Manchmal halte ich mir einfach die Augen zu.

Wie bei vielen Autistinnen und Autisten verarbeitet mein Hirn sensorische Reize nicht so, wie es soll. Was dabei konkret nicht richtig funktioniert, ist der Reizfilter. In jedem Moment prasseln unzählige Reize auf uns ein, und zwar auf uns alle, egal ob autistisch oder nicht. Diese Reize werden aber nicht alle bewusst wahrgenommen, denn das wäre viel zu viel. Zwischen den prasselnden Reizen und der bewussten Wahrnehmung im Hirn ist deshalb ein Filter, der dafür sorgt, dass nur ein kleiner Teil der Reize tatsächlich richtig bei uns ankommt. Der Rest wird einfach ausgeblendet und ignoriert. Was durchkommt, ist das, was der Filter sozusagen für relevant hält. Das kann zum Beispiel die Stimme eines Gesprächspartners sein, die im Gespräch logischerweise eine hohe Relevanz hat, während die Stimmen von anderen sich miteinander unterhaltenden Anwesenden, beispielsweise in einem Restaurant, irrelevant sind. Also weg damit. Ziemlich praktisch, so ein Filter! Wenn er denn richtig arbeitet. Macht er das nicht, dringen viel mehr oder auch viel weniger Reize zu einem durch, als notwendig, und das kann im schlimmsten Fall sogar ein echtes Problem sein.

Bei mir sind es in erster Linie zu viele Reize. Das strengt mich sehr an und sorgt obendrein dafür, dass ich oft nicht so richtig erkennen kann, was eigentlich gerade wichtig ist. Das heißt, ich muss mich in verschiedenen Situationen ziemlich stark konzentrieren, um die mangelnde Funktionalität meines Reizfilters ein bisschen auszugleichen. Das kann man an der genannten Situation mit dem Gespräch im Restaurant ganz gut verdeutlichen. Ich sitze also da und unterhalte mich und um mein Gegenüber und mich herum sitzen noch ein paar andere Menschen, die sich ebenfalls unterhalten. Das höre ich. Die ganze Zeit. Nicht als leises Hintergrundrauschen, sondern sehr klar und deutlich und doch auch undeutlich und wirr, denn ich kann das Ganze nicht sortieren. Es ist ein ziemliches Stimmengewusel und mein Hirn versucht, es zu entwirren und zu verstehen, was da gesagt wird, statt es einfach auszublenden. Das ist kontraproduktiv. Ich will ja verstehen, was mein Gegenüber sagt und nicht, was alle anderen sagen. Also volle Konzentration! Wenn ich mich genug anstrenge, verstehe ich das, was ich verstehen will. Das klappt aber leider nicht immer besonders gut und vor allem nicht besonders lange und es macht auch ziemlich müde. Zu den Gesprächen der anderen Menschen kommen ja auch noch jede Menge andere Reize. Stuhlgerücke, Gläsergeklirr, Besteck- und Geschirrgeklapper, möglicherweise sogar Musik, und das sind nur die Geräusche. All die Reize machen mein Hirn immer voller und voller und je voller es ist, umso schwieriger wird das mit der Konzentration. Das wirkt sich unter Umständen auf alles aus, was ich gerade machen möchte oder müsste. Nach einem Glas greifen zum Beispiel. Mit einem vollen Hirn ist es ziemlich schwierig, meine Bewegungen zu koordinieren. Da stoße ich so ein Glas beim Versuch, es zu greifen, schon mal an oder gar um. Arm und Hand lassen sich einfach nicht mehr so präzise steuern und warum zur Hölle stand das blöde Ding denn so dicht dran, irgendwie habe ich den Abstand ganz anders eingeschätzt. Oder zur Toilette gehen. Wo muss ich noch gleich langlaufen? Ich frage mein Gegenüber zur Sicherheit noch mal und lasse mir den Weg erklären, aber das Zuhören ist mit dem vollen Hirn so schwierig und erst das Merken! Alles entgleitet mir noch im selben Moment, in dem ich es höre. Außerdem kann man den Eingang zum Toilettenbereich von meinem Sitzplatz aus nicht sehen und ich weiß gerade auch gar nicht, wo rechts und wo links ist. Ich laufe trotzdem los, die ungefähre Richtung kenne ich jetzt. Aber wie soll ich den Weg bloß finden, wo ich die ganze, simple Beschreibung schon wieder vergessen habe? Und dann sind da auch noch diese unfassbar vielen visuellen Reize. Die sind für mich noch viel schwerer zu filtern als akustische Reize. So viele Menschen, Tische, Lichter, Bilder an den Wänden, überhaupt, diese ganzen Farben, rumlaufende Servicekräfte, alle bewegen sich irgendwie, überall flackert und flimmert es irgendwie und aua, mein Fuß! Das war wohl ein Stuhlbein. Wo kam das blöde Ding denn plötzlich her, der Stuhl muss mir in den Weg gesprungen sein, der hat sich doch plötzlich materialisiert, ich habe den gar nicht gesehen! Und wo ist die verdammte Tür zu den Toiletten, die muss doch hier irgendwo sein! Okay. Moment. Bleib stehen. Atme durch. Schau dich um. Toiletten sind in Restaurants immer irgendwie ausgeschildert. Beruhige dich. Such nach einem Schild. Nicht bewegen. Bewegen und Schild suchen auf einmal ist gerade zu viel. Das Hirn rattert und rattert und ah! Da ist es ja. So, jetzt einfach ruhig drauf zugehen, durch die Tür, geschafft. Wunderbar. Einen Moment Ruhe. Pause. Das Hirn sich ein bisschen erholen lassen.

