Furchtbar froh und furchtbar aufgeregt.

Ich bin ein bisschen spät dran, ungefähr sechs Wochen, aber hier ist er nun, mein Bericht über meinen vergangenen Praxisabschnitt.

Er war gut. Richtig gut. Zum einen inhaltlich (ich durfte dafür sorgen, dass viele Bäume nicht gefällt werden durften und dass die, die gefällt werden durften, ersetzt werden mussten) und zum anderen von den Rahmenbedingungen her.

Mein Praxisanleiter war sehr daran interessiert, mir viel beizubringen und begeistert davon, dass ich sehr daran interessiert war, viel zu lernen. Ich konnte aus dieser Zeit also eine ganze Menge für mein Arbeitsleben mitnehmen. Toll war auch, dass ich viel Ruhe hatte und mich gut auf meine Arbeit fokussieren konnte, von der es meistens genug gab. Das kommt mir immer sehr entgegen. Ich liebe es, viel zu tun zu haben, weil ich dann wunderbar in die Arbeit eintauchen kann. Vorausgesetzt, man lässt mich einfach mein Ding machen. Und das hat mein Praxisanleiter getan. Dadurch hatte ich innerhalb kurzer Zeit schon eine ziemlich gute Routine in den alltäglichen Aufgaben, was mir eine unglaubliche Sicherheit gegeben hat. Ein sehr gutes Fundament für Abweichungen, die eben auch immer wieder vorkommen. Natürlich mochte ich die auch in diesem Ausbildungsabschnitt nicht, aber durch meine solide Wissensbasis und Arbeitsroutine konnte ich sie hier verhältnismäßig gut verkraften. Diesmal habe ich mich besonders schnell eingefunden. Zum einen lag das daran, dass mein Praxisanleiter sehr gut darin war, Leute einzuarbeiten. Zum anderen hatte ich zum Beginn des Abschnitts schon fast zwei Ausbildungsjahre hinter mir und bin daher in vielen Grundlagen schon sehr sicher. Auch, wenn es inhaltlich in jedem Amt um etwas ganz Eigenes geht, sind die Prinzipien und Strukturen überall gleich oder mindestens sehr ähnlich. Besser geht es für mich nicht. Ich treffe überall auf viel Bekanntes und Vertrautes. Das macht mir die Eingewöhnung in neue Situationen und Stellen relativ leicht. Relativ dazu, dass ich es grundsätzlich grauenhaft finde, irgendwo neu anzufangen und mich in neue Situationen und Stellen einzufinden.

Zu meinem unbeschreiblich großen Glück war das bei meinem Wechsel in meine aktuelle und letzte Praxisstelle (ich darf die Ausbildung verkürzen und habe Ende November meine schriftlichen Abschlussprüfungen – aaaaaaaah!) so gut wie gar nicht notwendig, denn ich bin wieder in meiner zweiten und herzallerliebsten Praxisstelle vom letzten Sommer gelandet. Eine Kollegin aus dem Bereich, in dem ich damals eingesetzt war, geht Ende des Jahres in den Ruhestand, weshalb ihre Stelle ausgeschrieben wurde. Ich habe mich beworben und es hat funktioniert! Damit der Übergang möglichst gut verläuft, wurde ich gleich für meinen letzten Ausbildungsabschnitt dort hingesetzt, um von der Kollegin eingearbeitet zu werden. Ich mache nicht ganz genau die gleiche Arbeit wie letztes Jahr, aber sehr ähnliche. Trotzdem gibt es natürlich noch ganz viel zu lernen und ich habe viel zu tun und zu verarbeiten. Aber ich kenne alle Kolleginnen und Kollegen schon und bin mit den Abläufen bestens vertraut. Ein paar Dinge haben sich geändert, beispielsweise weil einige rechtliche Grundlagen überarbeitet wurden und es Änderungen in der Software gegeben hat, mit der wir die Anträge bearbeiten, aber nach inzwischen sechs Wochen bin ich wieder voll und ganz drin in der Materie und kann mich sehr gut auf die neuen Inhalte einlassen. Anfangs war es etwas seltsam, weil alles so vertraut und doch etwas fremd war. Zum Glück hat sich das aber recht schnell gelegt. Aufregend ist das alles trotzdem noch und ich bin noch nicht richtig zur Ruhe gekommen, aber das werde ich noch, da bin ich absolut sicher. Ich sitze an genau der richtigen Stelle.

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich furchtbar, furchtbar froh mit meiner Arbeitssituation bin und furchtbar, furchtbar aufgeregt wegen der viel zu nahen schriftlichen Abschlussprüfungen. Die nächsten Wochen werden entsetzlich aufwühlend. Aber sie werden vorbeigehen und ich werde das schon schaffen, auch wenn ich ganz sicher mehrfach durchdrehen werde vor lauter Nervosität. Das gehört eben dazu.

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Wenn die Bedingungen nicht stimmen, spüre ich meine Behinderung deutlich.

So wunderbar und passend meine vorletzte Praxisstelle war, so anstrengend und unpassend war die letzte. Es ging mir dort überhaupt nicht gut, aber das Ausmaß ist mir leider erst ziemlich spät bewusst geworden und da konnte ich dann nichts mehr ändern, nur sprichwörtlich die Zähne zusammenbeißen und durchhalten. Hätte ich früher bemerkt, was dort alles nicht für mich stimmte, hätte ich mich an die Ausbildungsleitung gewandt und um eine neue Zuweisung gebeten.

Ich war in dem Büro im Einsatz, das sich um die Belange des Parlaments in dem Bezirk kümmert, für den ich arbeite. An sich eine spannende Sache. Inhaltlich war alles sehr interessant, ich habe viele Einblicke bekommen und eine Menge über parlamentarische Arbeit und das dazugehörige Drumherum gelernt. Das fand ich toll, aber damit hörte es leider auch schon auf.

