Kurze Anekdote: Das Aufnahmegerät.

Während meines Bachelorstudiums habe ich mir ein Aufnahmegerät für fast 200 Euro gekauft, weil ich mir sonst an der Uni eins hätte ausleihen müssen, und das hat mich völlig überfordert.

Ich war 21 Jahre alt und im dritten Semester. Zumindest in meinem Hauptfach. In meinem Nebenfach, der Medienwissenschaft, war es das erste. Alles war neu. Ich kannte weder die Dozenten noch den Fachbereich oder das Institut.

In einem meiner Seminare ging es um Hörfunkbeiträge, sowohl theoretisch als auch praktisch. Als benoteten Leistungsnachweis mussten wir selbst Beiträge produzieren. Die Aufnahmegeräte, die wir dafür benutzen sollten, konnten wir uns kostenlos aus dem Bestand des medienwissenschaftlichen Instituts ausleihen.

Ich war überfordert. Ich wusste nicht, wo genau man an diese Geräte rankam, wann die Öffnungszeiten dieser Stelle waren, was man alles beachten musste und vor allem nicht, wie man sich bei diesem ganzen Ausleihprozess verhalten musste, was man sagen musste. Ich fühlte mich schon in der Bibliothek jedes Mal ganz fürchterlich, dabei mag ich Bibliotheken, aber ich war schrecklich unsicher und wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Mir fehlte für diese Situationen ein Plan, ein Verhaltensmuster, an das ich mich halten konnte und Sätze, die ich verwenden konnte. All das Neue und Unbekannte war so überwältigend und einschüchternd, ich kam gar nicht mit dem Aufnehmen und Verarbeiten hinterher. Ich brauche lange, um mich an neue Umstände zu gewöhnen, muss ganz in Ruhe immer wieder beobachten und analysieren können, mir Zeit nehmen, um zu überblicken und zu verstehen.

Die Zeit hatte ich für meinen Leistungsnachweis aber nicht. Tagelang dachte ich alles durch, versuchte, mir einen Plan zu machen, war permanent schrecklich aufgewühlt und rastlos. Aus Unruhe wurde Angst, aus Angst wurde Panik. Ich zermaterte mir das Hirn und mir wurde immer klarer: Losgehen und mir ein Aufnahmegerät leihen, das würde ich einfach nicht schaffen. Die Hindernisse waren zu hoch für mich.

Die einzige umsetzbare Lösung, die ich fand, war, mir ein eigenes Aufnahmegerät zu kaufen. Zum Glück wusste ich, welches Modell sie an der Uni hatten. Der Dozent hatte es genannt und ich hatte es mir aufgeschrieben. Im Internet fand ich es mit einer einzigen Suchanfrage. Es war teuer, vor allem für mich als Studentin, aber das war mir egal. Ich dachte nicht mehr groß darüber nach. Der ganze Stress fiel plötzlich von mir ab. Ich war so erleichtert!

Seitdem hat sich viel bei mir getan. Mein Repertoire an Verhaltensmustern ist immens gewachsen, was mir große Sicherheit gibt. Trotzdem muss ich mir für ganz neue Situationen immer wieder in Ruhe neue Muster erarbeiten und die Unsicherheit, Angst und regelrechte Lähmung, die mit ihnen einhergehen, sind immer da. Sie werden es sicher auch bleiben. Ich habe bloß bessere Strategien entwickelt, damit umzugehen.

Hurra, ach je, wie schade, endlich!

Meine erste Praxisphase ist vorbei. Hurra, ach je, wie schade, endlich! Meine Gedanken und Gefühle dazu sind genau so widersprüchlich und gemischt wie dieser Satz.

Toll war, dass ich festgestellt habe, wie gut dieser Beruf wirklich zu mir passt und wie wohl ich mich darin fühle. Dass ich jede Menge interessante Dinge gelernt habe, fachlich und auch über mich selbst. Und dass ich das Ganze wirklich gut gemacht habe, wie meine beiden Praxisanleiter*innen fanden. Na ja. Bis auf das übliche Thema, das auch heute bei der Abschlussbesprechung wieder dran war: Aufgeschlossenheit und Teamfähigkeit. Da hapert es bei mir und das wird es immer. Damit habe ich mich längst arrangiert. Ich bin in genug anderen Dingen richtig gut. Und auch, wenn ich immer wieder versuche, mich „normal“ zu geben, also quasi mein Menschenkostüm trage, bin ich eben nicht so. Ich bin anders, ich bin komisch, seltsam, nicht „normal“. Ich bin introvertiert und sozial unsicher und unbeholfen. Das Menschenkostüm zwickt und zwackt und ich mag es nicht sonderlich. Es gehört irgendwie dazu, ich habe mich einigermaßen daran gewöhnt in den fast 3 Jahrzehnten, die ich inzwischen auf diesem seltsamen Planeten verbringe, aber es passt einfach nicht richtig und das wird es nie. Das muss es auch gar nicht. Ich nehme mich inzwischen endlich, wie ich bin und finde mich gut so. Zumindest meistens.