In solche Situationen begebe ich mich nicht oft. Nicht mehr. Lange Zeit habe ich überhaupt nicht verstanden, was eigentlich mein Problem ist. Jetzt, da ich weiß, dass ich Autistin bin und mein Hirn deshalb alles ein bisschen anders verarbeitet, eben auch sensorische Reize, ist mir vieles klar. Ich erkenne, woran es hakt und weiß, wie ich mich schützen kann. Dass ich dafür sorgen sollte, dass mein Hirn nicht zu voll wird und wie ich das anstellen kann. Nicht in riesige, volle Restaurants gehen zum Beispiel, vor allem nicht am Samstagabend, wenn dort besonders viel los ist, sondern lieber in kleine, leere, am besten unter der Woche, wenn ohnehin nicht so viele Leute essen gehen. Grundsätzlich gehe ich nämlich total gerne in Restaurants. Es müssen nur die richtigen sein. Natürlich kann ich dort auch ein überfülltes Hirn bekommen, aber nicht so schnell und normalerweise auch nicht so heftig. Ich kann solche Restaurantbesuche oft bis zum Ende genießen und bin nachher bloß ein bisschen erschöpfter als andere Menschen. Dann gönne ich mir danach eben ein wenig Ruhe und alles ist gut. Akustische und vor allem auch visuelle Reize lassen mein Hirn besonders schnell voll werden. Deshalb habe ich, wenn ich es nicht gerade aus lauter Schusseligkeit vergesse, immer meinen MP3-Player und meine Ohrstöpsel dabei, um mich von Geräuschen abzuschirmen und auch eine Sonnenbrille, um alles Sichtbare ein bisschen zu dämmen. Das hilft mir enorm. Und trotzdem komme ich immer wieder in Situationen, in denen alles zu viel ist. Denn jeder Tag ist anders. An manchen kann ich viel mehr aushalten als an anderen und wie der Tag wird, kann ich vorher nicht wissen. Ich schaffe es auch nicht, jeden Tag aufmerksam genug mit mir zu sein. Es kommt immer wieder vor, dass mich übernehme und dann ziemlich plötzlich, in aller Regel auf dem Heimweg, ziemlich heftig merke, dass das jetzt aber wirklich zu viel war und ich eigentlich umgehend irgendwo sein sollte, wo es still und dunkel ist, weil ich gar nichts mehr aushalten kann. Leider hat bisher noch niemand das Beamen entwickelt, was in so einer Situation echt praktisch wäre, deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als über die normalen Wege nach Hause zu kommen, und das sind in meinem Fall öffentliche Verkehrsmittel. Die sind natürlich alles andere als ideal, wenn man gerade Stille und Dunkelheit braucht und oft reichen Ohrstöpsel und Sonnenbrille in solchen Extremsituationen nicht. Und so kommt es dann, dass ich mir manchmal einfach die Augen zuhalte, mit beiden Händen, ganz fest, sodass nur noch winzigste Lichtpartikelchen durch meine geschlossenen und abgeschirmten Lider dringen können. Dann kann mein Hirn sich ein wenig erholen und genug Platz schaffen, um mich sicher nach Hause zu steuern.

Routinen.

Ich habe einige davon. Manche sind klein, manche sind groß, manche sind täglich, andere wöchentlich und wieder andere an bestimmte Situationen geknüpft, die nicht unbedingt regelmäßig auftreten, einige sind sehr detailliert festgelegt, andere sind eher lose umrissen, den einen gehe ich ganz alleine nach, den anderen zusammen mit meinem Mann, manche entwickeln sich ganz von selbst und manche muss ich mir hart erarbeiten, einige sind zeitlich völlig ungebunden, viele sind mit bestimmten Tageszeiten verknüpft und manche sogar mit bestimmten Uhrzeiten, sie sind alle unterschiedlich und haben eines gemeinsam: sie tun mir unheimlich gut.