Mir gefiel nicht, dass die Arbeit dort im Grunde gar nichts mit meinem Beruf zu tun hatte. Es gab kein Gesetz, nach dem ich arbeiten musste, nichts, das geprüft werden musste, gar nichts, das tatsächlich als öffentliche Verwaltung bezeichnet werden kann. Die meisten Aufgaben waren ziemlich langweilig und es war kein echtes Hintergrund- oder gar Fachwissen notwendig. In den ersten neun Wochen hatte ich zwar ein eigenes Projekt und konnte daran ganz eigenständig arbeiten, was mir im Prinzip sehr entgegenkommt, aber auch das war wenig anspruchsvoll und in erster Linie organisatorische Arbeit. Vom Tagesgeschäft habe ich in dieser Zeit noch recht wenig mitbekommen. Ich bin lediglich einmal im Monat mit in die Parlamentssitzung gegangen und habe bei der Protokollführung geholfen.

Die Begleitung dieser Sitzungen war natürlich interessant, aber das bezirkliche Parlament ist ein sogenanntes Freizeit- bzw. Feierabendparlament aus lauter Ehrenamtlichen, was bedeutet, dass die Sitzungen nach Feierabend stattfinden, in diesem Fall von 17:00 Uhr bis etwa 23:00 Uhr. Für mich war das eine immense Belastung, denn mein kompletter Rhythmus wurde dadurch zerstört. Ich stehe unter der Woche immer um 05:00 Uhr auf und fange um 07:00 Uhr an zu arbeiten. So umgehe ich das Problem, in den im Berufsverkehr völlig überfüllten Bahnen zu landen. Jetzt musste ich einmal im Monat zu Uhrzeiten arbeiten, zu denen ich normalerweise längst schlafe. Mit solchen Abweichungen komme ich überhaupt nicht zurecht. Während der gesamten fünfmonatigen Praxisphase hatte ich starke Schlafstörungen. Natürlich sagte mir meine Praxisanleiterin, dass sie mich aufgrund der späten Uhrzeiten nicht zwingen wolle und könne, zu den Sitzungen mitzukommen, aber hätte ich das nicht gemacht, wäre ich kaum in das Tagesgeschäft eingebunden worden und hätte folglich nicht viel zu tun gehabt. Das war für mich keine echte Wahl. Acht Stunden im Büro zu sitzen, ohne auch nur annähernd mit Arbeit ausgelastet zu sein, finde ich schwer erträglich. Und das gleich mehrere Monate lang? Lieber nicht.

Neben den starken Rhythmusabweichungen war dann noch die soziale Situation in der Praxisstelle für meine Schlafstörungen verantwortlich. Das Team, das für das bezirkliche Parlament arbeitet, ist sehr klein und die Kolleginnen verstanden sich überhaupt nicht. Anfangs dachte ich, dass mir das nicht viel ausmachen würde, da ich ohnehin nur ein paar Monate dort verbringen würde und mich aus allen persönlichen Konflikten gut raushalten könnte, aber ich wurde dann doch irgendwie mit reingezogen in den ganzen Schlamassel. Besonders die beiden Kolleginnen, die für mich verantwortlich waren, erzählten mir über die jeweils andere nur wirklich absolut Schlechtes. Und dann auch noch so ziemlich das gleiche. Jede hielt die andere für ein ausgesprochen garstiges Biest, das all seine Energie darauf verwandte, sie schlecht dastehen zu lassen und ihr das Leben schwer zu machen. Zuerst konnte ich noch darüber hinwegsehen, aber mit der Zeit wurde es immer anstrengender und belastender für mich. Beide benutzten mich immer mehr als Kummerkastentante, bei der sie all ihren Ärger und ihren Frust abluden. Situationen, an denen wir alle drei beteiligt waren, waren für mich kaum auszuhalten. Nicht, weil es dann Streit oder sowas gab, nein, sie taten dann immer so, als sei alles in bester Ordnung, sondern weil ich nie wusste, was passieren würde, ob die Situation nicht doch plötzlich eskalieren würde. Das hätte mich vollkommen überfordert. Überhaupt war die ganze Lage für mich eine einzige große soziale Überforderung. Da ich mich raushalten wollte, ging ich nicht auf das ein, was die beiden mir übereinander erzählten und verschwieg selbstverständlich auch, dass die jeweils andere mir auch alles Mögliche erzählte. Am Anfang war es auch noch gar nicht viel, nur hier und da mal ein Kommentar. Aber es wurde immer mehr und ich fühlte mich immer unwohler und wusste einfach nicht, wie ich damit umgehen sollte. Nach einigen Wochen war ich nur noch gestresst und kam gar nicht mehr zur Ruhe.

Was mir außerdem absolut fehlte, waren klare Strukturen und Abläufe. Die Arbeit war, wenn auch nicht sonderlich schwierig, sehr abwechslungsreich. Viel zu abwechslungsreich für meinen Geschmack. Es war kein Tag wie der andere. Ständig wollten die Parlamentarierinnen und Parlamentarier irgendwas Neues und dauernd gab es irgendwelche Veränderungen. Von Regelmäßigkeit und Klarheit konnte ich nur träumen. Jeden Tag lauerten neue Überraschungen im E-Mail-Fach und sie waren leider meist unerfreulich. Die Kolleginnen waren dauernd in heller Aufregung und alles musste immer schnell und am besten gleichzeitig erledigt werden. Ich konnte so gut wie gar nicht zur Ruhe kommen, aber die brauche ich unbedingt, um richtig arbeiten zu können.

In diesem Klima, ohne jegliche Strukturierung und mit den furchtbar ungleichmäßigen Arbeitszeiten, war ich überhaupt nicht in der Lage, leistungsfähig zu sein. Ich konnte mich kaum konzentrieren, mir kaum etwas merken und mich nur wenig einbringen. Zumindest war ich nicht annähernd so leistungsfähig, wie es mir unter guten, passenden Bedingungen möglich ist. Das wiederum führte zu noch mehr Stress. Ich stand permanent unter Druck, fühlte mich unzulänglich und dumm, musste dauernd meine Grenzen überschreiten und kämpfte mich von Tag zu Tag. Auch die Kolleginnen waren gestresst und permanent gereizt. Sie ließen es nicht direkt an mir aus, aber ich bekam trotzdem viel davon mit und manches auch ab. Hinzu kam dann noch, dass die Lehrmethoden der Kollegin, die mir hauptsächlich etwas beibrachte, überhaupt nicht zu meiner Art zu lernen passten. Auch um das zu merken, habe ich viel zu lange gebraucht und mich dann nicht mehr getraut, es anzusprechen. Es schien mir einfach zu spät zu sein. Irgendwie habe ich aber insgesamt wohl doch einen guten Eindruck gemacht, zumindest bei der einen der beiden für mich verantwortlichen Kolleginnen, die mich bewerten musste. Wie ich das geschafft habe, ist mir schleierhaft. Sie muss irgendwie erkannt haben, wo meine Stärken liegen und dass die mich für meinen Beruf sehr geeignet machen, anders kann ich es mir nicht erklären. Fähig gefühlt habe ich mich während dieses Praxisabschnitts jedenfalls nur selten.