Für die nächste Praxisstelle wünsche ich mir, dass ich es schaffe, das irgendwie zu thematisieren. Ich hoffe, mein neuer Praxisanleiter ist eine Person, mit der ich reden kann. Vielleicht erwarte ich auch zu viel, wenn ich möchte, dass ich mit meiner verschlossenen, introvertierten, autistischen Art einfach so akzeptiert werde und mir nicht dauernd anhören muss, dass ich mich mehr öffnen muss. Das finde ich aber nicht heraus, wenn ich es nicht wenigstens mal anspreche.

Nicht gut war, dass mich die Arbeit in der Sozialhilfe psychisch doch ziemlich belastet hat. Ich finde es unheimlich gut und wichtig, dass wir ein Sozialsystem haben, das es zum Ziel hat, Menschen aufzufangen und zu stützen, die Hilfe und Unterstützung brauchen und das allen Menschen ermöglichen soll, ein würdevolles Leben zu führen, aber das schafft es leider nicht. Da ist meiner Meinung nach noch jede Menge Verbesserungsbedarf. Wirklich beurteilen kann ich nur die Situation in den Bereichen Grundsicherung und Asylbewerberleistungen, aber ich denke, das lässt sich auf alle Bereiche des Sozialgesetzbuches übertragen. Außerdem war natürlich problematisch, dass ich so viel direkt mit Bürgerinnen und Bürgern konfrontiert war. Es war einfach zu anstrengend für mich, aber das war ja auch zu erwarten und hat sich sehr schnell gezeigt. Das ist der zweite Grund, aus dem ich mich freue, dass dieser Praxisabschnitt vorbei ist.

Der nächste wird dahingehend auf jeden Fall richtig gut zu mir passen, denn direkten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern gibt es dort nicht. Es geht ins Straßen- und Grünflächenamt und wenn sich in der kommenden Woche, bevor es losgeht, nichts mehr ändert, werde ich in der Straßensondernutzung eingesetzt. Das ist der Bereich, in dem Baustellen-, Wahlwerbungs-, Zirkus-, Gerüstbau- und ähnliche Anträge gestellt werden. Vor ein paar Wochen durfte ich schon an einer Schulung für die Fachsoftware teilnehmen. Die ist ein ganz tolles Spielzeug mit Kartenmaterial, in das man alle Sondernutzungen einzeichnen kann. Außerdem kann man nach Adressen suchen und schauen, was dort so sondergenutzt wird. Zum Beispiel vor der eigenen Haustür. Es gibt sogar flächendeckende Luftbildaufnahmen, recht aktuelle sogar, aus dem letzten Jahr. Und alles wird komplett elektronisch bearbeitet, von der Antragsstellung bis zum Bescheid. Ich bin ziemlich begeistert, sehr gespannt und freue mich schon riesig darauf, dass es bald losgeht.

Die anderen wissen jetzt Bescheid.

Eigentlich hatte ich vor, gleich von Beginn der Ausbildung an offen mit meinem Autismus umzugehen. Der Ausbildungsleitung gegenüber war ich ja schon bei der Bewerbung vollkommen offen. Aber ich wollte auch, dass die anderen Auszubildenden Bescheid wissen. Und dann habe ich trotzdem nichts gesagt.

So blöd es klingt, ich habe einfach nicht den passenden Moment oder Anlass gefunden. Bei der Vorstellungsrunde in der Einführungswoche habe ich mich einfach nicht getraut und danach kam so eine Gelegenheit nicht wieder. In den ersten paar Wochen habe ich mich ein bisschen darüber geärgert, vor allem über mich selbst. Dann ist das Thema ganz in den Hintergrund gerückt. Aber dort ist es nicht geblieben.

Das lag daran, dass das Wort „behindert“ von manchen der anderen immer und immer wieder als Schimpfwort benutzt wurde. In letzter Zeit ist mir das besonders aufgefallen, weil wir uns während des Akademieblocks nicht nur zweimal pro Woche in der Berufsschule gesehen haben, sondern auch noch an den anderen drei Wochentagen in der Akademie. Ich habe versucht, es zu überhören, weil ich wusste, die meinen das nicht so, das ist nicht böse gemeint, die merken es wahrscheinlich nicht mal. Aber es hat mich verletzt. Immer und immer wieder. Weil es mir immer und immer wieder ins Bewusstsein gerufen hat, was die Gesellschaft von behinderten Menschen hält. Als Schimpfwort wird „behindert“ eingesetzt für „scheiße“ und „überflüssig“ und sicher noch ein paar andere stark entwertende Adjektive. Und genau so fühle ich mich, wenn jemand „behindert“ so verwendet. Abgewertet. Entwertet. Unabsichtlichkeit hin oder her.