Routinen haben immer irgendwelche Funktionen und die sind ganz unterschiedlich. Sie lassen sich bei mir aber nach ihren Funktionen grob in zwei Kategorien einteilen. Zum einen gibt es die, die mir bei der Bewältigung des Alltags helfen. Das sind oft auch gleichzeitig die, die ich mir mehr oder weniger hart erarbeiten muss. Sie helfen mir, festzulegen, was ich wann erledigen muss und geben mir gleichzeitig vor, wie es zu erledigen ist, indem sie Schritt für Schritt und in einer festen Reihenfolge mit immer gleichem Ablauf bestimmen, was genau zu tun ist. Das betrifft beispielsweise meinen wöchentlichen Wohnungsgroßputz. Damit er zuverlässig funktioniert, habe ich außerdem einen bestimmten Wochentag festgelegt, an dem er immer stattfindet. Es ist immer der Sonntag. Was auch wichtig ist, ist die Einbettung in andere Tätigkeiten. Angefangen wird immer nach dem Frühstück und im Anschluss an die Großputzaktion wird geduscht. An diesem Ablauf gibt es nichts zu rütteln und auch das Putzen und Aufräumen selbst sind klar aufgebaut und strukturiert. Solche Routinen muss ich streng und diszipliniert einhalten, sonst komme ich aus dem Takt, verliere den Überblick, kann die Aufgaben nicht mehr erledigen und versinke schließlich im Chaos. Das will ich nicht. Ich brauche meine saubere, aufgeräumte Wohnung. Ich brauche meine Regelmäßigkeiten. Chaos macht mich nervös und gereizt, bis es Überhand nimmt und mich lähmt. Dann überhaupt wieder tätig zu werden und sogar die Ordnung wieder herzustellen, kostet immens viel Kraft und Zeit. Ich muss die verlorene, aber so wichtige Routine dann mühsam Stück für Stück wieder aufbauen, bis sie endlich wieder funktioniert. Es ist viel leichter, einfach in meinem Rhythmus zu bleiben und die Routinen auszuführen. Sie laufen dann so angenehm und flüssig vor sich hin, dass es sich durch und durch gut und richtig anfühlt, sogar bei Aufgaben, die ich im Grunde gar nicht gerne erledige. Ich habe zwar gerne eine aufgeräumte und saubere Wohnung, aber aufräumen und putzen macht mir, wie wohl den meisten Menschen, nicht gerade Spaß. Dadurch, dass ich mir diese Aufgaben inzwischen als Routinen erarbeitet habe, bekomme ich sie trotzdem sehr leicht hin und sie gehören vollkommen selbstverständlich dazu. Es fühlt sich einfach falsch an, sie nicht auszuführen und wunderbar richtig, es zu tun. Es war nicht ganz leicht, bis zu diesem Punkt zu kommen, aber es hat sich absolut gelohnt und es geht mir fabelhaft damit.

Zum anderen gibt es dann natürlich auch noch die Routinen, die ich aus purer Freude und nur zum Spaß habe. Das sind auch die, die sich einfach so von selbst entwickeln und einpendeln. Dazu gehört zum Beispiel, jeden Donnerstagabend mit meinem Mann in die Sneak Preview zu gehen oder jeden Sonntag Kuchen zu backen, der dann besonders am Montag, aber auch an den darauf folgenden Tagen, das Frühstück versüßt. Mein täglicher Körperpflegevorgang läuft auch immer nach demselben Skript ab, obwohl es dafür natürlich keine objektive Notwendigkeit gibt. Es ist für den Vorgang an sich egal, welches Bein ich zuerst rasiere und wie ich genau dabei vorgehe oder ob ich das Handtuch bereit lege, bevor ich den Boiler einschalte oder danach. Aber ich genieße es sehr, diese Dinge immer und immer wieder auf dieselbe Art und Weise und in einer festen Reihenfolge zu erledigen. Es fühlt sich einfach gut und richtig an und macht mir Spaß. Und es gibt selbstverständlich auch viele banale Kleinigkeiten, wie beispielsweise das allmorgendliche Nachlesen meiner Twitter-Timeline nach dem Aufwachen. Diese Routine werde ich natürlich anpassen müssen, wenn meine momentane Auszeit vorbei ist und die Ausbildung beginnt, aber das ist zum Glück keine große Sache, da ich ja weiß, wie es ist, wenn ich morgens früh raus muss und nur ein gewisses Zeitkontingent habe. Für dieses Szenario gibt es bereits eine bestimmte, mehrschrittige und an genaue Uhrzeiten geknüpfte Morgenroutine, die sich irgendwann mal entwickelt hatte und ganz sicher schnell wieder einfinden wird.

Wenn ich in meinen Routinen gestört werde, löst das unterschiedliche Gefühle aus, je nachdem, wie groß und wichtig die Routine ist, und sie sind alle negativ. Das reicht von leichtem Unmut oder Verwirrung über latent schlechte Laune und unterschiedlich stark ausgeprägten Stress bis hin zu Lähmung und regelrechter Wut. Aber nicht nur die Art und Wichtigkeit der Routine selbst spielt bei meinem Umgang mit einer Störung eine Rolle, sondern auch  wann, wie, von wem und warum sie gestört wird. Wenn ich einige Tage oder besser sogar Wochen im Voraus weiß, dass ich für einen oder wenige Tage das eine oder andere umstrukturieren muss und nicht alles so ablaufen kann, wie ich es gewohnt bin, komme ich insgesamt recht gut damit zurecht. Trotzdem dauert es meistens einige Tage, bis ich mich an den Gedanken gewöhnt habe, dass ich umdisponieren muss und mich schließlich einigermaßen damit angefreundet habe. Oft bleibt ein bisschen Unmut bis zum Schluss. Meistens reagiere ich erst mal, zumindest innerlich, mit Abwehr. Wie gut und leicht ich sie überwinden kann, ist unterschiedlich. Kurzfristige Änderungen können mir wirklich schwer zu schaffen machen. Wenn ich selbst für Abweichungen verantwortlich bin, ist es viel leichter, als wenn andere es sind. Stört mich jemand in meinen Routinen, kann ich wirklich aufgewühlt und wütend werden. Und schließlich ist es natürlich auch deutlich einfacher, wenn der Grund für die Abweichung ein schöner ist, als wenn es ein unangenehmer ist. Für ein Essen in einem Restaurant, auf das ich mich freue, kann ich meine Essroutinen ziemlich gut für einen Tag ändern, für einen Zahnarztbesuch ist das wesentlich unangenehmer.

