Überfordernde Brötchen und Nachbarn.

Stur, bockig und faul, das war ich vor allem als Kind und auch als Jugendliche. So sah es wohl zumindest von außen aus, denn das wurde mir immer wieder rückgemeldet.

Innen war es anders. Innen war ich in erster Linie überfordert, und zwar mit Dingen, bei denen man das, vor allem bei einem recht intelligenten und sprachgewandten Kind wie ich es war, nicht erwartete. Ich war damit überfordert, zum Bäcker zu gehen und Brötchen zu kaufen. Ich war damit überfordert, im Supermarkt zur Frischwarentheke zu gehen und Käse und Wurst zu kaufen. Sogar das Bezahlen an der Kasse war eine echte Hürde. Es überforderte mich, Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße zu grüßen, und das ist in einem kleinen Dorf wirklich nicht schön, weil da andauernd jeder jeden grüßt. Und ich war damit überfordert, mein Zimmer aufzuräumen. Das war längst noch nicht alles, aber es waren Dinge, die mir besonders zusetzten und die besonders oft zu Streit und Problemen führten.

Was mich überforderte, war, dass ich nicht wusste, wie ich diese Dinge erledigen sollte. Mir fehlten die Strukturen hinter den Tätigkeiten, die Regeln und Muster, nach denen sie ablaufen mussten. Ich versuchte, durch Beobachten herauszufinden, was ich wann und wie machen musste, aber irgendwie gelang es mir nicht. Die Prozesse schienen viel zu komplex. Beim Bäcker fing es schon beim Betreten des Ladens an. Musste ich da schon jemanden anschauen, jemanden grüßen, irgendwas Bestimmtes tun? Und wo musste ich mich hinstellen? Das war auch immer an der Frischwarentheke im Supermarkt schwierig. Die Leute standen ohne ein für mich erkennbares Schema nebeneinander herum und trotzdem wusste immer jeder genau, wann er an der Reihe war. Ich nicht. Ich war verwirrt. Die Menschen verhielten sich unstrukturiert, wanderten vor der Auslage herum, betrachteten die Lebensmittel und irgendwann reagierten sie auf „Wer ist der Nächste?“ mit „Ich!“ Das bekam ich nicht hin. Ich fand nie heraus, wann ich an der Reihe war. Deshalb stand ich oft viel zu lange vor der Theke herum und wurde von einem Kunden nach dem anderen übergangen. Vermutlich hielt ich auch immer viel zu viel Abstand zu dem ganzen Treiben und wirkte nicht so, als wollte ich etwas bestellen. Im Grunde genommen wollte ich das auch nicht. Ich wollte weg. Dass ich schließlich doch zu meiner Bestellung kam, verdankte ich so gut wie jedes Mal einer aufmerksamen Person, die sowas sagte wie „Die junge Dame war vor mir da, sie ist dran.“ Danach folgte immer ein sehr unangenehmes Gespräch, in dem ich meine Bestellungen mehrmals wiederholen musste, weil ich nicht in der Lage war, laut und deutlich genug zu sprechen. Dafür war ich viel zu angespannt und dann waren meine Probleme, meine Stimme richtig einzusetzen und einzuschätzen, ganz besonders groß. Eine Zeit lang war es noch okay, den Verkäuferinnen und Verkäufern einfach den Einkaufszettel, den meine Eltern mir geschrieben hatten, in die Hand zu drücken, aber irgendwann merkte ich, dass ich dafür inzwischen nicht mehr jung genug war. Und selbst, als ich den Zettel noch einfach rüberreichen konnte, war ich überfordert mit dem, was ich sagen musste, dem einfachen „Bitte“ und „Danke“, mit der gesamten Situation. Ich bekam meinen Mund nicht auf. Es kamen einfach keine Worte, als hätte ich mit dem Betreten des Ladens das Sprechen verlernt. Ich konnte nicht. Ich konnte mein Gegenüber nicht einmal ansehen oder freundlich lächeln. Ich wusste nicht, wie.

So ging es mir auch immer mit den Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße. Ich wusste, dass ein Gruß erwartet wurde und meine Eltern schärften mir das auch regelmäßig ein, aber ich bekam es nicht hin. Den Menschen ins Gesicht zu sehen, in die Augen, und dann noch lächeln und einen passenden Gruß aussprechen, das schaffte ich einfach nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, weil ich unhöflich und stur war, sondern weil es schlicht und ergreifend zu viel war. Weil es mich maßlos überforderte, anderen in die Augen zu schauen, vor allem mehr oder weniger fremden Personen. Weil ich nicht wusste, was ich wann und wie genau machen musste. Mir war nicht klar, was exakt das richtige Verhalten in diesem Moment war und da mir die Intuition für sowas eben fehlt, konnte ich es auch nicht ermitteln. Da war kein Gefühl, auf das ich mich verlassen konnte. Das habe ich bis heute nicht und werde es nie haben. Ich hätte ganz klare und eindeutige Instruktionen gebraucht. Die gab es aber nicht.