Deshalb habe ich mich vor einer Weile an die Ausbildungsleitung gewandt. Weil ich was sagen wollte. Und das habe ich gemacht. Am Montag hatten wir ein offizielles Treffen mit meinem Auszubildendenjahrgang. Solche Treffen haben wir jetzt einmal im Quartal. Da wird in erster Linie Organisatorisches besprochen, aber es ist auch Platz für verschiedenste Anliegen. Deshalb habe ich mit den Ausbildungsleiterinnen vereinbart, dass ich das Thema dort anspreche. Sie waren beide toll in unserem Vorgespräch und haben mir ihre volle Unterstützung zugesichert und die Möglichkeit gegeben, an dem Tag ganz spontan zu entscheiden, ob ich reden möchte oder nicht. Sie boten mir auch an, dass sie etwas sagen würden, anonymisiert oder ganz offen, wie ich möchte. Ich wollte aber selbst reden. Ich wollte nicht, dass es Gerüchte und Spekulationen gibt. Weder darüber, wer die Person ist, die das Thema angesprochen hat, noch darüber, um welche Behinderung es geht.

Die anderen wissen jetzt also Bescheid. Darüber, dass ich eine Behinderung habe. Darüber, dass diese Behinderung Autismus ist. Darüber, was Autismus ist. Und darüber, dass es mich verletzt, wenn „behindert“ als Schimpfwort verwendet wird und warum.

Ich weiß noch nicht, ob das etwas ändert und wenn ja, was. Aber ich weiß, dass mir alle sehr aufmerksam zugehört haben. Als ich geredet habe, war es vollkommen still und alle Augen waren auf mich gerichtet. Von manchen habe ich hinterher positives Feedback bekommen. Sie kamen auf mich zu und bedankten sich für meine Offenheit und mein Vertrauen. Sie entschuldigten sich und sagten, dass sie darauf achten werden, was sie sagen und daran arbeiten werden. Die meisten waren einfach still. Negative Rückmeldungen gab es nicht.

Die Ausbildungsleiterinnen kamen auch noch einmal auf mich zu und sagten mir, ich hätte sehr gute Worte gefunden und sie seien sicher, dass ich damit etwas erreicht hätte. Sie bedankten sich bei mir und sagten, ich könne sehr stolz auf mich sein.

Irgendwie bin ich das auch, aber irgendwie ist mir auch ein bisschen mulmig. Ich kann nicht einschätzen, was nun daraus wird. Aber fürs Erste bin ich froh, dass ich es gemacht habe.

Offiziell festgestellt.

Vor ein paar Tagen lag er in meinem Briefkasten, der Bescheid, der mir bescheinigt, dass bei mir ein Grad der Behinderung von 30 festgestellt wurde.

Begründung:

Bei Ihnen liegt folgende Funktionsbeeinträchtigung vor:

1) Autismus

Es fühlt sich tatsächlich ein bisschen seltsam an, dass ich jetzt auch ganz offiziell eine Behinderung habe. Komisch, wo sie doch schon immer da ist und ich seit inzwischen eineinhalb Jahren ein ausführliches Diagnoseschreiben in der Schublade habe.

Einen Schwerbehindertenausweis und Nachteilsausgleiche gibt es für mich nicht. Dafür braucht man einen Grad der Behinderung von mindestens 50.

Erläutert wird die Entscheidung nicht. Die Neurologin, die mich im Auftrag des Versorgungsamtes begutachtet hatte, sagte am Ende der Untersuchung nur zu mir, dass ich zu gut zurecht käme, um einen höheren Grad der Behinderung zu bekommen. Das machte sie vor allem daran fest, dass ich in der Schule nie sitzen geblieben bin, mein Studium abgeschlossen habe und eine feste Beziehung führe. Ziemlich fragwürdige Begründung, meiner Meinung nach. Andererseits hat sie natürlich recht, wenn sie sagt, dass ich bisher ganz gut durch mein Leben gekommen bin. Nicht besonders geradlinig zwar und auch mit viel Leid verbunden, ganz besonders während der Schulzeit, aber insgesamt doch okay. Während der Schulzeit, da hätte ich wirklich dringend Hilfe gebraucht. Jetzt gerade geht es mir bestens, trotz aller autismusbedingten Schwierigkeiten. Ich habe mir alles sehr gut eingerichtet. Deshalb habe ich nie mit einem anderen Ergebnis gerechnet und werde auch keinen Widerspruch erheben.

