Ich brauche immer einen Plan.

Ich brauche immer einen Plan. Ohne Plan gehe ich nirgendwo hin. Das gilt natürlich ganz besonders für Orte, an denen ich noch nie war und für Dinge, die ich noch nie gemacht habe. Je bekannter der Ort ist, an den ich gehen will oder je öfter ich das, was ich machen werde, schon gemacht habe, umso weniger Zeit muss ich in den Plan investieren. Viele dieser häufig und regelmäßig ausgeführten Pläne laufen vollkommen automatisch ab, ohne dass ich noch darüber nachdenken muss. Die Fahrt zur Arbeit zum Beispiel oder zum Kino oder die Wege zu diversen Supermärkten mitsamt der kompletten Abläufe, die dazugehören. Ich brauche diese Pläne, weil sie mir Sicherheit geben und mich schützen. Neues und Unbekanntes bedeutet für mich in erster Linie jede Menge Stress. Mein Hirn verarbeitet Informationen anders und hat insbesondere damit Schwierigkeiten, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Statt eines Gesamtbildes nehme ich hunderte, tausende von Details wahr, vor allem visuell. Ich sehe also so viel, dass ich von der schieren Informationsflut überwältigt bin und all das gar nicht sortieren kann. Je gewohnter und bekannter etwas ist, umso leichter fällt das Sortieren und umso wohler und sicherer fühle ich mich. Deshalb brauche ich klare Orientierungspunkte, am besten so viele wie möglich. Und so ist das auch bei sozialer Interaktion und beim Erfassen diverser Situationen, in denen ich agieren muss.

Wenn ich an einen neuen Ort reisen und etwas machen muss, das ich noch nie oder noch nicht oft gemacht habe, überlege ich mir vorher also alles ganz genau. Als erstes schaue ich im Internet nach, welche S- und U-Bahnverbindung ich nehmen sollte, überprüfe die Umsteigzeiten und kontrolliere die Umsteigbahnhöfe. Wenn welche dabei sind, die ich nicht kenne, nehme ich lieber eine Bahn früher, um mehr Zeit zum Umsteigen zu haben, weil ich immer damit rechnen muss, mich an fremden Orten zu verlaufen. Ist die Zeit knapp, werde ich schnell sehr unruhig und dann verlaufe ich mich erst recht. Danach finde ich mit Hilfe von Google Maps heraus, wie weit es vom Zielbahnhof zum tatsächlichen Ziel ist. Meistens sind es fünf bis zehn Gehminuten. Ich plane vorsichtshalber eine halbe Stunde ein. Den Weg schreibe ich mir detailliert auf. Ich notiere mir beispielsweise auch Straßennamen auf jeder Seite des Bahnhofs und schreibe dazu, nach welchen ich Ausschau halten und welche ich meiden sollte. In den Bahnhöfen stehen auf den Ausgangsschildern immer ein paar Straßennamen, zu denen die Ausgänge führen. Die muss ich kennen, um zu wissen, welcher der richtige Ausgang ist. Wähle ich den falschen Ausgang, funktioniert meine Wegbeschreibung nicht, ich verliere wertvolle Zeit und riskiere, dass ich panisch werde und mich verlaufe. Da ich bei unbekannten Bahnhöfen nicht wissen kann, welche Straßennamen auf den Schildern stehen, schreibe ich lieber ein paar zu viel auf. Sicher ist sicher. Für das Schreiben der Wegbeschreibung benutze ich die Satellitenbildansicht von Google Maps. Natürlich ist die nicht immer ganz aktuell, aber so kann ich mir trotzdem ein möglichst realistisches Bild der Umgebung machen und bin einfach besser vorbereitet. Für so eine Anreise lässt sich meistens ein ziemlich guter Plan machen und ich fühle mich, trotz aller Aufregung, recht sicher. Ich finde dank meiner genauen Planung fast immer direkt und schnell zum Ziel und bin dann viel zu früh da, sodass ich noch eine Weile die Straße auf und ab laufe oder, wenn alles schön übersichtlich ist, eine Runde oder zwei um den Block gehe.