Und genau das war auch das Problem mit dem Zimmer aufräumen. Mein Zimmer sah so gut wie immer aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, wie meine Eltern es sehr treffend formulierten. Das war nicht schön, auch für mich nicht. Aufräumen konnte ich es trotzdem nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht wusste, wie. Ich sah nur Chaos, ein unglaubliches Chaos aus unglaublich vielen Einzelteilen und hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich das in Ordnung bringen sollte, also ignorierte ich es. Ab und an sprachen meine Eltern ein Machtwort und dann blieb mir nichts anderes übrig, als doch aufzuräumen, aber es war jedes Mal ein furchtbarer innerer Kampf. Ich tigerte aufgewühlt durch mein Zimmer, raufte mir die Haare, bohrte mir die Fingernägel ins Gesicht und wollte mich nur noch unter der Bettdecke verkriechen und weinen. Oft saß ich irgendwann ratlos auf dem Boden und starrte ins Leere, bis ich mich wieder gefangen hatte. Dann begann ich, ziellos Gegenstände von einer auf die andere Stelle zu räumen und quälte mich langsam durch, bis ich es irgendwie geschafft hatte. Ich mochte die Ordnung danach immer, aber ich schaffte es nicht, sie aufrecht zu halten und sobald es wieder chaotisch war, war ich wieder überfordert und wollte mich dem nicht stellen, denn es fühlte sich einfach schrecklich an.

Als meine Eltern anfingen, mir kleine Aufgaben wie Brötchen holen und Aufschnitt einkaufen zu übertragen, versuchte ich, ihnen mitzuteilen, dass ich das nicht konnte und es für mich zu viel und ganz fürchterlich war, aber das bekam ich nicht hin. Meine Versuche klangen wohl wie unglaubwürdige Ausreden, die ich mir ausdachte, weil ich keine Lust hatte, diese Aufgaben zu erledigen, jedenfalls kamen meine Eltern zu dem Schluss, dass ich mich aus Faulheit und Trotz weigerte. Irgendwann nahm ich die Faulheit und den Trotz für mich an. Aus meinem „Ich kann das nicht“ und „Ich weiß nicht, wie“ wurde ein „Ich will das nicht“, und das war ja nicht einmal falsch. Ich wollte diese Dinge, die mich so sehr überforderten, nicht machen. Bloß aus einem ganz anderen Grund, als es den Anschein hatte. Genauso war es auch mit meinem unordentlichen Zimmer und den Nachbarinnen und Nachbarn. Ich wirkte faul, stur und unhöflich, also fing ich irgendwann an, das selbst so zu formulieren. „Ich räume mein Zimmer nicht auf, ich habe keine Lust dazu und mich stört das Chaos gar nicht!“ „Nein, ich will die alle nicht grüßen, die sind sowieso doof, mir doch egal, was die denken!“ Das war zu dem Zeitpunkt, zu dem ich mit diesen Ausreden anfing, nicht einmal komplett gelogen, zumindest was die Menschen im Dorf betraf. Es verband mich nichts mit ihnen. Das war aber nicht der Grund für mein Verhalten und unhöflich und abweisend sein wollte ich eigentlich gar nicht. Aber die Ursache, meine tiefe Überforderung, konnte ich mir selbst nicht eingestehen und anderen dadurch natürlich erst recht nicht. Wer gibt auch schon gerne zu, so vollkommen alltägliche und banale Dinge nicht hinzubekommen? Ich fühlte mich wie eine absolute Versagerin und die wollte ich nicht einmal vor mir selbst sein. Vor anderen schon mal überhaupt nicht. Da war ich lieber bockig, stur und faul.

Inzwischen ist das alles besser geworden. Die Schwierigkeiten an sich sind immer noch da, aber ich habe es geschafft, mir Verhaltensmuster für Wursttheken und grüßende Menschen auf der Straße anzueignen und kann sie anwenden, wenn es sein muss. Das war harte Arbeit und unangenehm sind diese und ähnliche Situationen immer noch für mich. Ich vermeide es tunlichst, Brötchen oder sonst irgendwas an einer Theke einzukaufen. Eine Nachbarschaft, in der man sich grüßt, habe ich schon seit Jahren nicht mehr und für mein Aufräumproblem habe ich mir, wie für so Vieles, eine kleinteilige Strategie erarbeitet. Ich bin immer noch überfordert, aber ich weiß inzwischen, wie ich damit umgehen muss.

Plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie mich Zusammenarbeit mit anderen tatsächlich kostet.

Seit drei Wochen bin ich jetzt in meiner neuen Praxisstelle und sie ist einfach toll! Kein Publikumsverkehr, ein kleines, ruhiges Büro nur zusammen mit meiner Praxisanleiterin, die still vor sich hinarbeitet, wenn sie mir nicht gerade etwas erklärt, und jede Menge Interessantes zu tun, das ich vollkommen eigenständig erledigen kann. Es ist großartig! Bei meiner ersten Praxisstelle war nur recht wenig Eigenständigkeit möglich, weil ich als Auszubildende aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugriff auf die Fachsoftware bekommen konnte und deshalb bei den allermeisten Aufgaben mit meiner Praxisanleiterin zusammen am Computer saß.

