Morgen geht es los. Aaaaaaaaah!

Morgen endet sie, meine wunderbar geruhsame Auszeit zwischen meinem alten Job und meinem Neustart. Ich bin wirklich gut erholt und spreche jetzt Spanisch. Ich kann sogar Harry Potter auf Spanisch lesen. Eben habe ich mit „la cámara secreta“ angefangen.

Morgen geht es los. Morgen beginnt meine Ausbildung. Und ich bin schrecklich, schrecklich aufgeregt. Natürlich freue ich mich riesig und natürlich habe ich auch riesige Angst. Alles wird neu sein und fremd und ich werde jeder Menge Menschen begegnen. Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommen wird und wie ich damit umgehen soll. Ich habe keine Ahnung, wie man auf mich reagieren wird und wie das mit dem offenen Umgang mit meinem Autismus laufen und funktionieren wird. Ich habe keine Ahnung, wie es für mich sein wird, zur Berufsschule zu gehen, wieder in einer Art Klassenverband zu sein und mit MitschülerInnen konfrontiert zu sein. Ich weiß nicht, ob die LehrerInnen von meinem Autismus wissen und wenn nicht, ob ich davon erzählen soll. Ich weiß auch noch nicht, wie mein Stundenplan aussieht oder mein Ausbildungsplan, wann ich in welchen Abteilungen arbeiten werde zum Beispiel. Jede Menge Unsicherheiten. Alle machen mir riesige Angst, aber ich freue mich auch auf die Veränderung, auf den Neuanfang, auf das ganz andere Leben, das damit beginnt.

Was mir keine große Angst macht, ist das Fachliche. Lernen kann ich. Lernen macht mir Spaß. Und auch, wenn vermutlich nicht alles interessant sein wird, gibt es mit Sicherheit genug, das mir gefällt. Außerdem lerne ich diesmal tatsächlich Dinge, die ich konkret anwenden werde. Dinge, die ich für meinen Berufsalltag wissen muss. Das wird eine vollkommen neue Erfahrung, so einen richtigen Beruf zu erlernen, ganz anders als mein Linguistikstudium, und auch wenn das Studium spannend und faszinierend und toll war, freue ich mich darauf, dass jetzt alles ganz anders wird. Dass ich noch mal etwas ganz Anderes machen darf, mit ganz anderen Rahmenbedingungen, einer ganz anderen Herangehensweise und einem ganz anderen Ziel.

Morgen wird ein riesiger Informationsschwall über mir hereinbrechen und ich bin unheimlich gespannt darauf. Ich werde endlich erfahren, wie die nächsten zweieinhalb bis drei Jahre aussehen werden (natürlich habe ich vor, mich anzustrengen, gute Leistungen zu erbringen und die Ausbildung verkürzen zu können). Ich bin neugierig und begeistert und ein bisschen panisch. Es wird sicher seltsam und toll und ich werde auf jeden Fall davon berichten.

Heute werde ich den Tag damit verbringen, ein bisschen durchzudrehen und die Nacht damit, nur bruchstückhaft zu schlafen. Aber das ist okay. So ist das eben. Morgen wird das Adrenalin schon alles richten.

 

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Schule.

Vielleicht sollte ich irgendwann mal ein Buch schreiben mit dem wunderbaren Titel „375 Arten, an der Schule zu scheitern, obwohl man einigermaßen intelligent ist.“ Es bekäme auch noch einen Untertitel oder wahlweise einen schicken Aufkleber, auf dem stünde „Mit freundlicher Unterstützung von erst im Masterstudium erkanntem Autismus.“ Die Schule war einfach kein guter Ort für mich, und das war in erster Linie sehr schade, denn ich bin eigentlich jemand, der sehr gerne lernt, neugierig ist und Spaß daran hat, sich mit allem Möglichen zu beschäftigen und zu versuchen, es zu verstehen. Im Grunde beste Voraussetzungen. Die Grundschule fand ich auch wirklich toll. Der Kindergarten war überhaupt nichts für mich gewesen und dem ersten Schultag habe ich entgegen gefiebert, sobald ich verstanden habe, was so eine Schule überhaupt ist. Das war irgendwann zwischen meinem vierten und fünften Geburtstag. Als es endlich soweit war, begann ich voller Eifer alles regelrecht aufzusaugen. Ich mochte jedes Schulfach und war in allem ziemlich gut. Außer in Sport. Ein bisschen wurde meine Begeisterung dadurch gedämpft, dass ich die meiste Zeit über eher unterfordert war. Zum Beispiel durften wir meistens am Ende der Unterrichtsstunden schon mit den Hausaufgaben beginnen, wenn wir mit unserer letzten Unterrichtsaufgabe früher fertig waren, und ich war immer so schnell, dass ich im Grunde nie irgendwas zu Hause machen musste. Es war auch immer so gut wie alles fehlerfrei. Wenn ich im Unterricht aufzeigte, nahmen mich die Lehrer kaum dran. Es war ohnehin klar, dass ich alles wusste. Ich war meistens im Stoff schon ein ganzes Stück voraus, wie eine richtige kleine Hermine Granger, nur ohne die ganze Magie, leider. Und ich freute mich riesig aufs Gymnasium und auf all die neuen, spannenden Fächer.