Meine Routinen geben mir jede Menge Sicherheit und Orientierung, Struktur und Ordnung. Ich brauche sie, um zu wissen, was ich wann und wie tun muss. Und sie machen mir wirklich sehr viel Spaß. Ich finde es wunderbar, Dinge immer wieder auf dieselbe Art und Weise zu tun. Das ist wie ein Tanz, wie eine Choreographie, alles ist aufeinander abgestimmt und fließt harmonisch vor sich hin, die einzelnen Schritte und Bewegungen sind festgelegt und müssen einfach nur im richtigen Tempo und Rhythmus ausgeführt werden. Sauber und routiniert mit einer ganz eigenen Klarheit und Ästhetik.

Alleinsein ist toll.

Wirklich, ich bin total gerne allein! Ich brauche keine Menschen um mich herum, keine Gesellschaft. Ich kann wochenlang ganz alleine sein und mit niemandem sprechen, ohne irgendwas zu vermissen. Während meines Bachelorstudiums in meinem Einzelappartement im Studentenwohnheim hatte ich solche Phasen in den Semesterferien immer wieder, und ich habe sie sehr genossen. Meine Tagesabläufe waren wunderbar routiniert und nichts und niemand hat irgendwas durcheinander gebracht. Ich genieße es, ganz in meinem eigenen Rhythmus zu sein und mich nur nach mir zu richten. Je mehr ich in diesen Rhythmus hineinfinde, umso störender sind Einflüsse von außen und umso genussvoller ist das Alleinsein für mich. Ich könnte wunderbar irgendwo fernab der Zivilisation als Selbstversorgerin leben und wäre glücklich. Dazu müsste ich natürlich wissen, wie man so ein Selbstversorgerleben konkret angeht, aber es zu führen wäre auf jeden Fall fabelhaft und ich hätte immer was Sinnvolles zu tun. Einfach so vor mich hin meine Aufgaben zu erledigen, in meinem Tempo und auf meine Art, das ist genau mein Ding. Das Alleinsein gibt mir so viel Ruhe und Energie und lässt mich so sehr ich sein. Außerdem kann ich mich bestens allein beschäftigen, das konnte ich schon als Kind. Spielkameraden hatte ich zwar, aber ich brauchte sie eigentlich nicht und oft passten sie auch überhaupt nicht zu meinem Spiel. Alleine konnte ich meistens viel besser spielen und mit anderen im Grunde nur dann richtig gut, wenn sie mein Spiel mitspielten. Die meiste Zeit verbrachte ich allein und das war auch immer die schönste, angenehmste und interessanteste Zeit für mich. Und ich bin immer noch am zufriedensten, wenn ich ganz für mich sein kann. Ich liebe es, einfach dazusitzen oder dazuliegen und mein Hirn laufen zu lassen. Ich denke gerne und viel nach, über alles Mögliche, lasse mich mal einfach so treiben oder suche gezielt nach Antworten und Lösungen. Irgendwas ist in meinem Hirn immer los. Mir wird nicht langweilig. Manchmal sitze oder liege ich auch einfach so da und höre Musik. Musik ist für mich kein Hintergrundgeräusch. Im Hintergrund hat sie bei mir eigentlich gar nichts zu suchen, da stört sie nur. Ich mache immer nur eine Sache auf einmal, sonst wird mir das zu viel. Musik zu hören ist für mich eine eigenständige, vollkommen ausfüllende Beschäftigung. Ich höre auf den Text, auf die einzelnen Instrumente, auf verschiedene, wiederkehrende Fragmente eines Liedes oder einfach nur auf das Gefühl und die Stimmung, die es mir vermittelt. Dabei bleibe ich dann oft auch nicht mehr sitzen oder liegen, sondern springe und tanze durch die Wohnung. Ich kann stundenlang lesen, wenn mich etwas fesselt und eine Serienfolge nach der anderen schauen. Ich finde es großartig, von Geschichten regelrecht eingesaugt zu werden. Ich kann mich wunderbar mit mir selbst und mit Dingen, die ich mag, beschäftigen, ohne etwas zu vermissen. Ohne Gesellschaft zu vermissen. Ich brauche keine Gesellschaft. Ich bin viel lieber allein als unter Menschen. Ich muss mit niemandem reden und habe nicht das Bedürfnis, jemanden zu sehen oder mich mit jemandem zu treffen. Ich genüge mir selbst. Die Menschen, die in meinem Leben eine Rolle spielen tun das, weil ich sie mag und sie mir am Herzen liegen, nicht weil ich Menschen in meinem Leben brauche. Einsam fühle ich mich im Alleinsein nie. Einsam fühle ich mich, wenn ich zu viel unter Menschen bin. Ich bekomme dann immer viel zu sehr zu spüren, wie fremd und fehl am Platz ich mich in ihrer Gegenwart fühle, wie nicht-zugehörig. Am liebsten bin ich so viel wie möglich allein. Interessanterweise klappt das Zusammenleben mit meinem Mann trotzdem bestens. Wir haben in vielem einen gemeinsamen Rhythmus und ansonsten kann ich mir meinen eigenen einpendeln. Seine Anwesenheit stört mich nicht, im Gegenteil, ich genieße sie. Wir können vieles wunderbar zusammen machen und genauso gut beide in einem Raum sitzen und trotzdem jeder mit seiner Beschäftigung ganz für sich sein. Gemeinsames, einträchtiges Alleinsein, sozusagen. Das gibt mir den Freiraum und die Ruhe, die ich brauche.