Ich habe schon wieder jede Menge gelernt und auch, wenn jetzt am Anfang alles wieder ein bisschen viel ist und mir der Kopf oft schwirrt vor lauter Informationen, geht es mir richtig gut. Klar, ich muss mich neu einfinden und bin immer noch jeden Morgen auf dem Weg zum Büro ziemlich nervös, weil ich noch nicht so gut einschätzen kann, was am Tag auf mich zukommt und alles noch recht fremd ist, aber ich fahre jeden Nachmittag mit einem guten Gefühl wieder nach Hause. Ich brauche eben etwas Zeit, um mich an neue Situationen zu gewöhnen und weiß inzwischen, wie ich mit der inneren Unruhe umgehen muss, die immer mit ihnen einhergeht, und dass ich mich davon nicht aus der Bahn werfen lassen muss. Ich sage mir dann, dass mein Hirn nun mal so ist, wie es ist. Dass es erst mal verarbeiten und sich umstellen muss und dass das nun mal nicht von heute auf morgen funktioniert. Es ist nicht immer leicht, damit umzugehen, aber zu wissen, dass mit neuen Situationen jedes Mal große Unruhe, Sorgen, Ängste und Unsicherheiten kommen, aber nach einer Weile eben auch wieder verschwinden, hilft mir sehr. Jedes Mal habe ich aufs Neue das Gefühl, der Veränderung nicht gewachsen zu sein und jedes Mal würde ich am liebsten fliehen. Zu wissen, dass das bei mir dazu gehört, mein Hirn sich irgendwann wieder beruhigen wird und dann alles gut ist, lässt mich das mittlerweile aber recht gut aushalten, auch wenn es natürlich jedes Mal nicht schön ist und viel Stress bedeutet. Irgendwie habe ich es geschafft, dahingehend eine gewisse Grundgelassenheit zu entwickeln. Ohne die Autismusdiagnose und alles, was ich in dem Zusammenhang über mich gelernt habe, hätte ich das sicher nicht geschafft. Stattdessen würde ich mich weiterhin für viel zu schwach und ziemlich dumm halten, wenn ich mal wieder mit Veränderungen konfrontiert bin und erst mal nicht mit ihnen zurecht komme.

Neben allem neuen Fachlichen habe ich auch wieder eine interessante Erkenntnis über mich selbst gewonnen. Mir war zwar immer klar, dass es mich ziemlich anstrengt, mit anderen Menschen zu interagieren und zusammenzuarbeiten, aber mir war nicht klar, wie groß das Ausmaß dieser Anstrengung tatsächlich ist. Das merke ich erst jetzt, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Tätigkeit ausübe, bei der keine Zusammenarbeit und im Grunde nicht mal Interaktion mit anderen nötig ist. Klar, ich bin Auszubildende und gerade lerne ich wieder ganz viel Neues, also muss man mir alles erst mal erklären und ich habe zwischendurch selbstverständlich auch einige Fragen, aber das sind wenige, ganz kleine Häppchen über den Tag verteilt. Zusammengenommen nicht mal eine Stunde. Und plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie die Zusammenarbeit mit anderen mich wirklich kostet. Ich bin selbst ein bisschen verblüfft, dass ich darüber überrascht bin und wie sehr ich unterschätzt habe, wie groß der Anteil an meiner Kraft ist, der für Interaktion draufgeht. Damit meine ich nicht einmal sowas wie Publikumsverkehr (denn dass der mir zu viel ist, war mir natürlich bewusst), sondern schon die ganz alltägliche Teamarbeit, die in den meisten Jobs ständig anfällt. Meine Arbeitstage sind jetzt so viel leichter und angenehmer, ich habe so viel mehr Spaß an der Arbeit und die Zeit fliegt regelrecht dahin, es ist unglaublich! Meine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist deutlich höher und nach Feierabend bin ich kein bisschen erschöpft, sondern höchstens ein bisschen müde. Ich finde das ganz und gar erstaunlich. So ging es mir bisher noch nie, mit nichts von dem, was ich gemacht habe. Ich wusste nicht, dass ich so viel und so lange arbeiten kann, ohne hinterher mindestens sehr müde zu sein und mich mehr schlecht als recht durch den restlichen Tag zu schleppen. Aber es geht! Ich brauche bloß meine Ruhe vor anderen Menschen, denn interaktiv sein zu müssen ist für mich offensichtlich mit Abstand die größte Belastung. Wenn sie wegfällt, ist alles andere ziemlich leicht. Wirklich verwunderlich, dass mir das nie in dem Maße bewusst war.

So, wie es bisher in dieser Praxisstelle läuft, kann es auf jeden Fall weitergehen. Sogar inhaltlich finde ich die Arbeit in der Straßensondernutzung sehr interessant. Ich weiß, Baustelleneinrichtungsflächen, Schuttcontainer und Aufgrabungen klingen erst mal nicht sonderlich spannend, aber ich beschäftige mich gerne mit den gesetzlichen Regelungen dazu. Da gibt es wirklich viel zu wissen und zu beachten. Mir macht es immer Spaß, mich mit sowas auseinanderzusetzen und dadurch ein kleines Stück Welt mehr zu verstehen. Von heute aus betrachtet sehen die nächsten Monate also gut aus. Ich freue mich darauf.