Leider war es dort dann überhaupt nicht mehr schön. Ich war überfordert. Nicht mit dem Stoff, zumindest nicht grundsätzlich oder von Anfang an, aber mit allem anderen, und dadurch dann letzten Endes auch mit dem Stoff. Anfangs überforderte mich ganz besonders die Situation, mitten in einer Schar von 35 Kindern zu sein, die alle ganz aufgeregt versuchten, einander kennen zu lernen, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Im Kindergarten war das nicht so gewesen, da kamen jedes Jahr ein paar Kinder zu einer bestehenden Gruppe dazu, alles ging peu à peu, und wir waren auch insgesamt viel weniger Kinder. Außerdem konnte ich mich dem Gewusel dort besser entziehen. Es gab zwar ab und an gemeinsames Programm, aber die meiste Zeit konnte ich ganz in Ruhe am Mal- und Basteltisch verbringen. In der Grundschule bekam ich von diesem ganzen Kennenlerntreiben auch so gut wie nichts mit. Ich weiß nicht genau, woran das lag, aber ich denke, es war zum einen nicht so trubelig wie am Gymnasium und zum anderen war ich selbst einfach sehr stark auf den Unterricht und das Lernen fokussiert und habe mich bei allem anderen zurückgezogen und rausgehalten. Irgendwie ging das am Gymnasium nicht. Die gesamte Klasse war in den Pausen als riesige, laute Traube unterwegs und erkundete das Schulgelände. Mir war das viel zu viel. So viele Kinder auf einmal! Eine einzige andere Person hätte mir vollkommen gereicht. So eine Gruppe überforderte mich maßlos. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich verhalten oder was ich sagen sollte, wie ich irgendwie Kontakt aufnehmen konnte, auch wenn etwas in mir das ganz gerne wollte, zumindest zu einem gewissen Grad. Ich konnte das Ganze nur von außen betrachten und verstand nichts. So geriet ich schon in den ersten paar Tagen ins Abseits, in das ich über die kommenden Wochen und Monate hinweg immer und immer weiter hineinrutschte. Und da blieb ich auch die ganzen neun Jahre lang. Ich fand zwar nach einigen Wochen eine Freundin (oder besser gesagt: sie fand mich), die mit ihrer lieben, ruhigen, offenen Art genau der Mensch war, in dessen Gegenwart ich mich wohlfühlen konnte, und ich wurde über sie sogar Teil einer Viererclique, die die ganze Schulzeit über fest zusammenhielt, was unendlich wertvoll war, aber ich war eben für die Klasse trotzdem die Komische, die Abweisende, die Arrogante, Kalte, Blöde, mit der man nichts zu tun haben wollte, die man ärgern konnte, über die man lachte.