Ich brauche immer einen Plan.

Ich brauche immer einen Plan. Ohne Plan gehe ich nirgendwo hin. Das gilt natürlich ganz besonders für Orte, an denen ich noch nie war und für Dinge, die ich noch nie gemacht habe. Je bekannter der Ort ist, an den ich gehen will oder je öfter ich das, was ich machen werde, schon gemacht habe, umso weniger Zeit muss ich in den Plan investieren. Viele dieser häufig und regelmäßig ausgeführten Pläne laufen vollkommen automatisch ab, ohne dass ich noch darüber nachdenken muss. Die Fahrt zur Arbeit zum Beispiel oder zum Kino oder die Wege zu diversen Supermärkten mitsamt der kompletten Abläufe, die dazugehören. Ich brauche diese Pläne, weil sie mir Sicherheit geben und mich schützen. Neues und Unbekanntes bedeutet für mich in erster Linie jede Menge Stress. Mein Hirn verarbeitet Informationen anders und hat insbesondere damit Schwierigkeiten, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Statt eines Gesamtbildes nehme ich hunderte, tausende von Details wahr, vor allem visuell. Ich sehe also so viel, dass ich von der schieren Informationsflut überwältigt bin und all das gar nicht sortieren kann. Je gewohnter und bekannter etwas ist, umso leichter fällt das Sortieren und umso wohler und sicherer fühle ich mich. Deshalb brauche ich klare Orientierungspunkte, am besten so viele wie möglich. Und so ist das auch bei sozialer Interaktion und beim Erfassen diverser Situationen, in denen ich agieren muss.

Wenn ich an einen neuen Ort reisen und etwas machen muss, das ich noch nie oder noch nicht oft gemacht habe, überlege ich mir vorher also alles ganz genau. Als erstes schaue ich im Internet nach, welche S- und U-Bahnverbindung ich nehmen sollte, überprüfe die Umsteigzeiten und kontrolliere die Umsteigbahnhöfe. Wenn welche dabei sind, die ich nicht kenne, nehme ich lieber eine Bahn früher, um mehr Zeit zum Umsteigen zu haben, weil ich immer damit rechnen muss, mich an fremden Orten zu verlaufen. Ist die Zeit knapp, werde ich schnell sehr unruhig und dann verlaufe ich mich erst recht. Danach finde ich mit Hilfe von Google Maps heraus, wie weit es vom Zielbahnhof zum tatsächlichen Ziel ist. Meistens sind es fünf bis zehn Gehminuten. Ich plane vorsichtshalber eine halbe Stunde ein. Den Weg schreibe ich mir detailliert auf. Ich notiere mir beispielsweise auch Straßennamen auf jeder Seite des Bahnhofs und schreibe dazu, nach welchen ich Ausschau halten und welche ich meiden sollte. In den Bahnhöfen stehen auf den Ausgangsschildern immer ein paar Straßennamen, zu denen die Ausgänge führen. Die muss ich kennen, um zu wissen, welcher der richtige Ausgang ist. Wähle ich den falschen Ausgang, funktioniert meine Wegbeschreibung nicht, ich verliere wertvolle Zeit und riskiere, dass ich panisch werde und mich verlaufe. Da ich bei unbekannten Bahnhöfen nicht wissen kann, welche Straßennamen auf den Schildern stehen, schreibe ich lieber ein paar zu viel auf. Sicher ist sicher. Für das Schreiben der Wegbeschreibung benutze ich die Satellitenbildansicht von Google Maps. Natürlich ist die nicht immer ganz aktuell, aber so kann ich mir trotzdem ein möglichst realistisches Bild der Umgebung machen und bin einfach besser vorbereitet. Für so eine Anreise lässt sich meistens ein ziemlich guter Plan machen und ich fühle mich, trotz aller Aufregung, recht sicher. Ich finde dank meiner genauen Planung fast immer direkt und schnell zum Ziel und bin dann viel zu früh da, sodass ich noch eine Weile die Straße auf und ab laufe oder, wenn alles schön übersichtlich ist, eine Runde oder zwei um den Block gehe.