 

Kurze Anekdote: Das Aufnahmegerät.

Während meines Bachelorstudiums habe ich mir ein Aufnahmegerät für fast 200 Euro gekauft, weil ich mir sonst an der Uni eins hätte ausleihen müssen, und das hat mich völlig überfordert.

Ich war 21 Jahre alt und im dritten Semester. Zumindest in meinem Hauptfach. In meinem Nebenfach, der Medienwissenschaft, war es das erste. Alles war neu. Ich kannte weder die Dozenten noch den Fachbereich oder das Institut.

In einem meiner Seminare ging es um Hörfunkbeiträge, sowohl theoretisch als auch praktisch. Als benoteten Leistungsnachweis mussten wir selbst Beiträge produzieren. Die Aufnahmegeräte, die wir dafür benutzen sollten, konnten wir uns kostenlos aus dem Bestand des medienwissenschaftlichen Instituts ausleihen.

Ich war überfordert. Ich wusste nicht, wo genau man an diese Geräte rankam, wann die Öffnungszeiten dieser Stelle waren, was man alles beachten musste und vor allem nicht, wie man sich bei diesem ganzen Ausleihprozess verhalten musste, was man sagen musste. Ich fühlte mich schon in der Bibliothek jedes Mal ganz fürchterlich, dabei mag ich Bibliotheken, aber ich war schrecklich unsicher und wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Mir fehlte für diese Situationen ein Plan, ein Verhaltensmuster, an das ich mich halten konnte und Sätze, die ich verwenden konnte. All das Neue und Unbekannte war so überwältigend und einschüchternd, ich kam gar nicht mit dem Aufnehmen und Verarbeiten hinterher. Ich brauche lange, um mich an neue Umstände zu gewöhnen, muss ganz in Ruhe immer wieder beobachten und analysieren können, mir Zeit nehmen, um zu überblicken und zu verstehen.

Die Zeit hatte ich für meinen Leistungsnachweis aber nicht. Tagelang dachte ich alles durch, versuchte, mir einen Plan zu machen, war permanent schrecklich aufgewühlt und rastlos. Aus Unruhe wurde Angst, aus Angst wurde Panik. Ich zermaterte mir das Hirn und mir wurde immer klarer: Losgehen und mir ein Aufnahmegerät leihen, das würde ich einfach nicht schaffen. Die Hindernisse waren zu hoch für mich.

Die einzige umsetzbare Lösung, die ich fand, war, mir ein eigenes Aufnahmegerät zu kaufen. Zum Glück wusste ich, welches Modell sie an der Uni hatten. Der Dozent hatte es genannt und ich hatte es mir aufgeschrieben. Im Internet fand ich es mit einer einzigen Suchanfrage. Es war teuer, vor allem für mich als Studentin, aber das war mir egal. Ich dachte nicht mehr groß darüber nach. Der ganze Stress fiel plötzlich von mir ab. Ich war so erleichtert!

Seitdem hat sich viel bei mir getan. Mein Repertoire an Verhaltensmustern ist immens gewachsen, was mir große Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mir für ganz neue Situationen immer wieder in Ruhe neue Muster erarbeiten und die Unsicherheit, Angst und regelrechte Lähmung, die mit ihnen einhergehen, sind immer da. Sie werden es sicher auch bleiben. Ich habe bloß bessere Strategien entwickelt, damit umzugehen.

Hurra, ach je, wie schade, endlich!

Meine erste Praxisphase ist vorbei. Hurra, ach je, wie schade, endlich! Meine Gedanken und Gefühle dazu sind genau so widersprüchlich und gemischt wie dieser Satz.

Toll war, dass ich festgestellt habe, wie gut dieser Beruf wirklich zu mir passt und wie wohl ich mich darin fühle. Dass ich jede Menge interessante Dinge gelernt habe, fachlich und auch über mich selbst. Und dass ich das Ganze wirklich gut gemacht habe, wie meine beiden Praxisanleiter*innen fanden. Na ja. Bis auf das übliche Thema, das auch heute bei der Abschlussbesprechung wieder dran war: Aufgeschlossenheit und Teamfähigkeit. Da hapert es bei mir und das wird es immer. Damit habe ich mich längst arrangiert. Ich bin in genug anderen Dingen richtig gut. Und auch, wenn ich immer wieder versuche, mich „normal“ zu geben, also quasi mein Menschenkostüm trage, bin ich eben nicht so. Ich bin anders, ich bin komisch, seltsam, nicht „normal“. Ich bin introvertiert und sozial unsicher und unbeholfen. Das Menschenkostüm zwickt und zwackt und ich mag es nicht sonderlich. Es gehört irgendwie dazu, ich habe mich einigermaßen daran gewöhnt in den fast 3 Jahrzehnten, die ich inzwischen auf diesem seltsamen Planeten verbringe, aber es passt einfach nicht richtig und das wird es nie. Das muss es auch gar nicht. Ich nehme mich inzwischen endlich, wie ich bin und finde mich gut so. Zumindest meistens.