Nach der Arbeit war ich immer sehr erschöpft und unglaublich froh, dass ich nicht alleine lebe und deshalb auch nicht einen ganzen Haushalt führen muss. Meistens war ich gar nicht mehr in der Lage, irgendwas zu schaffen und konnte nur noch ein bisschen auf dem Sofa sitzen, bevor es ins Bett ging. Wenn ich auch noch hätte einkaufen und mir selbst etwas zu essen machen müssen… Ich will lieber nicht darüber nachdenken. Keine Ahnung, wie ich das hätte schaffen können. Ich hatte zwar auch während des Studiums, als ich allein gelebt habe, unpassende und dadurch harte Zeiten, aber sie waren kürzer und ich hatte keine 40-Stunden-Woche. Irgendwie bin ich auch in diesen Zeiten zurechtgekommen, aber mehr schlecht als recht. Einkaufen, putzen und aufräumen waren nur sporadisch möglich und mir ein Essen zubereiten konnte ich gar nicht. Ich kam nach Hause, war einfach erledigt und schon froh, wenn ich den Toaster bedienen konnte. Während dieser Praxisphase fehlte mir nach Feierabend genauso die Energie, mich allein um mich selbst und den Haushalt zu kümmern. Wenn die Bedingungen gut für mich sind, geht es mir auch gut und ich kann sehr viel leisten und fühle mich wohl. Wenn die Umstände aber so unpassend sind, wie ich es gerade erst wieder erlebt habe, dann merke ich ganz deutlich, wie eingeschränkt ich bin und dass (mein) Autismus tatsächlich eine Behinderung ist.

Zum Glück ist dieser Praxisabschnitt jetzt endlich vorbei. Ich bin noch ziemlich platt und werde wohl eine ganze Weile brauchen, um mich endgültig davon zu erholen. Die letzten fünf Monate waren in vielerlei Hinsicht einfach zu viel für mich.

Meine nächste Praxisstelle wird, soweit ich bisher weiß, dafür wieder umso besser zu mir passen. Es geht in das Umwelt- und Naturschutzamt, was ich inhaltlich schon mal ganz fantastisch finde. Außerdem habe ich von einer Azubikollegin schon einiges über die Arbeit dort erfahren und es klingt alles wirklich gut. Ich freue mich also sehr auf die Zeit, die vor mir liegt und hoffe, dass die letzte Praxisstelle mir nicht mehr allzu lange nachhängen wird.

Veränderungen sind fürchterlich.

Um mich herum hat sich in den letzten Monaten so gut wie alles verändert. Es war fürchterlich.

Mein Mann und ich hatten geplant, nach meiner Ausbildung umzuziehen, in eine schönere Wohnung mit Balkon und richtiger Küche und gefliestem Bad. Wir sprachen im Sommer ein paarmal darüber und stellten fest, dass unsere Ansprüche ziemlich spezifisch waren, also dachten wir, es wäre gut, schon mal ein bisschen den Wohnungsmarkt zu erkunden, da unsere Suche sicher lange dauern würde. Außerdem wollten wir uns schon mal bei der einen oder anderen Wohnungsbaugenossenschaft melden, da die hier sehr schöne Wohnungen haben und bauen und man deshalb nicht so leicht eine abbekommt. Also dachten wir, wir müssten eine lange Wartezeit einplanen und uns deshalb frühzeitig kümmern.

Und dann hatten wir plötzlich eine neue Wohnung. Wir entdeckten ein für uns absolut perfektes Angebot, bewarben uns kurzentschlossen und bekamen eine Zusage. Das war Mitte August. Für einen ab dem ersten November bezugsfertigen Neubau. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Hilfe!

Mehr oder weniger aus dem Nichts heraus musste ich mich an den Gedanken gewöhnen, dass sehr bald vieles sehr anders sein würde, und damit war es ja noch längst nicht getan. Neue Räume wollten geplant, neue Möbel ausgesucht und gekauft und unzählige Kisten gepackt werden. Und das alles eineinhalb Jahre früher, als wir es vorgehabt hatten.

Mit Veränderungen komme ich nur sehr, sehr schwer zurecht. Klar, die wenigsten Menschen mögen Veränderungen wirklich. Sie machen Angst. Das ist normal und in Ordnung. Aber bei mir ist das leider noch mal eine ganz andere Dimension der Angst und des Nicht-damit-Zurechtkommens. Auch bei so positiven Veränderungen wie dem Umzug in eine Wohnung, die noch viel schöner und toller war, als ich sie mir gewünscht und vorgestellt hatte, bevor wir dieses Angebot fanden und obwohl ich mehr als froh war, endlich aus der alten Wohnung ausziehen zu können, an der mich so vieles nervte und störte. Die neue Wohnung hat eine wunderbare Lage. Überall ist Wasser und Wald um uns herum. Sie ist toll geschnitten, hat viele große Fenster und einen schönen, großen Balkon. Die Anbindung an den ÖPNV ist gut. Wir hatten finanziell endlich die Möglichkeit, uns nach unserem Geschmack einzurichten, alles richtig zu planen und eine richtige, tolle Küche zu kaufen.

