Mit Menschen zusammen zu sein strengt mich unheimlich an.

Mit Menschen zusammen zu sein strengt mich unheimlich an. Das heißt nicht, dass ich grundsätzlich niemanden mag und mit niemandem Zeit verbringen möchte. Ich kann das nur einfach nicht so leicht, wie die meisten Menschen.

Wenn ich mit Menschen interagiere, bin ich hochkonzentriert. Zum einen auf mein Gegenüber: Was sagt es, wie guckt es, wie verhält es sich? Und zum anderen auf mich selbst: Was sage ich, wie gucke ich, wie verhalte ich mich? Das muss ich machen, vor allem das Konzentrieren auf meine Mimik und Gestik, denn sonst passiert da nichts und dann ist mein Gegenüber verwirrt oder interpretiert irgendwas in meine Worte hinein, was ich gar nicht gesagt und deshalb auch gar nicht gemeint habe. Mit Mimik und Gestik zu kommunizieren ist wichtig, das habe ich gelernt. Menschen machen das die ganze Zeit, zum größten Teil völlig unbewusst. Bei mir klappt das nicht. Weder kann ich diese ganzen nonverbalen Signale unbewusst wahrnehmen und deuten, noch kann ich sie unbewusst senden, zumindest nicht in der Intensität und Frequenz, wie Nicht-Autisten das für gewöhnlich machen. Das heißt, jede meiner Gesten und jede Regung in meinem Gesicht während einer Unterhaltung ist bewusst eingesetzt. Genauso muss ich jede Geste und jede Gesichtsbewegung meines Gegenübers bewusst anschauen und analysieren. Was bei Nicht-Autisten mal eben automatisch nebenbei läuft, ist für mich harte Arbeit. Und das frisst einfach sehr, sehr viel Energie. Es gibt Tage, an denen mir all das leichter fällt und es gibt Tage, an denen es mich innerhalb weniger Minuten auslaugt. An richtig guten Tagen merke ich sogar, wie einige Gesichtsbewegungen und Gesten beinahe automatisch und unbewusst funktionieren, an richtig schlechten Tagen bin ich wie eingerostet und jedes kleine Lächeln ist mühsam. Je vertrauter mir eine Person ist, umso leichter fallen mir die Unterhaltungen mit ihr. Erste Treffen sind für mich deshalb besonders anstrengend, aber die gibt es bei mir zum Glück auch nur sehr, sehr selten.

Der Anfang einer Unterhaltung ist meistens gut. Irgendwann merke ich aber, oft ziemlich plötzlich, dass ich wirklich angestrengt bin. Als erstes fühlt sich mein Hirn irgendwie schwerfällig an. Das Denken und das Formulieren von Sätzen werden schwieriger. Nach außen wirke ich wohl noch ganz normal, aber innen drin ist alles irgendwie zäh und langsam, als müsste ich meine Gedanken und Worte aus einer klebrigen Masse ziehen. Dann spüre ich, dass mein Gesicht nicht mehr so mitmacht, wie ich möchte. Es fühlt sich seltsam starr und steif an und mit jeder Regung wird es mühevoller, es überhaupt noch zu bewegen. Ich weiß nicht, wie das dann aussieht, aber ich habe zumindest den Eindruck, dass meine Mimik ganz krampfig wird. Meinem Mann ist das einmal bei einer Familienfeier aufgefallen. Er sagte, ich hätte ab einem gewissen Zeitpunkt die ganze Zeit dasselbe Grinsen im Gesicht gehabt. Da saßen wir allerdings auch schon ein paar Stunden lang mit einigen plaudernden Menschen an einem Tisch. Wenn ich merke, dass meine Mimik nicht mehr funktioniert, lasse ich mit der Gestik nach, um etwas mehr Energie für das Gesicht zu haben, denn das scheint wichtiger zu sein. Und das geht dann so weiter. Das Denken und Sprechen wird schwerfälliger und schwerfälliger und das Gesicht wird steifer und steifer, weil ich immer erschöpfter und erschöpfter von all dem vielen bewussten Wahrnehmen und Verhalten werde. Ich werde immer einsilbiger, kann immer schlechter verstehen, was mein Gegenüber sagt und immer schlechter darauf eingehen. Spätestens dann wirke ich vermutlich auch irgendwie gelangweilt oder desinteressiert, auch wenn ich es gar nicht bin. Ich bin nur k.o. Ich möchte weg, meine Ruhe haben, am besten irgendwo, wo es still und dunkel ist. Nichts sagen, nichts machen, nur so daliegen und mich ausruhen. Es ist dann ein bisschen so, als hätte ich einen Kater. Einen Sozialkater, sozusagen, oder einen Soziale-Interaktion-Kater. Den kuriere ich mit Schweigen und Ruhe aus. Meistens möchte ich erst mal wirklich gar nichts machen. Nach einer Weile fange ich an, irgendwas zu tun, das mir Spaß macht und dann geht es wieder bergauf. Je nach Tagesform und Anstrengung kann innerhalb weniger Stunden oder auch erst innerhalb eines ganzen Tages wieder alles gut sein. Wenn ich es natürlich völlig übertreibe und viel mehr Zeit mit jemandem verbringe, als mir gut tut, dann dauert natürlich auch die Erholungsphase wesentlich länger und kann sich über mehrere Tage hinziehen.

