Arbeitsalltag.

Es ist vorbei. Ich habe es tatsächlich geschafft. Alle Prüfungen sind absolviert, sogar die garstige mündliche Ende Februar. Die hatte mir im Vorfeld eine Menge Sorgen und Angst bereitet, war aber am Ende weniger schlimm auszuhalten, als ich befürchtet hatte und mit dem Ergebnis bin ich auch vollkommen zufrieden. Jetzt liegt eine Menge Stress endlich hinter mir. Hobbithexe ist eine freie Elfe mit abgeschlossener Berufsausbildung! Und das inzwischen schon seit drei Monaten.

Da ist er nun, dieser Arbeitsalltag, der gleichmäßige, auf den ich mich so gefreut habe. Gut ist er! Das Grundgerüst meiner Arbeitstage ist so einheitlich und vorhersehbar, wie ich es brauche. Ich habe mein eigenes Büro, bearbeite einen ganz eigenen Aufgabenbereich und kann mir meine Zeit und meine Arbeit einteilen, wie ich möchte. Manchmal muss ich zwar auf die eine oder andere Stellungnahme meiner technischen Kolleginnen und Kollegen etwas länger warten, als ich es mir wünschen würde, also bin ich nicht vollkommen unabhängig von anderen, aber dieser Einfluss auf meine Arbeit ist ziemlich gering. In meinem Sachgebiet bin ich meine eigene Herrin.

Ich mag meine Arbeit, habe genug zu tun und muss mich nicht langweilen. Es tauchen immer wieder neue Sachen auf, die in meiner Einarbeitungsphase im letzten Jahr gar nicht vorgekommen sind. Meine Vorgängerin hat mir eine Menge vermittelt, aber seit Ende Dezember ist sie weg und ich muss mich eben selbst durchwurschteln, wenn ich mit etwas konfrontiert bin, das sie mir nicht erklärt hat. Das ist nicht immer einfach, macht mir aber viel Spaß und ist genau die Art Herausforderung, die mir liegt und gefällt.

Was mir nicht so liegt, ist der Sozialkram, der nun mal dazu gehört, wenn man irgendwo arbeitet, wo auch andere Menschen arbeiten. Mein Team ist klein und wirklich nett und dadurch, dass wir alle irgendwie unseren jeweils eigenen Aufgabenbereich haben, haben wir dienstlich eigentlich gar nichts miteinander zu tun. Das kommt mir entgegen. Trotzdem begegnet man sich natürlich und in der Küche, am Kopierer, bei den Postfächern oder bei den gemeinsamen Mittagspausen komme ich eben nicht um Smalltalk herum. Das ist für mich ziemlich anstrengend. Ich kann im Zusammensein mit anderen Menschen, die nicht zu meinem allerengsten Kreis gehören, nicht aufs Maskieren verzichten. Zum Einen habe ich mir das viel zu sehr antrainiert und zum Anderen würde ich sonst viel zu sehr anecken, andere verunsichern und irritieren. Aber ich mag mein Team und habe vor, noch lange in diesem Amt zu bleiben. Da will ich auf gar keinen Fall dem Arbeitsklima und dem Miteinander schaden. Das Maskieren muss also irgendwie sein, kostet aber eine Menge Kraft. Viel mehr Kraft, als meine eigentliche Arbeit. An den meisten Tagen sind es nur wenige, kurze Momente, in denen ich interagieren muss und dann ist es okay, an anderen ist es doch eine spürbare Belastung für mich. Aber so ist es nun einmal. Ich kann nicht im menschenleeren Raum arbeiten, auch wenn ich es gern würde. Zum Glück kenne ich meine kleine Arbeitsgruppe inzwischen lange und gut genug, um die Kolleginnen und Kollegen einigermaßen einschätzen zu können. Das macht das Ganze nach und nach einfacher.

Insgesamt sind die Bedingungen für mich also gut. Ich gehe gern zur Arbeit, bin zufrieden mit meinem Alltag und kann erst einmal alles so weiterlaufen lassen. In den nächsten Jahren will ich mich auf jeden Fall noch weiterbilden, womit sicherlich einige neue Herausforderungen auf mich zukommen werden, aber fürs Erste kann ich jetzt in meinem ruhigen, geregelten Arbeitsleben ankommen, Erfahrungen sammeln und genießen, dass ich mir einen Beruf und eine Stelle erarbeitet habe, die meinen Bedürfnissen gut entspricht. Das ist einfach toll.

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Sie ist die Joggerin, sie rennt immer weiter.*

Seit einem Jahr und acht Monaten laufe ich. Jeden zweiten Tag. Seit einem Jahr und fünf Monaten sind es gute neun Kilometer pro Lauf, oft auch zehn. Angefangen habe ich mit zwei Kilometern, die ich erst beim fünften oder sechsten Versuch durchlaufen konnte.

Es gibt dieses Klischee, dass Läuferinnen und Läufer immer vor irgendwas weglaufen würden. Vielleicht auch, aber ganz sicher nicht immer. Meistens laufe ich auf etwas zu. Eventuell auch mal etwas hinterher. Ab und an vielleicht vor etwas weg. Aber vor allem laufe ich, weil es mir gut tut.

Die Bewegung tut mir gut. Ich habe einen Bürojob, bei dem ich naturgemäß viel sitze und mich wenig bewege. Beim Laufen bewege ich alles, mein gesamter Körper ist aktiv. Ein sehr guter Ausgleich.

Die Regelmäßigkeit tut mir gut. Zum einen die Regelmäßigkeit der Bewegung selbst. Sie ist vollkommen gleichmäßig und ich muss keine Sekunde darüber nachdenken, nicht darauf achten, nur laufen und atmen, ganz rhythmisch. Zum anderen die Regelmäßigkeit, mit der ich laufe. Sie ist einer der Anker in meinem Alltag. Jeden zweiten Tag ist Lauftag, nahezu unumstößlich. Ich kann die ausgefallenen Läufe der letzten 20 Monate alle aufzählen, wenn ich ein bisschen darüber nachdenke. Es sind also nicht viele.