Für die nächste Praxisstelle wünsche ich mir, dass ich es schaffe, das irgendwie zu thematisieren. Ich hoffe, mein neuer Praxisanleiter ist eine Person, mit der ich reden kann. Vielleicht erwarte ich auch zu viel, wenn ich möchte, dass ich mit meiner verschlossenen, introvertierten, autistischen Art einfach so akzeptiert werde und mir nicht dauernd anhören muss, dass ich mich mehr öffnen muss. Das finde ich aber nicht heraus, wenn ich es nicht wenigstens mal anspreche.

Nicht gut war, dass mich die Arbeit in der Sozialhilfe psychisch doch ziemlich belastet hat. Ich finde es unheimlich gut und wichtig, dass wir ein Sozialsystem haben, das es zum Ziel hat, Menschen aufzufangen und zu stützen, die Hilfe und Unterstützung brauchen und das allen Menschen ermöglichen soll, ein würdevolles Leben zu führen, aber das schafft es leider nicht. Da ist meiner Meinung nach noch jede Menge Verbesserungsbedarf. Wirklich beurteilen kann ich nur die Situation in den Bereichen Grundsicherung und Asylbewerberleistungen, aber ich denke, das lässt sich auf alle Bereiche des Sozialgesetzbuches übertragen. Außerdem war natürlich problematisch, dass ich so viel direkt mit Bürgerinnen und Bürgern konfrontiert war. Es war einfach zu anstrengend für mich, aber das war ja auch zu erwarten und hat sich sehr schnell gezeigt. Das ist der zweite Grund, aus dem ich mich freue, dass dieser Praxisabschnitt vorbei ist.

Der nächste wird dahingehend auf jeden Fall richtig gut zu mir passen, denn direkten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern gibt es dort nicht. Es geht ins Straßen- und Grünflächenamt und wenn sich in der kommenden Woche, bevor es losgeht, nichts mehr ändert, werde ich in der Straßensondernutzung eingesetzt. Das ist der Bereich, in dem Baustellen-, Wahlwerbungs-, Zirkus-, Gerüstbau- und ähnliche Anträge gestellt werden. Vor ein paar Wochen durfte ich schon an einer Schulung für die Fachsoftware teilnehmen. Die ist ein ganz tolles Spielzeug mit Kartenmaterial, in das man alle Sondernutzungen einzeichnen kann. Außerdem kann man nach Adressen suchen und schauen, was dort so sondergenutzt wird. Zum Beispiel vor der eigenen Haustür. Es gibt sogar flächendeckende Luftbildaufnahmen, recht aktuelle sogar, aus dem letzten Jahr. Und alles wird komplett elektronisch bearbeitet, von der Antragsstellung bis zum Bescheid. Ich bin ziemlich begeistert, sehr gespannt und freue mich schon riesig darauf, dass es bald losgeht.

Die anderen wissen jetzt Bescheid.

Eigentlich hatte ich vor, gleich von Beginn der Ausbildung an offen mit meinem Autismus umzugehen. Der Ausbildungsleitung gegenüber war ich ja schon bei der Bewerbung vollkommen offen. Aber ich wollte auch, dass die anderen Auszubildenden Bescheid wissen. Und dann habe ich trotzdem nichts gesagt.

So blöd es klingt, ich habe einfach nicht den passenden Moment oder Anlass gefunden. Bei der Vorstellungsrunde in der Einführungswoche habe ich mich einfach nicht getraut und danach kam so eine Gelegenheit nicht wieder. In den ersten paar Wochen habe ich mich ein bisschen darüber geärgert, vor allem über mich selbst. Dann ist das Thema ganz in den Hintergrund gerückt. Aber dort ist es nicht geblieben.

Das lag daran, dass das Wort „behindert“ von manchen der anderen immer und immer wieder als Schimpfwort benutzt wurde. In letzter Zeit ist mir das besonders aufgefallen, weil wir uns während des Akademieblocks nicht nur zweimal pro Woche in der Berufsschule gesehen haben, sondern auch noch an den anderen drei Wochentagen in der Akademie. Ich habe versucht, es zu überhören, weil ich wusste, die meinen das nicht so, das ist nicht böse gemeint, die merken es wahrscheinlich nicht mal. Aber es hat mich verletzt. Immer und immer wieder. Weil es mir immer und immer wieder ins Bewusstsein gerufen hat, was die Gesellschaft von behinderten Menschen hält. Als Schimpfwort wird „behindert“ eingesetzt für „scheiße“ und „überflüssig“ und sicher noch ein paar andere stark entwertende Adjektive. Und genau so fühle ich mich, wenn jemand „behindert“ so verwendet. Abgewertet. Entwertet. Unabsichtlichkeit hin oder her.