Je besser ich eine Person kenne, umso mehr Zeit kann ich mit ihr verbringen, bevor meine Grenzen erreicht sind. Meine wenigen, aber dafür sehr guten Freundinnen und Freunde kann ich gut um mich haben. Das liegt wohl daran, dass ich in ihrer Gegenwart insgesamt sehr entspannt bin, da ich sie gut einschätzen kann, sie mich kennen und ich nicht so sehr bemüht bin, möglichst normal auf sie zu wirken. Mir fällt dann alles etwas leichter und ich komme mit meiner Energie viel weiter. Trotzdem sind diese Treffen anstrengend und ich brauche danach viel Erholung, denn das grundlegende Problem, dass ich alles bewusst wahrnehmen, verarbeiten und tun muss, bleibt. Außerdem ist es für mich zum Beispiel wesentlich weniger anstrengend, nur ein Gegenüber zu haben als mehrere. In Gruppen bin ich, je nach Vertrautheitsgrad, entweder von Anfang an außen vor, wenn man mich nicht direkt anspricht, oder ich ziehe mich nach einer gewissen Zeit immer mehr zurück, bis ich ganz still bin und nur noch zuhöre. Aber Gruppen sind noch mal ein Thema für sich.

Mit meinem Mann ist es dann noch mal anders. In seiner Gegenwart kann ich regelrecht auftanken. Mir ist noch nicht ganz klar, woran das liegt. Die tiefe Vertrautheit allein kann es jedenfalls nicht sein, denn es ging mir mit ihm schon so, als wir uns noch ziemlich wenig kannten. Vermutlich liegt es einfach daran, dass ich bei ihm überhaupt nicht versuche, nicht-autistisch zu wirken. Weder steuere ich mein Verhalten gezielt, noch versuche ich permanent, seines vollständig zu erfassen. Wenn mir etwas unklar ist, frage ich. Die Kommunikation zwischen uns ist wunderbar direkt, unkompliziert und unanstrengend. Keine Ahnung, warum genau das mit ihm alles so leicht ist, aber es ist auf jeden Fall großartig!

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Autismus ist keine Krankheit.