Die Ruhe tut mir gut. Wenn ich laufe, bin ich ganz bei mir und kann mich sammeln und, wenn es nötig ist, auch beruhigen. Manchmal höre ich nur meinem Atem zu und zähle meine Schritte in 20er-Blöcken. Dabei kann ich allen Stress des Tages vergessen. Manchmal lösen sich auch irgendwelche Gedankenblockaden oder Grübeleien auf, ich komme auf Ideen oder ich kann mit irgendeinem Ärgernis abschließen. Die innere Ruhe, die sich beim Laufen in mir ausbreitet, ist immer hilfreich.

Das Draußensein tut mir gut. Bei jedem Wetter. Auch, wenn ich mich bei Regen, Kälte und Hitze oft ziemlich überwinden muss. Wenn ich die ersten ein, zwei Kilometer hinter mir habe, ist mir jedes Wetter egal. Ich spüre es und spüre, wie mein Körper darauf reagiert und dass er damit immer irgendwie umgehen kann. Das ist ein gutes Gefühl.

Das Körpergefühl, das ich habe, seit ich laufe, tut mir gut. Ich fühle mich stärker und widerstandsfähiger. Das ist ermutigend und erhebend. Irgendwie macht es Herausforderungen kleiner. Ich schaffe es, jeden zweiten Tag neun bis zehn Kilometer zu laufen. Ich bin ausdauernd und zäh. Mich haut so schnell nichts um. Mein Körper ist leistungsfähiger und ich habe den Eindruck, dass mich das auch mental leistungsfähiger macht, einfach, weil ich mich insgesamt robuster fühle. Und wenn mein Gehirn überlastet und erschöpft ist, ist mein Körper nicht zusätzlich auch schon am Ende seiner Kräfte. Das macht viele Situationen besser aushaltbar.

All das heißt nicht, dass ich immer voller Elan in meine Laufsachen hüpfe und mich freue, dass es jetzt endlich losgeht. Das ist sogar ziemlich selten der Fall. Meistens habe ich nach Feierabend wenig Lust und überlege, mich doch lieber auf dem Sofa verkriechen, als noch mal die Wohnung zu verlassen und mich anzustrengen. Aber ich weiß, wie gut es mir tut und wie wichtig es mir geworden ist. Es ist ein elementarer Bestandteil meines Alltags, eine wichtige Routine. Also laufe ich los. Und es ist jedes Mal die richtige Entscheidung.

* https://www.youtube.com/watch?v=fEfW8nWO-QU

Berufsschule.

Die Berufsschule war der Teil der Ausbildung, der mir im Vorhinein am meisten Angst gemacht hat. Eine gute und glückliche Schülerin war ich zuletzt in der vierten Klasse und das war zu Beginn meiner Ausbildung 16 Jahre her. Danach folgten neun schlimme Jahre am Gymnasium und am Ende dieser Zeit die unglaubliche Erleichterung, nie wieder zur Schule zu müssen. Sieben Jahre später war es dann aber doch wieder soweit.

An der Uni hatte ich mich langsam wieder zurückgekämpft in die Nähe dessen, was ich in der Grundschule geschafft habe und mir damals so leicht fiel: aktive, freudige Teilnahme am Unterrichtsgeschehen. Der Druck zur mündlichen Mitarbeit war weg, Noten gab es dafür schließlich nicht. Niemand kannte mich, also hatte ich nur wenig Angst, von Anfang an verurteilt zu werden. Und fast alle um mich herum waren auch einigermaßen unsicher, weil das Studieren für die meisten neu war. Außerdem war ich bestimmt nicht die einzige ewige Außenseiterin unter ihnen. Das alles machte mir genug Mut, um mich zu trauen, mich gleich in der ersten Woche hier und da in den Seminaren zu melden. Ich wurde immer sicherer, fühlte mich immer wohler und wurde immer aktiver. Das Studium war insgesamt eine sehr ermutigende, befreiende Zeit für mich, auch wenn ich weiterhin keine Ahnung hatte, wie man Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt. Ich traf auf eine Kommilitonin, die mich sprichwörtlich an die Hand und mit sich mitnahm, wodurch ich ein paar liebe Menschen kennenlernte, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls hatte ich vor der Ausbildung einerseits neun fürchterliche Schuljahre hinter mir, in denen ich mehr oder weniger wie gelähmt war und mündlich fast nur vieren und fünfen bekam und andererseits ein sechsjähriges Studium, das mir wirklich gut getan hatte und mir Hoffnung machte, mit der Berufsschule viel besser umgehen zu können als mit dem Gymnasium. Trotzdem war ich schrecklich nervös, als es losging. Was, wenn sich die schlechten Erfahrungen wiederholen würden? Was, wenn ich mich wieder vollkommen zurückziehen würde? Was, wenn die Berufsschulzeit eine einzige Qual werden würde? Wie sollte ich dann die Ausbildung schaffen, noch dazu mit guten Noten?