Das alles hemmte mich. Dass ich nicht wusste, wie ich mich verhalten sollte und mich völlig fehl am Platz fühlte und dass die anderen Kinder so auf mich reagierten. Ich will ihnen nicht die Schuld geben, zumindest auf keine Fall die alleinige, denn ich muss ihnen mit meinem Verhalten einen Grund geliefert haben, so auf mich zu reagieren, wie sie es eben taten. Ich verstand das bloß alles nicht. Ich verstand nicht, was los war, was ich falsch machte, was falsch mit mir war, ich merkte nur, dass etwas nicht stimmte und dass das offensichtlich ich war. Das tat unheimlich weh. Ich verstand gar nichts. Und zog mich zurück. Ich fühlte mich unendlich unwohl. Jeder Schultag war eine Qual. Ich ging von Tag zu Tag weniger gerne hin. Ich zog mich mehr und mehr in mich zurück. In den ersten Tagen nahm ich noch begeistert am Unterricht teil, freute mich auf jedes neue Fach und wollte alles wissen, aber schon in den ersten paar Wochen nahm die Begeisterung rapide ab. Ich bekam das irgendwie nicht auf die Reihe, diese wahnsinnige Verunsicherung was all die sozialen Dinge betraf, dieses Miteinander, das ohne mich stattfand, teilweise sogar gegen mich und das ich überhaupt nicht begriff. Ich fühlte mich so hilflos und so gnadenlos überfordert, dass es mich mehr und mehr lähmte, bis ich irgendwann so gut wie gar nichts mehr machte. Ich saß nur so da und hörte zu, so gut es ging. Und selbst das wurde immer schwieriger, je unwohler ich mich mit der Gesamtsituation fühlte. Auch die Hausaufgaben zu erledigen fiel mir zunehmend schwer. Nach der Schule wollte ich einfach nur noch weg, nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort denken, mit nichts mehr konfrontiert sein, was irgendwie damit zusammenhing. Dadurch wurden natürlich auch meine Leistungen immer schwächer. In manchen Fächern war ich einfach gut, ohne einen Finger dafür krümmen zu müssen, und in diesen Fächern konnte ich mir immerhin ein Minimum an mündlicher Mitarbeit erhalten, aber im Großen und Ganzen verstummte ich. Das war natürlich schlecht, nicht nur für meine mündlichen Noten, sondern auch für die schriftlichen. Wer die Hausaufgaben nur sehr schluderig und manchmal sogar gar nicht macht und im Unterricht nicht richtig anwesend ist, verliert den Anschluss, das ist vollkommen logisch. Das nagte sehr an meinem Selbstwertgefühl, das durch die ganze soziale Situation in der Klasse ohnehin schon ziemlich am Boden war. Und das führte zu noch mehr Rückzug und Passivität. Ich hatte irgendwie nicht die Kraft, etwas daran zu ändern. Und ich wusste auch nicht wirklich, wie ich das hätte anstellen sollen. Die Lehrerinnen und Lehrer verstanden mich auch nicht so recht. Sie hatten ja anfangs gemerkt, dass ich eigentlich ganz intelligent bin und alles recht schnell verstehe und außerdem war ich in den paar Fächern, die mir auch ohne jede Mühe sehr leicht fielen, weiterhin schriftlich gut bis sehr gut. Sie versuchten mit mir zu reden, aber ich begriff ja nicht mal selbst so richtig, was eigentlich mein Problem war, also konnte ich es unmöglich erklären und sie konnten es nicht erkennen. Sie versuchten auf die unterschiedlichsten Arten, mich zu mehr Mitarbeit zu animieren und mehr Leistung aus mir herauszukitzeln. Das setzte mich unheimlich unter Druck, auch wenn sie das sicher nicht so beabsichtigt hatten, und Druck konnte ich wirklich überhaupt nicht gebrauchen, weil ich mich ziemlich schwach fühlte. Ich war nach einiger Zeit schlicht und ergreifend nicht mehr in der Lage, dem Unterrichtsgeschehen zu folgen oder mich gar daran zu beteiligen und irgendwann entwickelte ich auch eine trotzige Weigerungshaltung allem und jedem Gegenüber. Die war nicht immer da, kam aber immer mal wieder durch und diente im Nachhinein betrachtet vermutlich zu einem gewissen Teil dem Selbstschutz. Ganz bestimmt kamen auch noch sensorische Probleme dazu, die ich selbst zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst bemerkte oder gar erkannte, die aber natürlich trotzdem ihren Teil dazu beitrugen, dass ich völlig überfordert war und oft nicht mal einen klaren Gedanken fassen konnte. Meine soziale Überforderung war mir immerhin irgendwie bewusst, auch wenn ich sie nicht mal ansatzweise einordnen und greifen konnte. Alles, einfach alles war zu viel und machte mir einen Druck, dem ich nicht gewachsen war. Das einzige, was ich hinbekam, war diesen Druck irgendwie auszuhalten, die Tage zu überstehen und zu warten, dass die Zeit vergeht und nach der Schule endlich alles besser wird. Ich steckte mitten in einer Art Überforderungsstrudel, den niemand sehen konnte und aus dem ich nicht heraus kam. Ich begriff nicht, was los war und meine Lehrerinnen und Lehrer noch viel weniger. Sie hielten mich irgendwann einfach für faul und stur. Für eine Schulverweigerin. Dazu habe ich ihnen aus ihrer Sicht ganz bestimmt allen Grund gegeben. Dabei war ich tief in mir drin genau das Gegenteil.