Autismus ist keine Krankheit. Ich bin nicht krank, ich bin kerngesund. Autismus ist eine andere Vernetzung des Hirns. Mein Hirn arbeitet also anders, und zwar nicht nur ein bisschen, sondern signifikant anders als das typische Hirn und das auf eine bestimmte Art und Weise, sodass mein Hirn mit anderen Hirnen, die ebenfalls signifikant anders arbeiten als das typische Hirn und ebenfalls auf diese Art und Weise, in eine gemeinsame Kategorie gepackt werden kann. Diese Kategorie nennt man Autismus oder auch Autismusspektrum. Unsere Hirne sind sich nämlich in ihrer Andersartigkeit ziemlich ähnlich, aber trotzdem verschieden. Individuell. So wie andere Hirne auch. Man ist ja schließlich nicht nur Hirn, sondern auch noch Mensch drumherum, mit verschiedenen Umfeldern, Erlebnissen, Erfahrungen und was eben sonst so von außen auf einen einwirkt und das Hirn in seiner Entwicklung beeinflusst, mal ganz abgesehen von genetischen Faktoren.  Ja, die Gene. Die sind wohl irgendwie schuld an diesem Auf-eine-bestimmte-Art-und-Weise-anders-Sein, das uns Autistinnen und Autisten vereint. Wir sind nämlich nicht plötzlich irgendwie autistisch geworden, auch wenn das immer mal wieder gerne von Menschen mit krude denkenden Hirnen behauptet wird, sondern so geboren. Und dieses Autistischsein bleibt. Man kann es nicht abkratzen, ausspülen, umprogrammieren, rausprügeln oder sonstwie aus uns rausbekommen, auch wenn das von leider viel zu vielen angeblich wohlwollenden Menschen andauernd versucht wird, bevorzugt bei wehrlosen Kindern, um sie angeblich zu retten, sie aber in Wirklichkeit nur möglichst passend für diese wahnsinnig normorientierte Welt hinzubiegen. Das nennen sie dann  „Heilung“. So macht man das schließlich auch mit Krankheiten, man heilt sie. Aber Autismus ist keine Krankheit. Autismus ist eine andere Vernetzung des Hirns. Das Hirn arbeitet also anders. Und wie unsere Hirne arbeiten trägt zu einem nicht unerhebliche Teil dazu bei, wer wir sind. Autismus ist keine Krankheit. Autismus ist eine andere Art zu sein. Da gibt es nichts zu heilen. Autismus geht nicht weg und jeder Versuch, ihn doch wegzubekommen, ist ein Versuch, den Autisten wegzubekommen, wie so einen lästigen Fleck. Ich bin kein lästiger Fleck. Ich habe das Recht, so zu sein, wie ich bin. Mein Autismus ist ein Teil von mir, untrennbar mit mir und meinem Sein, meiner Persönlichkeit verbunden. Ich schade niemandem damit. Ich kann manche Dinge nicht so wie Menschen mit typischen Hirnen. Neurotypische Menschen sind das, die mit den typischen Hirnen. Manche Dinge kann ich aber auch besser als sie. Ich lebe anders. Ich habe andere Bedürfnisse. Aber das ist völlig in Ordnung so. Hilfe ist auch in Ordnung. Hilfe ist sogar gut. Unterstützung ist wichtig. Ein Umfeld, das mich so sein lässt, wie ich bin und in dem ich mich so einrichten kann, dass es mir gut geht. Erklärungen zu den verwirrenden Dingen, die die neurotypische Welt für mich als Autistin bereit hält. Das ist vor allem wichtig, wenn man autistischen Kindern helfen will. Erklären. Zeit geben. Verstehen. Das hilft. Nicht das Verbiegen oder das Autistischsein zu verstecken und überdecken mit übergestülptem und antrainiertem Verhalten. Denn das ist nicht gesund. Das macht Autisten krank.

Der Bewerbungsprozess.

Als ich beschlossen habe, meinen Berufsweg noch mal ganz von vorne anzufangen und mich auf Ausbildungsplätze zu bewerben, beschloss ich auch, dabei von Anfang an offen mit meinem Autismus umzugehen. Er ist nun mal da und ein Teil von mir, und je mehr ich mich verbiegen muss, um möglichst normal zu wirken, umso schwieriger ist mein Alltag. Das habe ich jetzt lange genug gemacht und ich will und kann es einfach nicht mehr. Ich bin ganz gut im Kompensieren einiger Schwierigkeiten, aber das klappt auch nur, wenn gewisse Rahmenbedingungen da sind. Und damit das der Fall ist, muss mein Arbeitgeber über meinen Autismus Bescheid wissen. Also habe ich das Thema direkt in meinen Bewerbungsschreiben angesprochen und war sehr gespannt, was wohl passieren würde.