Und dann ging es los. Es war eigenartig, wieder ein Schulgebäude zu betreten. Eine Klasse zu haben. Einen Stundenplan. Lehrerinnen und Lehrer. Aber es war anders als damals, gleich von Anfang an. Wegen mir, denn ich hatte mich natürlich seitdem entwickelt. Wegen meiner Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, denn die waren natürlich alle keine Kinder, sondern junge Erwachsene. Und auch wegen der Lehrerinnen und Lehrer, denn die sahen uns nicht als zu erziehende Kinder, sondern als beruflich zu bildende Erwachsene. Eine Mischung aus Wohlbekanntem und Neuem. Beunruhigend und beruhigend zugleich. Der Unterricht begann, die Lehrerinnen und Lehrer machten auf mich alle einen guten Eindruck, die Unterrichtsinhalte fand ich interessant und ich hatte einen großen Ehrgeiz, diese Ausbildung mit guten, sehr guten Leistungen zu schaffen. Also nahm ich all meinen Mut und all meine positiven Erfahrungen aus dem Studium zusammen und hob fleißig meine Hand, um Fragen zu beantworten und zu stellen. Ich hatte mir fest vorgenommen, gleich von Anfang an aktiv dabei zu sein und gar nicht erst still in der Ecke zu sitzen und unsichtbar zu werden. Ich setzte mich nach vorne und brachte mich ein, in den ersten Wochen noch mit laut in meinem Kopf pochendem Herzschlag und einem inneren Zittern und Sausen, das außer mir hoffentlich niemand bemerkte und dann, nach und nach, mit immer mehr Ruhe und Selbstverständlichkeit. Ich wurde wieder ganz die emsige, begeisterte Streberin, die ich in der Grundschule war und die offenbar zu meinem Wesen gehört. Es war wunderbar! Ich fand alles interessant, hatte überall sehr gute Noten und war rundum zufrieden mit mir. Sogar der Sportunterricht, den wir alle zwei Wochen hatten, war irgendwie in Ordnung, bis auf all den Muskelkater und die Tatsache, dass ich nun mal nichts kann, was mit Bällen zu tun hat. Der Lehrer bewertete vor allem die Mühe, die wir uns gaben und den individuellen Fortschritt, den wir machten. Was wir tatsächlich hinbekamen, war nebensächlich. Außerdem verzichtete er auf erniedrigende Mannschaftswahlverfahren, bei denen ich schon in der Grundschule immer die letzte auf der Bank gewesen war, die nur unter Murren als Mitglied hingenommen wurde.

Besonders beliebt war ich nicht. Das ist eben das Los der Streberinnen und Streber und macht mir nichts aus, solange man mich in Ruhe lässt. Aber ich fand ein paar liebe Azubikolleginnen, beziehungsweise sie fanden mich, mit denen ich in der ersten Reihe saß und die ich gern mochte, was ganz offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Dafür war ich sehr dankbar. Trotzdem war es in der Berufsschule jeden Tag aufs Neue sehr anstrengend. Es gab Gruppenarbeiten, Referate, jede Menge Unruhe und Lärm und keine echte Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Während der Berufsschultage kam ich nicht einen Moment zur Ruhe. Nachmittags war ich jedes Mal vollkommen erledigt und oft genug froh, es überhaupt noch nach Hause geschafft zu haben. Die mindestens einstündige Bahnfahrerei war immer ein Kraftakt. Anfangs steckte ich das Ganze noch einigermaßen gut weg, weil ich so glücklich war, alles so gut hinzubekommen und endlich wieder die Schülerin sein zu können, die ich einfach war, aber mit der Zeit wurde es immer zehrender. Ein Glück, dass ich nur zweimal in der Woche zur Berufsschule musste und die meisten Arbeitstage regelrecht erholsam waren! Eine rein schulische Ausbildung hätte ich niemals so gut hinbekommen. Und so hangelte ich mich von Ferien zu Ferien, gab an nahezu jedem Schultag mein Bestes und war froh zu wissen, dass die Zeit dort nicht allzu lange dauern würde. Drei Jahre, sagte ich mir, schaffe ich schon. Vermutlich sogar nur zweieinhalb, wenn ich die Ausbildung verkürzen darf. Was ich dann auch durfte. Das letzte halbe Jahr war dann noch mal besonders anstrengend. Wie gut, dass zwischendurch noch Sommerferien waren! Ich war wirklich erschöpft von dem vielen auditiven und visuellen Input und vor allem von dem vielen Sozialkram, der einem abverlangt wird, wenn man stundenlang in einer Menschengruppe feststeckt. Es fiel mir immer, immer schwerer, diese Tage zu überstehen und mein Leistungsniveau zu halten.

Und dann erfuhr ich, dass es unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist, sich vom Berufsschulunterricht befreien zu lassen. Was für eine Nachricht! Das wollte ich unbedingt für die letzten drei Monate Ausbildungszeit, die mir noch nach den schriftlichen Abschlussprüfungen bleiben würden. Es war schwierig und dauerte viele Wochen, aber am Ende wurde meinem Antrag stattgegeben. Die schriftlichen Prüfungen liegen nun hinter mir und auch der erste Monat ohne Berufsschule ist inzwischen vorbei. Eine unglaubliche Erleichterung! Ich habe es tatsächlich geschafft! Meine Berufsschulzeit ist vorbei. Sie war schön und hart und glücklicherweise deutlich kürzer, als sie hätte werden können. Ich bin sehr, sehr froh und stolz auf mich, dass ich das geschafft habe, was ich geschafft habe. Es ist mir besser gelungen, als ich gehofft hatte.

Furchtbar froh und furchtbar aufgeregt.

Ich bin ein bisschen spät dran, ungefähr sechs Wochen, aber hier ist er nun, mein Bericht über meinen vergangenen Praxisabschnitt.

Er war gut. Richtig gut. Zum einen inhaltlich (ich durfte dafür sorgen, dass viele Bäume nicht gefällt werden durften und dass die, die gefällt werden durften, ersetzt werden mussten) und zum anderen von den Rahmenbedingungen her.