Mit jedem neuen Schuljahr, mit jedem neuen Fachlehrer und jeder neuen Fachlehrerin, mit jedem neuen Fach nahm ich mir vor, es nun doch endlich hinzubekommen und die gute Schülerin zu sein, von der ich irgendwie immer noch wusste, dass ich sie eigentlich sein konnte. Vielleicht keine absolute Überfliegerin in allem, aber sicherlich nirgendwo wirklich schlecht, insgesamt irgendwo im guten Mittelfeld.  Aber ich scheiterte. Immer und immer wieder. Natürlich. Wie sollte ich auch ein Problem lösen, das ich überhaupt nicht erkannte? Ich kam da nicht mehr raus, aus diesem Strudel aus Überforderung, Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, Selbstzweifeln, Scham, Wut, Trotz und Verwirrung. Ich biss mich einfach irgendwie durch, immer mit dem Ziel vor Augen, irgendwann mit der Schule fertig zu sein und danach mit was auch immer ganz neu anzufangen.

Während der inzwischen sieben Jahre nach meinem Abitur habe ich studiert, nebenbei gearbeitet und wahnsinnig viel gelernt. Einiges über Literaturwissenschaften, ein bisschen über Medienwissenschaften, ganz viel über Linguistik und vor allem sehr viel über mich selbst. Bald gehe ich wieder zur Schule. Zur Berufsschule. Nur an zwei Tagen in der Woche, aber immerhin. Ich habe ein bisschen Angst davor. Aber ich bin mir auch sicher, dass es nicht noch mal so wird, wie es am Gymnasium war.

Vielleicht bin ich unsichtbar.

Bei den Wegen, die ich regelmäßig gehe, kenne ich den Boden am besten, denn den schaue ich die meiste Zeit an. Mein Blick ist fast immer gesenkt und manchmal sogar mein Kopf. Nicht, weil ich traurig bin oder mich schäme oder sowas, nein, ich schaue einfach am liebsten auf den Boden. Da ist es ruhig. Und da sind keine Gesichter und keine Augen, in die ich schauen muss. Wenn man durch die Straßen geht, kommen einem nun mal oft Menschen entgegen und die sind in der Regel auch noch fremd. Ich schaue Menschen aber nicht gerne ins Gesicht oder in die Augen und Fremden ganz besonders nicht. Das ist für mich sehr unangenehm und anstrengend und ich meide es, wo ich nur kann. Also schaue ich, wenn ich unterwegs bin, vorwiegend auf den Boden. Meistens geht mein Blick in etwa zwei, drei Meter weit. Früher war das weniger, da habe ich vielleicht einen Meter nach vorne geschaut. Als Schülerin, vor allem in der Mittelstufe, habe ich oft sogar nur auf meine eigenen Füße gestarrt. Und wenn ich so mit gesenktem Blick herumlaufe sehe ich eben den Boden. Böden sind ganz unterschiedlich. Die, über die man draußen zu Fuß läuft, sind meistens mit Pflastersteinen ausgelegt. Da gibt es glatte und raue, kleinere und größere, graue, bläuliche, rötliche, grünliche und bräunliche, rechteckige, quadratische, kunstvoll gezackte und unförmige, manche sind streng und sorgsam angeordnet, ganz so, als hätte jemand jeden Abstand und jede Ausrichtung genaustens überprüft und andere liegen so schief und wild verstreut herum, als hätte die Person, die sie so expressionistisch platziert hat, keinen Gedanken daran verschwendet, was das Gesamtbild hergibt und ob das, was sie da macht, auch nur im entferntesten pflastersteinressourcenschonend ist. Ich schaue gerne auf den Boden und mag es, meinen Gehrhythmus an ihn anzupassen, immer gleich viele Pflastersteine mit einem Schritt zu überschreiten zum Beispiel, oder immer in einer bestimmten Pflastersteinreihe zu bleiben, oder immer genau in die Mitte eines Pflastersteins zu treten. Besonders viel Spaß macht das, wenn die Größe und Anordnung der Pflastersteine zu meiner Schrittlänge passt und ich mein Schritttempo nicht anpassen muss. Das ist dann, als hätte jemand diesen Boden extra für mich gemacht.