Es kamen zuerst einige Absagen, wie das nun mal so ist, wenn man sich bewirbt. Dann kam aber eine Einladung zu einem Online-Vortest. Den habe ich offensichtlich ganz gut gemacht, denn ich wurde daraufhin zu einem richtigen Eignungstest vor Ort eingeladen.

Dabei machte ich dann auch meine erste erfreuliche Erfahrung zum Thema Barrierefreiheit im Bewerbungsprozess. In der Einladungs-E-Mail stand, dass es ein großer zentraler Test ist. Und dort stand auch ein gesonderter Hinweis zu Einschränkungen durch Krankheiten und Behinderungen. Man sollte sich melden, wenn man zum Beispiel lieber an einem Kleingruppen- oder Einzeltest teilnehmen wollte oder wenn es sonst etwas zu beachten gebe. Dieses Mitdenken und Anbieten von Möglichkeiten fand ich richtig gut!

Meine akustische Reizempfindlichkeit ist ziemlich hoch. Besonders in Stresssituationen, wie bei einer Prüfung, kann das natürlich ein echtes Hindernis sein und meine Konzentrationsfähigkeit enorm beeinträchtigen. Ein großer Raum voller Menschen, die mit Tastaturen und Mäusen klappern, auf ihren Stühlen herumrutschen und jede Menge Geräusche produzieren, kann mich komplett blockieren und mein Hirn leerfegen. Also antwortete ich auf die Einladungs-E-Mail, schilderte das Reizfilterproblem und bat um einen Einzel- oder Kleingruppentest. Prompt erhielt ich eine Antwort mit zwei Terminvorschlägen und dem Hinweis, dass auch noch andere Termine geschaffen werden könnten, sollten sich diese beiden für mich nicht einrichten lassen. Vollkommen unproblematisch, einfach so! Einer der Termine passte perfekt, also machte ich ein paar Tage später den Test ganz alleine in einem ruhigen Raum, nur mit einer Aufsichtsperson.

Später wurde ich noch zu einem anderen Test für eine andere Berufsausbildung eingeladen. Es war wieder ein zentraler Test, diesmal aber nur mit ungefähr 15 Personen gleichzeitig in einem Raum. Das ist für mich okay, vor allem, wenn alle konzentriert arbeiten, aber ich wollte trotzdem sicher gehen, dass ich wirklich genug Ruhe habe, um den Test gut hinzubekommen. Also schilderte ich wieder das Problem und fragte, ob es in Ordnung ist, wenn ich Ohrstöpsel trage. Das war es.

Und dann wurde ich tatsächlich auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Zu nur sehr wenigen zwar, aber immerhin. Ich hatte etwas Angst davor, mit falschen Vorurteilen konfrontiert zu werden und mich irgendwie verteidigen zu müssen, wie das vermutlich alle Autistinnen und Autisten kennen, die schon mal jemandem von ihrem Autismus erzählt haben. Man kann mit solchen Gesprächen oft riesige Bullshit-Bingos befüllen. Aber ich hatte das Glück, an Menschen zu geraten, die sich gut informiert hatten und interessierte Fragen stellten. Besonders gut war das Gespräch, das letztlich auch zu der Zusage geführt hat. Die Ausbildungsbeauftragte wusste ganz gut über das Autismusspektrum Bescheid und darüber, in welchen Bereichen es welche Schwierigkeiten geben kann. Sie sagte, sie habe sich das Wissen gezielt für unser Gespräch angelesen.  Sie stellte ein paar Fragen zu meinen individuellen Schwierigkeiten, aber nicht zu persönlich. Sie drängte auf nichts und bohrte nicht nach. Abgesehen von diesem kleinen Exkurs war es eines dieser typischen durchstrukturierten Vorstellungsgespräche, die bei Ausbildungsbewerbungsverfahren meistens geführt werden. Auf der einen Seite vier Personen, die mir zu unterschiedlichen Themen Fragen nach einem bestimmten Fragenkatalog stellten und auf der anderen Seite eine anfangs sehr nervöse und mit der Zeit immer entspanntere Hobbithexe.