Mein Praxisanleiter war sehr daran interessiert, mir viel beizubringen und begeistert davon, dass ich sehr daran interessiert war, viel zu lernen. Ich konnte aus dieser Zeit also eine ganze Menge für mein Arbeitsleben mitnehmen. Toll war auch, dass ich viel Ruhe hatte und mich gut auf meine Arbeit fokussieren konnte, von der es meistens genug gab. Das kommt mir immer sehr entgegen. Ich liebe es, viel zu tun zu haben, weil ich dann wunderbar in die Arbeit eintauchen kann. Vorausgesetzt, man lässt mich einfach mein Ding machen. Und das hat mein Praxisanleiter getan. Dadurch hatte ich innerhalb kurzer Zeit schon eine ziemlich gute Routine in den alltäglichen Aufgaben, was mir eine unglaubliche Sicherheit gegeben hat. Ein sehr gutes Fundament für Abweichungen, die eben auch immer wieder vorkommen. Natürlich mochte ich die auch in diesem Ausbildungsabschnitt nicht, aber durch meine solide Wissensbasis und Arbeitsroutine konnte ich sie hier verhältnismäßig gut verkraften. Diesmal habe ich mich besonders schnell eingefunden. Zum einen lag das daran, dass mein Praxisanleiter sehr gut darin war, Leute einzuarbeiten. Zum anderen hatte ich zum Beginn des Abschnitts schon fast zwei Ausbildungsjahre hinter mir und bin daher in vielen Grundlagen schon sehr sicher. Auch, wenn es inhaltlich in jedem Amt um etwas ganz Eigenes geht, sind die Prinzipien und Strukturen überall gleich oder mindestens sehr ähnlich. Besser geht es für mich nicht. Ich treffe überall auf viel Bekanntes und Vertrautes. Das macht mir die Eingewöhnung in neue Situationen und Stellen relativ leicht. Relativ dazu, dass ich es grundsätzlich grauenhaft finde, irgendwo neu anzufangen und mich in neue Situationen und Stellen einzufinden.

Zu meinem unbeschreiblich großen Glück war das bei meinem Wechsel in meine aktuelle und letzte Praxisstelle (ich darf die Ausbildung verkürzen und habe Ende November meine schriftlichen Abschlussprüfungen – aaaaaaaah!) so gut wie gar nicht notwendig, denn ich bin wieder in meiner zweiten und herzallerliebsten Praxisstelle vom letzten Sommer gelandet. Eine Kollegin aus dem Bereich, in dem ich damals eingesetzt war, geht Ende des Jahres in den Ruhestand, weshalb ihre Stelle ausgeschrieben wurde. Ich habe mich beworben und es hat funktioniert! Damit der Übergang möglichst gut verläuft, wurde ich gleich für meinen letzten Ausbildungsabschnitt dort hingesetzt, um von der Kollegin eingearbeitet zu werden. Ich mache nicht ganz genau die gleiche Arbeit wie letztes Jahr, aber sehr ähnliche. Trotzdem gibt es natürlich noch ganz viel zu lernen und ich habe viel zu tun und zu verarbeiten. Aber ich kenne alle Kolleginnen und Kollegen schon und bin mit den Abläufen bestens vertraut. Ein paar Dinge haben sich geändert, beispielsweise weil einige rechtliche Grundlagen überarbeitet wurden und es Änderungen in der Software gegeben hat, mit der wir die Anträge bearbeiten, aber nach inzwischen sechs Wochen bin ich wieder voll und ganz drin in der Materie und kann mich sehr gut auf die neuen Inhalte einlassen. Anfangs war es etwas seltsam, weil alles so vertraut und doch etwas fremd war. Zum Glück hat sich das aber recht schnell gelegt. Aufregend ist das alles trotzdem noch und ich bin noch nicht richtig zur Ruhe gekommen, aber das werde ich noch, da bin ich absolut sicher. Ich sitze an genau der richtigen Stelle.

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich furchtbar, furchtbar froh mit meiner Arbeitssituation bin und furchtbar, furchtbar aufgeregt wegen der viel zu nahen schriftlichen Abschlussprüfungen. Die nächsten Wochen werden entsetzlich aufwühlend. Aber sie werden vorbeigehen und ich werde das schon schaffen, auch wenn ich ganz sicher mehrfach durchdrehen werde vor lauter Nervosität. Das gehört eben dazu.

Wenn die Bedingungen nicht stimmen, spüre ich meine Behinderung deutlich.

So wunderbar und passend meine vorletzte Praxisstelle war, so anstrengend und unpassend war die letzte. Es ging mir dort überhaupt nicht gut, aber das Ausmaß ist mir leider erst ziemlich spät bewusst geworden und da konnte ich dann nichts mehr ändern, nur sprichwörtlich die Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Hätte ich früher bemerkt, was dort alles nicht für mich stimmte, hätte ich mich an die Ausbildungsleitung gewandt und um eine neue Zuweisung gebeten.

Ich war in dem Büro im Einsatz, das sich um die Belange des Parlaments in dem Bezirk kümmert, für den ich arbeite. An sich eine spannende Sache. Inhaltlich war alles sehr interessant, ich habe viele Einblicke bekommen und eine Menge über parlamentarische Arbeit und das dazugehörige Drumherum gelernt. Das fand ich toll, aber damit hörte es leider auch schon auf.

Mir gefiel nicht, dass die Arbeit dort im Grunde gar nichts mit meinem Beruf zu tun hatte. Es gab kein Gesetz, nach dem ich arbeiten musste, nichts, das geprüft werden musste, gar nichts, das tatsächlich als öffentliche Verwaltung bezeichnet werden kann. Die meisten Aufgaben waren ziemlich langweilig und es war kein echtes Hintergrund- oder gar Fachwissen notwendig. In den ersten neun Wochen hatte ich zwar ein eigenes Projekt und konnte daran ganz eigenständig arbeiten, was mir im Prinzip sehr entgegenkommt, aber auch das war wenig anspruchsvoll und in erster Linie organisatorische Arbeit. Vom Tagesgeschäft habe ich in dieser Zeit noch recht wenig mitbekommen. Ich bin lediglich einmal im Monat mit in die Parlamentssitzung gegangen und habe bei der Protokollführung geholfen.