Natürlich schaue ich nicht die ganze Zeit nur auf den Boden. Zwischendurch wandert mein Blick immer wieder hoch, nach vorne, damit ich sehen kann, was auf mich zukommt und worauf ich zugehe. Ich will niemanden über den Haufen rennen und auch nicht mit Laternen und parkenden Autos kollidieren. Ich selbst werde dafür aber ziemlich oft über den Haufen gerannt und angerempelt, dabei passe ich wirklich gut auf. Wenn mir jemand entgegen kommt, muss ich eigentlich immer ausweichen, denn wenn ich das nicht mache, kommt es zu einem Zusammenstoß. Mir weicht niemand aus. Wenn ich irgendwo stehe, zum Beispiel am Bahnhof, werde ich fast immer von Vorbeigehenden gestreift oder sogar angerempelt, obwohl ich sehr darauf achte, nicht im Weg zu stehen. In der Bahn muss ich immer aufpassen, dass ich keine Ellbogen ins Gesicht oder in die Rippen gerammt bekomme. Es passiert auch immer wieder, dass Menschen ihre Taschen, Rucksäcke und Koffer auf meinen Füßen platzieren oder sich einfach so vor mich stellen, dass ich wortwörtlich in die Ecke gedrängt werde. Wenn ich irgendwo anstehe und die letzte in der Schlange bin, kommt es manchmal sogar vor, dass jemand Neues dazu kommt und sich einfach vor mir anstellt. Mir haben auch schon Menschen die Tür direkt vor der Nase zugemacht, obwohl sie sich beim Schließen noch mal umgedreht und mich angesehen haben. Und einmal hat sich in der U-Bahn tatsächlich jemand um ein Haar auf mich draufgesetzt. Es ist dann, als wäre ich gar nicht da, als würden all diese Menschen mich überhaupt nicht sehen, sie schauen einfach durch mich hindurch. Ich bin zwar klein und zierlich, aber doch nicht so winzig, dass man mich nicht sehen kann! Immer, wenn sowas passiert, und das ist fast jedes Mal der Fall, wenn ich irgendwo bin, wo andere Menschen sind, frage ich mich kurz, ob ich wirklich da bin oder ob ich mir meine Existenz nicht einfach nur einbilde. Aber ich fühle mich eigentlich ziemlich real. Vielleicht bin ich also unsichtbar.