Mir macht das alles Mut und Hoffnung. Mut und Hoffnung, dass sich die Situation für Autistinnen und Autisten (und sicherlich auch für Menschen mit anderen Behinderungen) immer weiter verbessert. Es ist sicher noch nicht alles gut. Es muss, was Barrierefreiheit und Inklusion angeht, noch viel passieren. Und ich will auch nicht behaupten, dass man mit einem offenen Umgang mit dem eigenen Autismus in jeder Branche und in jedem Ort eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz finden kann. Ich lebe in einer Großstadt. Bestimmt war es dadurch einfacher, allein schon, weil es sehr viele Stellen gab, auf die ich mich bewerben konnte, ohne für die Ausbildung umziehen zu müssen. Aber es kann eben so laufen, wie es bei mir gelaufen ist und das macht mir Mut und Hoffnung, dass wir als Gesellschaft immerhin auf einem guten Weg sind.

Ein Anfang.

Im September beginne ich also eine Ausbildung. Das wird sicher seltsam. Erstens, weil es etwas vollkommen anderes sein wird als das, was ich mir für meine berufliche Zukunft immer vorgestellt habe. Zweitens, weil ich vermutlich ein ganzes Stück älter bin als die anderen. Ich bin nämlich nicht 18, wie die meisten Menschen, wenn sie eine Ausbildung beginnen, sondern 26 und werde sogar kurz nach Ausbildungsbeginn 27. Drittens, weil ich bereits ein abgeschlossenes Studium habe. Mit Master. In Linguistik. Und dann erlerne ich also tatsächlich so einen richtigen Beruf. Ich fange noch mal ganz von vorne an.

Warum? Ich bin Autistin. Das ist für mich auf der einen Seite vollkommen normal, denn mit Autismus wird man geboren. Auf der anderen Seite ist es aber auch noch recht neu für mich, denn die Diagnose habe ich erst vor noch nicht mal einem Jahr bekommen. Es ist jetzt knapp zwei Jahre her, da fing ich an, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich hatte auf Twitter irgendwas darüber gelesen und es interessierte mich, also durchforstete ich das Internet. Ich las und las und las und es ließ mich einfach nicht mehr los. Da war so viel, das ich kannte! So viel, in dem ich mich wiederfand! Es war überraschend, ein wenig beängstigend und vor allem faszinierend. Ich dachte wahnsinnig viel nach: über mich, mein Verhalten, mein Denken und Fühlen, meine Vergangenheit, meine Gegenwart, meine Schwierigkeiten und Probleme, und es ergab plötzlich alles einen Sinn. Ich erkannte jede Menge Muster und Zusammenhänge und begann, vieles zu begreifen, das mir immer unklar gewesen war. Es war erleichternd und befreiend. Und weil ich schließlich wissen wollte, ob ich mit dem Verdacht, dass ich Autistin sein könnte, richtig lag, wandte ich mich an eine Autismus-Ambulanz, die sich auf erwachsene, bisher unerkannte Autisten spezialisiert hat. Es dauerte einige Monate, bis ich mich anmelden konnte und dann noch ein paar weitere, bis die Diagnostik tatsächlich begann, aber einen ganzen Ordner voller Fragebögen und viele Gesprächsstunden mit einem Neurologen und einer Psychologin später hielt ich ein ausführliches Schreiben in der Hand, das mir die Diagnose Autismus bescheinigte.

