Ein Anfang.

Im September beginne ich also eine Ausbildung. Das wird sicher seltsam. Erstens, weil es etwas vollkommen anderes sein wird als das, was ich mir für meine berufliche Zukunft immer vorgestellt habe. Zweitens, weil ich vermutlich ein ganzes Stück älter bin als die anderen. Ich bin nämlich nicht 18, wie die meisten Menschen, wenn sie eine Ausbildung beginnen, sondern 26 und werde sogar kurz nach Ausbildungsbeginn 27. Drittens, weil ich bereits ein abgeschlossenes Studium habe. Mit Master. In Linguistik. Und dann erlerne ich also tatsächlich so einen richtigen Beruf. Ich fange noch mal ganz von vorne an.

Warum? Ich bin Autistin. Das ist für mich auf der einen Seite vollkommen normal, denn mit Autismus wird man geboren. Auf der anderen Seite ist es aber auch noch recht neu für mich, denn die Diagnose habe ich erst vor noch nicht mal einem Jahr bekommen. Es ist jetzt knapp zwei Jahre her, da fing ich an, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich hatte auf Twitter irgendwas darüber gelesen und es interessierte mich, also durchforstete ich das Internet. Ich las und las und las und es ließ mich einfach nicht mehr los. Da war so viel, das ich kannte! So viel, in dem ich mich wiederfand! Es war überraschend, ein wenig beängstigend und vor allem faszinierend. Ich dachte wahnsinnig viel nach: über mich, mein Verhalten, mein Denken und Fühlen, meine Vergangenheit, meine Gegenwart, meine Schwierigkeiten und Probleme, und es ergab plötzlich alles einen Sinn. Ich erkannte jede Menge Muster und Zusammenhänge und begann, vieles zu begreifen, das mir immer unklar gewesen war. Es war erleichternd und befreiend. Und weil ich schließlich wissen wollte, ob ich mit dem Verdacht, dass ich Autistin sein könnte, richtig lag, wandte ich mich an eine Autismus-Ambulanz, die sich auf erwachsene, bisher unerkannte Autisten spezialisiert hat. Es dauerte einige Monate, bis ich mich anmelden konnte und dann noch ein paar weitere, bis die Diagnostik tatsächlich begann, aber einen ganzen Ordner voller Fragebögen und viele Gesprächsstunden mit einem Neurologen und einer Psychologin später hielt ich ein ausführliches Schreiben in der Hand, das mir die Diagnose Autismus bescheinigte.

Mit all dem, was ich durch die Auseinandersetzung mit diesem Thema und damit auch mit mir selbst über mich gelernt habe, habe ich angefangen, meine beruflichen Wünsche und Ziele neu zu sortieren. Ich hatte gerade meine Masterarbeit eingereicht und wartete nur noch auf die Benotung. Es war also an der Zeit, mich ernsthaft auf die Stellensuche zu machen. In meinem letzten Studienjahr hatte ich damit schon angefangen und sogar einige Bewerbungen verschickt, aber ich war ziemlich orientierungslos. Was ich wirklich konkret wollte, war mir noch nie so richtig klar gewesen. Ich hatte eine Weile während des Bachelorstudiums als Reporterin und Nachrichtenredakteurin beim Radio gearbeitet, aber das war letztlich nicht das, was ich weiterhin machen wollte. Mein Masterstudium habe ich mir mit einer Stelle in der telefonischen Kundenbetreuung finanziert, was für mich ein absoluter Horrorjob war. Ich fing also wieder an zu lesen, in erster Linie Stellenanzeigen, und je mehr ich mich damit befasste, umso klarer wurde mir, dass nichts von dem, was ich mit meinem Abschluss machen könnte, zu mir passt. Also ging ich die Sache anders an und überlegte, ganz unabhängig davon, welche Möglichkeiten ich durch mein Studium hatte oder eben nicht hatte, was mir eigentlich wichtig ist. Und das wiederum führte dazu, dass ich mich mit Ausbildungsberufen auseinandersetzte. Dabei bin ich tatsächlich auf einige gestoßen, die mich ansprachen und ich fing an, mich zu bewerben. Dass das nicht unbedingt leicht werden würde, war mir klar, denn ich habe zum einen ein wirklich schlechtes Abizeugnis und in vielen Ausschreibungen wurden explizit gute Noten gefordert, zum anderen komme ich eben nicht frisch aus der Schule und ich wusste, dass viele Ausbildungsstätten das nicht gerne sehen. Ich versuchte es trotzdem, denn ich kann sehr hartnäckig und stur sein, wenn ich etwas will. Herausgekommen sind dabei ein riesiger Stapel Absagen, drei Einladungen zu Eignungstests, vier  Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und schließlich eine Zusage, die mich riesig gefreut hat.

Man weiß dort von meinem Autismus, denn den habe ich in all meinen Anschreiben offensiv angesprochen und er wurde auch bei den Gesprächen thematisiert. (Vermutlich werde ich dazu mal einen eigenständigen Beitrag schreiben, denn ich denke, das könnte für viele Autistinnen und Autisten interessant sein.) Es ist mir wichtig, offen damit umzugehen und ich bin sehr gespannt, wie das im Arbeitsalltag wird. Ich werde einen Beruf erlernen, bei dem mir meine Ordnung und Strukturiertheit, meine Vorliebe für Klarheit und Regelhaftigkeit, meine Freude an Vorhersehbarem und Wiederkehrendem und meine Genauigkeit sehr zugute kommen werden. Ich freue mich riesig darauf, Neues zu lernen und mir eine berufliche Zukunft zu gestalten, mit der es mir gut geht und in der ich meine Stärken entfalten kann, statt permanent nur gegen meine Schwächen zu kämpfen. Natürlich habe ich auch Angst. Alles wird anders sein. Veränderungen beunruhigen mich sehr und ich bin mir noch nicht sicher, wie es mir dabei gehen wird, zur Berufsschule zu gehen. Am Gymnasium ging es mir furchtbar. Aber mit all dem, was ich inzwischen über mich gelernt habe, auch während des Studiums, denke ich, dass ich es diesmal gut hinbekommen kann. Ich werde davon berichten.

Bestimmt werde ich auch immer wieder mal etwas über Autismus im Allgemeinen und über meinen Autismus im Besonderen schreiben. Es gibt zwar schon eine ganze Menge Blogs über Autismus, aber zum einen ist das Autismusspektrum sehr bunt, weshalb wir bei allen Gemeinsamkeiten auch viele Unterschiede aufweisen und davon erzählen können und zum anderen hat es mir selbst sehr geholfen, dass es diese Blogs gibt, deshalb denke ich, dass noch ein weiterer sicherlich nicht schaden wird, sondern im Gegenteil eher einen positiven Beitrag leisten könnte, egal ob für Autistinnen und Autisten, für Menschen die vermuten, dass sie autistisch sein könnten, für Angehörige oder auch einfach für Interessierte. Ich bin selbst gespannt, was da so von mir kommt.

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