Deshalb habe ich mich vor einer Weile an die Ausbildungsleitung gewandt. Weil ich was sagen wollte. Und das habe ich gemacht. Am Montag hatten wir ein offizielles Treffen mit meinem Auszubildendenjahrgang. Solche Treffen haben wir jetzt einmal im Quartal. Da wird in erster Linie Organisatorisches besprochen, aber es ist auch Platz für verschiedenste Anliegen. Deshalb habe ich mit den Ausbildungsleiterinnen vereinbart, dass ich das Thema dort anspreche. Sie waren beide toll in unserem Vorgespräch und haben mir ihre volle Unterstützung zugesichert und die Möglichkeit gegeben, an dem Tag ganz spontan zu entscheiden, ob ich reden möchte oder nicht. Sie boten mir auch an, dass sie etwas sagen würden, anonymisiert oder ganz offen, wie ich möchte. Ich wollte aber selbst reden. Ich wollte nicht, dass es Gerüchte und Spekulationen gibt. Weder darüber, wer die Person ist, die das Thema angesprochen hat, noch darüber, um welche Behinderung es geht.

Die anderen wissen jetzt also Bescheid. Darüber, dass ich eine Behinderung habe. Darüber, dass diese Behinderung Autismus ist. Darüber, was Autismus ist. Und darüber, dass es mich verletzt, wenn „behindert“ als Schimpfwort verwendet wird und warum.

Ich weiß noch nicht, ob das etwas ändert und wenn ja, was. Aber ich weiß, dass mir alle sehr aufmerksam zugehört haben. Als ich geredet habe, war es vollkommen still und alle Augen waren auf mich gerichtet. Von manchen habe ich hinterher positives Feedback bekommen. Sie kamen auf mich zu und bedankten sich für meine Offenheit und mein Vertrauen. Sie entschuldigten sich und sagten, dass sie darauf achten werden, was sie sagen und daran arbeiten werden. Die meisten waren einfach still. Negative Rückmeldungen gab es nicht.

Die Ausbildungsleiterinnen kamen auch noch einmal auf mich zu und sagten mir, ich hätte sehr gute Worte gefunden und sie seien sicher, dass ich damit etwas erreicht hätte. Sie bedankten sich bei mir und sagten, ich könne sehr stolz auf mich sein.

Irgendwie bin ich das auch, aber irgendwie ist mir auch ein bisschen mulmig. Ich kann nicht einschätzen, was nun daraus wird. Aber fürs Erste bin ich froh, dass ich es gemacht habe.

Offiziell festgestellt.

Vor ein paar Tagen lag er in meinem Briefkasten, der Bescheid, der mir bescheinigt, dass bei mir ein Grad der Behinderung von 30 festgestellt wurde.

Begründung:

Bei Ihnen liegt folgende Funktionsbeeinträchtigung vor:

1) Autismus

Es fühlt sich tatsächlich ein bisschen seltsam an, dass ich jetzt auch ganz offiziell eine Behinderung habe. Komisch, wo sie doch schon immer da ist und ich seit inzwischen eineinhalb Jahren ein ausführliches Diagnoseschreiben in der Schublade habe.

Einen Schwerbehindertenausweis und Nachteilsausgleiche gibt es für mich nicht. Dafür braucht man einen Grad der Behinderung von mindestens 50.

Erläutert wird die Entscheidung nicht. Die Neurologin, die mich im Auftrag des Versorgungsamtes begutachtet hatte, sagte am Ende der Untersuchung nur zu mir, dass ich zu gut zurecht käme, um einen höheren Grad der Behinderung zu bekommen. Das machte sie vor allem daran fest, dass ich in der Schule nie sitzen geblieben bin, mein Studium abgeschlossen habe und eine feste Beziehung führe. Ziemlich fragwürdige Begründung, meiner Meinung nach. Andererseits hat sie natürlich recht, wenn sie sagt, dass ich bisher ganz gut durch mein Leben gekommen bin. Nicht besonders geradlinig zwar und auch mit viel Leid verbunden, ganz besonders während der Schulzeit, aber insgesamt doch okay. Während der Schulzeit, da hätte ich wirklich dringend Hilfe gebraucht. Jetzt gerade geht es mir bestens, trotz aller autismusbedingten Schwierigkeiten. Ich habe mir alles sehr gut eingerichtet. Deshalb habe ich nie mit einem anderen Ergebnis gerechnet und werde auch keinen Widerspruch erheben.

Also hätte ich das Ganze auch lassen können, oder? Wozu der Antrag, die Warterei und der unangenehme Gutachtentermin? Weil dieser Bescheid mir irgendwann vielleicht doch etwas nutzt. Dass es mir jetzt gut geht, auch beruflich, heißt nicht, dass das für immer so bleibt. Und wenn irgendwann mal der Fall eintreten sollte, dass ich auf Grund meiner Behinderung meinen Arbeitsplatz nicht behalten oder keine Arbeit finden kann, dann kann ich gleichgestellt werden, also denselben Status wie schwerbehinderte Menschen zuerkannt bekommen. Und das würde mir dann natürlich etwas nutzen. Ich würde die Hilfe bekommen, die ich dann bräuchte. Das zu wissen, ist beruhigend. Und allein dafür hat es sich gelohnt, den Antrag zu stellen.