Ich wollte nicht. Also, ich wollte natürlich sehr wohl, unbedingt sogar, aber es war eben eine riesige Veränderung, und Veränderungen will ich überhaupt nicht. Nicht einmal, wenn ich sie mir wirklich wünsche. Das ist natürlich paradox und ziemlich anstrengend. Vor allem, weil man so oft zu hören und zu lesen bekommt, man solle einfach auf sein Gefühl hören, das wäre dann schon richtig. Dem kann ich bei mir und Veränderungen nur vehement widersprechen. Mein Gefühl ist dabei immer grässlich und sagt mir, dass ich sofort alles abblasen und unbedingt verhindern soll, dass die Veränderung (ja, wirklich auch eine, die ich mir sehr wünsche) eintritt. Mein rationaler Teil ist der einzige, auf den ich dabei hören und auf den ich mich verlassen darf, denn der weiß, ob ich diese Veränderung will und was die Gründe dafür sind. Er kann das in Ruhe betrachten und analysieren und mir eine Antwort liefern. Den emotionalen Teil muss ich schön außen vor halten und so lange mit rationalen Argumenten bombardieren, bis er sich beruhigt und einsieht, dass es nur die Veränderung an sich ist, das Unbekannte, das Neue, vor dem er Angst hat, nicht das Ergebnis. Klar, es dauert, sich in eine neue Situation einzufinden, sich in einer neuen Wohnung und einer neuen Gegend einzuleben, auch wenn die nur ein paar Tramstationen von der alten entfernt ist. Und bei mir dauert es eben ein bisschen länger als bei den meisten Menschen. Das ist aber kein echter Grund, nicht in eine so viel bessere Wohnung zu ziehen.

Das ist auch kein Grund, einen Job zu behalten, der einen quält, nur weil es eine große Veränderung wäre, nicht mehr dort hinzugehen und man sich obendrein auch noch in einen neuen Job hineinfinden müsste, aber mein Gefühl sagte mir sogar zum Ende meiner Callcenterzeit, dass es eben doch ein sehr plausibler Grund wäre und ich doch bitte einfach alles so lassen solle. Ich liebe meine Ausbildung und werde es noch mehr lieben, wenn ich sie absolviert habe und endlich einen richtigen Arbeitsalltag habe. Ein gutes Jahr habe ich noch vor mir. Trotzdem, jedes Mal, wenn es in eine neue Praxisstelle geht, ist das alles wieder viel zu aufregend und viel zu viel Veränderung für mich und ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich denke, dass es einfacher wäre, noch im Callcenter zu arbeiten, weil ich da wenigstens wüsste, wie der Tag so wird und was ich zu tun habe. Und das denke ich nicht nur am ersten Tag oder in der ersten Woche, sondern auch noch nach vielen Wochen, in denen alles an sich total gut war. Nur, weil es noch neu und anders ist und ich damit eben nicht zurechtkomme. Auch, wenn die Wohnung toll ist und die Praxisstelle auch und ich das alles wirklich will. Aber der emotionale, Veränderungen abscheulich findende Teil von mir sucht dann nach jedem noch so kleinen möglichen Problemchen an der neuen Situation und versucht, es zu dramatisieren, während der rationale Teil, der genau weiß, dass und warum ich diese Veränderung in Wirklichkeit will, hart dagegen ankämpft und die seltsamen Argumente des emotionalen Teils in mühevoller Arbeit widerlegt.

Na ja, und in den letzten Monaten hatte ich ziemlich viel Veränderung auf einmal. Nach der Wohnungszusage folgte nämlich noch ein praxisfreier Unterrichtsblock an der Akademie, also raus aus der schönen Praxisstelle, in der ich mich inzwischen so pudelwohl fühlte und rein in knapp drei Monate, in denen ich jeden Tag von meinen Mitauszubildenden umgeben war. Währenddessen war unheimlich viel zu tun für den Umzug und die vielen Klausuren und nebenbei musste ich die ganzen Veränderungen irgendwie verarbeiten. Zum Glück war ich noch vor dem Umzug soweit, mich ganz und gar auf die neue Wohnung zu freuen. Das war nicht einfach, aber ich habe es geschafft. Jetzt habe ich aber auch schon die nächste Veränderung zu verarbeiten, denn nach gut drei Wochen Arbeit (und zwei Wochen Urlaub) habe ich mich längst noch nicht an die neue Praxisstelle gewöhnt, in die ich seit dem Ende des Akademieblocks gehe. Morgen ist der Urlaub vorbei und ich freue mich, wieder zu arbeiten, weil es Spaß macht, sehr interessant ist und ich viel lerne (das kam jetzt vom rationalen Teil), aber ich grusele mich auch sehr davor, weil alles anders ist und Veränderungen eben immer ätzend sind, weshalb ich sie nicht will, also möchte ich nie wieder zu dieser neuen Praxisstelle (das kam natürlich vom emotionalen Teil).

So schlage ich mich eben durch. Erholt habe ich mich von all dem noch nicht so ganz, aber es ist schon viel besser und es geht mir wieder gut. Zwischenzeitlich war ich immer wieder kurz vor einem Nervenzusammenbruch, einmal ganz besonders knapp. Das lag vor allem daran, dass in der alten Wohnung alles nach und nach in Kisten landete und dementsprechend auch dort alles anders war. Trotzdem habe ich diese stressige Zeit überstanden, nicht zuletzt, weil ich es hinbekommen habe, meine Routinen aufrecht zu erhalten. Und ich habe sogar noch eine neue gewonnen. Durch den Wohnungszusagestress war ich innerlich so unruhig, dass daraus irgendwie ein Bewegungsdrang geworden ist und so habe ich tatsächlich angefangen zu laufen. Weil ich ich bin und Regelmäßigkeit zu meinen allerliebsten Lieblingsdingen gehört, mache ich das seitdem regelmäßig, was mir sehr gut tut, sowohl körperlich als auch psychisch. Die Regelmäßigkeit beruhigt mich und bereitet mir sehr viel Freude und das Laufen selbst hilft mir beim Stressabbau und gibt mir ein besseres Körpergefühl. Das ist ein sehr schönes Nebenprodukt dieser gravierenden Veränderungen. Eines, mit dem ich gar nicht gerechnet hätte. Und das selbst eine große Veränderung ist. Eine positive.

In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen.

Unglaublich, wie schnell die letzten fünf Monate vergangen sind. Zack, ist er schon wieder vorbei, der zweite Praxisabschnitt meiner Ausbildung. Schön war er! Ich habe viel gelernt, hatte viel Spaß an der Arbeit und hatte dabei viel Ruhe. In dieser Praxisstelle konnte ich meine autistischen Superkräfte voll ausnutzen: hohe Detailwahrnehmung, hoher Fokus, Begeisterungsfähigkeit, hohe Merkfähigkeit, schnelles Aneignen von Fachwissen. All das war für meine Arbeit wichtig, wurde von meiner Praxisanleiterin sehr an mir geschätzt und hat dafür gesorgt, dass ich schon nach drei Wochen beinahe wie eine vollwertige Sachbearbeiterin eingesetzt werden konnte. Beinahe, weil Auszubildende aus diversen nicht ganz nachvollziehbaren Gründen keine Zugang zu einer bestimmten Software bekommen können und ich die für einige Tätigkeiten gebraucht hätte. Aber auch so hatte ich jede Menge zu tun und das war wirklich toll.