Mit all dem, was ich durch die Auseinandersetzung mit diesem Thema und damit auch mit mir selbst über mich gelernt habe, habe ich angefangen, meine beruflichen Wünsche und Ziele neu zu sortieren. Ich hatte gerade meine Masterarbeit eingereicht und wartete nur noch auf die Benotung. Es war also an der Zeit, mich ernsthaft auf die Stellensuche zu machen. In meinem letzten Studienjahr hatte ich damit schon angefangen und sogar einige Bewerbungen verschickt, aber ich war ziemlich orientierungslos. Was ich wirklich konkret wollte, war mir noch nie so richtig klar gewesen. Ich hatte eine Weile während des Bachelorstudiums als Reporterin und Nachrichtenredakteurin beim Radio gearbeitet, aber das war letztlich nicht das, was ich weiterhin machen wollte. Mein Masterstudium habe ich mir mit einer Stelle in der telefonischen Kundenbetreuung finanziert, was für mich ein absoluter Horrorjob war. Ich fing also wieder an zu lesen, in erster Linie Stellenanzeigen, und je mehr ich mich damit befasste, umso klarer wurde mir, dass nichts von dem, was ich mit meinem Abschluss machen könnte, zu mir passt. Also ging ich die Sache anders an und überlegte, ganz unabhängig davon, welche Möglichkeiten ich durch mein Studium hatte oder eben nicht hatte, was mir eigentlich wichtig ist. Und das wiederum führte dazu, dass ich mich mit Ausbildungsberufen auseinandersetzte. Dabei bin ich tatsächlich auf einige gestoßen, die mich ansprachen und ich fing an, mich zu bewerben. Dass das nicht unbedingt leicht werden würde, war mir klar, denn ich habe zum einen ein wirklich schlechtes Abizeugnis und in vielen Ausschreibungen wurden explizit gute Noten gefordert, zum anderen komme ich eben nicht frisch aus der Schule und ich wusste, dass viele Ausbildungsstätten das nicht gerne sehen. Ich versuchte es trotzdem, denn ich kann sehr hartnäckig und stur sein, wenn ich etwas will. Herausgekommen sind dabei ein riesiger Stapel Absagen, drei Einladungen zu Eignungstests, vier  Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und schließlich eine Zusage, die mich riesig gefreut hat.

Man weiß dort von meinem Autismus, denn den habe ich in all meinen Anschreiben offensiv angesprochen und er wurde auch bei den Gesprächen thematisiert. (Vermutlich werde ich dazu mal einen eigenständigen Beitrag schreiben, denn ich denke, das könnte für viele Autistinnen und Autisten interessant sein.) Es ist mir wichtig, offen damit umzugehen und ich bin sehr gespannt, wie das im Arbeitsalltag wird. Ich werde einen Beruf erlernen, bei dem mir meine Ordnung und Strukturiertheit, meine Vorliebe für Klarheit und Regelhaftigkeit, meine Freude an Vorhersehbarem und Wiederkehrendem und meine Genauigkeit sehr zugute kommen werden. Ich freue mich riesig darauf, Neues zu lernen und mir eine berufliche Zukunft zu gestalten, mit der es mir gut geht und in der ich meine Stärken entfalten kann, statt permanent nur gegen meine Schwächen zu kämpfen. Natürlich habe ich auch Angst. Alles wird anders sein. Veränderungen beunruhigen mich sehr und ich bin mir noch nicht sicher, wie es mir dabei gehen wird, zur Berufsschule zu gehen. Am Gymnasium ging es mir furchtbar. Aber mit all dem, was ich inzwischen über mich gelernt habe, auch während des Studiums, denke ich, dass ich es diesmal gut hinbekommen kann. Ich werde davon berichten.

Bestimmt werde ich auch immer wieder mal etwas über Autismus im Allgemeinen und über meinen Autismus im Besonderen schreiben. Es gibt zwar schon eine ganze Menge Blogs über Autismus, aber zum einen ist das Autismusspektrum sehr bunt, weshalb wir bei allen Gemeinsamkeiten auch viele Unterschiede aufweisen und davon erzählen können und zum anderen hat es mir selbst sehr geholfen, dass es diese Blogs gibt, deshalb denke ich, dass noch ein weiterer sicherlich nicht schaden wird, sondern im Gegenteil eher einen positiven Beitrag leisten könnte, egal ob für Autistinnen und Autisten, für Menschen die vermuten, dass sie autistisch sein könnten, für Angehörige oder auch einfach für Interessierte. Ich bin selbst gespannt, was da so von mir kommt.