Also hätte ich das Ganze auch lassen können, oder? Wozu der Antrag, die Warterei und der unangenehme Gutachtentermin? Weil dieser Bescheid mir irgendwann vielleicht doch etwas nutzt. Dass es mir jetzt gut geht, auch beruflich, heißt nicht, dass das für immer so bleibt. Und wenn irgendwann mal der Fall eintreten sollte, dass ich auf Grund meiner Behinderung meinen Arbeitsplatz nicht behalten oder keine Arbeit finden kann, dann kann ich gleichgestellt werden, also denselben Status wie schwerbehinderte Menschen zuerkannt bekommen. Und das würde mir dann natürlich etwas nutzen. Ich würde die Hilfe bekommen, die ich dann bräuchte. Das zu wissen, ist beruhigend. Und allein dafür hat es sich gelohnt, den Antrag zu stellen.

Der Diagnoseprozess.

Lange war ich mir nicht sicher, ob ich so einen Diagnoseprozess überhaupt über mich ergehen lassen will und ob ich so eine Diagnose wirklich brauche. Ich hatte viel gelesen, gegrübelt, analysiert, mich beobachtet und jede Menge gedankliche Zeitreisen in meine Vergangenheit gemacht. Ich hatte sehr viel über mich gelernt, so vieles endlich verstanden und kam dadurch so viel besser mit mir zurecht. Eigentlich war das schon alles, was ich wollte.

Irgendwann brauchte ich aber doch Gewissheit. Ich hatte Sorge, dass ich manches überbewerte, falsch einordne und nicht richtig erkenne. Ich wollte eine objektive Meinung von jemandem, der sich wirklich gut mit Autismus auskennt, denn das Thema ist sehr komplex. Also beschloss ich, mich an die psychiatrische Autismus-Ambulanz in meiner Stadt zu wenden. Und ich fing natürlich auch an zu googeln, weil ich wissen wollte, wie so ein Diagnoseprozess abläuft. Außerdem war die Wartezeit ziemlich lang und ich ziemlich nervös. Ich wollte vorab einfach ein paar konkrete Informationen. Leider fand ich nicht viel. Deshalb will ich jetzt etwas aufschreiben.

Als ersten Diagnoseschritt schickte mir die Autismus-Ambulanz ein paar Fragebögen zu, die ich ausfüllen und zurücksenden sollte. Sie bezogen sich auf bisherige Diagnosen, Medikamente, Klinikaufenthalte, psychische Probleme und beinhalteten eine Familienanamnese. Außerdem wurden Daten wie Bildungsabschlüsse, Familienstand, Arbeitssituation usw. abgefragt. Ein Fragebogen („Fragebogen zur sozialen Kommunikation (FSK)“) war dann noch für meine Eltern. Dabei ging es um meine frühe Kindheit, insbesondere die Zeit zwischen dem vierten und fünften Geburtstag, denn diese Phase ist für die Erfassung von typischen Symptomen besonders wichtig.

Dann kam der Termin zum Vorgespräch. Er dauerte eine halbe Stunde. Ein Neurologe, der Leiter der Ambulanz, stellte mir einige Fragen zu meinem Lebenslauf und dazu, wie es mir in den verschiedenen Abschnitten ergangen war, zu den Gründen, weshalb ich mich an die Ambulanz gewandt hatte und wie ich mit dem Thema Autismus in Kontakt gekommen war, zu meinen Interessen in meiner Kindheit, Jugend und heute, zu Essgewohnheiten, ganz generell zu Problemen in meinem Alltag und im Besonderen zu Reizfilterproblemen und natürlich zu Problemen in der sozialen Kommunikation. Diese Fragen waren aber alle nicht sonderlich tiefgehend, sondern zielten eher darauf ab, zu ermitteln, ob bei mir in diesen Bereichen überhaupt Probleme vorliegen und ob diese grundsätzlich zur Autismussymptomatik passen. Zusätzlich fragte er alles noch mal ab, was ich in dem Fragebogen zu bisherigen Diagnosen, psychischen Problemen und Medikamenteneinnahme bereits angegeben hatte. Während der gesamten Zeit saß noch eine Psychologin mit im Raum und machte sich Notizen. Am Ende des Gespräches sagte der Neurologe, dass sich aus dem Gespräch ein begründeter Verdacht auf Autismus ergeben habe und dass die Diagnose deshalb fortgesetzt werden solle. Ich bekam einen riesigen Stapel weiterer Fragebögen mit und die Information, eine Mitarbeiterin würde sich zwecks Terminvereinbarung per E-Mail bei mir melden. Das tat sie überraschenderweise innerhalb weniger Stunden.