Am Ziel angekommen ist das Abenteuer aber noch lange nicht geschafft! Denn dann kommt der wirklich schwierige Teil, auf den ich mich nur sehr schwer und sehr ungenau vorbereiten kann. Der Teil mit dem Kontakt zu fremden Menschen, im schlimmsten Fall in einer vollkommen neuen und unbekannten Situation. Der Teil, in dem ich agieren und interagieren muss. Ich überlege mir deshalb im Vorfeld, oft schon einige Tage im Voraus, wie die Situation ablaufen könnte und gehe immer und immer wieder verschiedene Szenarien durch. Wie verhalte ich mich? Was muss ich tun? Was sage ich am besten zuerst? Wie eröffne ich sozusagen die Situation? Wie könnte mein Gegenüber reagieren und wie sollte ich wiederum auf welche Reaktion reagieren? Was ist in dieser Situation angemessen? Was wird wohl erwartet? Wie verhalte ich mich möglichst normal? Manchmal wird mir die Situation erleichtert, weil vor mir noch ein paar andere Menschen sind, die zum Beispiel in einer Schlange warten und ich beobachten kann, was sie machen. Dann kann ich das einfach nachmachen. Oft klappt das aber auch nicht. So war es beispielsweise, als ich nach meinem Umzug in diese Stadt meinen Wohnsitz ummelden musste. Das hatte ich in meinem vorherigen Wohnort schon zweimal gemacht, weil ich erst hingezogen und dann innerhalb des Ortes noch einmal umgezogen war, aber da war es deutlich einfacher als hier. Die Stadt war nicht sehr groß und das Bürgerbüro entsprechend übersichtlich. Ich kam zur Tür herein und stand schon in einer Schlange. Da musste ich nur warten, bis ich an der Reihe war und von einer Sachbearbeiterin aufgerufen wurde. Bis dahin hatte ich nur in kleinen Dörfern gelebt und auch niemals alleine, sondern bei meinen Eltern, deshalb war das zu dieser Zeit schon abenteuerlich genug. Hier, in der Großstadt, war alles etwas komplizierter.

Den richtigen Flur fand ich im Rathaus recht schnell, weil das Bürgeramt bestens ausgeschildert war, aber dann steckte ich schon fest. Der Flur war lang und voller Türen. An den Wänden dazwischen standen Bänke und darauf saßen wartende Menschen. Ich konnte kein System erkennen, nach dem sie dort saßen. Wartete vielleicht jeder an einer bestimmten Tür für ein bestimmtes Anliegen? Es war nicht erkennbar. Auf den kleinen Türschildern standen nur Namen. Eine der Türen war offen. Davor stand ein Aufsteller mit einem Pfeil, der in den Raum wies und auf dem „Passfotos hier“ stand. Ein Passfoto wollte ich nicht machen, also war das nicht gerade hilfreich für mich. Ich lief einmal durch den Flur bis ans Ende und schaute mich genau um, konnte aber keinen Hinweis darauf entdecken, wie ich mich verhalten oder wo ich hingehen sollte. Ich setze mich erst mal auf eine der Bänke und versuchte, durch Beobachtung zu verstehen, was ich tun musste. Es passierte aber nichts. Alle saßen da. Niemand wurde aufgerufen. Ich war verwirrt. Nach einer Weile stand ich auf und verließ das Gebäude wieder. Ich war aufgewühlt und musste mich erst mal wieder beruhigen. Außerdem musste ich nachdenken. Ich beschloss, erst mal um das Rathaus herumzulaufen, denn gehen beruhigt mich und hilft mir beim Denken. Und so konnte ich mich auch nicht verirren. Mein Impuls war eigentlich, sofort wieder nach Hause zu fahren, aber den unterdrückte ich, denn das hätte am Ende überhaupt nicht geholfen und ich wollte das jetzt schaffen. Nach einer Runde um das Gebäude hatte ich mich einigermaßen gesammelt. Ich rief mir das Rathaus, den Eingangsbereich, die Hinweisschilder und den Flur des Bürgeramtes noch mal genau vor Augen und überlegte, welche Optionen ich hatte. Nach einer weiteren Runde fiel mir ein, dass hinter der Eingangstür links ein Empfangsschalter gewesen war und dass dort jemand gesessen hatte. Auf die Idee, ihn zu fragen, was ich tun musste, war ich beim ersten Betreten des Gebäudes gar nicht gekommen. Ich war in meiner Aufregung viel zu sehr darauf fixiert gewesen, gleich das Bürgeramt zu finden.

Gut, also zum Empfangsschalter und nachfragen. Was sollte ich am besten sagen? „Hallo, ich weiß nicht, wie das mit dem Warten im Bürgeramt funktioniert und bin deshalb gerade drei Runden aufgewühlt ums Rathaus gelaufen, können Sie mir helfen?“ Das wäre ehrlich gewesen, schien mir aber dann doch etwas zu viel zu sein. Nach einigem Nachdenken entschied ich mich für „Guten Morgen, ich suche das Bürgeramt.“ Das funktionierte. Der Herr am Empfangsschalter erklärte mir, dass ich in diesen Flur dort einbiegen müsse und dann in den Warteraum gehen solle, das wäre der mit der offenen Tür. Dort müsse ich am Automaten eine Wartenummer ziehen und warten, bis sie am Monitor im Warteraum angezeigt würde. Aha! Die offene Tür führte also gar nicht nur zu einem Passbildautomaten, sondern auch in den Warteraum! Das stand aber nicht auf dem Schild! Da stand nur „Passfotos hier“. Damit hatte ich den Raum gleich als Option für mich abgehakt und nicht weiter beachtet. Was ist das denn auch für eine dumme Beschilderung? Warum schreiben sie nicht auch „Warteraum hier“ auf den Aufsteller? Verwirrend. Vermutlich hätte ich das blöde Schild nicht so wörtlich nehmen sollen. Ich betrat erneut den Flur, diesmal mit einem sicheren Gefühl, ging in den Raum und war wieder verwirrt. Er war groß und voller Menschen und ich sah keinen Automaten. Mein Hirn ratterte. Der Mann am Empfangsschalter hatte doch gesagt, dass der Automat in diesem Raum sei. Er musste irgendwo sein. Es dauerte einige Momente, in denen ich wie angewurzelt in der Tür stand, bis mein Hirn das Gewusel im Warteraum einigermaßen erfasst und geordnet hatte und dann entdeckte ich auch den Automaten hinten in der Ecke. Ich ging hin, zog eine Nummer und ließ mich unfassbar erleichtert auf einen Stuhl fallen.