Die Begleitung dieser Sitzungen war natürlich interessant, aber das bezirkliche Parlament ist ein sogenanntes Freizeit- bzw. Feierabendparlament aus lauter Ehrenamtlichen, was bedeutet, dass die Sitzungen nach Feierabend stattfinden, in diesem Fall von 17:00 Uhr bis etwa 23:00 Uhr. Für mich war das eine immense Belastung, denn mein kompletter Rhythmus wurde dadurch zerstört. Ich stehe unter der Woche immer um 05:00 Uhr auf und fange um 07:00 Uhr an zu arbeiten. So umgehe ich das Problem, in den im Berufsverkehr völlig überfüllten Bahnen zu landen. Jetzt musste ich einmal im Monat zu Uhrzeiten arbeiten, zu denen ich normalerweise längst schlafe. Mit solchen Abweichungen komme ich überhaupt nicht zurecht. Während der gesamten fünfmonatigen Praxisphase hatte ich starke Schlafstörungen. Natürlich sagte mir meine Praxisanleiterin, dass sie mich aufgrund der späten Uhrzeiten nicht zwingen wolle und könne, zu den Sitzungen mitzukommen, aber hätte ich das nicht gemacht, wäre ich kaum in das Tagesgeschäft eingebunden worden und hätte folglich nicht viel zu tun gehabt. Das war für mich keine echte Wahl. Acht Stunden im Büro zu sitzen, ohne auch nur annähernd mit Arbeit ausgelastet zu sein, finde ich schwer erträglich. Und das gleich mehrere Monate lang? Lieber nicht.

Neben den starken Rhythmusabweichungen war dann noch die soziale Situation in der Praxisstelle für meine Schlafstörungen verantwortlich. Das Team, das für das bezirkliche Parlament arbeitet, ist sehr klein und die Kolleginnen verstanden sich überhaupt nicht. Anfangs dachte ich, dass mir das nicht viel ausmachen würde, da ich ohnehin nur ein paar Monate dort verbringen würde und mich aus allen persönlichen Konflikten gut raushalten könnte, aber ich wurde dann doch irgendwie mit reingezogen in den ganzen Schlamassel. Besonders die beiden Kolleginnen, die für mich verantwortlich waren, erzählten mir über die jeweils andere nur wirklich absolut Schlechtes. Und dann auch noch so ziemlich das gleiche. Jede hielt die andere für ein ausgesprochen garstiges Biest, das all seine Energie darauf verwandte, sie schlecht dastehen zu lassen und ihr das Leben schwer zu machen. Zuerst konnte ich noch darüber hinwegsehen, aber mit der Zeit wurde es immer anstrengender und belastender für mich. Beide benutzten mich immer mehr als Kummerkastentante, bei der sie all ihren Ärger und ihren Frust abluden. Situationen, an denen wir alle drei beteiligt waren, waren für mich kaum auszuhalten. Nicht, weil es dann Streit oder sowas gab, nein, sie taten dann immer so, als sei alles in bester Ordnung, sondern weil ich nie wusste, was passieren würde, ob die Situation nicht doch plötzlich eskalieren würde. Das hätte mich vollkommen überfordert. Überhaupt war die ganze Lage für mich eine einzige große soziale Überforderung. Da ich mich raushalten wollte, ging ich nicht auf das ein, was die beiden mir übereinander erzählten und verschwieg selbstverständlich auch, dass die jeweils andere mir auch alles Mögliche erzählte. Am Anfang war es auch noch gar nicht viel, nur hier und da mal ein Kommentar. Aber es wurde immer mehr und ich fühlte mich immer unwohler und wusste einfach nicht, wie ich damit umgehen sollte. Nach einigen Wochen war ich nur noch gestresst und kam gar nicht mehr zur Ruhe.

Was mir außerdem absolut fehlte, waren klare Strukturen und Abläufe. Die Arbeit war, wenn auch nicht sonderlich schwierig, sehr abwechslungsreich. Viel zu abwechslungsreich für meinen Geschmack. Es war kein Tag wie der andere. Ständig wollten die Parlamentarierinnen und Parlamentarier irgendwas Neues und dauernd gab es irgendwelche Veränderungen. Von Regelmäßigkeit und Klarheit konnte ich nur träumen. Jeden Tag lauerten neue Überraschungen im E-Mail-Fach und sie waren leider meist unerfreulich. Die Kolleginnen waren dauernd in heller Aufregung und alles musste immer schnell und am besten gleichzeitig erledigt werden. Ich konnte so gut wie gar nicht zur Ruhe kommen, aber die brauche ich unbedingt, um richtig arbeiten zu können.

In diesem Klima, ohne jegliche Strukturierung und mit den furchtbar ungleichmäßigen Arbeitszeiten, war ich überhaupt nicht in der Lage, leistungsfähig zu sein. Ich konnte mich kaum konzentrieren, mir kaum etwas merken und mich nur wenig einbringen. Zumindest war ich nicht annähernd so leistungsfähig, wie es mir unter guten, passenden Bedingungen möglich ist. Das wiederum führte zu noch mehr Stress. Ich stand permanent unter Druck, fühlte mich unzulänglich und dumm, musste dauernd meine Grenzen überschreiten und kämpfte mich von Tag zu Tag. Auch die Kolleginnen waren gestresst und permanent gereizt. Sie ließen es nicht direkt an mir aus, aber ich bekam trotzdem viel davon mit und manches auch ab. Hinzu kam dann noch, dass die Lehrmethoden der Kollegin, die mir hauptsächlich etwas beibrachte, überhaupt nicht zu meiner Art zu lernen passten. Auch um das zu merken, habe ich viel zu lange gebraucht und mich dann nicht mehr getraut, es anzusprechen. Es schien mir einfach zu spät zu sein. Irgendwie habe ich aber insgesamt wohl doch einen guten Eindruck gemacht, zumindest bei der einen der beiden für mich verantwortlichen Kolleginnen, die mich bewerten musste. Wie ich das geschafft habe, ist mir schleierhaft. Sie muss irgendwie erkannt haben, wo meine Stärken liegen und dass die mich für meinen Beruf sehr geeignet machen, anders kann ich es mir nicht erklären. Fähig gefühlt habe ich mich während dieses Praxisabschnitts jedenfalls nur selten.