Ich konnte sehr strukturiert und routiniert arbeiten, mir meine Zeit und die Arbeitsschritte selbstständig einteilen und musste mit niemandem zusammenarbeiten. Meine Praxisanleiterin merkte schnell, dass ich interessiert war, gut lernte und sie mich problemlos einfach machen lassen konnte. Bei Fragen war sie immer da und wenn es was Neues gab, erklärte sie es mir natürlich, ansonsten saß jede von uns an ihrem Arbeitsplatz und machte vor sich hin ihr Ding. Mit anderen Kolleginnen und Kollegen hatte ich nur wenig zu tun und wenn, dann rein fachlich. Ideale Bedingungen also.

Durch diese ausgesprochen guten Rahmenbedingungen habe ich mich rundum wohl gefühlt und das wiederum hat natürlich dafür gesorgt, dass ich wirklich gute Leistungen erbringen konnte. Wodurch das Ganze mir noch mehr Spaß gemacht hat und ich mich noch besser darin vertiefen konnte. Ich weiß jetzt alles über Baustellen! Jedenfalls alles, was man rechtlich (und zum Teil auch aus Ingenieurssicht) über die Nutzung öffentlichen Straßenlandes für Baumaßnahmen wissen muss, denn das war mein Sachgebiet. Ich kann an keinem Fassadengerüst und keinem Bauzaun mehr vorbeigehen, ohne wenigstens kurz darüber nachzudenken und grob zu beurteilen, ob das Ganze so genehmigungsfähig ist. Spoiler: Oft genug ist es das nicht. (Ich weiß nicht, wie das in anderen Bundesländern ist, aber stellt lieber keine Schuttcontainer und Miettoiletten einfach so auf den Gehweg. Hier ist das jedenfalls nicht erlaubt und trotzdem machen das genug Menschen, ohne sich vorher zu informieren.)

Mein Eifer und meine Begeisterung haben nicht nur meine Praxisanleiterin sehr gefreut, sondern auch meinen Gruppenleiter. Im abschließenden Beurteilungsgespräch haben sie mir ein wirklich tolles Stellenangebot gemacht, das ich unbedingt annehmen will. Ich würde erst einmal in den Bereich kommen, in dem ich jetzt war und später über eine größere Weiterbildung in ein anspruchsvolleres Sachgebiet wechseln. Der Gruppenleiter hat schon einen Karriereplan für die nächsten paar Jahre für mich ausgetüftelt und mit dem Amtsleiter besprochen. Es wäre wirklich großartig, wenn das klappt, aber dafür muss ich erst mal die Zwischenprüfungen mit entsprechenden Noten bestehen, die Ausbildung tatsächlich verkürzen können und einige organisatorische Punkte zu meinem Ausbildungsverlauf mit der Ausbildungsleitung klären. Also mal abwarten. Jedenfalls hat mein Autismus mir wirklich viel genutzt in diesen letzten Monaten. Auch, wenn ich mir wieder anhören durfte, ich sei doch sehr still und introvertiert und könne ruhig noch ein bisschen mehr aus mir herausgehen. Angesprochen habe ich meine Diagnose trotzdem wieder nicht. Ich hatte das ja eigentlich vor, aber ich wusste schon wieder nicht, wann und wie und letztendlich weiß ich auch nicht, ob es wirklich gut gewesen wäre. Ich kann nie einschätzen, ob es gut und sinnvoll ist, sich einer konkreten Person anzuvertrauen oder nicht. Da es keine Teamarbeit oder Ähnliches gab und die Bedingungen auch sonst super für mich waren, habe ich keinen Anlass gefunden.

Was natürlich wieder schwierig und anstrengend war, war das Socialising. Mittagspausengespräche, Smalltalk vor der Mikrowelle, auf Kolleginnen und Kollegen zugehen, mit denen ich fachlich etwas besprechen muss… Alles nicht mein Ding. Ich hoffe dann immer, dass die anderen merken, dass ich nur ungeschickt bin und nicht denken, ich würde sie alle blöd finden oder wäre total arrogant und desinteressiert. Die meisten waren mir nämlich tatsächlich zumindest im Arbeitskontext ganz sympathisch. Und im Hinblick darauf, dass ich eventuell in eineinhalb Jahren zurückkomme und dann erst mal auf unbestimmte Zeit bleibe, wäre es mir natürlich am liebsten, wenn niemand Groll gegen mich hegt, weil ich mich komisch verhalten habe und jemand das persönlich genommen hat. In dem Bereich ist mein Autismus dann wieder hinderlich. Na, mal abwarten. Die, mit denen ich ab und an fachlich zu tun hatte, haben mich jedenfalls freundlich verabschiedet. (Soweit ich das beurteilen kann. Ich weiß ja nie, was mir alles an Signalen entgeht.)

Ab Montag geht es direkt in den nächsten Akademieblock und die Berufsschule hat auch schon wieder angefangen. In den kommenden Monaten werde ich also in erster Linie lernen, lernen und lernen. Ich freue mich drauf, auch wenn das heißt, dass ich wieder jeden Tag von den anderen Auszubildenden meines Jahrgangs umgeben bin, was natürlich auch anstrengend ist. Aber im letzten Block war das Lern- und Arbeitsklima ganz gut, deshalb hoffe ich, dass diesmal auch wieder alle fleißig oder mindestens ruhig sind und ich nicht mit so viel Sozialkram konfrontiert werde. Die anderen Streberinnen aus der ersten Reihe, mit denen ich in der Berufsschule am meisten Kontakt habe, nehmen jedenfalls seit meinem Outing vor ein paar Monaten viel Rücksicht auf mich und lassen mir meine Ruhe, wenn ich sie brauche, ohne beleidigt zu sein. Das ist schon sehr viel wert.

Kurze Anekdote: Das vergessene Deo.