Ich glaube wirklich nicht, dass so viele Menschen mich absichtlich übersehen, weil sie böse sind und mir eins auswischen wollen oder weil sie egoistisch und rücksichtslos sind und denken, ich müsste ihnen eben Platz machen oder sowas. Nein, ich bin mir meistens absolut sicher, dass sie mich tatsächlich nicht wahrnehmen. Irgendwas habe ich scheinbar an mir, das dafür sorgt, dass Menschen überhaupt nicht bemerken, dass ich da bin. Es ist, als würde ich eine Tarnkappe tragen, oder so einen Umhang, wie ihn Harry Potter hat, oder vielleicht den einen Ring aus „Der Herr der Ringe“. Ich glaube, Menschen können mich oft einfach nicht sehen. Und ich denke inzwischen, das liegt daran, dass ich immer auf den Boden schaue. Denn dabei sieht man meine Augen nicht; ich schaue niemandem ins Gesicht. Vielleicht bin ich dadurch so unscheinbar, dass die Menschen mich einfach ausblenden. Vielleicht macht es regelrecht unsichtbar, den Blick gesenkt zu haben. Wie bei dieser Spionin aus „Asterix und Kleopatra“. Wenn sie den Blick gerade nach vorne richtet und die Menschen anschaut, sieht man sie. Schaut sie nach unten und verdeckt so mit den Lidern ihre Augen, sieht man sie nicht. Und wenn sie nur ein bisschen aufsieht, sodass ihre Augen ungefähr zur Hälfte sichtbar sind, dann sieht man sie tatsächlich nur ein bisschen. Ich probiere das manchmal am vollen S-Bahnhof aus, das mit dem gehobenen Blick und dem Anschauen der anderen Menschen. Wenn mir ein ganzer Schwall umsteigender Leute entgegen kommt, dann hebe ich manchmal den Blick und schaue ihnen so gut es geht in die Gesichter, und es wirkt. Man macht mir oft Platz. Man weicht mir oft aus. Man achtet oft darauf, mich nicht über den Haufen zu rennen. Ich mache das nicht gerne und ich mache es nur manchmal, wenn das direkte Ansehen gerade irgendwie weniger unangenehm ist, als bei jedem Schritt angerempelt zu werden. Und vielleicht ist das wirklich der ganze Trick. Vielleicht sind Augenlider wie ein Tarnumhang.

https://www.youtube.com/watch?v=dzwIjF1hpnA

Besuch ist schwierig.

Besuch macht mich fertig. Ich meine damit keine stundenweisen Treffen, die natürlich auch anstrengend sein können, sondern so richtigen Besuch mit Übernachtungen und allem drum und dran. Damit komme ich einfach nicht zurecht. Das ist mir zu viel, egal ob als Gastgeberin oder als Gast.

Als Kind war das irgendwie noch okay. Meine Eltern und die Eltern meiner Freundinnen achteten darauf, dass die Übernachtungsbesuche nur ab und an stattfanden und die Zeit relativ eng begrenzt war. Wir trafen uns am späten Nachmittag und am nächsten Morgen wurden wir gleich nach dem Frühstück abgeholt. Ich hatte dabei immer Spaß, aber ich war auch jedes Mal sehr froh, wenn ich schlafen konnte und besonders, wenn ich wieder zu Hause war oder die Freundin, die bei mir übernachtet hatte, abgeholt worden war. Ich war dann unheimlich erschöpft und brauchte jede Menge Zeit für mich alleine, um mich zu erholen.

Nach dem Abitur bin ich zum Studium zu Hause ausgezogen und es wurde wesentlich schwieriger. Plötzlich waren Übernachtungsbesuche die einzige Möglichkeit, meine Freundinnen zu treffen und sie dauerten auch deutlich länger, weil wir weit voneinander entfernt wohnten und sich die Fahrerei für eine Nacht überhaupt nicht gelohnt hätte. Inzwischen ist die Entfernung noch größer. Ich mag meine Freundinnen sehr, sonst wären sie nicht meine Freundinnen, und ich verbringe auch gerne Zeit mit ihnen, aber nicht so. Das lange, ununterbrochene Zusammensein strengt mich maßlos an. Mein Tagesablauf wird durcheinandergewirbelt und kommt völlig aus dem Takt, wenn jemand bei mir ist und natürlich noch mehr, wenn ich woanders bin. Das belastet mich. Wenn jemand länger als ein paar Stunden bei mir ist, fühle ich mich bedrängt und eingesperrt. Ich muss mich zwangsläufig nach meinem Besuch richten und auf seine Bedürfnisse eingehen und ich möchte es auch, damit es ihm gut geht. Das fällt mir allerdings über mehr als einen Nachmittag hinweg schwer. Aber meine Gäste sollen sich schließlich wohlfühlen, also strenge ich mich an. Sie haben einen weiten Weg und viele Umstände auf sich genommen, nur um mich zu sehen, da möchte ich ihnen natürlich eine schöne Zeit bieten. Das heißt, dass ich ihnen zumindest meine Aufmerksamkeit schenken muss und mich nicht die Hälfte der Zeit im Schlafzimmer verkriechen kann, auch wenn ich das am liebsten machen würde. Wenn ich jemanden besuche, ist es noch schlimmer, denn dann kommt noch hinzu, dass ich nicht mal in meiner gewohnten Umgebung bin, und das setzt mir über mehrere Tage hinweg zu. Wenn ich Besuch habe, wünsche ich mir spätestens nach ein paar Stunden, dass er wieder abreist, und wenn ich irgendwo zu Gast bin, möchte ich allerspätestens am nächsten Morgen, oft schon am ersten Abend, direkt wieder nach Hause. Egal, wie sehr ich meine Freundinnen mag und wie wohl ich mich in ihrer Gegenwart fühle, wie sehr ich mich auch freue sie zu sehen und Zeit mit ihnen zu verbringen, der Stress, den solche Besuche auslösen, ist einfach enorm.