Nach der Arbeit war ich immer sehr erschöpft und unglaublich froh, dass ich nicht alleine lebe und deshalb auch nicht einen ganzen Haushalt führen muss. Meistens war ich gar nicht mehr in der Lage, irgendwas zu schaffen und konnte nur noch ein bisschen auf dem Sofa sitzen, bevor es ins Bett ging. Wenn ich auch noch hätte einkaufen und mir selbst etwas zu essen machen müssen… Ich will lieber nicht darüber nachdenken. Keine Ahnung, wie ich das hätte schaffen können. Ich hatte zwar auch während des Studiums, als ich allein gelebt habe, unpassende und dadurch harte Zeiten, aber sie waren kürzer und ich hatte keine 40-Stunden-Woche. Irgendwie bin ich auch in diesen Zeiten zurechtgekommen, aber mehr schlecht als recht. Einkaufen, putzen und aufräumen waren nur sporadisch möglich und mir ein Essen zubereiten konnte ich gar nicht. Ich kam nach Hause, war einfach erledigt und schon froh, wenn ich den Toaster bedienen konnte. Während dieser Praxisphase fehlte mir nach Feierabend genauso die Energie, mich allein um mich selbst und den Haushalt zu kümmern. Wenn die Bedingungen gut für mich sind, geht es mir auch gut und ich kann sehr viel leisten und fühle mich wohl. Wenn die Umstände aber so unpassend sind, wie ich es gerade erst wieder erlebt habe, dann merke ich ganz deutlich, wie eingeschränkt ich bin und dass (mein) Autismus tatsächlich eine Behinderung ist.

Zum Glück ist dieser Praxisabschnitt jetzt endlich vorbei. Ich bin noch ziemlich platt und werde wohl eine ganze Weile brauchen, um mich endgültig davon zu erholen. Die letzten fünf Monate waren in vielerlei Hinsicht einfach zu viel für mich.

Meine nächste Praxisstelle wird, soweit ich bisher weiß, dafür wieder umso besser zu mir passen. Es geht in das Umwelt- und Naturschutzamt, was ich inhaltlich schon mal ganz fantastisch finde. Außerdem habe ich von einer Azubikollegin schon einiges über die Arbeit dort erfahren und es klingt alles wirklich gut. Ich freue mich also sehr auf die Zeit, die vor mir liegt und hoffe, dass die letzte Praxisstelle mir nicht mehr allzu lange nachhängen wird.

Veränderungen sind fürchterlich.

Um mich herum hat sich in den letzten Monaten so gut wie alles verändert. Es war fürchterlich.

Mein Mann und ich hatten geplant, nach meiner Ausbildung umzuziehen, in eine schönere Wohnung mit Balkon und richtiger Küche und gefliestem Bad. Wir sprachen im Sommer ein paarmal darüber und stellten fest, dass unsere Ansprüche ziemlich spezifisch waren, also dachten wir, es wäre gut, schon mal ein bisschen den Wohnungsmarkt zu erkunden, da unsere Suche sicher lange dauern würde. Außerdem wollten wir uns schon mal bei der einen oder anderen Wohnungsbaugenossenschaft melden, da die hier sehr schöne Wohnungen haben und bauen und man deshalb nicht so leicht eine abbekommt. Also dachten wir, wir müssten eine lange Wartezeit einplanen und uns deshalb frühzeitig kümmern.

Und dann hatten wir plötzlich eine neue Wohnung. Wir entdeckten ein für uns absolut perfektes Angebot, bewarben uns kurzentschlossen und bekamen eine Zusage. Das war Mitte August. Für einen ab dem ersten November bezugsfertigen Neubau. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Hilfe!

Mehr oder weniger aus dem Nichts heraus musste ich mich an den Gedanken gewöhnen, dass sehr bald vieles sehr anders sein würde, und damit war es ja noch längst nicht getan. Neue Räume wollten geplant, neue Möbel ausgesucht und gekauft und unzählige Kisten gepackt werden. Und das alles eineinhalb Jahre früher, als wir es vorgehabt hatten.

Mit Veränderungen komme ich nur sehr, sehr schwer zurecht. Klar, die wenigsten Menschen mögen Veränderungen wirklich. Sie machen Angst. Das ist normal und in Ordnung. Aber bei mir ist das leider noch mal eine ganz andere Dimension der Angst und des Nicht-damit-Zurechtkommens. Auch bei so positiven Veränderungen wie dem Umzug in eine Wohnung, die noch viel schöner und toller war, als ich sie mir gewünscht und vorgestellt hatte, bevor wir dieses Angebot fanden und obwohl ich mehr als froh war, endlich aus der alten Wohnung ausziehen zu können, an der mich so vieles nervte und störte. Die neue Wohnung hat eine wunderbare Lage. Überall ist Wasser und Wald um uns herum. Sie ist toll geschnitten, hat viele große Fenster und einen schönen, großen Balkon. Die Anbindung an den ÖPNV ist gut. Wir hatten finanziell endlich die Möglichkeit, uns nach unserem Geschmack einzurichten, alles richtig zu planen und eine richtige, tolle Küche zu kaufen.

Ich wollte nicht. Also, ich wollte natürlich sehr wohl, unbedingt sogar, aber es war eben eine riesige Veränderung, und Veränderungen will ich überhaupt nicht. Nicht einmal, wenn ich sie mir wirklich wünsche. Das ist natürlich paradox und ziemlich anstrengend. Vor allem, weil man so oft zu hören und zu lesen bekommt, man solle einfach auf sein Gefühl hören, das wäre dann schon richtig. Dem kann ich bei mir und Veränderungen nur vehement widersprechen. Mein Gefühl ist dabei immer grässlich und sagt mir, dass ich sofort alles abblasen und unbedingt verhindern soll, dass die Veränderung (ja, wirklich auch eine, die ich mir sehr wünsche) eintritt. Mein rationaler Teil ist der einzige, auf den ich dabei hören und auf den ich mich verlassen darf, denn der weiß, ob ich diese Veränderung will und was die Gründe dafür sind. Er kann das in Ruhe betrachten und analysieren und mir eine Antwort liefern. Den emotionalen Teil muss ich schön außen vor halten und so lange mit rationalen Argumenten bombardieren, bis er sich beruhigt und einsieht, dass es nur die Veränderung an sich ist, das Unbekannte, das Neue, vor dem er Angst hat, nicht das Ergebnis. Klar, es dauert, sich in eine neue Situation einzufinden, sich in einer neuen Wohnung und einer neuen Gegend einzuleben, auch wenn die nur ein paar Tramstationen von der alten entfernt ist. Und bei mir dauert es eben ein bisschen länger als bei den meisten Menschen. Das ist aber kein echter Grund, nicht in eine so viel bessere Wohnung zu ziehen.

