ziemlich real. Vielleicht bin ich also unsichtbar.

Ich glaube wirklich nicht, dass so viele Menschen mich absichtlich übersehen, weil sie böse sind und mir eins auswischen wollen oder weil sie egoistisch und rücksichtslos sind und denken, ich müsste ihnen eben Platz machen oder sowas. Nein, ich bin mir meistens absolut sicher, dass sie mich tatsächlich nicht wahrnehmen. Irgendwas habe ich scheinbar an mir, das dafür sorgt, dass Menschen überhaupt nicht bemerken, dass ich da bin. Es ist, als würde ich eine Tarnkappe tragen, oder so einen Umhang, wie ihn Harry Potter hat, oder vielleicht den einen Ring aus „Der Herr der Ringe“. Ich glaube, Menschen können mich oft einfach nicht sehen. Und ich denke inzwischen, das liegt daran, dass ich immer auf den Boden schaue. Denn dabei sieht man meine Augen nicht; ich schaue niemandem ins Gesicht. Vielleicht bin ich dadurch so unscheinbar, dass die Menschen mich einfach ausblenden. Vielleicht macht es regelrecht unsichtbar, den Blick gesenkt zu haben. Wie bei dieser Spionin aus „Asterix und Kleopatra“. Wenn sie den Blick gerade nach vorne richtet und die Menschen anschaut, sieht man sie. Schaut sie nach unten und verdeckt so mit den Lidern ihre Augen, sieht man sie nicht. Und wenn sie nur ein bisschen aufsieht, sodass ihre Augen ungefähr zur Hälfte sichtbar sind, dann sieht man sie tatsächlich nur ein bisschen. Ich probiere das manchmal am vollen S-Bahnhof aus, das mit dem gehobenen Blick und dem Anschauen der anderen Menschen. Wenn mir ein ganzer Schwall umsteigender Leute entgegen kommt, dann hebe ich manchmal den Blick und schaue ihnen so gut es geht in die Gesichter, und es wirkt. Man macht mir oft Platz. Man weicht mir oft aus. Man achtet oft darauf, mich nicht über den Haufen zu rennen. Ich mache das nicht gerne und ich mache es nur manchmal, wenn das direkte Ansehen gerade irgendwie weniger unangenehm ist, als bei jedem Schritt angerempelt zu werden. Und vielleicht ist das wirklich der ganze Trick. Vielleicht sind Augenlider wie ein Tarnumhang.

https://www.youtube.com/watch?v=dzwIjF1hpnA

6 Gedanken zu “Vielleicht bin ich unsichtbar.

  1. ich schaue auch weg wenn mir jemand entgegenkommt oder auf den Boden, schaue aber auch auf den Boden damit ich weiss wo ich hintrete, ich bin mal schwer gestürzt und hab mir einen Trümmerbruch zugezogen im Fuss, bin heute noch verplattet und verschraubt. die müssen aber drinbleiben sonst fällt mir alles auseinander.

  2. Dass es am fehlenden Blickkontakt und daran liegen könnte, dass ich in der Regel ebenfalls auf den Boden starre oder in ein Buch, bin ich noch gar nicht gekommen. Danke.
    Ich vermute, es gibt auch einen Zusammenhang mit der eigenen Körpersprache. Nachdem ich ein Buch von Sammy Molcho über Nähe und DIstanz gelesen habe, wurde mir klar, dass ich wohl unbewußt aussende: Ich will gar nicht hier sein, ich habe Angst. Und das verleitet andere scheinbar zu ungewollten Berührungen.

  3. Danke für den Tipp! Das muss ich auch mal ausprobieren. Mir geht es nämlich in fast allen Situationen so wie Dir. In der Straßenbahn tritt mir fast immer jemand auf den Fuß, auch wenn ich da manchmal das Gefühl habe, dass es an meinem mangelnden Gefühl liegt, meine Körperteile im Raum richtig einzuschätzen, sprich, ich strecke manchmal meine Beine aus und merke nicht, dass ich damit andere ihrer Bewegungsfreiheit zurückdränge. Aber auch sonst kenne ich das ständig angerempelt werden gut, oft auch an der Kasse beim Bezahlen. Das ist höchst unangenehm. Und am Gehsteig oder an der Haltestelle denke ich mir oft, dass da reichlich Platz um mich herum wäre, um vorbeizugehen. Trotzdem müssen manche so dicht an mir vorbeiziehen, dass sie mich berühren.

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