Und er fängt jedes Mal schon lange im Vorfeld an. Wenn mich jemand besuchen oder einladen möchte, dann freue ich mich zuerst immer und manchmal stimme ich sogar vage zu, ohne gleich einen festen Termin auszumachen. Danach wird es aber auch schon schwierig. In mir baut sich eine immer größer werdende Ablehnung auf. Ich will einfach nicht. Ich bin überfordert, alles ist zu viel. Der bloße Gedanke daran, dass jemand zu mir kommt oder ich irgendwo hinfahren soll und mein gesamter Alltag für mehrere Tage völlig durcheinander gerät, ist schrecklich. Der Gedanke daran, mehrere Tage von morgens bis abends nicht allein sein zu können und die ganze Zeit meine Aufmerksamkeit auf eine andere Person richten zu müssen, löst puren Stress aus. Es ist alles zu viel. Viel zu viel. Ich bin überfordert und werde immer unruhiger und nervöser. Während eines Besuches stauen sich schnell immer mehr negative Gefühle in mir auf, die sich vor allem gegen die andere Person richten. Ich weiß natürlich, dass sie nichts dafür kann und nichts falsch gemacht hat. Es ist einfach meine Überforderung durch die Gesamtsituation. Das macht es aber nicht leichter. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem ich die Abreise überhaupt nicht mehr abwarten kann. Dann muss ich besonders hart mit mir kämpfen, um mir nichts anmerken zu lassen, die negativen Gefühle zu unterdrücken und nichts an meiner Freundin auszulassen. Nach dem Besuch brauche ich immer ziemlich viel Zeit, um mich zu erholen. Ich bin erschöpft und gerädert. Oft dauert es tagelang, bis ich wieder in meinem Rhythmus bin und mich gut fühle. Und das, obwohl die Zeit an sich schön war und wir tolle Gespräche geführt haben und all solche Dinge. Es war bloß zu lang und das Zusammensein zu eng. Meistens findet der Besuch deshalb erst gar nicht statt. Ich spreche das Thema selbst nicht mehr an und wenn die andere Person davon anfängt, wende ich es ab und erkläre, dass es aus diesem oder jenem Grund gerade nicht passt.

Dass ich mich überwinde und einem Besuch endgültig zustimme, passiert wirklich selten und das letzte Mal ist schon zwei Jahre her. Jedes Mal bin ich vollkommen hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, Zeit mit meinen Freundinnen zu verbringen und das Zusammensein mit ihnen zu genießen und der starken inneren Abwehr, die Besuche immer in mir auslösen und gegen die ich einfach nichts machen kann. Das ist schade. Es macht mich traurig. Es tut mir leid, dass ich nicht die Freundin sein kann, die meine Freundinnen verdient hätten. Eine, die sie jederzeit mit offenen Armen und voller ungetrübter Freude aufnimmt. Eine, die gerne ihre Koffer packt und sie besucht, um zu sehen, wie sie inzwischen wohnen und was ihre Lieblingsorte sind. So jemand bin ich aber nicht. Das wird sich nicht ändern. Im Grunde ist es okay. Ich bin so, wie ich bin, und damit komme ich inzwischen wirklich bestens zurecht. Trotzdem möchte ich die, die mir am Herzen liegen, nicht enttäuschen und verletzen und ihnen nicht das Gefühl geben, mit ihnen weniger oder nichts mehr zu tun haben zu wollen. Deshalb würde ich manchmal gerne was ändern, auch wenn ich weiß, dass das nicht geht.