Der Fragebogenstapel beinhaltete den bekannten Autismus-Spektrum-Quotient-Test (AQ-Test) und jede Menge Tests, die auf Symptome von verschiedenen psychischen Erkrankungen wie Borderline ausgerichtet waren. Sowas wird gemacht, um Erkrankungen auszuschließen, die teilweise eine ähnliche Symptomatik wie Autismus aufweisen. Ich brachte den Stapel zum ersten Termin mit.

Dieser erste richtige Diagnosetermin war viele Wochen später und dauerte zwei Stunden. Er fand bei einer weiteren Psychologin statt, die außer mir die einzige Person im Raum war. Vor ihr lag ein großer Stapel Fragebögen. Die arbeiteten wir quasi gemeinsam durch, indem sie mir Fragen stellte, die ich beantwortete, und sie die Antworten vermerkte. Sie ging detailliert auf meine derzeitige gesundheitliche psychische und physische Verfassung ein, auf mein derzeitiges Privat- und Arbeitsleben, meinen Lebenslauf und meine Probleme und Besonderheiten in den einzelnen Abschnitten, auf Fragen zu bisherigen Diagnosen und zur Medikamenteneinnahme, ganz besonders auf meine Kindheit und Jugend, auf Probleme und Besonderheiten in der sozialen Kommunikation und bei der Reizverarbeitung, auf meine Essgewohnheiten, auf meine Interessen in der Kindheit, Jugend und heute… kurz gesagt: auf alles, was im Vorgespräch bereits grob erfragt worden war, nur eben sehr viel tiefer. Sie hakte viel nach und wollte alles ganz genau wissen. Zwei Stunden sind dafür nicht besonders viel Zeit, dementsprechend fragte sie wirklich viel wirklich schnell. Es war unangenehm, aber insgesamt in Ordnung, da sie sehr freundlich und respektvoll war.

Neben der Fragerei hatte sie auch noch ein paar Aufgaben für mich. Ich musste mir ein Buch mit einer kurzen Bildergeschichte über Frösche auf fliegenden Seerosenblättern anschauen und erzählen, was ich sah bzw. was in dieser Geschichte passierte. Ich musste aus Beuteln vier Figuren und einen Gegenstand ziehen, mir eine Geschichte dazu ausdenken und diese mit den Figuren und dem Gegenstand nachspielen und erzählen. Und ich musste fünf Kärtchen mit Bildern von analogen Uhren anhand der abgebildeten Uhrzeiten auf einem Brett mit digitalen Uhrzeiten richtig einordnen.

Außerdem schickte sie mich nach ca. der Hälfte des Termins für drei Minuten aus dem Zimmer. Sie sagte, sie müsse kurz etwas bearbeiten und notieren. Ich könne mir ja etwas zu trinken nehmen. Als ich nach drei Minuten wieder an der Tür klopfte (darüber hing passenderweise eine digitale Uhr mit Sekundenanzeige), bat sie mich Platz zu nehmen und starrte mich eine Weile schweigend an, bevor es weiterging. Ich fand das sehr unangenehm und starrte auf meine Knie. Es war eine vollkommen seltsame Situation, mit der ich überhaupt nichts anfangen konnte. Das war sicherlich ein Test.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Diagnosetermin fand ein Telefonat zwischen der Psychologin und meiner Mutter statt, bei dem die beiden den bereits von meiner Mutter ausgefüllten FSK besprachen und die Psychologin einige Punkte genauer erfragte. Das Gespräch dauerte eine Stunde.

Beim zweiten Diagnosetermin ging es im Grunde so weiter wie beim ersten. Er dauerte ebenfalls zwei Stunden und dieselbe Psychologin stellte weitere Fragen zu den bereits besprochenen Themen. Statt Aufgaben zu erledigen, wie beim ersten Termin, musste ich diesmal einen sogenannten verbalen IQ-Test absolvieren. Dabei musste ich aus Reihen von je fünf Wörtern das eine, das richtig geschrieben war, heraussuchen und unterstreichen. Das sah in etwa so aus: eientlich – eigentlich – eigendlich – aigentlich – egentlich. Von Reihe zu Reihe wurden die Wörter anspruchsvoller und die Fehler weniger offensichtlich. Solche IQ-Kurztests werden durchgeführt, um einen ungefähren IQ-Wert zu ermitteln. Der ist dann aber auch wirklich nur ein grober Richtwert. Am Ende des Termins sagte mir die Psychologin dann, dass ich ein ganz eindeutiger Fall sei und von ihr laut ICD 10 die Diagnose F84.5 Asperger-Syndrom erhalten würde. Das dazugehörige Diagnoseschreiben lag drei oder vier Wochen später in meinem Briefkasten.