Das ist auch kein Grund, einen Job zu behalten, der einen quält, nur weil es eine große Veränderung wäre, nicht mehr dort hinzugehen und man sich obendrein auch noch in einen neuen Job hineinfinden müsste, aber mein Gefühl sagte mir sogar zum Ende meiner Callcenterzeit, dass es eben doch ein sehr plausibler Grund wäre und ich doch bitte einfach alles so lassen solle. Ich liebe meine Ausbildung und werde es noch mehr lieben, wenn ich sie absolviert habe und endlich einen richtigen Arbeitsalltag habe. Ein gutes Jahr habe ich noch vor mir. Trotzdem, jedes Mal, wenn es in eine neue Praxisstelle geht, ist das alles wieder viel zu aufregend und viel zu viel Veränderung für mich und ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich denke, dass es einfacher wäre, noch im Callcenter zu arbeiten, weil ich da wenigstens wüsste, wie der Tag so wird und was ich zu tun habe. Und das denke ich nicht nur am ersten Tag oder in der ersten Woche, sondern auch noch nach vielen Wochen, in denen alles an sich total gut war. Nur, weil es noch neu und anders ist und ich damit eben nicht zurechtkomme. Auch, wenn die Wohnung toll ist und die Praxisstelle auch und ich das alles wirklich will. Aber der emotionale, Veränderungen abscheulich findende Teil von mir sucht dann nach jedem noch so kleinen möglichen Problemchen an der neuen Situation und versucht, es zu dramatisieren, während der rationale Teil, der genau weiß, dass und warum ich diese Veränderung in Wirklichkeit will, hart dagegen ankämpft und die seltsamen Argumente des emotionalen Teils in mühevoller Arbeit widerlegt.

Na ja, und in den letzten Monaten hatte ich ziemlich viel Veränderung auf einmal. Nach der Wohnungszusage folgte nämlich noch ein praxisfreier Unterrichtsblock an der Akademie, also raus aus der schönen Praxisstelle, in der ich mich inzwischen so pudelwohl fühlte und rein in knapp drei Monate, in denen ich jeden Tag von meinen Mitauszubildenden umgeben war. Währenddessen war unheimlich viel zu tun für den Umzug und die vielen Klausuren und nebenbei musste ich die ganzen Veränderungen irgendwie verarbeiten. Zum Glück war ich noch vor dem Umzug soweit, mich ganz und gar auf die neue Wohnung zu freuen. Das war nicht einfach, aber ich habe es geschafft. Jetzt habe ich aber auch schon die nächste Veränderung zu verarbeiten, denn nach gut drei Wochen Arbeit (und zwei Wochen Urlaub) habe ich mich längst noch nicht an die neue Praxisstelle gewöhnt, in die ich seit dem Ende des Akademieblocks gehe. Morgen ist der Urlaub vorbei und ich freue mich, wieder zu arbeiten, weil es Spaß macht, sehr interessant ist und ich viel lerne (das kam jetzt vom rationalen Teil), aber ich grusele mich auch sehr davor, weil alles anders ist und Veränderungen eben immer ätzend sind, weshalb ich sie nicht will, also möchte ich nie wieder zu dieser neuen Praxisstelle (das kam natürlich vom emotionalen Teil).

So schlage ich mich eben durch. Erholt habe ich mich von all dem noch nicht so ganz, aber es ist schon viel besser und es geht mir wieder gut. Zwischenzeitlich war ich immer wieder kurz vor einem Nervenzusammenbruch, einmal ganz besonders knapp. Das lag vor allem daran, dass in der alten Wohnung alles nach und nach in Kisten landete und dementsprechend auch dort alles anders war. Trotzdem habe ich diese stressige Zeit überstanden, nicht zuletzt, weil ich es hinbekommen habe, meine Routinen aufrecht zu erhalten. Und ich habe sogar noch eine neue gewonnen. Durch den Wohnungszusagestress war ich innerlich so unruhig, dass daraus irgendwie ein Bewegungsdrang geworden ist und so habe ich tatsächlich angefangen zu laufen. Weil ich ich bin und Regelmäßigkeit zu meinen allerliebsten Lieblingsdingen gehört, mache ich das seitdem regelmäßig, was mir sehr gut tut, sowohl körperlich als auch psychisch. Die Regelmäßigkeit beruhigt mich und bereitet mir sehr viel Freude und das Laufen selbst hilft mir beim Stressabbau und gibt mir ein besseres Körpergefühl. Das ist ein sehr schönes Nebenprodukt dieser gravierenden Veränderungen. Eines, mit dem ich gar nicht gerechnet hätte. Und das selbst eine große Veränderung ist. Eine positive.

In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen.

Unglaublich, wie schnell die letzten fünf Monate vergangen sind. Zack, ist er schon wieder vorbei, der zweite Praxisabschnitt meiner Ausbildung. Schön war er! Ich habe viel gelernt, hatte viel Spaß an der Arbeit und hatte dabei viel Ruhe. In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen: hohe Detailwahrnehmung, hoher Fokus, Begeisterungsfähigkeit, hohe Merkfähigkeit, schnelles Aneignen von Fachwissen. All das war für meine Arbeit wichtig, wurde von meiner Praxisanleiterin sehr an mir geschätzt und hat dafür gesorgt, dass ich schon nach drei Wochen beinahe wie eine vollwertige Sachbearbeiterin eingesetzt werden konnte. Beinahe, weil Auszubildende aus diversen nicht ganz nachvollziehbaren Gründen keine Zugang zu einer bestimmten Software bekommen können und ich die für einige Tätigkeiten gebraucht hätte. Aber auch so hatte ich jede Menge zu tun und das war wirklich toll.