Der Diagnoseprozess.

Lange war ich mir nicht sicher, ob ich so einen Diagnoseprozess überhaupt über mich ergehen lassen will und ob ich so eine Diagnose wirklich brauche. Ich hatte viel gelesen, gegrübelt, analysiert, mich beobachtet und jede Menge gedankliche Zeitreisen in meine Vergangenheit gemacht. Ich hatte sehr viel über mich gelernt, so vieles endlich verstanden und kam dadurch so viel besser mit mir zurecht. Eigentlich war das schon alles, was ich wollte.

Irgendwann brauchte ich aber doch Gewissheit. Ich hatte Sorge, dass ich manches überbewerte, falsch einordne und nicht richtig erkenne. Ich wollte eine objektive Meinung von jemandem, der sich wirklich gut mit Autismus auskennt, denn das Thema ist sehr komplex. Also beschloss ich, mich an die psychiatrische Autismus-Ambulanz in meiner Stadt zu wenden. Und ich fing natürlich auch an zu googeln, weil ich wissen wollte, wie so ein Diagnoseprozess abläuft. Außerdem war die Wartezeit ziemlich lang und ich ziemlich nervös. Ich wollte vorab einfach ein paar konkrete Informationen. Leider fand ich nicht viel. Deshalb will ich jetzt etwas aufschreiben.

Als ersten Diagnoseschritt schickte mir die Autismus-Ambulanz ein paar Fragebögen zu, die ich ausfüllen und zurücksenden sollte. Sie bezogen sich auf bisherige Diagnosen, Medikamente, Klinikaufenthalte, psychische Probleme und beinhalteten eine Familienanamnese. Außerdem wurden Daten wie Bildungsabschlüsse, Familienstand, Arbeitssituation usw. abgefragt. Ein Fragebogen („Fragebogen zur sozialen Kommunikation (FSK)“) war dann noch für meine Eltern. Dabei ging es um meine frühe Kindheit, insbesondere die Zeit zwischen dem vierten und fünften Geburtstag, denn diese Phase ist für die Erfassung von typischen Symptomen besonders wichtig.

Dann kam der Termin zum Vorgespräch. Er dauerte eine halbe Stunde. Ein Neurologe, der Leiter der Ambulanz, stellte mir einige Fragen zu meinem Lebenslauf und dazu, wie es mir in den verschiedenen Abschnitten ergangen war, zu den Gründen, weshalb ich mich an die Ambulanz gewandt hatte und wie ich mit dem Thema Autismus in Kontakt gekommen war, zu meinen Interessen in meiner Kindheit, Jugend und heute, zu Essgewohnheiten, ganz generell zu Problemen in meinem Alltag und im Besonderen zu Reizfilterproblemen und natürlich zu Problemen in der sozialen Kommunikation. Diese Fragen waren aber alle nicht sonderlich tiefgehend, sondern zielten eher darauf ab, zu ermitteln, ob bei mir in diesen Bereichen überhaupt Probleme vorliegen und ob diese grundsätzlich zur Autismussymptomatik passen. Zusätzlich fragte er alles noch mal ab, was ich in dem Fragebogen zu bisherigen Diagnosen, psychischen Problemen und Medikamenteneinnahme bereits angegeben hatte. Während der gesamten Zeit saß noch eine Psychologin mit im Raum und machte sich Notizen. Am Ende des Gespräches sagte der Neurologe, dass sich aus dem Gespräch ein begründeter Verdacht auf Autismus ergeben habe und dass die Diagnose deshalb fortgesetzt werden solle. Ich bekam einen riesigen Stapel weiterer Fragebögen mit und die Information, eine Mitarbeiterin würde sich zwecks Terminvereinbarung per E-Mail bei mir melden. Das tat sie überraschenderweise innerhalb weniger Stunden.

Der Fragebogenstapel beinhaltete den bekannten Autismus-Spektrum-Quotient-Test (AQ-Test) und jede Menge Tests, die auf Symptome von verschiedenen psychischen Erkrankungen wie Borderline ausgerichtet waren. Sowas wird gemacht, um Erkrankungen auszuschließen, die teilweise eine ähnliche Symptomatik wie Autismus aufweisen. Ich brachte den Stapel zum ersten Termin mit.

Dieser erste richtige Diagnosetermin war viele Wochen später und dauerte zwei Stunden. Er fand bei einer weiteren Psychologin statt, die außer mir die einzige Person im Raum war. Vor ihr lag ein großer Stapel Fragebögen. Die arbeiteten wir quasi gemeinsam durch, indem sie mir Fragen stellte, die ich beantwortete, und sie die Antworten vermerkte. Sie ging detailliert auf meine derzeitige gesundheitliche psychische und physische Verfassung ein, auf mein derzeitiges Privat- und Arbeitsleben, meinen Lebenslauf und meine Probleme und Besonderheiten in den einzelnen Abschnitten, auf Fragen zu bisherigen Diagnosen und zur Medikamenteneinnahme, ganz besonders auf meine Kindheit und Jugend, auf Probleme und Besonderheiten in der sozialen Kommunikation und bei der Reizverarbeitung, auf meine Essgewohnheiten, auf meine Interessen in der Kindheit, Jugend und heute… kurz gesagt: auf alles, was im Vorgespräch bereits grob erfragt worden war, nur eben sehr viel tiefer. Sie hakte viel nach und wollte alles ganz genau wissen. Zwei Stunden sind dafür nicht besonders viel Zeit, dementsprechend fragte sie wirklich viel wirklich schnell. Es war unangenehm, aber insgesamt in Ordnung, da sie sehr freundlich und respektvoll war.