Insgesamt verbrachte ich ungefähr zwei Stunden mit dem Ausfüllen von Fragebögen und viereinhalb Stunden in Gesprächen. Dazu kamen noch eine Gesprächs- und eine Fragebogenstunde für meine Mutter.

Auf die Eröffnung der neuen Warteliste für die Terminvergabe der Autismus-Ambulanz habe ich zehn Monate lang gewartet, auf die ersten Fragebögen dann noch mal zwei Wochen und auf das Vorgespräch weitere sechs. Der erste Diagnosetermin fand drei Wochen nach dem Vorgespräch statt, der zweite eine weitere Woche später. Diese Termine habe ich nach Aussage einer Verwaltungsmitarbeiterin ungewöhnlich schnell und dicht hintereinander bekommen, da andere Patientinnen oder Patienten ihre Termine abgesagt oder verschoben hatten und ich zufällig genau zu diesen frei gewordenen Terminen Zeit hatte. Der Diagnoseprozess hat also mit Beginn meiner Warterei auf die Warteliste ein ganzes Jahr gedauert. Weil ich Glück hatte. Andere warten oft noch viel länger.

Es war anstrengend und intensiv, aber auch sehr interessant und hilfreich. Ja, diese offizielle, professionelle und gründliche Untersuchung und Bestätigung meines eigenen Verdachts, ich könnte Autistin sein, hat mir tatsächlich etwas gebracht. Und zwar für meine Selbstwahrnehmung und für mein Ernstgenommenwerden durch mich selbst und andere.

Von Klausuren, Gesetzen und Imitationen.

Oha, jetzt habe ich euch echt schon ganz schön lange nichts mehr erzählt. Das liegt aber nicht daran, dass es nichts zu erzählen gibt, sondern daran, dass ich ziemlich viel zu tun habe. Und zwar mit Lernerei. Die hat in den letzten Monaten und vor allem in den letzten Wochen wirklich sehr zugenommen. Mitte Oktober bis Anfang November war die erste Klausurenphase in der Berufsschule, im Dezember die zweite. Es war alles nicht übermäßig schwierig, aber doch insgesamt recht lernintensiv, weil es einfach viel Stoff war und die wirklich wichtigen Fächer für mich immer noch recht neu sind. Das sind meine drei berufsbildenden Fächer Öffentliches Recht, Wirtschafts- und Rechtslehre und Verwaltungsbetriebswirtschaftskunde, letzteres noch mal aufgeteilt in Theorie und Praxis. In den Bereichen habe ich bisher noch nie etwas gemacht, finde sie aber alle interessant. Dazu kommen noch die allgemeinbildenden Fächer Englisch, Sozialkunde und Sport. Die laufen für mich zum Glück ziemlich entspannt nebenher. Aber es ist immerhin schon fast acht Jahre her, dass ich zur Schule gegangen bin und solche intensiven Klausurenphasen hatte. An der Uni war das anders. Da habe ich fast ausschließlich Hausarbeiten geschrieben und die geht man ja ganz anders an. Also musste ich mir die Klausurenlernerei noch mal neu beibringen und mich an diesen Rhythmus gewöhnen. Das hat ziemlich gut geklappt, wenn ich mein Halbjahreszeugnis, das ich letzte Woche bekommen habe, betrachte. Alles voller Einsen! Ich schlimme, schlimme Hermine Granger!

Na ja, und dann hat zum ersten Dezember der erste von drei Akademieblöcken in dieser Ausbildung angefangen. An der Akademie setzen wir uns vertieft mit verschiedenen Rechtsgebieten auseinander und lernen alle wichtigen Arbeitsgrundlagen und Methoden. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Auszubildenden trotz der vielen verschiedenen Praxisstellen, die wir durchlaufen, dieselbe rechtliche Grundbildung haben und dieselben Arbeitstechniken beherrschen. Ich gehe also seit Dezember weiterhin an zwei Wochentagen in die Berufsschule und lerne da ganz viel und an den anderen drei Wochentagen besuche ich die Akademie und lerne da noch viel mehr. Jeder Tag ist voller Input und es ist echt interessant. Wir haben in diesem Block Berliner Verfassungsrecht, Haushaltsrecht, allgemeines Verwaltungsrecht, juristische Grundlagen und Verwaltungstechnik. Im nächsten Block kommen dann solche Sachen wie Polizeirecht und Sozialhilferecht dran. Die Stoffdichte ist relativ hoch. Nicht ganz so wie im Studium, aber doch höher als an der Berufsschule. Und die Klausuren, die wir nun, zum Ende des Blocks, in den nächsten drei Wochen schreiben, sollen es wirklich in sich haben. Das sagen jedenfalls alle Dozenten und die Ausbildungsleitung immer und immer wieder. Deshalb lerne ich seit Wochen beinahe jeden Tag sehr fleißig und intensiv. Das ist anstrengend, macht aber vor allem auch Spaß, weil ich jeden Tag merke, dass ich diesen Beruf, den ich mir da ausgesucht habe, wirklich interessant finde und mir sicher bin, dass mir mein Arbeitsalltag gut gefallen wird. Ich finde es toll, mich in Gesetze einzuarbeiten, sie zu verstehen und auf knifflige Sachverhalte anzuwenden. Es gibt jede Menge zu wissen und zu beachten und ich sauge alles auf. Das ist toll! Ich habe mich da schon für einen für mich absolut richtigen Bereich entschieden und das macht mich sehr glücklich. Natürlich werde ich später im Berufsalltag nicht jeden Tag spannende, herausfordernde Fälle auf den Tisch bekommen, das ist mir klar, aber ich werde mich mit etwas befassen, das ich grundsätzlich sehr interessant finde und mit dem ich mich gerne beschäftige, für das ich mich sogar richtig begeistern kann. Das ist unheimlich wichtig für mich.