Ich konnte sehr strukturiert und routiniert arbeiten, mir meine Zeit und die Arbeitsschritte selbstständig einteilen und musste mit niemandem zusammenarbeiten. Meine Praxisanleiterin merkte schnell, dass ich interessiert war, gut lernte und sie mich problemlos einfach machen lassen konnte. Bei Fragen war sie immer da und wenn es was Neues gab, erklärte sie es mir natürlich, ansonsten saß jede von uns an ihrem Arbeitsplatz und machte vor sich hin ihr Ding. Mit anderen Kolleginnen und Kollegen hatte ich nur wenig zu tun und wenn, dann rein fachlich. Ideale Bedingungen also.

Durch diese ausgesprochen guten Rahmenbedingungen habe ich mich rundum wohl gefühlt und das wiederum hat natürlich dafür gesorgt, dass ich wirklich gute Leistungen erbringen konnte. Wodurch das Ganze mir noch mehr Spaß gemacht hat und ich mich noch besser darin vertiefen konnte. Ich weiß jetzt alles über Baustellen! Jedenfalls alles, was man rechtlich (und zum Teil auch aus Ingenieurssicht) über die Nutzung öffentlichen Straßenlandes für Baumaßnahmen wissen muss, denn das war mein Sachgebiet. Ich kann an keinem Fassadengerüst und keinem Bauzaun mehr vorbeigehen, ohne wenigstens kurz darüber nachzudenken und grob zu beurteilen, ob das Ganze so genehmigungsfähig ist. Spoiler: Oft genug ist es das nicht. (Ich weiß nicht, wie das in anderen Bundesländern ist, aber stellt lieber keine Schuttcontainer und Miettoiletten einfach so auf den Gehweg. Hier ist das jedenfalls nicht erlaubt und trotzdem machen das genug Menschen, ohne sich vorher zu informieren.)

Mein Eifer und meine Begeisterung haben nicht nur meine Praxisanleiterin sehr gefreut, sondern auch meinen Gruppenleiter. Im abschließenden Beurteilungsgespräch haben sie mir ein wirklich tolles Stellenangebot gemacht, das ich unbedingt annehmen will. Ich würde erst einmal in den Bereich kommen, in dem ich jetzt war und später über eine größere Weiterbildung in ein anspruchsvolleres Sachgebiet wechseln. Der Gruppenleiter hat schon einen Karriereplan für die nächsten paar Jahre für mich ausgetüftelt und mit dem Amtsleiter besprochen. Es wäre wirklich großartig, wenn das klappt, aber dafür muss ich erst mal die Zwischenprüfungen mit entsprechenden Noten bestehen, die Ausbildung tatsächlich verkürzen können und einige organisatorische Punkte zu meinem Ausbildungsverlauf mit der Ausbildungsleitung klären. Also mal abwarten. Jedenfalls hat mein Autismus mir wirklich viel genutzt in diesen letzten Monaten. Auch, wenn ich mir wieder anhören durfte, ich sei doch sehr still und introvertiert und könne ruhig noch ein bisschen mehr aus mir herausgehen. Angesprochen habe ich meine Diagnose trotzdem wieder nicht. Ich hatte das ja eigentlich vor, aber ich wusste schon wieder nicht, wann und wie und letztendlich weiß ich auch nicht, ob es wirklich gut gewesen wäre. Ich kann nie einschätzen, ob es gut und sinnvoll ist, sich einer konkreten Person anzuvertrauen oder nicht. Da es keine Teamarbeit oder Ähnliches gab und die Bedingungen auch sonst super für mich waren, habe ich keinen Anlass gefunden.

Was natürlich wieder schwierig und anstrengend war, war das Socialising. Mittagspausengespräche, Smalltalk vor der Mikrowelle, auf Kolleginnen und Kollegen zugehen, mit denen ich fachlich etwas besprechen muss… Alles nicht mein Ding. Ich hoffe dann immer, dass die anderen merken, dass ich nur ungeschickt bin und nicht denken, ich würde sie alle blöd finden oder wäre total arrogant und desinteressiert. Die meisten waren mir nämlich tatsächlich zumindest im Arbeitskontext ganz sympathisch. Und im Hinblick darauf, dass ich eventuell in eineinhalb Jahren zurückkomme und dann erst mal auf unbestimmte Zeit bleibe, wäre es mir natürlich am liebsten, wenn niemand Groll gegen mich hegt, weil ich mich komisch verhalten habe und jemand das persönlich genommen hat. In dem Bereich ist mein Autismus dann wieder hinderlich. Na, mal abwarten. Die, mit denen ich ab und an fachlich zu tun hatte, haben mich jedenfalls freundlich verabschiedet. (Soweit ich das beurteilen kann. Ich weiß ja nie, was mir alles an Signalen entgeht.)

Ab Montag geht es direkt in den nächsten Akademieblock und die Berufsschule hat auch schon wieder angefangen. In den kommenden Monaten werde ich also in erster Linie lernen, lernen und lernen. Ich freue mich drauf, auch wenn das heißt, dass ich wieder jeden Tag von den anderen Auszubildenden meines Jahrgangs umgeben bin, was natürlich auch anstrengend ist. Aber im letzten Block war das Lern- und Arbeitsklima ganz gut, deshalb hoffe ich, dass diesmal auch wieder alle fleißig oder mindestens ruhig sind und ich nicht mit so viel Sozialkram konfrontiert werde. Die anderen Streberinnen aus der ersten Reihe, mit denen ich in der Berufsschule am meisten Kontakt habe, nehmen jedenfalls seit meinem Outing vor ein paar Monaten viel Rücksicht auf mich und lassen mir meine Ruhe, wenn ich sie brauche, ohne beleidigt zu sein. Das ist schon sehr viel wert.