Am Ziel angekommen ist das Abenteuer aber noch lange nicht geschafft! Denn dann kommt der wirklich schwierige Teil, auf den ich mich nur sehr schwer und sehr ungenau vorbereiten kann. Der Teil mit dem Kontakt zu fremden Menschen, im schlimmsten Fall in einer vollkommen neuen und unbekannten Situation. Der Teil, in dem ich agieren und interagieren muss. Ich überlege mir deshalb im Vorfeld, oft schon einige Tage im Voraus, wie die Situation ablaufen könnte und gehe immer und immer wieder verschiedene Szenarien durch. Wie verhalte ich mich? Was muss ich tun? Was sage ich am besten zuerst? Wie eröffne ich sozusagen die Situation? Wie könnte mein Gegenüber reagieren und wie sollte ich wiederum auf welche Reaktion reagieren? Was ist in dieser Situation angemessen? Was wird wohl erwartet? Wie verhalte ich mich möglichst normal? Manchmal wird mir die Situation erleichtert, weil vor mir noch ein paar andere Menschen sind, die zum Beispiel in einer Schlange warten und ich beobachten kann, was sie machen. Dann kann ich das einfach nachmachen. Oft klappt das aber auch nicht. So war es beispielsweise, als ich nach meinem Umzug in diese Stadt meinen Wohnsitz ummelden musste. Das hatte ich in meinem vorherigen Wohnort schon zweimal gemacht, weil ich erst hingezogen und dann innerhalb des Ortes noch einmal umgezogen war, aber da war es deutlich einfacher als hier. Die Stadt war nicht sehr groß und das Bürgerbüro entsprechend übersichtlich. Ich kam zur Tür herein und stand schon in einer Schlange. Da musste ich nur warten, bis ich an der Reihe war und von einer Sachbearbeiterin aufgerufen wurde. Bis dahin hatte ich nur in kleinen Dörfern gelebt und auch niemals alleine, sondern bei meinen Eltern, deshalb war das zu dieser Zeit schon abenteuerlich genug. Hier, in der Großstadt, war alles etwas komplizierter.

Den richtigen Flur fand ich im Rathaus recht schnell, weil das Bürgeramt bestens ausgeschildert war, aber dann steckte ich schon fest. Der Flur war lang und voller Türen. An den Wänden dazwischen standen Bänke und darauf saßen wartende Menschen. Ich konnte kein System erkennen, nach dem sie dort saßen. Wartete vielleicht jeder an einer bestimmten Tür für ein bestimmtes Anliegen? Es war nicht erkennbar. Auf den kleinen Türschildern standen nur Namen. Eine der Türen war offen. Davor stand ein Aufsteller mit einem Pfeil, der in den Raum wies und auf dem „Passfotos hier“ stand. Ein Passfoto wollte ich nicht machen, also war das nicht gerade hilfreich für mich. Ich lief einmal durch den Flur bis ans Ende und schaute mich genau um, konnte aber keinen Hinweis darauf entdecken, wie ich mich verhalten oder wo ich hingehen sollte. Ich setze mich erst mal auf eine der Bänke und versuchte, durch Beobachtung zu verstehen, was ich tun musste. Es passierte aber nichts. Alle saßen da. Niemand wurde aufgerufen. Ich war verwirrt. Nach einer Weile stand ich auf und verließ das Gebäude wieder. Ich war aufgewühlt und musste mich erst mal wieder beruhigen. Außerdem musste ich nachdenken. Ich beschloss, erst mal um das Rathaus herumzulaufen, denn gehen beruhigt mich und hilft mir beim Denken. Und so konnte ich mich auch nicht verirren. Mein Impuls war eigentlich, sofort wieder nach Hause zu fahren, aber den unterdrückte ich, denn das hätte am Ende überhaupt nicht geholfen und ich wollte das jetzt schaffen. Nach einer Runde um das Gebäude hatte ich mich einigermaßen gesammelt. Ich rief mir das Rathaus, den Eingangsbereich, die Hinweisschilder und den Flur des Bürgeramtes noch mal genau vor Augen und überlegte, welche Optionen ich hatte. Nach einer weiteren Runde fiel mir ein, dass hinter der Eingangstür links ein Empfangsschalter gewesen war und dass dort jemand gesessen hatte. Auf die Idee, ihn zu fragen, was ich tun musste, war ich beim ersten Betreten des Gebäudes gar nicht gekommen. Ich war in meiner Aufregung viel zu sehr darauf fixiert gewesen, gleich das Bürgeramt zu finden.