Neben der Fragerei hatte sie auch noch ein paar Aufgaben für mich. Ich musste mir ein Buch mit einer kurzen Bildergeschichte über Frösche auf fliegenden Seerosenblättern anschauen und erzählen, was ich sah bzw. was in dieser Geschichte passierte. Ich musste aus Beuteln vier Figuren und einen Gegenstand ziehen, mir eine Geschichte dazu ausdenken und diese mit den Figuren und dem Gegenstand nachspielen und erzählen. Und ich musste fünf Kärtchen mit Bildern von analogen Uhren anhand der abgebildeten Uhrzeiten auf einem Brett mit digitalen Uhrzeiten richtig einordnen.

Außerdem schickte sie mich nach ca. der Hälfte des Termins für drei Minuten aus dem Zimmer. Sie sagte, sie müsse kurz etwas bearbeiten und notieren. Ich könne mir ja etwas zu trinken nehmen. Als ich nach drei Minuten wieder an der Tür klopfte (darüber hing passenderweise eine digitale Uhr mit Sekundenanzeige), bat sie mich Platz zu nehmen und starrte mich eine Weile schweigend an, bevor es weiterging. Ich fand das sehr unangenehm und starrte auf meine Knie. Es war eine vollkommen seltsame Situation, mit der ich überhaupt nichts anfangen konnte. Das war sicherlich ein Test.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Diagnosetermin fand ein Telefonat zwischen der Psychologin und meiner Mutter statt, bei dem die beiden den bereits von meiner Mutter ausgefüllten FSK besprachen und die Psychologin einige Punkte genauer erfragte. Das Gespräch dauerte eine Stunde.

Beim zweiten Diagnosetermin ging es im Grunde so weiter wie beim ersten. Er dauerte ebenfalls zwei Stunden und dieselbe Psychologin stellte weitere Fragen zu den bereits besprochenen Themen. Statt Aufgaben zu erledigen, wie beim ersten Termin, musste ich diesmal einen sogenannten verbalen IQ-Test absolvieren. Dabei musste ich aus Reihen von je fünf Wörtern das eine, das richtig geschrieben war, heraussuchen und unterstreichen. Das sah in etwa so aus: eientlich – eigentlich – eigendlich – aigentlich – egentlich. Von Reihe zu Reihe wurden die Wörter anspruchsvoller und die Fehler weniger offensichtlich. Solche IQ-Kurztests werden durchgeführt, um einen ungefähren IQ-Wert zu ermitteln. Der ist dann aber auch wirklich nur ein grober Richtwert. Am Ende des Termins sagte mir die Psychologin dann, dass ich ein ganz eindeutiger Fall sei und von ihr laut ICD 10 die Diagnose F84.5 Asperger-Syndrom erhalten würde. Das dazugehörige Diagnoseschreiben lag drei oder vier Wochen später in meinem Briefkasten.

Insgesamt verbrachte ich ungefähr zwei Stunden mit dem Ausfüllen von Fragebögen und viereinhalb Stunden in Gesprächen. Dazu kamen noch eine Gesprächs- und eine Fragebogenstunde für meine Mutter.

Auf die Eröffnung der neuen Warteliste für die Terminvergabe der Autismus-Ambulanz habe ich zehn Monate lang gewartet, auf die ersten Fragebögen dann noch mal zwei Wochen und auf das Vorgespräch weitere sechs. Der erste Diagnosetermin fand drei Wochen nach dem Vorgespräch statt, der zweite eine weitere Woche später. Diese Termine habe ich nach Aussage einer Verwaltungsmitarbeiterin ungewöhnlich schnell und dicht hintereinander bekommen, da andere Patientinnen oder Patienten ihre Termine abgesagt oder verschoben hatten und ich zufällig genau zu diesen frei gewordenen Terminen Zeit hatte. Der Diagnoseprozess hat also mit Beginn meiner Warterei auf die Warteliste ein ganzes Jahr gedauert. Weil ich Glück hatte. Andere warten oft noch viel länger.

Es war anstrengend und intensiv, aber auch sehr interessant und hilfreich. Ja, diese offizielle, professionelle und gründliche Untersuchung und Bestätigung meines eigenen Verdachts, ich könnte Autistin sein, hat mir tatsächlich etwas gebracht. Und zwar für meine Selbstwahrnehmung und für mein Ernstgenommenwerden durch mich selbst und andere.