Neulich ist mir irgendwie meine Morgenroutine durcheinander geraten, weil ich irgendeine Kleinigkeit machen musste, die ich sonst nicht mache, und das hat dafür gesorgt, dass ich vergessen habe, Deo zu benutzen.

Wenn meine Morgenroutine durcheinander gerät, vergesse ich immer irgendwas. Ich komme aber fast nie dazu, festzustellen, was ich vergessen habe. Jedenfalls nicht rechtzeitig. So war es auch an diesem Morgen vor ein paar Tagen.

Auf dem Weg zum S-Bahnhof hatte ich endlich Zeit, zur Ruhe zu kommen und meinen bisherigen Morgen gedanklich noch mal Schritt für Schritt durchzugehen. Das mache ich immer so, wenn mir etwas durcheinander gerät und ich rausfinden will, was ich diesmal vergessen habe. An diesem Morgen war es das Deo. Mist. Das ging so nicht. Es würde ein heißer Tag werden. Ich wollte mein Deo. Ich brauchte mein Deo!

Normalerweise wäre ich in diesem Moment erstarrt und meine Gedanken hätten angefangen zu rasen. Ich hätte festgesessen. Vor zur Bahn wäre es nicht gegangen. Nicht ohne das Deo. Zurück in die Wohnung aber auch nicht. Dafür war ich schon viel zu weit gekommen. Ich hätte es niemals geschafft, zurück nach Hause zu laufen, das Deo zu nehmen, mich wieder auf den Weg zu machen und die gewohnte Bahn noch zu erwischen. Die gewohnte Bahn nicht zu erwischen wäre natürlich auch nicht gegangen. Aber ich konnte doch nicht los, ohne Deo benutzt zu haben! Aber dann hätte ich meine Bahn nicht erwischt! Aber das Deo! Aber die Bahn!

So wäre das eine Weile weiter gegangen, bis ich völlig gestresst und einer Panik nahe doch noch irgendeine Entscheidung getroffen hätte. Ich hatte solche Situationen schon oft. Wahrscheinlich wäre ich nach Hause gerannt wie von einem Hornissenschwarm verfolgt, hätte das Deo geschnappt und wäre damit ebenso hastig zur Bahn gelaufen. Eventuell hätte ich die gewohnte Bahn sogar doch noch erwischt, vermutlich aber eher nicht. Auf jeden Fall wäre ich völlig durch den Wind gewesen.

Das Absurdeste daran ist, dass es niemanden auch nur ansatzweise gestört hätte, wenn ich die Bahn zehn Minuten später genommen hätte. Ich arbeite in Gleitzeit. Zehn Minuten interessieren niemanden. Na ja, doch. Mich. Ich nehme immer die gleiche Bahn.

An dem Morgen vor ein paar Tagen blieben das Erstarren und der fürchterliche Stress aus. Ich spürte es schon kommen, als mir auffiel, dass ich vergessen hatte, Deo zu benutzen, aber dann fiel mir ein, dass ich noch eins von meinem Mann in der Tasche hatte. Das konnte ich nehmen.

Schön war das zwar auch nicht, weil sich der fremde Geruch des Deos, das mein Mann nie benutzt, weil es ja in meiner Tasche liegt, den ganzen Tag irritierend und penetrant in meine Nase gebohrt hat, aber das war dann vergleichsweise okay.

Überfordernde Brötchen und Nachbarn.

Stur, bockig und faul, das war ich vor allem als Kind und auch als Jugendliche. So sah es wohl zumindest von außen aus, denn das wurde mir immer wieder rückgemeldet.

Innen war es anders. Innen war ich in erster Linie überfordert, und zwar mit Dingen, bei denen man das, vor allem bei einem recht intelligenten und sprachgewandten Kind wie ich es war, nicht erwartete. Ich war damit überfordert, zum Bäcker zu gehen und Brötchen zu kaufen. Ich war damit überfordert, im Supermarkt zur Frischwarentheke zu gehen und Käse und Wurst zu kaufen. Sogar das Bezahlen an der Kasse war eine echte Hürde. Es überforderte mich, Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße zu grüßen, und das ist in einem kleinen Dorf wirklich nicht schön, weil da andauernd jeder jeden grüßt. Und ich war damit überfordert, mein Zimmer aufzuräumen. Das war längst noch nicht alles, aber es waren Dinge, die mir besonders zusetzten und die besonders oft zu Streit und Problemen führten.

Was mich überforderte, war, dass ich nicht wusste, wie ich diese Dinge erledigen sollte. Mir fehlten die Strukturen hinter den Tätigkeiten, die Regeln und Muster, nach denen sie ablaufen mussten. Ich versuchte, durch Beobachten herauszufinden, was ich wann und wie machen musste, aber irgendwie gelang es mir nicht. Die Prozesse schienen viel zu komplex. Beim Bäcker fing es schon beim Betreten des Ladens an. Musste ich da schon jemanden anschauen, jemanden grüßen, irgendwas Bestimmtes tun? Und wo musste ich mich hinstellen? Das war auch immer an der Frischwarentheke im Supermarkt schwierig. Die Leute standen ohne ein für mich erkennbares Schema nebeneinander herum und trotzdem wusste immer jeder genau, wann er an der Reihe war. Ich nicht. Ich war verwirrt. Die Menschen verhielten sich unstrukturiert, wanderten vor der Auslage herum, betrachteten die Lebensmittel und irgendwann reagierten sie auf „Wer ist der Nächste?“ mit „Ich!“ Das bekam ich nicht hin. Ich fand nie heraus, wann ich an der Reihe war. Deshalb stand ich oft viel zu lange vor der Theke herum und wurde von einem Kunden nach dem anderen übergangen. Vermutlich hielt ich auch immer viel zu viel Abstand zu dem ganzen Treiben und wirkte nicht so, als wollte ich etwas bestellen. Im Grunde genommen wollte ich das auch nicht. Ich wollte weg. Dass ich schließlich doch zu meiner Bestellung kam, verdankte ich so gut wie jedes Mal einer aufmerksamen Person, die sowas sagte wie „Die junge Dame war vor mir da, sie ist dran.“ Danach folgte immer ein sehr unangenehmes Gespräch, in dem ich meine Bestellungen mehrmals wiederholen musste, weil ich nicht in der Lage war, laut und deutlich genug zu sprechen. Dafür war ich viel zu angespannt und dann waren meine Probleme, meine Stimme richtig einzusetzen und einzuschätzen, ganz besonders groß. Eine Zeit lang war es noch okay, den Verkäuferinnen und Verkäufern einfach den Einkaufszettel, den meine Eltern mir geschrieben hatten, in die Hand zu drücken, aber irgendwann merkte ich, dass ich dafür inzwischen nicht mehr jung genug war. Und selbst, als ich den Zettel noch einfach rüberreichen konnte, war ich überfordert mit dem, was ich sagen musste, dem einfachen „Bitte“ und „Danke“, mit der gesamten Situation. Ich bekam meinen Mund nicht auf. Es kamen einfach keine Worte, als hätte ich mit dem Betreten des Ladens das Sprechen verlernt. Ich konnte nicht. Ich konnte mein Gegenüber nicht einmal ansehen oder freundlich lächeln. Ich wusste nicht, wie.