So oder so ähnlich läuft es in mir unbekannten Situationen an neuen Orten immer ab. Ich lerne natürlich dazu und verbessere ständig meine Strategien zur Vorbereitung und achte auch immer besser auf Hinweise aus meiner Umgebung. Nach Empfangsschaltern halte ich inzwischen zum Beispiel als erstes Ausschau. Es kostet mich zwar immer wieder Überwindung, in einer Stresssituation, und das sind neue Situationen und die Ankunft an neuen Orten für mich immer, auch noch einen fremden Menschen anzusprechen, weil mir das Erfassen von gesprochenen Informationen dann besonders schwer fällt, aber dafür erspare ich mir dadurch weiteren Stress. „Empfangsschalter finden und nachfragen“ ist deshalb ein fester Bestandteil meiner Pläne geworden. Zumindest überall, wo mit einem Empfangsschalter zu rechnen ist.

Eine Autistin im Callcenter.

Was, eine Autistin im Callcenter? Passt das denn?

Nein, eigentlich passt das eher nicht. Zumindest bei vielen nicht. Bei mir sogar ganz besonders nicht. Also, ehrlich gesagt, es war wirklich absolut furchtbar. Drei Jahre lang habe ich das jetzt gemacht. Die ersten beiden Jahre waren noch halbwegs okay, weil der Job nur mein Nebenjob war, mit dem ich mir das Masterstudium finanziert habe. 10 Stunden die Woche, verteilt auf drei Tage, immer drei bis höchstens vier Stunden am Stück. Gehasst habe ich es trotzdem die ganze Zeit, aber einen anderen Job gefunden habe ich auch nicht und ich dachte mir, ach, die zwei Jahre, die paar Stunden, das geht schon. Dann war ich mit dem Studium fertig und hatte noch keine Stelle gefunden, also blieb ich erst mal im Callcenter und erhöhte die Stundenzahl, denn ich brauchte mehr Geld. 30 Stunden pro Woche. Es war absolut zu viel. Nach neun Monaten reduzierte ich meine Arbeitszeit auf 20 Wochenstunden, trotz der finanziellen Einbußen. Das brachte Erleichterung, war aber immer noch zu viel.

Alles war zu viel. Die unfassbar vielen Geräusche, die Hektik, der Zeitdruck, die Unbeständigkeit was den Arbeitsplatz anging und natürlich die permanenten Telefonate. All das hat mich völlig ausgezehrt. Jeden Abend war ich vollkommen erschöpft. Die Fahrt nach Hause mit S- und U-Bahn war oft kaum zu schaffen. Ich war ständig in einem Zustand der Überlastung. Und das, obwohl es viele Punkte gab, die mir bei dieser Arbeit sogar entgegen kamen oder die zumindest dafür gesorgt haben, dass dieses Callcenter um einiges erträglicher für mich war als es die meisten Callcenter gewesen wären.

Die Firma war ein externer Dienstleister und fungierte als Telefonzentrale, externes Sekretariat, Bestellannahme usw. für verschiedene kleinere Unternehmen, je nachdem, was die eben so brauchten. Von diesen Unternehmen gab es immer ganz klare, eindeutige Anweisungen, wie mit den verschiedenen Anliegen der Anrufer zu verfahren sei. Die Anweisungen waren immer nach demselben Schema aufgebaut und in sehr übersichtlich strukturierten Unternehmensprofilen festgehalten. Ging ein Anruf ein, öffnete sich am Computer ein Fenster mit dem jeweiligen Profil, inklusive eines Satzes zur Annahme des Gesprächs. Was in welcher Situation zu tun war, war gut ersichtlich. Die Optionen zur Anrufbearbeitung waren dabei im Großen und Ganzen nicht besonders vielfältig. Nach relativ kurzer Zeit hatte man alles schon mehrfach erlebt und erledigt und dann war im Grunde alles nur noch Wiederholung.

Die Arbeit an sich war also klar strukturiert und schematisch vorgegeben. Wir Callcenter-Agents wurden in kleinen Gruppen und auch einzeln intensiv geschult und auf alles Mögliche vorbereitet. Das Trainerteam ging mit uns die verschiedensten Situationen detailliert durch und erklärte uns, wann wir uns wie verhalten mussten, wie wir auf was reagieren sollten und wie wir welche Gespräche am besten führen sollten. Vor allem wurden auch besonders schwierige und stressige Situationen genau erläutert. Wir lernten sehr gründlich, worauf wir achten mussten und wie wir mit was umgehen konnten.