Gut, also zum Empfangsschalter und nachfragen. Was sollte ich am besten sagen? „Hallo, ich weiß nicht, wie das mit dem Warten im Bürgeramt funktioniert und bin deshalb gerade drei Runden aufgewühlt ums Rathaus gelaufen, können Sie mir helfen?“ Das wäre ehrlich gewesen, schien mir aber dann doch etwas zu viel zu sein. Nach einigem Nachdenken entschied ich mich für „Guten Morgen, ich suche das Bürgeramt.“ Das funktionierte. Der Herr am Empfangsschalter erklärte mir, dass ich in diesen Flur dort einbiegen müsse und dann in den Warteraum gehen solle, das wäre der mit der offenen Tür. Dort müsse ich am Automaten eine Wartenummer ziehen und warten, bis sie am Monitor im Warteraum angezeigt würde. Aha! Die offene Tür führte also gar nicht nur zu einem Passbildautomaten, sondern auch in den Warteraum! Das stand aber nicht auf dem Schild! Da stand nur „Passfotos hier“. Damit hatte ich den Raum gleich als Option für mich abgehakt und nicht weiter beachtet. Was ist das denn auch für eine dumme Beschilderung? Warum schreiben sie nicht auch „Warteraum hier“ auf den Aufsteller? Verwirrend. Vermutlich hätte ich das blöde Schild nicht so wörtlich nehmen sollen. Ich betrat erneut den Flur, diesmal mit einem sicheren Gefühl, ging in den Raum und war wieder verwirrt. Er war groß und voller Menschen und ich sah keinen Automaten. Mein Hirn ratterte. Der Mann am Empfangsschalter hatte doch gesagt, dass der Automat in diesem Raum sei. Er musste irgendwo sein. Es dauerte einige Momente, in denen ich wie angewurzelt in der Tür stand, bis mein Hirn das Gewusel im Warteraum einigermaßen erfasst und geordnet hatte und dann entdeckte ich auch den Automaten hinten in der Ecke. Ich ging hin, zog eine Nummer und ließ mich unfassbar erleichtert auf einen Stuhl fallen.

So oder so ähnlich läuft es in mir unbekannten Situationen an neuen Orten immer ab. Ich lerne natürlich dazu und verbessere ständig meine Strategien zur Vorbereitung und achte auch immer besser auf Hinweise aus meiner Umgebung. Nach Empfangsschaltern halte ich inzwischen zum Beispiel als erstes Ausschau. Es kostet mich zwar immer wieder Überwindung, in einer Stresssituation, und das sind neue Situationen und die Ankunft an neuen Orten für mich immer, auch noch einen fremden Menschen anzusprechen, weil mir das Erfassen von gesprochenen Informationen dann besonders schwer fällt, aber dafür erspare ich mir dadurch weiteren Stress. „Empfangsschalter finden und nachfragen“ ist deshalb ein fester Bestandteil meiner Pläne geworden. Zumindest überall, wo mit einem Empfangsschalter zu rechnen ist.

2 Gedanken zu “Ich brauche immer einen Plan.

  1. Ich mach das mit dem Plan erstellen ähnlich, nur benutze ich nicht zu Hause Maps dafür und schreibe mir das in RL auf, sondern ich guck dann einfach am Bahnhof aufs Smartphone, wo ich hin muss, weil da ja auch Maps drauf ist. Bzw meine Öffi-App, die mir die Verbindungen in Echtzeit anzeigen kann und daher auch viel besser planen kann mit Verspätungen und Umleitungen. Ansonsten denke ich tatsächlich einige Zeit darüber nach, was ich tun muss, damit ich mein Anliegen nicht vergesse und das schreibe ich mir auch manchmal auf. Zum Beispiel beim Arzt hab ich dann einen Post It Zettel dabei, wo alle Sachen draufstehen, die ich von ihm haben will. Ob ich normal wirke, ist mir völlig egal und ob die Leute mich unhöflich finden, auch. Wenn sie ein Problem mit mir haben heißt es ja auch schon „ihr Problem“, nicht meins. Mir ist mein Komfort zu wichtig als dass ich mich damit beschäftigen könnte, was andere denken.

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