So ging es mir auch immer mit den Nachbarinnen und Nachbarn auf der Straße. Ich wusste, dass ein Gruß erwartet wurde und meine Eltern schärften mir das auch regelmäßig ein, aber ich bekam es nicht hin. Den Menschen ins Gesicht zu sehen, in die Augen, und dann noch lächeln und einen passenden Gruß aussprechen, das schaffte ich einfach nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, weil ich unhöflich und stur war, sondern weil es schlicht und ergreifend zu viel war. Weil es mich maßlos überforderte, anderen in die Augen zu schauen, vor allem mehr oder weniger fremden Personen. Weil ich nicht wusste, was ich wann und wie genau machen musste. Mir war nicht klar, was exakt das richtige Verhalten in diesem Moment war und da mir die Intuition für sowas eben fehlt, konnte ich es auch nicht ermitteln. Da war kein Gefühl, auf das ich mich verlassen konnte. Das habe ich bis heute nicht und werde es nie haben. Ich hätte ganz klare und eindeutige Instruktionen gebraucht. Die gab es aber nicht.

Und genau das war auch das Problem mit dem Zimmer aufräumen. Mein Zimmer sah so gut wie immer aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, wie meine Eltern es sehr treffend formulierten. Das war nicht schön, auch für mich nicht. Aufräumen konnte ich es trotzdem nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht wusste, wie. Ich sah nur Chaos, ein unglaubliches Chaos aus unglaublich vielen Einzelteilen und hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich das in Ordnung bringen sollte, also ignorierte ich es. Ab und an sprachen meine Eltern ein Machtwort und dann blieb mir nichts anderes übrig, als doch aufzuräumen, aber es war jedes Mal ein furchtbarer innerer Kampf. Ich tigerte aufgewühlt durch mein Zimmer, raufte mir die Haare, bohrte mir die Fingernägel ins Gesicht und wollte mich nur noch unter der Bettdecke verkriechen und weinen. Oft saß ich irgendwann ratlos auf dem Boden und starrte ins Leere, bis ich mich wieder gefangen hatte. Dann begann ich, ziellos Gegenstände von einer auf die andere Stelle zu räumen und quälte mich langsam durch, bis ich es irgendwie geschafft hatte. Ich mochte die Ordnung danach immer, aber ich schaffte es nicht, sie aufrecht zu halten und sobald es wieder chaotisch war, war ich wieder überfordert und wollte mich dem nicht stellen, denn es fühlte sich einfach schrecklich an.

Als meine Eltern anfingen, mir kleine Aufgaben wie Brötchen holen und Aufschnitt einkaufen zu übertragen, versuchte ich, ihnen mitzuteilen, dass ich das nicht konnte und es für mich zu viel und ganz fürchterlich war, aber das bekam ich nicht hin. Meine Versuche klangen wohl wie unglaubwürdige Ausreden, die ich mir ausdachte, weil ich keine Lust hatte, diese Aufgaben zu erledigen, jedenfalls kamen meine Eltern zu dem Schluss, dass ich mich aus Faulheit und Trotz weigerte. Irgendwann nahm ich die Faulheit und den Trotz für mich an. Aus meinem „Ich kann das nicht“ und „Ich weiß nicht, wie“ wurde ein „Ich will das nicht“, und das war ja nicht einmal falsch. Ich wollte diese Dinge, die mich so sehr überforderten, nicht machen. Bloß aus einem ganz anderen Grund, als es den Anschein hatte. Genauso war es auch mit meinem unordentlichen Zimmer und den Nachbarinnen und Nachbarn. Ich wirkte faul, stur und unhöflich, also fing ich irgendwann an, das selbst so zu formulieren. „Ich räume mein Zimmer nicht auf, ich habe keine Lust dazu und mich stört das Chaos gar nicht!“ „Nein, ich will die alle nicht grüßen, die sind sowieso doof, mir doch egal, was die denken!“ Das war zu dem Zeitpunkt, zu dem ich mit diesen Ausreden anfing, nicht einmal komplett gelogen, zumindest was die Menschen im Dorf betraf. Es verband mich nichts mit ihnen. Das war aber nicht der Grund für mein Verhalten und unhöflich und abweisend sein wollte ich eigentlich gar nicht. Aber die Ursache, meine tiefe Überforderung, konnte ich mir selbst nicht eingestehen und anderen dadurch natürlich erst recht nicht. Wer gibt auch schon gerne zu, so vollkommen alltägliche und banale Dinge nicht hinzubekommen? Ich fühlte mich wie eine absolute Versagerin und die wollte ich nicht einmal vor mir selbst sein. Vor anderen schon mal überhaupt nicht. Da war ich lieber bockig, stur und faul.

Inzwischen ist das alles besser geworden. Die Schwierigkeiten an sich sind immer noch da, aber ich habe es geschafft, mir Verhaltensmuster für Wursttheken und grüßende Menschen auf der Straße anzueignen und kann sie anwenden, wenn es sein muss. Das war harte Arbeit und unangenehm sind diese und ähnliche Situationen immer noch für mich. Ich vermeide es tunlichst, Brötchen oder sonst irgendwas an einer Theke einzukaufen. Eine Nachbarschaft, in der man sich grüßt, habe ich schon seit Jahren nicht mehr und für mein Aufräumproblem habe ich mir, wie für so Vieles, eine kleinteilige Strategie erarbeitet. Ich bin immer noch überfordert, aber ich weiß inzwischen, wie ich damit umgehen muss.

Plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie mich Zusammenarbeit mit anderen tatsächlich kostet.

Seit drei Wochen bin ich jetzt in meiner neuen Praxisstelle und sie ist einfach toll! Kein Publikumsverkehr, ein kleines, ruhiges Büro nur zusammen mit meiner Praxisanleiterin, die still vor sich hinarbeitet, wenn sie mir nicht gerade etwas erklärt, und jede Menge Interessantes zu tun, das ich vollkommen eigenständig erledigen kann. Es ist großartig! Bei meiner ersten Praxisstelle war nur recht wenig Eigenständigkeit möglich, weil ich als Auszubildende aus rechtlichen Gründen keinen eigenen Zugriff auf die Fachsoftware bekommen konnte und deshalb bei den allermeisten Aufgaben mit meiner Praxisanleiterin zusammen am Computer saß.

Ich habe schon wieder jede Menge gelernt und auch, wenn jetzt am Anfang alles wieder ein bisschen viel ist und mir der Kopf oft schwirrt vor lauter Informationen, geht es mir richtig gut. Klar, ich muss mich neu einfinden und bin immer noch jeden Morgen auf dem Weg zum Büro ziemlich nervös, weil ich noch nicht so gut einschätzen kann, was am Tag auf mich zukommt und alles noch recht fremd ist, aber ich fahre jeden Nachmittag mit einem guten Gefühl wieder nach Hause. Ich brauche eben etwas Zeit, um mich an neue Situationen zu gewöhnen und weiß inzwischen, wie ich mit der inneren Unruhe umgehen muss, die immer mit ihnen einhergeht, und dass ich mich davon nicht aus der Bahn werfen lassen muss. Ich sage mir dann, dass mein Hirn nun mal so ist, wie es ist. Dass es erst mal verarbeiten und sich umstellen muss und dass das nun mal nicht von heute auf morgen funktioniert. Es ist nicht immer leicht, damit umzugehen, aber zu wissen, dass mit neuen Situationen jedes Mal große Unruhe, Sorgen, Ängste und Unsicherheiten kommen, aber nach einer Weile eben auch wieder verschwinden, hilft mir sehr. Jedes Mal habe ich aufs Neue das Gefühl, der Veränderung nicht gewachsen zu sein und jedes Mal würde ich am liebsten fliehen. Zu wissen, dass das bei mir dazu gehört, mein Hirn sich irgendwann wieder beruhigen wird und dann alles gut ist, lässt mich das mittlerweile aber recht gut aushalten, auch wenn es natürlich jedes Mal nicht schön ist und viel Stress bedeutet. Irgendwie habe ich es geschafft, dahingehend eine gewisse Grundgelassenheit zu entwickeln. Ohne die Autismusdiagnose und alles, was ich in dem Zusammenhang über mich gelernt habe, hätte ich das sicher nicht geschafft. Stattdessen würde ich mich weiterhin für viel zu schwach und ziemlich dumm halten, wenn ich mal wieder mit Veränderungen konfrontiert bin und erst mal nicht mit ihnen zurecht komme.

Neben allem neuen Fachlichen habe ich auch wieder eine interessante Erkenntnis über mich selbst gewonnen. Mir war zwar immer klar, dass es mich ziemlich anstrengt, mit anderen Menschen zu interagieren und zusammenzuarbeiten, aber mir war nicht klar, wie groß das Ausmaß dieser Anstrengung tatsächlich ist. Das merke ich erst jetzt, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Tätigkeit ausübe, bei der keine Zusammenarbeit und im Grunde nicht mal Interaktion mit anderen nötig ist. Klar, ich bin Auszubildende und gerade lerne ich wieder ganz viel Neues, also muss man mir alles erst mal erklären und ich habe zwischendurch selbstverständlich auch einige Fragen, aber das sind wenige, ganz kleine Häppchen über den Tag verteilt. Zusammengenommen nicht mal eine Stunde. Und plötzlich fällt mir auf, wie viel Energie die Zusammenarbeit mit anderen mich wirklich kostet. Ich bin selbst ein bisschen verblüfft, dass ich darüber überrascht bin und wie sehr ich unterschätzt habe, wie groß der Anteil an meiner Kraft ist, der für Interaktion draufgeht. Damit meine ich nicht einmal sowas wie Publikumsverkehr (denn dass der mir zu viel ist, war mir natürlich bewusst), sondern schon die ganz alltägliche Teamarbeit, die in den meisten Jobs ständig anfällt. Meine Arbeitstage sind jetzt so viel leichter und angenehmer, ich habe so viel mehr Spaß an der Arbeit und die Zeit fliegt regelrecht dahin, es ist unglaublich! Meine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist deutlich höher und nach Feierabend bin ich kein bisschen erschöpft, sondern höchstens ein bisschen müde. Ich finde das ganz und gar erstaunlich. So ging es mir bisher noch nie, mit nichts von dem, was ich gemacht habe. Ich wusste nicht, dass ich so viel und so lange arbeiten kann, ohne hinterher mindestens sehr müde zu sein und mich mehr schlecht als recht durch den restlichen Tag zu schleppen. Aber es geht! Ich brauche bloß meine Ruhe vor anderen Menschen, denn interaktiv sein zu müssen ist für mich offensichtlich mit Abstand die größte Belastung. Wenn sie wegfällt, ist alles andere ziemlich leicht. Wirklich verwunderlich, dass mir das nie in dem Maße bewusst war.

So, wie es bisher in dieser Praxisstelle läuft, kann es auf jeden Fall weitergehen. Sogar inhaltlich finde ich die Arbeit in der Straßensondernutzung sehr interessant. Ich weiß, Baustelleneinrichtungsflächen, Schuttcontainer und Aufgrabungen klingen erst mal nicht sonderlich spannend, aber ich beschäftige mich gerne mit den gesetzlichen Regelungen dazu. Da gibt es wirklich viel zu wissen und zu beachten. Mir macht es immer Spaß, mich mit sowas auseinanderzusetzen und dadurch ein kleines Stück Welt mehr zu verstehen. Von heute aus betrachtet sehen die nächsten Monate also gut aus. Ich freue mich darauf.