Und trotzdem stand ich permanent unter Strom. Wenn das Telefon klingelte, wusste ich nie, was auf mich zukommen würde. Was würde der Anrufer wollen? Wie würde seine Stimmung sein? Und vor allem: Würde ich wirklich schnell genug erfassen, wie ich handeln muss? Würde ich es schaffen, kompetent zu wirken und das Gespräch souverän zu führen? Gespräche mit Fremden, vor allem am Telefon, sind für mich sehr schwierig. Menschen sind so unberechenbar und viele Informationen, die sie senden, vor allem die nonverbalen, kommen bei mir unvollständig oder gar nicht an. Ich war also ständig hochkonzentriert und wachsam, um möglichst viel von dem mitzubekommen und zu verstehen, was der Mensch am anderen Ende der Leitung wollte und gleichzeitig schnell und genau zu erfassen, welche Informationen aus dem Unternehmensprofil dafür relevant sind, um zu wissen, welche Anweisungen ich konkret umsetzen musste. Aus der Schulung zu wissen, wann ich wie reagieren und wann ich was tun musste, war eben nur das eine. Viel schwieriger war es, zu erfassen, in welcher konkreten Situation ich mich gerade befand. Meistens war die Situation an sich dann ganz einfach, aber das musste ich ja erst mal herausfinden, und zwar schnell, sozusagen in Echtzeit. Mein Hirn lief die ganze Zeit auf Hochtouren, um alles in Höchstgeschwindigkeit zu verarbeiten, während es um mich herum laut und unruhig war. Überall klapperten Tastaturen, sprachen und bewegten sich Kolleginnen und Kollegen, knarzten Bürostühle und leuchteten Computerbildschirme. In diesem Wirrwarr fokussiert zu bleiben und ein zielgerichtetes, professionelles Telefonat nach dem anderen zu führen, war unfassbar schwierig und kräftezehrend. Da halfen mir all die klaren, vorgegebenen Strukturen und die Gleichförmigkeit der Gespräche nur wenig. Sie waren vielmehr die Rahmenbedingungen, die dafür sorgten, dass ich überhaupt in der Lage war, diese Arbeit zu erledigen. Mit jedem Telefonklingeln und jedem Gespräch wurde es schwieriger, denn ich wurde von Mal zu Mal erschöpfter. Die erste Stunde war meist noch ganz in Ordnung, danach fiel mir jeder Prozess in meinem Hirn von Telefonat zu Telefonat schwerer, bis ich am Feierabend vollkommen gerädert war. Immer, wenn in meinem Headset das Signal für einen eingehenden Anruf ertönte und sich das Profil des jeweiligen Unternehmens öffnete, erschrak ich, wollte das Telefon aus dem Fenster werfen und nur noch rennen, so weit weg wie möglich. Aber ich drückte pflichtbewusst jedes Mal auf den grünen Knopf und kämpfte mich durch.

Absurderweise war ich sogar wirklich gut in diesem Job. Die Leistungen der Callcenter-Agents wurden quantitativ durch eine Software gemessen und qualitativ durch Feedbacks der Unternehmen, für die wir die Anrufe annahmen. Dabei kam ich sehr gut weg, so gut, dass ich sogar monatliche Bonuszahlungen bekam. Ich vermute, das lag daran, dass ich immer mit voller Konzentration bei der Sache war und eine sehr zielgerichtete und trotzdem freundliche Art hatte, die Gespräche zu führen. Kompetent und freundlich klingen, das hatte ich bei meinem Radiojob während des Bachelorstudiums gelernt. Mein Chef dort war ein sehr guter Sprechlehrer. Und zielgerichtete, klare und einfache Gespräche zu führen, das war das, was mir einfach am logischsten und sinnvollsten erschien. Plaudern ist einfach nicht mein Ding. Aber meine guten Leistungen nahmen mir den Stress und den Druck nicht. Ich war ja nur so gut, weil ich mich vor lauter Stress und Druck so anstrengte. Weil ich die ganze Zeit Unmengen an Energie dafür aufbrachte, meine Schwächen zu kompensieren. Weil mein Hirn deshalb durchgehend auf voller Leistung lief.

Jeder Arbeitstag in diesem Job war ein dauerhaftes Überschreiten der Grenzen meiner Belastbarkeit in verschiedenen Bereichen. Es war einer der falschesten Jobs, die ich mir hätte suchen können. Als ich mich darauf bewarb, brauchte ich einfach schnell irgendeine Arbeit und bewarb mich deshalb auf jeden Minijob, den ich finden konnte. Ich wusste damals noch nicht, dass ich Autistin bin. Ich wusste nicht, welcher Belastung ich mich da aussetzen würde. Ich hatte etwas Angst vor dem vielen Telefonieren, weil ich das nicht mochte, aber ich wusste nicht, woran das lag, also dachte ich, dass ich das schon lerne und mich daran gewöhne. Was gelernt habe ich auch, aber vor allem war ich die ganze Zeit überfordert. Das ist jetzt vorbei. Ich habe es viel zu lange ausgehalten. Und in so eine Situation werde ich mich ganz bestimmt nie wieder manövrieren.