Interessant war auch das Kommunikationsseminar, das ich letzte Woche an zwei Tagen in der Akademie hatte. Erst habe ich mich ziemlich davor gegruselt, aber dann war es gar nicht so schlimm wie gedacht. Vieles von dem, was wir durchgenommen haben, kannte ich schon aus meinen Schulungen für meine Arbeit im Callcenter und habe es dort jahrelang angewandt. So gesehen hat mir die Zeit dort wirklich viel gebracht. Gesprächsführungstechniken und Deeskalationsstrategien habe ich erlernt und geübt, geübt, geübt und geübt. Das theoretische Wissen dazu und meine praktischen Erfahrungen konnte ich im Seminar ganz gut einbringen und sie werden mir auch bei der Arbeit sehr helfen. Wobei ich natürlich alles daran setzen werde, nach der Ausbildung eine Stelle zu bekommen, bei der ich keinen festen, regelmäßigen Publikumsverkehr habe. Das halte ich auf Dauer nicht durch. Dieses Seminar hat mir aber gezeigt, dass ich bei meiner bisherigen Praxisstelle, dem Sozialamt, eine ganze Menge gelernt habe, was den Umgang mit Publikum angeht, auch wenn ich dabei immer sehr gestresst war. Wir mussten im Seminar nämlich ein Rollenspiel machen und ich wurde für meine Leistung sehr gelobt. Das war eine ganz neue Erfahrung. Eigentlich bin ich in sowas überhaupt nicht gut und mache es auch gar nicht gerne. In der Situation, die ich spielen musste, war ich eine Mitarbeiterin des Bürgeramtes und ein Mitazubi war ein wütender Bürger, der am Tag zuvor von einem anderen Mitarbeiter nicht gut behandelt worden war und sich nun beschwerte. Sein Anliegen war auch noch gar nicht bearbeitet worden. Entsprechend ungeduldig und aufgebracht war er. Meine Aufgabe war es, ihn zu beruhigen und ihm eine für ihn zufriedenstellende Problemlösung anzubieten. Ohne jegliche Vorerfahrungen mit solchen Situationen wäre ich höchstwahrscheinlich grandios gescheitert. Bin ich aber nicht. Weil ich im Sozialamt schon ganz oft vergleichbare Situationen erlebt habe, in denen ich beobachten konnte, wie verschiedene Kolleginnen und Kollegen damit umgehen und welches Vorgehen zielführend ist. Sowas hilft mir enorm. Ich konnte im Rollenspiel ziemlich gut und einfach das Vorgehen einer Kollegin imitieren, die meiner Meinung nach sehr gut mit schwierigen Situationen umgehen kann und es hat geklappt! Die Seminarleiterin hatte nichts an meinem Vorgehen auszusetzen, im Gegenteil, sie fand es ganz toll. Dabei war das im Grunde gar nicht ich, die gehandelt hat. Ich habe nur das gemacht, was ich schon als kleines Kind immer gemacht habe: das Verhalten von anderen genau beobachtet, mir eingeprägt und dann imitiert. Ohne diese Kompensationsstrategie wäre ich in sozialen Situationen ziemlich verloren. Sie ist anstrengend und schwierig, aber unheimlich hilfreich.

Ich habe also gerade jede Menge zu tun und zu verarbeiten, was ganz schön anstrengend ist, aber es gefällt mir gut. Jetzt konzentriere ich mich noch mal richtig auf die anstehenden Klausuren und Ende Februar geht es dann auch schon wieder in die Praxisstelle. Sieben Wochen Sozialamt liegen noch vor mir, und zwar im Bereich Grundsicherung. Ich freue mich drauf, bin aber auch froh, danach in einem Amt zu sein, in dem man so gut wie keinen Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern hat. Weniger Menschen imitieren müssen und mehr Gesetze anwenden dürfen, das wird wunderbar entspannt.

Autistin und Großstadtmensch.

„Als Autistin in der Großstadt, wie soll das denn gehen? Da ist es laut, hektisch und unübersichtlich. Du kannst dich da überhaupt nicht wohlfühlen. Das ist doch widersprüchlich, total unlogisch, das passt doch überhaupt nicht.“

Ja, doch, nein, gar nicht, jawohl.

Ja, es ist laut, hektisch und unübersichtlich und ja, das ist problematisch. Ich stehe dadurch jeden Tag vor Schwierigkeiten, vor denen ich auf dem Land nicht stand, zumindest nicht im selben Ausmaß. Und klar, das nervt, das macht mir das Leben schwerer. Da muss ich mir was einfallen lassen. Gehörschutz tragen zum Beispiel. Das geht ziemlich einfach. Ohrstöpsel sind klein und leicht und lassen sich super mitnehmen. Mein MP3-Player voller Musik und Lieblingshörbücher hilft auch. Der möchte zwar ab und an aufgeladen werden und das vergesse ich ab und an, deshalb ist er nicht immer nützlich, aber das ist nicht seine Schuld. Außerdem sind ja immer noch die Ohrstöpsel da. Geräusche sind natürlich längst nicht das einzige sensorische Problem. In der Großstadt gibt es zum Beispiel auch jede Menge zu sehen und das belastet mich eigentlich noch viel mehr. Hektisch ist es dabei auch noch. Unfassbar viele schnelle Bewegungen, andauernd, das kann mir schnell zu viel werden. Dann habe ich aber meine Sonnenbrille. Oder meine Augenlider. Oder meine Hände. Ich schirme mich eben ab, das geht schon. Ja, Hektik und Unübersichtlichkeit sind große Stressauslöser. Aber ich kann damit umgehen. Ich habe meine Strategien dafür entwickelt. Damit komme ich zurecht.

Doch, ich kann mich da wohlfühlen, sehr sogar. Die Großstadt gibt mir eine Freiheit, die das Land mir niemals geben konnte, Ruhe und Übersichtlichkeit hin oder her. Die Großstadt ist bunt und vielfältig und das macht mich dadurch unheimlich frei. Hier ist alles voller normaler und unnormaler Menschen, die alle ihr Leben leben. Manchmal gucken sie sich gegenseitig komisch an und meistens verstehen sie nicht so recht, warum die anderen so sind, wie sie sind, aber sie lassen sich sein. Je vielfältiger und freier alle um mich herum sind, umso freier bin ich selbst. Sie lassen mich sein. Ich muss gar nichts. Keine Nachbarn grüßen, keinen Smalltalk im Supermarkt halten, keine Beziehungen zu eigentlich Fremden pflegen, die aber doch irgendwie alles über mich wissen oder sich das zumindest einbilden und auch unbedingt alles wissen wollen, weil sie mich jeden Tag sehen, all das fällt weg. All das, was mich auf dem Land immer unheimlich belastet hat. Es ist einfach nicht da. Ich schulde niemandem irgendwas und niemand denkt, ich würde ihm irgendwas schulden. Ich bin höflich und freundlich und fertig. Ich werde sein gelassen, wie ich bin und habe damit meinen Frieden. Man begegnet sich und dann vergisst man sich wieder. Kein Getratsche, kein Gefrage, kein aufgezwungenes Sozialgedöns, niemand erwartet irgendwas von mir. Das ist das allerbeste realistische Umfeld, das ich mir denken kann. Ich bewege mich ungezwungen in einer anonymen Menge, ich bin darin selbst anonym, ich mache einfach so vor mich hin mein Ding und die anderen auch. Damit fühle ich mich pudelwohl.

Nein, das ist nicht widersprüchlich und gar nicht total unlogisch. Kein bisschen. Klar, weniger Lärm, Hektik und Unübersichtlichkeit sind schön. Aber egal, wie wunderbar die Vorzüge des Landlebens aussehen mögen, sie wiegen die Nachteile des Landlebens für mich überhaupt nicht auf. Wirklich nicht. Bei der Großstadt ist das anders. Klar, Lärm, Hektik und Unübersichtlichkeit sind nicht schön und ich würde gerne darauf verzichten, aber ich kann etwas dagegen tun und die Freiheit, die ich in der Großstadt erlebe, ist viel, viel mehr als ein Ausgleich für diese Probleme. Es ist absolut unwidersprüchlich und durch und durch logisch, mich für die Alternative zu entscheiden, bei der die Plus-Seite so viel gewichtiger ist als die Minus-Seite.

Also jawohl, das passt, und wie. Ich bin Autistin und Großstadtmensch.